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Sören Prescher – Die Verschwörung der Schatten

Sören Prescher
Die Verschwörung der Schatten

Mystery, Thriller, Taschenbuch, Luzifer Verlag, Drensteinfurt, Dezember 2017, ca. 256 Seiten, 12,99 Euro, ISBN: 9783958352889
Kurzinhalt:
Rechtsmediziner Nathaniel Jackson ist ein vom Leben gezeichneter Mann, der einfach nur seine Ruhe haben will. Das ändert sich, als ihm ein offensichtlich verwirrter Mann vors Auto läuft und von dunklen Männern faselt, die ihn angeblich verfolgen. Nathaniel hält alles für ausgemachten Blödsinn, bis die beiden von eben diesen Wesen verfolgt werden. Plötzlich tauchen überall in der Stadt merkwürdige Graffiti auf, Bomben detonieren und generell scheint alles immer mehr zum Teufel zu gehen. Zudem erhält Nathaniel geheimnisvolle Botschaften, die nur er hören kann. Wird er langsam ebenfalls verrückt? Oder steckt eine andere, sehr viel schlimmere Wahrheit dahinter?

Der Roman ist als Taschenbuch und E-Book in jedem gut sortierten Buchladen erhältlich.

Über den Autor:

Nach dem Psycho-Drama Superior (Brendle-Verlag) und dem Militärthriller Der Fall Nemesis (Voodoo Press Verlag) folgte die erste gemeinsame Zusammenarbeit mit Tobias Bachmann, der phantastische Kriminalroman Sherlock Holmes taucht ab, im Fabylon Verlag. Danach erschienen das Steampunkabenteuer Der Flug der Archimedes (Fabylon Verlag), der zweiteilige Mystery-Thriller Marty (Rouven Finn Verlag), der in Nürnberg spielende E-Book-Krimi Verhängnisvolle Freundschaft (Gmeiner Verlag), der Thriller Raststopp (Bookshouse Verlag), sowie zusammen mit Silke Porath die drei Kurzkrimisammlungen Wer mordet schon zwischen Alb und Donau?, Wer mordet schon in der Oberlausitz?, Mörderische Sächsische Schweiz und der Roman Klosterkeller (alle vier im Gmeiner Verlag). Im Herbst 2017 sowie im Januar 2018 erschienen seine neuen Mystery-Thriller Die Verschwörung der Schatten im Luzifer Verlag und Marty Beckett: Die Enthüllung im Fabylon Verlag.

Weitere Infos zu Autor gibt es unter seiner Homepage www.soeren-prescher.de.

Leseprobe

1

JOES BAR

Laut meiner Definition bedeutete Leben den Übergang von einer Katastrophe zur nächsten. Ganz egal, ob Job oder Privatleben, du hast den einen Schlagabtausch noch nicht richtig überwunden, schon ertönt der Gong zur nächsten Runde. Mittlerweile gab es jedoch nicht mehr viel, was mir noch zusetzen konnte.

Dachte ich zumindest. Ich wohnte allein und von Frauengeschichten hielt ich mich fern. Mein Job als Gerichtsmediziner war übel, aber ich machte ihn lang genug, um zu wissen, wie ich damit umgehen musste. Ich lebte meinen üblichen Trott und hätte nie gedacht, dass sich innerhalb einer Woche schlichtweg alles für mich verändern könnte. Doch war genau das der Fall.

Alles begann in der Kneipe meines Freundes Joe, als ich über ein weiteres Bier nachdachte. Joe war in den Fünfzigern und einer meiner treuesten Freunde. Ich kannte ihn seit Ewigkeiten.

Sein faltiges Gesicht mit den grauen Haaren und dem dicken Schnauzer erinnerte mich immer an ein Walross. Außerdem schien er über übersinnliche Fähigkeiten zu verfügen, denn er schob mir das volle Glas zu, bevor ich auch nur den Mund aufgemacht hatte.

