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Gold Band 2 – Kapitel 09.3

Friedrich Gerstäcker
Gold Band 2
Ein kalifornisches Lebensbild aus dem Jahre 1849
Kapitel 9
Don Alonso
Teil 3

Wildes Gelage feierte indessen ein Teil der Amerikaner in Kentos Zelt, und Briars besonders, sein Hirn von Brandy erregt, schwor, er würde nicht zu Bett gehen, bis er nicht ein paar Mexikaner totgeschossen und geplündert hätte. Siftly dagegen, so ruhig und überlegt wie je, wusste bald ihn an seinen Tisch zu fesseln, den der junge Bursche auch nicht eher wieder verließ, bis er den letzten Dollar an den geübten Spieler verloren hatte. Dann taumelte er fluchend in die nächste Ecke, um dort seinen Rausch auf dem nackten Boden auszuschlafen.

Smith und Siftly hatten ihre Bank abwechselnd, beide aber mit gleichem Glück gehalten, und der gerade Unbeschäftigte mischte sich dann unter die Trinker, dort am leichtesten neue Kunden für ihren Tisch zu werben.

Siftly war gerade aufgestanden, ein Glas Brandy und Wasser zu trinken, obwohl er den Spirituosen nur sehr mäßig zusprach, als er an einem anderen Tisch seinen alten Bekannten Don Alonso entdeckte. Der Spanier spielte übrigens noch nicht, sondern sah nur erst dem Fall der Karten zu, aber seine Augen leuchteten schon wieder in jener unheimlichen wilden Gier. Unwillkürlich fast zuckte die Hand nach dem nur mit wenigem Gold gefüllten Beutel, den er in der Tasche trug.

Wie sauer hatte er sich das Gold verdient, wie hatte er gehackt, gegraben und gewühlt, dem harten Boden die eine Unze abzuringen, und mit wie guten Vorsätzen war das geschehen, jetzt Dollar nach Dollar zusammenzusparen, seinem armen Kind einst eine seiner würdige Existenz zu erringen. Kaum aber blitzten ihm die gelben Körner entgegen, kaum fühlte er sich wieder im Besitz der kleinen, wenn auch noch so unbedeutenden Summe, als auch jener unselige Wahn von Neuem sein Herz ergriff, mit ihr noch einmal sein Glück zu versuchen. Es sollte das letzte Mal sein, das schwor er sich selber heilig und teuer. Wie oft hatte er sich schon im Stillen den nämlichen Schwur geleistet und ihn jedes Mal wieder gebrochen. Schlug es dieses Mal fehl, dann wollte er keine Karte wieder anrühren. Aber es konnte nicht fehlschlagen. Im Traum selbst waren ihm die Karten erschienen, die er setzen musste, das Glück an seine Hand zu bannen. Schon hatten die zitternden Finger das Gold erfasst, mit dem er den Schatz zu heben gedachte.

»Hallo Compañero«, sagte da Siftly, seine Hand leicht auf die Schulter des Spaniers legend. »Wir haben einander lange nicht gesehen. Ich denke, das ist ein gutes Zeichen, dass wir uns im Paradies wiederfinden.«

Der Spanier zuckte bei der Berührung und der bekannten Stimme zusammen, als ob ihn eine Natter gestochen hätte, aber sonst rührte und regte er sich nicht. Nur ein eigenes triumphierendes Lächeln fing um seine Lippen, denn die Worte es ist ein gutes Zeichen stimmten mit seinem Traum zusammen.

Wenn Señor Ronez irgendeinen Menschen auf der Welt hasste, so war es dieser Amerikaner, der ihn wieder und wieder zum Spiel verführt und immer und immer ausgeplündert hatte. Und dennoch war er nicht imstande gewesen, ihn zu meiden, denn wie mit einer unsichtbaren Gewalt zog es ihn immer wieder gerade in dessen Nähe, an dem er ja auch Rache für die erlittenen Verluste nehmen wollte. Dass er dann stets im neuen Kampf unterlag, konnte den Hass nur steigern, aber verband ihn auch zu seinem Unglück nur fester und immer fester mit seinem Räuber. Auf den Knien hatte schon Manuela den Vater gebeten, nur diesen Menschen, diesen vor allen anderen zu meiden. Er versprach es ihr. Wie er aber sich selber betrog, betrog er auch die Tochter, und von Goldgier und Hass gleichstark gestachelt und geblendet, trieb es ihn förmlich in das Netz des Feindes.

