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Die Skalpjäger – Ein bitterer Trank

Thomas Mayne Reid
Die Skalpjäger

Dritter Teil
Drittes Kapitel

Ein bitterer Trank

Wir erreichten die Ruine bald nach Sonnenuntergang, scheuchten die Eulen und Wölfe auf und machten unser Biwak unter den verfallenen Mauern. Unsere Pferde wurden auf den öden Rasenplätzen und in den lange vernachlässigten Gärten angebunden, wo die reifen Früchte ungepflückt von den Bäumen fielen. Schnell angezündete Feuer erleuchteten das graue Gebäude mit ihrer erheiternden Glut. Aus den Hautpacken wurden Fleischstücke genommen und zu Abend geröstet.

Es war Wasser im Überfluss vorhanden. Ein Arm des San Pedro floss an den Mauern der Mission vorüber, in den Gärten befanden sich Yamstrauben, Granatäpfel, Quitten, Melonen, Birnen, Pfirsiche und Äpfel. Mit diesen wurde unser Mahl verschönert.

Es war bald vorüber und wir teilten Vedetten auf den Wegen aus, welche zu der Ruine führten. Die Leute waren vom Fasten schwach und angegriffen, streckten sich kurz darauf bei ihren Sätteln aus und waren bald eingeschlafen.

Dies war alles, was ich von unserer Nacht in der Mission zu San Pedro zu erzählen weiß.

Wir wollten drei Tage oder so lange dort bleiben, bis das Büffelfleisch getrocknet sein würde.

 

*

 

Es waren unangenehme Tage für mich. Der Müßiggang ließ die halbwilden Eigenschaften meiner Gefährten erkennen. Gottlose Scherze und furchtbare Flüche erschallten beständig in meine Ohren, sodass ich gern mit dem alten Botaniker, der während dieser drei Tage in der glücklichen Aufregung neuer Entdeckungen lebte, in den Wald wanderte.

Auch an dem Maricopa fand ich einen Gesellschafter. Der merkwürdige Mann hatte die Wissenschaften eifrig studiert und war mit fast jedem berühmten Schriftsteller bekannt. Er wurde nur dann zurückhaltend, wenn ich von ihm selbst zu sprechen begann.

Seguin war während dieser Tage schweigsam und wenig umgänglich geblieben. Er beachtete das, was um ihn her vorging, nur wenig. Er schien an Ungeduld zu leiden, da er alle Augenblicke dem Tasajo einen Besuch machte. Er brachte viele Stunden auf den nahen Höhen zu und blickte ängstlich nach Osten, dem Punkt, von welchem unsere auf dem Pinnon befindlichen Spione herankommen würden.

Die Ruine besaß eine Azotea. Ich hatte die Gewohnheit, diese Stelle abends aufzusuchen, wenn die Sonne weniger heiß geworden war. Sie gewährte eine schöne Aussicht ins Tal; aber ihre Hauptschönheit lag für mich in der Zurückgezogenheit, welche ich hier genießen konnte. Die Jäger kletterten selten hinauf und ihre wilden zügellosen Gespräche blieben, solange ich oben war, ungehört. Ich pflegte meine Decke auf den verfallenen Zinnen auszubreiten und mich darauf ausgestreckt, süßen Rückerinnerungen oder noch süßeren Träumen von der Zukunft hinzugeben. Nur ein Gegenstand erfüllte mein Gedächtnis, nur auf diesem Gegenstand verweilten meine Hoffnungen.

Ich hätte dies wenigstens denjenigen, welche wahrhaft geliebt haben, nicht zu sagen brauchen.

 

*

 

Ich bin auf meiner Lieblingsstelle, der Azotea. Es ist Nacht, scheint es jedoch kaum zu sein. Der volle Herbstmond zieht an einem wolkenlosen blauen Himmel zum Zenit auf, in meiner fernen Heimat wird der Erntemond sein. Hier scheint er nicht auf die Ernte, leuchtet nicht dem Schnitter auf dem Heimweg; aber die unter allen Himmelsstrichen schöne Jahreszeit ist in dieser romantischem Wildnis um nichts weniger köstlich. Ich bin auf einer Hochebene der nördlichen Anden und viele Tausend Fuß über der Meeresfläche. Die Luft ist dünn und trocken. Ich kann ihre große Ausdehnung an der größeren Deutlichkeit der Gegenstände, der anscheinenden Nähe der Berge, welche ich fern weiß, und der Schärfe ihrer am Himmel abgezeichneten Umrisse erkennen. Ich bemerke sie an der Abwesenheit der Hitzeextrema, an der Elastizität meines Blutes und dem leichten Spiel meiner Lungen. Dies ist die Gegend für hektische Wangen und hohle Augen. Wollte Gott, dass manche Völker dies wüssten!