»Danke. Hast du eine Ahnung, wo Lennie heute Abend steckt?«

Joe zuckte mit den Schultern. »Der war länger nicht mehr hier. Irgendwie lässt das alles nach. Schau dich doch um. Früher war die Kneipe so voll, dass man kaum treten konnte. Jetzt wagt sich gerade mal eine Handvoll Stammgäste hierher.«

Ich ließ meinen Blick durchs Lokal schweifen und nickte. In den Achtzigern war Joes Kneipe einer der angesagtesten Schuppen überhaupt gewesen. Guns n’ Roses waren hier aufgetreten, bevor sie berühmt wurden und Stadien füllten. Einmal spielte Bob Dylan ein Geheimkonzert. An den alten Glanz erinnerten nur noch blasse Fotos an der Wand rechts neben dem Eingang. Der Großteil der hier anwesenden Gäste waren arme Schlucker, die sich freuten, wenn es zum Monatsersten Geld gab. Früher war es ein Tummelplatz für Rockfans und Groupies gewesen, heute lag der Altersdurchschnitt weit jenseits der vierzig und die meisten Gäste schimpften über unfähige Politiker, gierige Banker und nervige Exfrauen. Stimmung kam – wenn überhaupt – nur an den zwei Billardtischen im hinteren Teil der Kneipe auf.

»Vielleicht stellst du ein paar junge Bedienungen ein und legst aktuelle Musik auf.« Im Moment dudelte Eric Clapton aus den Boxen, was jedoch außer Joe und mir niemand zu bemerken schien.

»Na toll, und dann mach ich auf Studentenkneipe oder was? Nee, lass mal gut sein. Ich hab ehrlich gesagt darüber nachgedacht, hier mehr auf Blues und Jazz zu setzen. Wieder mehr Livebands einzuladen.«

»Und wo sollen die spielen?«

»Da hinten, wo die Billardtische stehen.«

Ich versuchte mir auszumalen, wie die Kneipe dann aussehen würde. Einfach war es nicht, da sich in Sachen Inventar und Anordnung in den letzten zehn Jahren kaum etwas verändert hätte. Die Kneipe war definitiv nicht der schönste Ort der Welt, aber es war mein Ort und ich wusste keinen anderen, an dem ich mich lieber aufhielt.

»Wie läuft’s mit deinem Job?«, fragte Joe nach einer Weile. »Immer noch so öde?«

Ich winkte ab. »Heute Morgen untersuchten wir einen Typen, der drei Monate lang tot in seiner Wohnung lag, ohne dass ihn jemand vermisst hat. Sein Körper war mumifiziert und die

Organe verfault.«

»Igitt. Erspar mir bitte weitere Details.«

»Im Grunde genommen war es nicht mal so spektakulär. Er war bloß einer, um den sich niemand gekümmert hat. Da gibt es andere Sachen, die dich viel mehr den Kopf schütteln lassen. Doch glaub mir, so lang du über den ganzen Scheiß nicht groß nachdenkst und die Arbeit dort lässt, wo sie hingehört, ist alles im grünen Bereich. Trotzdem wünsche ich mir an manchen Tagen, ich hätte meinen Facharzt lieber in einer anderen Studienrichtung gemacht. Plastische Chirurgie zum Beispiel. Dann könnte ich jetzt einen fetten BMW fahren und nach Feierabend Golf spielen. Aber nein, damals war ich hoch motiviert und wollte dazu beitragen, dass die Welt besser wird.«

»Wir waren alle mal ziemlich naiv«, sagte Joe augenzwinkernd. »Ich dachte auch mal, dass ich mit dreißig meine eigene Klubkette besäße und längst ausgesorgt hätte. Und heute …«

»… machen wir einfach unsere Arbeit, weil wir nichts Anderes können«, beendete ich den Satz. Der Vorteil an meinem Job war, dass es nicht so tragisch war, wenn mal ein Schnitt zu weit oder zu tief ging. Sofern meine Kollegen und ich keine wichtige Persönlichkeit auf dem Obduktionstisch liegen hatten, kümmerte es ohnehin keinen.

