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Atlantis Teil 24

Ein kleiner Raum. Die notwendigsten Möbelstücke darin. Kaum erhellt von den wenigen Strahlen, die das Sonnenlicht durch das kleine Fenster warf. Kein Gitter vor den Fenstern zwar … Das Zimmer des Untersuchungsgefangenen James Smith.

Die lange, sehnige Gestalt auf dem Bett ausgestreckt, die mächtigen Schultern die Breite des Bettes bedeckend. Die Rechte schlaff zum Boden hängend. Ein Bündel Zeitungen am Boden verstreut, als wären sie eben der Hand entglitten.

Der Isthmus … Der Golfstrom … Europa … Von überall her grinsten die Aufschriften zu ihm empor.

Seine Linke presste sich auf die Augen, drückte sie fest zu, als wolle diese sie von diesen Worten, diesen folternden, marternden Worten befreien. Waren nicht allein schon die Gedanken genug? Die Gedanken, die nicht loskonnten von dem Isthmus … dem Golfstrom … dem sterbenden Europa?

Die große Gestalt bog sich, reckte sich, sprang auf. Die Füße traten und stampften auf die Schlagzeilen der Blätter.

Von einer Wand zur anderen. Fünf Schritt hin und her. Immer schneller … rasend, bis er tief atmend stehen blieb. Seine Rechte klammerte sich um den Bettpfosten.

Wo gab es einen irdischen Richter, der schwerere Strafen über ihn hätte verhängen können, Schwereres als das, was er jetzt schon litt, gelitten hatte seit jenem Tag? Er presste die freie Hand vor die Stirn.

Wie war das möglich gewesen? Er, James Smith, unterlegen dem Glanz des Goldes? Er, James Smith, dem das Gold nie mehr bedeutet hatte, als die Möglichkeit zu leben? Er, dem nur das große Ziel, nur die Arbeit Befriedigung gegeben hatte?

Seine Gedanken flogen zurück. Zu seiner Jugend, zu den Anfängen seiner Tätigkeit als Ingenieur. Gold! Nie hatte es ihn gelockt!

Etwas leisten! Etwas Großes leisten. Das war immer das Ziel gewesen. Der Panamakanal, der Isthmus! Er, der Chefingenieur! Der Gipfel all seiner Wünsche. Was gab es da noch mehr? Das schmale silberne Band von Ozean zu Ozean. Auf ihm sich kreuzend, sich überholend die Schiffe aller Nationen der Erde.

Sein Werk, ein Werk. Groß, größer als das der Pyramiden des Altertums, unvergänglich für alle Zeiten. Unvergänglich sein Name damit verknüpft.

Die Cheopspyramide! Durch vier Jahrtausende trug sie den Namen ihres Schöpfers. Smith! … ein simpler Name. Und doch! Durch Tausende von Jahren würde die Welt ihn nennen … Smithkanal … vielleicht hätten spätere Generationen das Werk so genannt.

Und jetzt?

Seine Rechte ließ den Bettpfosten los. Er sank auf das Lager zurück. Alltäglich dasselbe. Dieselben Fragen und Antworten … täglich dasselbe. Ohne Schlaf, Tag und Nacht … und jetzt?

Das Werk war getan. Und er sein Schöpfer. Schöpfer! Ein grässliches Lachen gellte durch den Raum … Nein! Er war nicht der Schöpfer! Er war es nicht! Jener war es … dieser Teufel … Rouse. Er war es, der hierher gehörte an seiner statt. Der hätte alle diese Qualen und Martern der vergangenen Tage erdulden müssen.

Er packte eines der Blätter, hob es auf. Da stand es: Mister Rouse ist aus gesundheitlichen Rücksichten nach Afrika gereist.

Seine Hände zerrissen den Bogen, warfen die Fetzen zu Boden. Er stampfte mit den Füßen darauf.

Der Teufel! Zur Hölle! Das wäre sein Weg gewesen. Seine höllischen Kräfte allein waren es, die ihn zur Tat gebracht, gezwungen hatten!

Wie stand es in der Schrift? Und der Versucher führte ihn auf einen Berg und zeigte ihm alle Schätze der Erde.

»Fünf Millionen Dollar waren es, die er mir zeigte. Und ich unterlag … Unterlag? Nein, ich unterlag nicht. Der gleißende Glanz des ungeheuren Goldbergs blendete mich einen Augenblick. Einen Augenblick … dann wäre der gleißende Glanz verglommen. Einen Augenblick … da kam sie – Juanita –, von ihm geschickt!«

Er presste die geballten Fäuste vor die Augen. Sein Atem ging keuchend. Auch das … wie war das möglich gewesen, wie kam es, dass er, dass sein kühler, klarer Verstand dem Girren dieses Weibes unterlag?

