Story-Tipps

Die Aufgabe

Archive
Folgt uns auch auf

Atlantis Teil 23

Der Stettiner Hafen zeigte ein ungewohntes Bild. Seit Tagen schon. Schiffe aller Größen, von Norden kommend, legten an den Kais an, Menschenmassen an Land speiend. Grubenarbeiter aus Spitzbergen, die zu den russischen Kohlenzechen im Donezbecken und im Uralgebirge dirigiert wurden.

In der Mehrzahl verheiratete Leute, die mit Weib und Kind neue Heimat und neue Arbeitsstätten zu suchen gezwungen waren. Die Unterkunftsmöglichkeiten, für einen solchen Andrang nicht eingerichtet, waren überfüllt. Viele lebten in Schuppen, viele im Freien. Auf den Sachen sitzend, die ihre geringen Habseligkeiten bargen.

Eine neue Völkerwanderung! Doch die Gesichter der Auswanderer so ganz anders! Kein Zeichen froher Hoffnung. Missmutig, düster standen sie in dem nässenden Nebel, der bleigrau Hafen und Stadt deckte. Selbst die Kinder waren gedrückt, unbewusst fühlten sie den Druck des Unheils, das alles vor sich hertrieb.

Bei einer Gruppe, die fester als andere zusammenhielt, saß Klaus Tredrup. Es waren die Leute seiner Belegschaft. In den wenigen Wochen, die er mit ihnen zusammengearbeitet hatte, hatte sein offenes, freies Wesen sie eng an sich zu fesseln gewusst. Als die Minen stillgelegt wurden, der Abtransport feststand, hatte er sich eines befreundeten russischen Ingenieurs im Ural erinnert, hatte sich telegrafisch an ihn gewandt, die Zukunft seiner Leute so gut wie möglich zu sichern. Der war gern bereit gewesen, und so fuhren sie jetzt zum Ural. Plaudernd, scherzend mit den Leuten, hatte er es verstanden, ihnen Furcht und Bedenken vor der weiten Reise nach einem unbekannten Land zu zerstreuen. Er selbst hatte zunächst die ganze Fahrt mitmachen wollen, erwogen, eventuell dort zu bleiben. Da, im letzten Augenblick, war Walter Uhlenkort nach Spitzbergen gekommen, hätte ihn zu einer Unterredung im alten Leuchtturm zu sich gebeten.

Tredrup war gegangen. Gegangen … nicht mit dem gewohnten freien Schritt. Einmal nur war er da gewesen. Einmal hatte er seinen Bewohner gesehen.

Die nächtliche Fahrt!

Tagelang … nächtelang … unaufhörlich tobten die Erinnerungen daran in seinem Hirn. Immer wieder hatte er versucht, all das Mystische, Geheimnisvolle auszuschalten. Streng logisch, mit kühlem, klarem Kopf alles zu rekonstruieren, was da geschehen war.

Da war er bei dem Schiffer, dessen Weib krank lag. Bewog den, ihn als Stellvertreter zu melden. Da stieg er in das Motorboot. Da fuhren sie im Schein der Mitternachtssonne nach Süden.

Fuhren sie? Flogen sie?

Da begann schon das Rätsel. Was war das für eine Schnelligkeit, die das Boot – es war ein Boot wie tausend andere – durch die See trieb? Er hatte keine Karten, keine Instrumente, gehorchte nur den Weisungen des Steuermanns. Doch sein Gefühl sagte ihm … lange genug war er in seiner Jugend auf See gefahren … diese Schnelligkeit überstieg alles, was die kühnste Fantasie sich vorstellen konnte.

Die skandinavische Küste – im Flug war sie erreicht. Weiter, weiter nach Süden. Fjord an Fjord, Fjord nach Fjord. Wie im Fluge schossen sie daran vorbei. Bis die mitternächtliche Stunde schlug, bis der vom Leuchtturm …

Dann brach es ab … brach ab … ein paar Bruchstücke.

Was hatte er getan, der Geheimnisvolle? Immer wieder die Frage. Was hatte er getan?