Nach der Arbeit machte ich meist ein, zwei Solitär-Spiele am Computer oder hörte ein bisschen Radio. Eine solche Ablenkung war hilfreich, dennoch verfolgten mich die Gesichter der Toten manchmal auf dem Heimweg. Ein paar Mal war ich davon überzeugt, dass mir in der Stadt jemand entgegenkam, den ich erst kurz vorher obduziert hatte. Wirklich lustig waren solche Erfahrungen nicht. Aber meist genügte eine ausgiebige Dusche, um die Gedanken wegzuspülen.

Mittlerweile hatte Mister Slowhand dem guten alten Chuck Berry die Gitarre in die Hand gedrückt. Sein Lied war nicht so schnulzig und traf meinen Musikgeschmack eher. Ich schaute mich um, in der Hoffnung, dass neue Gäste in die Bar gekommen waren. Im Idealfall wäre es mein Kumpel Lennie gewesen, der mir noch einen Batzen Geld schuldete. Aber niemand Neues war erschienen und von den acht bis zehn Biertrinkern kann ich nicht mal die Hälfte.

»Nat«, rief plötzlich jemand. Ich fuhr herum. Erst eine Sekunde später dämmerte mir, dass ich eine Frauenstimme gehört hatte. Das Problem war nur, dass es hier niemand Weibliches gab. Nicht einmal ansatzweise.

»Nathaniel …«, ertönte es wieder. Dieselbe Stimme, nur etwas leiser. Und die Dame rief mich auch nicht mehr, sie hauchte meinen Namen, als wäre dies keine Bar, sondern eines der Etablissements drei Straßen weiter. Mir jagte es eine Scheißangst ein.

Neu angebrachte Lautsprecher gab es keine. Die Versteckte Kamera schloss ich ebenfalls aus. Für so einen Mist hätte sich Joe nie hergegeben. Als die Frau ein drittes Mal meinen Namen säuselte, verkrampften sich meine Muskeln. Die Stimme klang nah, als säße sie auf dem Barhocker neben mir. Für alle Fälle beugte ich mich sogar über den Tresen. Trotzdem sah ich niemanden.

»Was zum Teufel geht hier vor?« War ich wirklich dermaßen überarbeitet, dass ich Stimmen hörte, wo gar keine waren? Vielleicht wurde ich langsam schizophren. Mein Magen zog sich zusammen und ich schnappte nach Luft. Noch etwas fiel mir auf: Die Frau rief meinen Namen bloß, wenn sie sicher sein konnte, dass Chuck Berry sie nicht übertönte. Dies brachte mich auf eine verrückte Idee: Was, wenn

die Stimme aus dem Radio kam? Einerseits wäre dies eine logische Erklärung, anderseits wiederum nicht. Wenn die Frauenstimme tatsächlich von da stammte, weshalb hörte nur ich sie? Ich kannte zwar nicht alle Gäste, aber zumindest Joe hätte mich sofort darauf hingewiesen.

Nach Chuck Berry versuchte sich Neil Young an seiner Stelle. Normalerweise hätte mir dies ein breites Lächeln ins Gesicht gezaubert, aber die Stimmensache ging mir unverändert an die Nieren. Ich atmete auf, als ich zwei Minuten lang nichts außer der Musik hörte. Zwar wusste ich noch immer nicht, was gerade vorgefallen war, aber es war beruhigend, dass es nicht wieder passierte. Ich klammerte mich an mein Bierglas und starrte vor mich hin. Was tat ich jetzt am besten? Die Sache einfach auf sich beruhen lassen? Einen Moment später rief mich die Frauenstimme erneut und machte jegliche Freude zunichte.