Mit einem jähen Ruck warf er sich in die Höhe. Mit einem Satz war er am Fenster, riss es auf. Seine Fäuste krampften sich um das leere Kreuz. Ein Ruck, ein Sprung, und er wäre draußen. Die Wachtposten davor … er schlüge sie nieder oder stürbe von ihren Kugeln. Seine Sehnen spannten sich zum Sprung.

Nein! Die Hände glitten nieder. Wo blieb dann seine Rache an ihm? Rache für alles, was er erduldet. Die Gerichtssitzung, er konnte sie nicht erwarten. Da würde er sprechen … in der öffentlichen Sitzung. Die volle Wahrheit. Alles so, wie es gekommen war. Rückhaltlos würde er da die Wahrheit sagen. War es auch sein Verderben … der andere musste mit.

Der Schlüsselbund des Schließers. Er kannte den rasselnden Klang. Was wollte der jetzt?

»Eine Dame, Mr. Smith, will Sie sprechen.«

Eine Dame? Sein Atem stockte … Juanita?

Was er gedacht, hatten seine Lippen geschrien.

»Juanita!«

»Ja, Mr. Smith, ich bin es. Sie erwarteten mich … wie es mich zu Ihnen trieb.«

Der Schließer war hinausgetreten. Der Schlüssel drehte sich im Schloss. Die beiden standen sich gegenüber. Sekundenlang. Dann schritt sie auf ihn zu … näher … näher, bis ihre Körper sich berührten. Ihre beiden Hände legten sich auf seine Schultern. Ihr Mund schob sich an sein Gesicht heran.

»James! Sie erwarteten mich … erwarteten mich heute … gestern … vorgestern … an all den Tagen, die man Sie hier gefangen hielt. Ich weiß es, ich wusste es … Ich wollte kommen. Täglich wollte ich kommen. Es ging nicht. Aber jetzt bin ich da. Jetzt bin ich bei Ihnen, James.«

Smith stand starr. Langsam hoben sich seine Arme zu ihrem Gesicht. Die massigen Hände umklammerten den schmalen Kopf, seine Augen bohrten sich in ihre, drohend, fragend …

»Juanita!«

Das Wort, es rang sich aus tiefster Brust herauf. Sie schloss sekundenlang die Augen. Die versteckte Drohung, die im Ton des Wortes lag, spürte sie, ihr Herz bebte … diese Hände … ein Druck, und er würde sie zerquetschen.

»James!«, flehte sie in Todesangst.

Seine Hände ließen los, glitten an ihr nieder, fassten ihre Hände.

»Juanita!« Wie ein Schrei aus tiefster Not brach es aus seiner Brust. Seine hohe Gestalt sank zusammen. Seine Hände umklammerten sie.

»Juanita! Du warst es, die mich zwang. Du zwangst mich. Jeden Tag, jede Stunde, die seitdem vergangen ist, schrie es mir zu. Deine Hand war es, die mich leitete, die meine Hand führte … Ich versinke … ich kann nicht mehr … rette mich … führe mich hinaus, wie du mich hineintriebst!«

Juanita stand da, ihre Blicke dem kleinen Fenster, dem Tageslicht zugewandt. Ihre Hände krampften sich in ihre Brust.

Da war er wieder in ihrer Gewalt! Doch kein Gefühl des Triumphes in ihr! Helfen? Sie? Dem Versinkenden? Sie, die selbst versank in Not und Qual? Nein! Ihre Hände schlug sie vors Gesicht … Ihre Aufgabe … diesen Mann stark machen! Dass er fest blieb vor dem Gerichtshof!

Ein Schrei brach aus ihrem Mund. War es Lachen … war es Weinen? Und dann kam es wieder … der Feind … der böse Husten.

Die schlanke, schmale Gestalt bebte unter seinen Erschütterungen. Bebte, dass James seine Hände sinken ließ, sich aufrichtete und sie anstarrte. Was war das? Was war mit ihr? Die zarte Gestalt zitterte und krümmte sich in schwerstem Schmerz.

Die eine Hand an das schlagende Herz gepresst, die andere vor die zuckenden Lippen … die fiebrig glänzenden Augen halb geschlossen …

Dieser Anblick war zu viel für ihn.

Vergessen war alles, was ihn die Tage und Nächte gemartert hatte. Vergessen Ruf und Ehre … Vergessen sein Feind. Juanita! Sie allein zählte.

Nichts anderes mehr!

Mit einem Sprung war er bei ihr. Er trug sie zum Lager, bettete sie, streichelte ihr Gesicht. Seine Lippen stammelten wirre Worte …

»Die Besuchsstunde ist vorüber.«

Der Schließer stand vor ihnen. Von Smiths Arm geleitet, schritt Juanita der Tür zu. Die Tür fiel ins Schloss.

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