So war es auch heute wieder gewesen. Er hatte den Amerikaner schon an seinem Tische gesehen, seines Versprechens gegen die Tochter aber eingedenk sich nicht dorthin gewendet. Jetzt aber, als der Mann an seine Seite trat, wie er von guten Zeichen sprach, da zuckte dem Spielsüchtigen die alte, wenn auch schon so oft getäuschte Hoffnung neu durchs Herz, und das Gefühl gerade, das ihn hätte warnen sollen, trieb ihn vorwärts. In diesem Augenblick, den er für den günstigen Wendepunkt seines Schicksals hielt, trat ihm jener stets lächelnde tötlich gehasste Amerikaner entgegen. Als ob die Rachegöttin selber ihm die Angriffswaffe in die Hand gedrückt hätte, drängte es ihn jetzt, den Kampf zu beginnen.

»Mag sein, Señor«, antwortete er deshalb in seinem gebrochenen Englisch, »für einen vielleicht.«

»Dann für Euch«, gab Siftly lachend zurück, »denn ich habe diese Nacht einen nichtswürdigen Traum gehabt und hatte mir eigentlich vorgenommen, heute gar nicht zu spielen. Euch, Señor, bin ich aber Revanche schuldig und jeden Augenblick dazu bereit – vorausgesetzt nämlich, dass nicht wieder vollständige Ebbe in Eurer Kasse ist.« Er sagte die letzten Worte mit einem so höhnisch lächelnden Blick, dass dem alten Spanier das Blut in Strömen zum Herzen schoss. Jetzt bedurfte es keiner weiteren Reizung, ihn dorthin zu locken, wohin ihn Siftly haben wollte.

Don Alonso legte am Anfang nur ganz kleine Sätze auf eine Karte – aber er gewann. Er verdoppelte die Summe und gewann wieder. Vorsichtig zog er das Gold ein, setzte wieder wenig und gewann aufs Neue. Dadurch aber schon angefeuert wollte er sein Glück forcieren und – verlor. Mit einem Schlag gingen die wenigen Dollar, die er sein nannte, in die Hände des Bankiers über, der erwartungsvoll zu ihm aufschaute, seinen neuen Satz zu hören.

»Nun Señor? Sie hätten die Zehn nicht verlassen sollen, die Ihnen vorhin so treu war. Seit der Zeit hat sie wieder zweimal gewonnen. Versuchen Sie es noch einmal mit ihr. Wie viel auf die Zehn?«

»Ich habe kein Gold mehr!«, murmelte der Spanier halblaut vor sich hin, »wenigstens nicht bei mir.«

»Kein Gold mehr?«, fragte Siftly und lachte dabei. »Der Himmel segne Sie, Señor, Sie können kaum eine halbe Unze verloren haben, und das war doch wohl nicht Ihr ganzes Kapital, mit dem Sie mich aus dem Sattel heben wollten? Gut, ich tue es eigentlich nie, aber bei Ihnen will ich eine Ausnahme machen und Ihnen sechs Unzen Kredit geben. Sind Sie damit zufrieden?«

»Ich spiele nicht weiter«, sagte Don Alonso finster und versuchte sich von dem Tisch zu entfernen.

»Halt!«, rief da Siftly, der einen weiteren Plan mit dem Alten hatte und ihn so leichten Kaufes nicht fortlassen wollte. »Wenn Sie von mir kein Gold geborgt nehmen wollen, Señor, setze ich ein Pfund Gold gegen ein Wertstück, das Sie besitzen.«

»Ich, ein Wertstück?«, fragte der Alte kopfschüttelnd, »ich habe keins, das solchen Gegensatz hielt – ein Pfund Gold?«

»Zweihundert spanische Dollar, wenn Sie das lieber wollen – ja dreihundert auf den einen Satz – Ihrer Tochter Violinspiel!«

Der Alte biss die Unterlippe zwischen die Zähne, aber es war nur ein Moment, in dem er zögerte, dann antwortete er finster: »Meine Tochter spielt nicht mehr.«

»Torheit, Mann«, sprach aber der Spieler, »das hieße ein Talent ersticken, das ihr der Schöpfer zu ihrem Nutzen und zu anderer Menschen Freude gegeben hat. Aber hören Sie mich an. Hier oben in den Zelten fehlt es uns an Musik. Stumm und still rollt das Gold, fallen die Karten, klirren die Gläser, und ein anderes Leben käme in dieses Nest von Zelten, wenn das Mädchen ihre Violine hier erklingen ließe. Dreihundert Dollar setze ich gegen den Kontrakt, dass sie vier Wochen lang mir nur zwei Stunden abends in dem Zelt spielt, und zahle ihr dann noch vier Dollar jeden Abend extra.«

Dreihundert Dollar – die Summe wäre genügend gewesen, ihn und die Tochter fort von Kalifornien zu nehmen. Wie lange, wie schwer hätte er arbeiten müssen, ehe er so viel Gold mit Spitzhacke und Schaufel oder Brechstange zusammenbrachte.

