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Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang 3

Die Fahrten und Abenteuer des kleinen Jacob Fingerlang
Ein Märchen von Gotthold Kurz
Nürnberg, bei Gottlieb Bäumler 1837

Drittes Kapitel

Das Mirabel in der Dorfschenke

Es war gerade Feiertag, und die Schenke voll Bauern, die zu Ehren des heiligen Johannes von Nepomuk zechten und lärmten.

Man sah und hörte kaum noch etwas vor Tabaksqualm und Schreien. Gottlieb ließ sich bescheiden in der hintersten Ecke der Stube nieder und schaute bei einer Kanne Bier dem tollen Treiben zu. Die Unterhaltung hatte eben einen neuen Schwung bekommen. Der herrschaftliche Jäger hatte neue Zeitungen aus der Stab mitgebracht vom russisch-türkischen Krieg.

Die Bauern hier im Dorf aber waren von jeher verschiedener Meinung über diese Sache. Die einen hielten es mit dem Moskowiter, die anderen mit dem Muselmann, und jede Partei wollte, wie es oft geschieht, die eigene Meinung allein herrschend machen und von einer anderen gar nichts hören. Darüber kam es zu hitzigem Disputieren. Je minder man dabei aber seine Gedanken klar zu machen wusste, um desto lauter schrie man einander an. Finger, Arme und Füße mussten zu rednerischen Figuren aushelfen. Ein Tisch um den anderen wurde von dem Brand des Streites ergriffen. Der Wirt ging ab und zu und trug eifrig Holz zum Feuer, nämlich Bier.

Zu verwundern war es nicht, dass es nach langen fruchtlosen Verhandlungen doch endlich noch zum Bruch zwischen den beiden dissentierenden hohen Mächten kam. Der Moskowiter Jörg war mit seinen diplomatischen Deduktionen dem hageren Michel allzu hart unter die Nase gefahren. Dieser stach jetzt nach ihm mit seinen langen Fingern und rückte ihm Wams und Kragen zurecht. Der Stierbauer schlug auf den Tisch, schalt die Türken ungläubige Hunde und fuhr in seinem orthodoxen Eifer mit dem linken Ellenbogen auf seinen muselmännischen Kontradiktor aus, der alsbald seinerseits die flache Hand wie einen krummen Säbel auszog, und ihn damit den dreispitzigen Hut so behände vom Kopf schnellte, dass er wie eine Bombe zum nächsten Tisch hinüberflog und dort unversehens Krüge und Gläser übereinanderwarf. Die nun dort saßen, sprangen auf und schleuderten grimmig das Geschoss zurück, woher es gekommen war, sodass rechts und links die Kannen umstürzten und das Bier in Strömen floss. Nun war das Signal zum Kampf gegeben. Jeder rückte ins Feld, wie er ging und stand. Der fuhr dem anderen nach dem Kamm, der nach dem Brustlatz. Erboste Gegner umarmten sich wie Freunde, bloß um sich gegenseitig den Rücken zu zerdreschen. Der Dragonerwastel stäubte dem Müller sein Gewand mit Nachdruck aus, sodass das Puder in Wolken davonflog. Der kernhafte Schmidt lag wie ein schweres Schicksal auf den Schultern des keifenden Webers. Am schlimmsten kam der furchtsame Bader ins Gedränge. Er wollte eben davonschleichen, als ihn zwei kernhafte Russen als einen verdächtigen Spion erwischten und mit kräftigem Stoß mitten auf den feindlichen Haufen losschleuderten. Dieser empfing ihn mit offenen Armen, drehte ihn um und ließ ihn ebenso schnell wieder zurückschießen, wo er hergekommen war, sodass er wie ein rechter Wagehals ins dickste Gewühl hineinstürzte und mit emporgehobenem Sitzfleisch den Willkomm von einem Dutzend schlagfertiger Hände in Empfang nahm. Immer wilder sammelte sich alles untereinander.

Gottlieb selbst war jetzt in Gefahr, in den rasenden Taumel mit hineingerissen zu werden. Lichter wurden ausgelöscht, Stuhlbeine ausgezogen, Totschlag und Blutvergießen stand nahe.

Da, mit einem Male hub die große Wanduhr aus und schlug zwölf. Darauf fing sie zu schnarren, zu rasseln und zu läuten an, in einem fort, als ob der Jüngste Tag kommen sollte. Die Bauern ließen einen Augenblick ab und horchten auf. Der Wirt kam mit dem einzigen noch brennenden Licht herbei, um zu schauen, was passiert sei. Aber, o Himmel! Der hatte kaum hinaufgeschaut, als er auch stocksteif dastand, mit kreideweißem Gesicht und emporsträubendem Schopf. Den anderen, die nachfolgten, ging es nicht besser.