»Joe, hast du das eben gehört?«

Mein alter Kumpel schaute mich irritiert an. »Was soll ich gehört haben?«

»Na, das Radio!«

»Ja, ich weiß. Is’ Neil Young, der alte Haudegen. In den Achtzigern ist er mehrfach hier aufgetreten und wir haben nach den Auftritten das eine oder andere Bier gezischt. Aber das war vor seinem Swing-Album und allem, was danach kam.«

»Nein, das meine ich nicht.«

»Was dann?«

In dem Moment wusste ich definitiv, dass Joe nichts gehört hatte. Ebenso die anderen Gäste.

»Ach, nichts«, wehrte ich ab und nahm einen großen Schluck aus meinem Glas. Als die Frau ein fünftes Mal nach mir rief, wollte ich sie bloß noch ignorieren. Trotzdem entging mir ihr gequälter Tonfall nicht. Vielleicht brauchte sie Hilfe.

Was nun?

Wenn ich ihr antwortete, würden mich alle anderen in der Bar zweifelnd ansehen und Joe würde seinen Standardspruch vom Stapel lassen: »Ich glaube, du hattest genug Bier für heute.«

Aber verdammt, ich war nicht betrunken. Nicht nach anderthalb Bier! Vielleicht tat mir ja etwas Luftveränderung gut.

Durch die Toilettentür hindurch war die Musik nicht mehr als ein leises Hintergrunddudeln. Ich hoffte, dass auf die Frauenstimme dasselbe zutraf. War sie tatsächlich bloß Einbildung? Oder doch ein erstes Anzeichen von Schizophrenie? Von meiner Arbeit her wusste ich, dass weitere Krankheitssymptome unter anderem soziale Isolation, Beeinträchtigung der persönlichen Hygiene und Depressionen waren. Zwar war ich nicht unbedingt als Spaßkanone bekannt, als isoliert oder depressiv bezeichnete ich mich

dennoch nicht. Zudem waren nicht vorhandene Hygiene und Gerichtsmedizin zwei Dinge, die sich gegenseitig ausschlossen.

Während ich mein Geschäft verrichtete, machte ich mir einen Spaß daraus, die an die Wände gekritzelten Toilettenweisheiten zu überfliegen. Die Frau regiert die Fotze und du bist bloß ihr Untertan und A blowjob is better than no job waren noch die harmlosesten Sprüche. Dann fiel mein Blick auf eine Zeile, die sich so grundlegend von allen anderen Weisheiten unterschied: Der König ist tot.

Die Nachricht enthielt keine sexuelle Anspielung und passte überhaupt nicht an diese Wand. Gestern Abend war sie noch nicht hier gewesen. Da war ich sicher. Kopfschüttelnd betätigte ich die Spülung.

Beim Händewaschen betrachtete ich die bedauernswerte Gestalt im Spiegel. Die dunklen Augenringe und das blasse, eingefallene Gesicht des verwitweten Mittvierzigers waren mir zwar vertraut, dennoch deprimierte sie mich jedes Mal.

Auf halbem Wege zum Barhocker merkte ich, dass ich keine Lust auf ein weiteres Bier verspürte. Es war bereits nach halb zehn und wenn Lennie nicht zu mir kam, konnte ich genauso gut zu ihm fahren. Ich bezahlte und verließ die Kneipe.

 

Es war Mitte November und das Wetter bestand aus eisigem Wind und feinem Nieselregen. Also ideale Voraussetzungen für einen Spaziergang. Zum Glück hatte es aufgehört, in Sturzbächen zu regnen. Vor nicht mal zwei Stunden hatte ich mich davor noch in Joes Bar gerettet.