In stundenlangem Brüten hatte er sein Gehirn zermartert, das zu ergründen. Es gelang nicht, gelang auch nicht, den Weg zu finden, zu dem Traum … Traum.

War das ein Traum? Vineta? Die versunkene Stadt im Ostmoor. Die Sage, die sich daran knüpfte … gewiss! Er kannte sie von Jugend auf.

Aber das andere, was er wie im Traum weiter gesehen hatte? Das Bild, wie sie dalag an der Nordspitze der Insel. Oben die Burg, zu ihren Füßen die Stadt.

Er war darin gewesen, war über Straßen und Plätze gegangen. Hatte das reiche Leben gesehen, das sich dort abspielte.

Ein Traum? Wie konnte er träumen, was er nie gewusst, was er nie gelesen, was seine Sinne nie aufgenommen hatten? Er hatte sich nach Hamburg gewandt, hatte sich verschafft, was die Forschungen über Vineta ergeben haben. Da stand es schwarz auf weiß … was er geträumt hatte. Die Bilder, die er gesehen, da waren sie.

Er hatte gegrübelt, ob ihm nicht doch jemals das schon vorher zu Gesicht gekommen, ob es nicht doch nur ein Widerspiel im Schlaf gewesen war. Nein! Sein Seelenheil hätte er verwetten mögen, dass er nie gelesen hatte, was ihm der Traum zeigte.

Und nun das, was hinausging über die Grenzen … über die Grenzen des klaren Verstandes. Nach langem Schlaf war er in seinem Zimmer erwacht … kämpfend mit den Eindrücken des Erlebten.

Die Zeitung hatte er ergriffen. Das armselige Blatt, wo es stand: Die Stätte, wo einst Vineta lag, ist wieder erstanden.

Seine Augen hatten an der kleinen Notiz gehangen, als gelte es Leben und Sterben für ihn. Immer wieder hatten seine Lippen die Worte wiederholt: Die Stätte, wo einst Vineta lag, ist wieder erstanden.

Zuviel. Das war zuviel! Mechanisch hatte er das Blatt in die Tasche gesteckt, war zur Grube gegangen, war eingefahren. Wie Feuer hatte ihm das in der Tasche gebrannt. Immer wieder beim trüben Schein der Grubenlampen hatte er es herausgezogen, gelesen: Die Stätte, wo einst Vineta stand, ist wieder erstanden.

Der Morgen … unvergesslich war die Erinnerung daran … die Erinnerung an jene Fahrt und alles, was dann folgte.

Nur mit größter Willensanstrengung hatte er sich vom Alpdruck der Erinnerung an diese Fahrt befreit. Den alten Leuchtturm hatte er seitdem gemieden. Dessen Anblick allein schon hätte genügt, heraufzubeschwören, was er mit aller Kraft zu vergessen suchte.

Jetzt stand er am Fuße des Turmes. Vor ihm die Stufen, die zu der Pforte führten. Er strich sich mit der Hand über die Stirn, als wolle er alle die Bilder … Erinnerungen, die der Weg hierher in ihm wachgerufen, verscheuchen.

In dem Wohnraum hatte ihn Uhlenkort empfangen. Allein … der andere war nicht da … war oben im Laboratorium in der Laterne. Uhlenkort hatte zunächst ein paar gleichgültige Worte über den Abbau des Minenbetriebes, den Abtransport der Belegschaft gesprochen. War dann auf die Frage übergegangen: Wohin? Die Frage, die einzige Frage! Was gab es noch für andere?

Er, Tredrup, hatte ihm von seinem Plan gesprochen, eventuell in den Uralgruben Beschäftigung zu suchen. Uhlenkort hatte genickt, war dann auf andere Ziele übergegangen, auf Südafrika.

Da hatte er verweilt. Hatte gesprochen. Wie dies Land, in erster Linie bestimmt, Massen der Auswanderer aufzunehmen, am Vorabend eines Krieges stände.