Denn, o Mirakel! Der kleine wächserne Heilige, der mit Bart und Kutte schon viele Jahre her da oben auf dem bestäubten Gesims ruhig residiert hatte, war jetzt mit einem Mal von seinem Posten herab auf die Uhr spaziert und stand dort wie auf einer Kanzel. Er reckte drohend die Händlein empor, schüttelte sein ehrwürdiges Häuptlein und ließ sich in einer kurzen Stand- und Strafrede vernehmen:

Halunken, Raufer ihr! Was macht ihr für Getümmel!
Man hört den Mordskandal hinauf zum dritten Himmel.
Wo man die Vesper singt soeben mir zu Ehren,
und kaum vor eurem Lärm sein eignes Wort kann hören!
Seid’s Christen? Heiden seid’s, ja wilde Palikaren!
Wollt ihr den allesamt gleich in die Hölle fahren?
Ha seht! Sie öffnet schon den ungeheuren Rachen.
Die Teufel sind behänd, das Feuer anzufachen.
Sie wetzen schon den Zahn nach dem verheiß’nem Braten.
Mit Haut und Haar verschlingen sie euch ohne Gnaden.
Darum tut Buße schnell, o rettet euch, ihr Leute!
Er kommt! Hinaus geschwind! Macht fort und sucht das Weite!

Als nun eben auch ein Windstoß von außen an die Fenster dröhnte und einen Flügel aufriss, ergriff ein panischer Schreck die ganze Gesellschaft, Freund und Feind. Sie fuhren entsetzt auf und nach der Tür hin, allesamt zugleich, sodass der Knäuel gar nicht durchdringen konnte. Einer purzelte in der Eile über den anderen hin, der Wirt mit schlotternden Gebeinen obendrauf, bis sich endlich unter Puffen und Stößen allmählich alle aufgerafft hatten und davonstoben, so weit sie ihre Beine trugen.

Nun war es mit einem Mal ruhig und still geworden in der Wirtsstube. Gottlieb atmete tief auf, als er sich auf so wunderbare Weise aus dem tollen Getümmel befreit und gerettet sah!

Er hatte aber noch nicht Zeit gehabt, nachzusinnen, wie das alles gekommen sei, als er etwas auf sich zutrippeln hörte. Es war Jacob, den er im Tornister versteckt glaubte. Das kleine Männchen kam aber von einer ganz anderen Seite auf ihn zu und kletterte lachend an seinen Knien herauf.

»Habe ich dir nun Ruhe verschafft?«, fragte er triumphierend seinen Freund.

»Wie, du warst doch nicht gar der Urheber des ganzen Spuks«, rief dieser aus.

»Allerdings, und ich will dir sagen, wie es damit zuging. Ich wollte, wie du gesehen hast, nach dem Abendbrot ein bisschen einschlafen, aber das war keine Möglichkeit, der Lärm war zu groß. Erst ärgerte ich mich darüber, dann ängstigte ich mich, besonders, als sie dir selber immer mehr auf den Leib rückten, und es auf eine allgemeine Prügelei abgesehen schien. Schnell fuhr mir es durch den Kopf, die Kerle zu vexieren. Der Heilige auf dem Gesims war mir schon lange aufgefallen mit seiner verschossenen Kutte. Die Einrichtung einer solchen Uhr ist mir von Haus aus auch bekannt, wo ich oft das stockende Werk wieder in Gang gesetzt hatte. Ich also flugs herbei, die Gewichtseite hinauf, von der Uhr auf das Gesims, Kutte umgeworfen, Mütze aufgesetzt. Nun schlüpfte ich oberhalb ins Werk, hub den Perpentikel aus und stellte mich dann während des Reveilles mit Kutte und Stab draußen in Positur als der leibhafte heilige Nepomuk. Der Spaß ist köstlich gelungen, und du kannst mir nun als deinen Erretter huldigen.«

Gottlieb hob ihn empor, herzte und küsste ihn, und rief: »Nun wahrlich! Du bist ein ganzer Kerl.«

Dieses Wörtchen aber tat dem Kleinen wohl, der sich bisher wohl Püppchen, Männchen, Mäuschen, Närrchen nennen hörte, für einen Kerl aber noch nirgendwo passiert war. So legten sich nun die beiden Freunde recht fröhlich zur Ruhe nieder und verließen neu gestärkt am anderen Morgen die Schenke, die noch lange danach im Ruf seltsamen Mirakels stand.

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