Ich machte mich auf dem Weg zu meinem Auto. Einem in die Jahre gekommenen Buick mit Dreigangautomatik, der abgesehen vom CD-Radio keinen einzigen Komfort aufwies. Auf einmal beschlich mich das Gefühl, beobachtet zu werden. War es vielleicht die ominöse Frau, die in der Bar zu mir gesprochen hatte? Dann könnte sie mir bei der Gelegenheit verraten, was für einen Trick sie vorhin angewendet hatte. Doch so gründlich ich mich auch umschaute, außer Finsternis und dem bläulichen Schimmern von Joes Reklametafel sah ich nicht viel. Der Großteil der heruntergekommenen Bauten und der graffitibeschmierten Wände lag im Dunkeln. Eine Pfütze schimmerte im trüben Reklameblau. Normalerweise brannten hier Straßenlaternen, doch entweder streikten die Stadtwerke oder ein paar Halbstarke hatten sie für Zielübungen verwendet. Wahrscheinlicher für diese Gegend war Letzteres. Entsprechend vorsichtig lief ich die Straße entlang. Auf keinen Fall wollte ich pickligen Schmalspurgangstern mit entsicherten Knarren und nervösen Zeigefingern in die Arme laufen. In diesem Teil der Stadt war alles möglich.

Links und rechts parkten Autos, die ein ideales Versteck boten. Nicht weit von hier befand sich zudem die Howard Street, in der vor einiger Zeit ein tollwütiger Hund sein Unwesen getrieben hatte. Mehr als ein halbes Dutzend Menschen hatte das Mistvieh angefallen, bevor es auf Nimmerwiedersehen verschwunden war.

Das Gefühl, beobachtet zu werden, verstärkte sich. Mein Magen zog sich unangenehm zusammen und ich riskierte abermals einen Schulterblick. Noch immer war niemand zu sehen und vielleicht war auch dieser Vorfall meinen überreizten Nerven zuzuschreiben. Heute war einfach nicht mein Tag.

Zehn Meter weiter vernahm ich ein Tapsen hinter mir. Ich fuhr herum und sah eine Gestalt mit Skimütze. Sie war einen halben Kopf kleiner als ich und komplett in schwarz gekleidet. Fast im selben Moment schnellte eine Faust nach vorn. Instinktiv riss ich den Kopf zur Seite. Der Angreifer verfehlte mich. »Scheiße«, fluchte ich. In der rechten Hand hielt der Mistkerl ein Butterflymesser. Die Haare auf meinen Unterarmen stellten sich auf. Panik schnellte hoch. Keuchend wich ich weiter zurück. Die nächste Attacke folgte. Ich spürte, wie die Klinge wenige Zentimeter vor mir die Luft zerschnitt.

»Gib mir deine Kohle und du siehst mich nie wieder«, schlug er vor und winkte mit dem Messer in meine Richtung. Der Stimme nach zu urteilen war es ein Jugendlicher, vermutlich gerade alt genug zum Autofahren.

»Ich hab doch nichts«, erwiderte ich wahrheitsgemäß.

»Du lügst, du elender Hurensohn!«

Er sprang nach vorn und zielte mit der Klinge auf meinen Oberkörper. Ich sprang beiseite und bekam sein Handgelenk zu fassen. Das war meine Chance. Trotz immenser Angst versuchte ich, Skimasken-Johnny mit dem linken Arm in den Schwitzkasten zu nehmen. Mit der anderen Hand wollte ich ihm das Messer wegschlagen. Leider war der Typ stärker als angenommen. Weder konnte ich ihn in die Mangel nehmen, noch die Waffe loswerden. Nur eines gelang mir: ihm das Gleichgewicht zu rauben.

Mir allerdings ebenso.

Der Aufprall war hart und mein rechtes Knie tanzte vor Freude La Paloma. Bevor der Angreifer wusste, wie ihm geschah, umfasste ich sein rechtes Handgelenk und schlug damit so lang auf den Asphalt, bis er das Messer losließ. Seine Knöchel knackten. Er heulte vor Schmerz.