Wer würde eine neue Heimat suchen in einem Land, das von einem schweren Krieg bedroht sei? … Der Kaiser Augustus Salvator … Timbuktu … der Obermoser … das …

Die paar Worte, die Tredrup damals achtlos gesprochen … Uhlenkort hatte sie ihm jetzt wiederholt. Ihn wie beiläufig gefragt, wie er das gemeint, wie er sich das gedacht hatte. Tredrup hatte ihm die Erklärung gegeben, noch immer ohne Ahnung ihrer vollen Bedeutung. Uhlenkort hatte lange Zeit in tiefem Nachdenken gesessen, hatte ihn angeblickt, als wolle er in seinem Innersten lesen. Hatte dann gesagt: »Sind Sie orientiert über die Schwierigkeiten, die gegenwärtig zwischen der Regierung der Südafrikanischen Union und der des Kaisers Augustus bestehen?«

»Gleichberechtigung der Rassen!« Achselzuckend hatte es Tredrup erwidert. »Der eine will es, der andere will es nicht. Doktorfrage! Was weiß ich? Ich kenne sie alle, die Rassen auf der Welt. Gleichberechtigung? Die Frage hat mir nie Anlass zum Nachdenken gegeben.«

Und dann hatte Uhlenkort zu ihm gesprochen. Lange, eindringlich, bis es auch ihm klargeworden war. Die Bedeutung der Frage: Gleichberechtigung der Rassen … Gleichbedeutend mit dem Abstieg der weißen Rasse. Erste Stufe eines Abstiegs, der weiter und weiter zum Unterliegen führen musste.

Tredrup hatte gesessen, alles um sich vergessend. Bis das Wort Tschadseeschlacht ihn weckte. Noch einmal hatte Uhlenkort die Worte wiederholt, die Tredrup beim Obermoser gesprochen. Dann hatte er gewusst, um was es ging.

Erste instinktmäßige Regung: Weigern! Diese Aufgabe … Riesengroß hatte sie vor ihm gestanden. Schon war sein Mund geöffnet zu dem Wort: Unmöglich.

»Sie wären der Einzige in der Welt, der es könnte.«

Wie ein Hieb hatten ihn diese Worte Uhlenkorts getroffen.

Er, der Einzige in der Welt … er, Tredrup. Das Wort haftete in seinem Hirn, dem Ansturm kühler Überlegung spottend. Aufgesprungen war er, hatte dem anderen die Hand gereicht.

»Ich tu es!«

Uhlenkort hatte noch weiter gesprochen. Tredrup hatte nichts davon gehört. Seine Gedanken waren bei der Tat. Noch am selben Tag war Uhlenkort zurück nach Hamburg geflogen, hatte ihn mitnehmen wollen. Doch er hatte es abgelehnt. Seine Belegschaft wenigstens ein Stück des Weges zu geleiten, lag ihm am Herzen.

Und so stand er jetzt am Stettiner Kai. Abschiednehmend von ihnen, die sich um ihn drängten, immer wieder seine Hände ergriffen und schüttelten, ihm das Versprechen abzwangen, sie aufzusuchen da drüben im alten Land in Asien.

Das Postflugzeug, das von Hafen zu Hafen die Küste entlangstrich … Stralsund …

Tredrups Hand glitt von dem Kabinenfenster ab, legte sich über die Augen. Suchend glitt sein Blick nach Nordosten. Die alten Bilder waren wieder da.

Vineta! Ein Zauberwort! Es zwang ihn. Er rief den Steward. »Mein Gepäck weiter nach Hamburg! Ich steige aus … folge mit einer der nächsten Maschinen.«

Ein flinkes Hochseeboot fuhr eben hinüber. Er saß auf dem Vorderdeck. Das Glas ruhte in seiner Hand.

Was er im Traum gesehen hatte, was jetzt sein leibliches Auge sah, verschmolz zu einem Bild. Da war Rügen … Da war seine Südspitze … jetzt … da war die Rudenbucht, die Südspitze von damals. An ihr vorbei. Der Oderarm. An seinem Ostufer wieder wie damals … Vineta. Seine Augen starrten darauf. Was er da sah … im hellen Sonnenschein.

Das Bild, es kam … es ging. Die Stadt mit der ragenden Burg … das graue, kahle, schlickbedeckte Land … Visionen, wechselnd wie im Kaleidoskop. Bald das … bald das.