»Zwei Stunden abends?, wiederholte der Spanier, unschlüssig zögernd.

»Zwei Stunden nur, und selbst die nicht unausgesetzt. Sie mag sie sich nach ihrer eigenen Bequemlichkeit wählen – und das Ganze auf eine Karte, Señor. Im Umschlag könnt Ihr die dreihundert Dollar in der Tasche haben, und ich muss eine zweite gleichhohe Summe gegen die nämliche Bedingung setzen.«

Ronez stand still und bleich, die Arme fest und fast wie krampfhaft auf der Brust gefaltet, während die Umstehenden neugierig hinzudrängten, den wunderlichen Handel anzuhören.

»Es sei«, flüsterte da endlich der Spanier, »ich halte Euer Gebot. Dreihundert Dollar gegen die bestimmte Zeit.«

»Vortrefflich … welche Karte … da liegt die Zehn … ein ganz ausgezeichnetes Blatt.«

»Ich halte sie …«

Die Blätter fielen. Niemand weiter setzte in diesem Augenblick, und alles blickte nur gespannt auf die umgeworfenen Karten.

»Die Zehn!«, rief es von sechs, acht Stimmen zugleich.

»Für mich«, sagte mit einem leisen Bedauern im Ton der Spieler.

Der Spanier antwortete nicht. Er hatte die Hand unter seiner Jacke krampfhaft auf dem Herzen geballt und griff das Fleisch sich blutig, das er dort gefasst hielt. Da fühlte er eine leichte Hand auf seiner Schulter, und als er langsam den Kopf dorthin wandte, schaute er in das bleiche ruhige Antlitz Hetsons.

»Don Alonso«, flüsterte dieser in spanischer Sprache, »Eure Tochter erwartet Euch. Sie hat sich Eurethalben schon geängstigt.«

Der Spanier zögerte, aber fast unwillkürlich drehte er sich dabei von dem Tisch ab, dem Ruf Folge zu leisten.

»Hallo Hetson«, rief in diesem Augenblick Siftly, der ihn bemerkte. »Du bist ein seltener Gast … komm her … versuch einmal dein Glück!«

Hetson warf ihm einen ernsten Blick zu, antwortete aber keine Silbe auf die Aufforderung und winkte nur Don Alonso leise mit der Hand, ihm zu folgen.

»Heda, der Alkalde«, tönte es aber jetzt auch von anderer Seite, als ihn hier und da Einzelne der Männer erkannten. »Einen Schluck Brandy, old fello? Kommt her, wir müssen einmal zusammen trinken.

Hol’s der Teufel, Mann, Ihr macht Euch ja so rar wie eine Schwalbe im Winter. He, Wirt, eine Flasche von Euren Bleihälsen.«

»Ich danke Euch, Ihr Leute«, sagte da Hetson ruhig, »ich trinke nie Spirituosen.«

»Temperance-Mann – he?«, spotteten lachend fünf, sechs Stimmen um ihn her. »Den Teufel auch, das passt nicht nach Kalifornien!«

»Kommt, Señor, es wird Zeit, dass wir gehen.«

»Si, si, Señor.«

»Aber das ist nicht recht, Hetson«, rief ihm Siftly noch einmal zu. »Du darfst mir meinen besten Kunden nicht entführen. Señor, nicht noch ein einziges Blatt? Acht Wochen oder nichts. Nun gut, beim Teufel, wenn Ihr denn nicht wollt, mir auch recht. Ich hätte Euch die Gelegenheit noch geboten. Also morgen Abend, vergesst mir’s nicht, oder ich muss Euch mahnen.«

Hetson hatte des Spaniers Arm ergriffen und zog ihn mehr, als er freiwillig ging, aus dem Gedränge.

»Was wollte der Mann mit den acht Wochen sagen?«, fragte er ihn, als sie zusammen die freie dunkle Straße betraten.

»Er hat falsch gespielt«, flüsterte der Spanier statt anderer Antwort halblaut. Und wie mit sich selber redend, vor sich hin, »ich sah es, wie er die Karte unterschlug.«

»Und habe ich Euch nicht vor diesen Spielern gewarnt? Habt Ihr mir, habt Ihr Eurer Tochter nicht fest versprochen, sie zu meiden?«, sagte der Amerikaner mit leisem, aber nicht unfreundlichen Vorwurf im Ton.

»Ich weiß es … ich weiß es«, stöhnte der alte Mann, »aber ich konnte nicht anders. Es musste sein – das Schicksal wollte es.«

»Und um was habt Ihr gespielt?«

»Um meine Seele«, hauchte der Spanier, schlug die Serape um sich, dass sie sein Gesicht bis zu den Augen verdeckte, und schritt still und düster neben seinem Führer hin, die Straße nieder.

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