Gleichzeitig machte ihn die verletzte Hand erst richtig wütend. Wie eine Furie schlug er um sich und wir wälzten uns auf dem nassen Asphalt. Die ganze Situation geriet immer weiter außer Kontrolle. Nässe drang durch meine Hose und Jacke. Ebenso die Faust des Angreifers, die zielsicher meine Niere traf. Sofort wiederholte er die Attacke zwei weitere Male. Mir ging endgültig die Luft aus. Die Schmerzen in meiner Seite waren höllisch.

Irgendwie bekam ich seine Finger zu fassen und riss sie nach hinten. Scheinbar gleichzeitig hörte ich seinen Aufschrei und wie seine Fingerknochen brachen. Es hörte sich an, als wäre ich auf ein Stück uraltes Holz getreten. Das genügte, damit ich wieder auf die Beine kam.

»Ich hoffe, du hast endlich genug«, keuchte ich. Jeder einzelne Muskel wummerte und ich spürte eine Scheißangst. Bisher hatte ich Glück gehabt. So was hielt erfahrungsgemäß nicht ewig.

»Noch lange nicht!«

In der Dunkelheit bewegte sich etwas. Dies warf mich vollends aus der Bahn. Die Butterflyklinge schoss auf mich zu. Ich hielt vor Schrecken die Luft an und überzeugt davon, gleich sterben zu müssen.

Nichts dergleichen geschah.

Aus der Finsternis traten vier Gestalten, allesamt in schwarze Mäntel oder dunkle Kapuzenkutten gehüllt. Sie sahen aus wie das Klischee eines Satanisten. Wie zur Hölle passte das hierher? Wurde ein Film gedreht oder setzte mein Verstand nun vollends aus? Doch es wurde noch verrückter: Ganz gleich,

wie nah die Gestalten Joes Reklametafel kamen, ihre Gesichter blieben in der Dunkelheit verborgen. Ein eisiger Schauer kroch meinen Rücken hinauf.

Mir blieb nicht die Zeit, darüber nachzudenken. Eine der Gestalten sprang vor. Mein Herz setzte einen Schlag aus. Nun war es endgültig vorbei.

Dachte ich.

Für mich interessierte er sich seltsamerweise überhaupt nicht. Sein Ziel war der Angreifer. Die anderen drei folgten. Gemeinsam rissen sie den Jungen zu Boden und entwendeten ihm das Messer, bevor er überhaupt registriert hatte, dass er nicht mehr auf den Beinen stand. Erst als das Butterfly über

den Asphalt schlitterte, fiel mir auf, dass bei der ganzen Aktion kein einziger Laut zu hören gewesen war. Der Skimaskentyp blieb bewusstlos liegen, meine Retter standen wieder. Ich hatte den Eindruck, dass sie mich anschauten, doch ihre Gesichter waren nicht bloß von Dunkelheit umgeben, sondern

schienen regelrecht damit verschmolzen zu sein. Ich sah nicht mal genau, wo ihre Körper aufhörten und die nächtliche Schwärze begann. Dies verstärkte meine Angst und mein Puls hämmerte schier wahnsinnig.

Nach zwei Sekunden wichen die Männer einer nach dem anderen in die Dunkelheit zurück. Auch diesmal ohne jedwede Laute. Die ganze Aktion hatte nicht mal eine Minute gedauert. Mein Angreifer lag nach wie vor regungslos auf dem nassen Asphalt. Sollte ich schauen, wie es um ihn stand? Als Mediziner wäre es meine Pflicht. Aber Teufel noch eins, der Schweinehund hatte mich angegriffen und hätte keine Sekunde gezögert, mich abzustechen. Die ganze Situation verwirrte und überforderte mich. Also sah ich zu, dass ich Land gewann. Diesmal hielt mich nichts und niemand davon ab.

Veröffentlichung der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Ein Kommentar zu Sören Prescher – Die Verschwörung der Schatten

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