Was war Wirklichkeit? Was war es? Die Frage!

Aber dann stand er an Land. Sie hatten die Anker geworfen. Sah den Boden, den seine Füße traten. Er beugte sich hinunter, dass seine Hände den feuchten kühlen Boden berührten. Sand … Schlick! Wie draußen auf den Watten der Nordsee zur Zeit der Ebbe. Wie da oben auf dem neugeborenen Black Island.

Black Island … Vineta … Ein Rätsel wie das andere. Eine Lösung wie die andere. Was war es? Die Lösung. Beide … aus dem Meer waren sie entstanden … gewachsen wie das Korn auf der Flur, das der Sämann in die Erde senkt.

Der Sämann! War es nicht der Geheimnisvolle … in seinem Boot? Black Island … Vineta …

Vergeblich kämpfte Tredrup mit den wirr sich überstürzenden Gedanken. Die alte Klippe! Immer wieder scheiterte er daran. Wo blieb der Zusammenhang, für eines Menschen Geist begreiflich? Er taumelte vorwärts, die Füße haftend in dem zähen Sand.

Dem alten Land zu! Usedom! Er stolperte, stürzte, richtete sich auf. Tiefe Gruben durchzogen den Boden. Da lagen Spaten, Harken. Frische Menschenarbeit.

Weiter! Eine leichte Wellblechhütte vor ihm. Er kam heran, trat ein. Zwei Männer saßen darin. Bei seinem Eintritt drehten sie sich um.

»Wer sind Sie? Was wollen Sie?«

Einen Augenblick stand er, keuchend, tiefatmend, bis er die Antwort fand.

»Ich kam von Stralsund mit dem Schiff. Ich suchte Vineta und …«

»… fanden es nicht!« Der Ältere fiel ihm lachend in die Rede. »Sie glauben wohl, hier im alten Vineta wie in den Ruinen Pompejis wandern zu können. Durch die Mauern der alten Jomsburg steigen zu können? Nein, mein Lieber.« Er lachte. »Die werden Sie nicht sehen … nie sehen. Nie wird ein Mensch – mögen auch die Ausgrabungen noch so weit vorschreiten –, nie wird ein Mensch das Bild vor Augen haben, wie sie aussah, die versunkene Königin des Meeres: Vineta! Wie schön ihr Gesicht war, wie köstlich ihre Kleidung!«

Tredrup stand da, starrte den Mann an. Es schrie in ihm zu sagen: Ich weiß, wie es aussah … Ich kann es euch zeigen und malen, das Bild der Königin Vineta … Ich sah sie … war ihr Gast … sah sie sterben …

Sein Blick fiel auf einen Haufen Geräte … Rüstzeug, das man aus dem Schlamm geborgen, angerostet.

Es schrie in ihm zu sagen: Ich sah den Helm … das Schwert in der Hand des Wikingers, der auf stolzem Roß von der Jomsburg niederritt zur Stadt. Ich sah die Zinnkelche in den Händen der Trinker in den Herbergen. Hörte den Klang der Glocke vom Turm Sankt Maria klingen.

Der andere schob einen Stuhl an ihn heran.

»Sind Sie krank, Mann? Was haben Sie? Setzen Sie sich. Was erregt Sie so?«

Er setzte ein Glas Wein vor Tredrup hin. Der stürzte es hinunter.

Noch eins! Noch eins …

Die Bilder schwanden. Die graue Wirklichkeit stand vor seinen Augen. Er erhob sich, folgte den beiden, die ihn hinausführten, ihm zeigten, was die See und die Erde von der versunkenen Stadt wiedergegeben hatten.

Und dann stand er. Die Sonne war verschwunden … Ein dünner kühler Regen rieselte vom Himmel. Tredrup nahm den Hut vom Kopf. Ein leichtes Wohlbehagen durchströmte ihn. Hinüber über Schlick und Land ging sein Blick zum Boot.

Zurück, Schemen! Nacht! Rätsel!

Weg! Nach Hamburg! Nach Süden! Der Sonne zu, dem Licht zu … der Tat zu!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.