Die Luft ist völlig rein und von dem milchweißen Mondlicht erfüllt. Mein Auge ruht auf merkwürdigen Gegenständen – auf den diesem Boden eigentümlichen Vegetationsformen. Sie flößten mir durch ihre Neuheit Interesse ein. In dem weißen Licht sah ich die lanzettförmigen Blätter der Yucca, die hohen Säulen der Pitahaya und die zackigen Blätter des Koschenille-Kaktus.

Der Lärm des Lagers, der Menschen und Tiere dringt bis zu mir herauf; aber dem Himmel sei Dank! Ich kann nur sein entferntes Summen hören.

Es gibt noch eine Stimme, die meinem Ohr erfreulicher ist, das Lied des Spottvogels, der Nachtigall der westlichen Welt. Er lässt seine Klänge aus den Wipfeln eines nahegelegenen Baums ertönen. Er erfüllt die Luft mit seinen süßen Melodien.

Der Mond scheint über allem und ich beobachte seinen aufwärts gerichteten Lauf. In mir herrscht ein Gedanke, welchen er zu beherrschen scheint – die Liebe. Wie oft haben die Dichter seine Macht über die holde Leidenschaft besungen. Bei ihnen war es nur eine Fantasie – ein graziöser Ausdruck; aber zu allen Zeiten und unter allen Himmelsstrichen ist es ein Glaube gewesen. Woher kommt dieser Glaube? Ist er uns nicht in den Zuflüsterungen von einem Gott mitgeteilt worden – denselben Flüstertönen, welche uns seine eigene Existenz verkünden? Kann es nicht eine Wahrheit sein? Ist nicht der Geist am Ende doch materiell? Ein elektrisches Fluidum? Warum soll er denn nicht von dem stillen Mond beeinflusst werden? Warum soll er nicht seine Strömungen haben, so gut wie die Luft und der Ozean?

Ich folgte diesem Gedankengang, während ich das milchweiße Licht des Mondes eintrank. Ich verweilte auf den Szenen, welche die Ruine um mich vor die Augen treten ließ – die Taten und Untaten der Patres in Kapuze und Kutte und ihrer Knechte. Die Gedanken an diese erfüllten meinen Griff und färbten sie mit der Romantik des Altertums. Aber sie blieben nicht lange Gegenstände des Nachdenkens. Ich wanderte über sie hinweg und kehrte wieder zu dem Gedanken an das schöne Wesen zurück, welches ich vor Kurzem verlassen hatte, an Zoe – die schöne Zoe.

Dachte sie auch an mich? War ihr meine Abwesenheit schmerzlich? Wartete sie auf meine Rückkehr? Waren ihre Augen betaut, wenn sie von der einsamen Terrasse herabblickte?

Mein Herz antwortete mit stolzen, glücklichen Pulsschlägen ›Ja!‹

Wie lange konnte es dauern, bis die entsetzlichen Szenen, die ich jetzt um ihretwillen erduldete, vorüber waren? Tage – viele Tage fürchtete ich. Ich liebe das Abenteuerliche, mein Leben ist sein Spielwerk gewesen; aber ein solches! Ich hatte noch kein Verbrechen begangen, obgleich ich seine Begehung durch die Notwendigkeit, in welche ich mich versetzt hatte, billigte. Wie lange konnte es dauern, ehe mich die Notwendigkeit zu Taten zwang, welche ebenso schwarz waren, wie die der mich umgebenden Männer?

In dem Programm, welches Seguin mir vorlegte, war nichts von den Grausamkeiten, wovon ich jetzt Zeuge sein musste, vorgekommen. Es war nicht die Zeit, um zurückzublicken, sondern vorwärts – und vielleicht über andere Szenen des Blutes und der Brutalität – zu der glücklicheren Stunde, wo ich mein Versprechen eingelöst und vielleicht Zoe, die schöne Zoe, gewonnen haben würde.

 

*

 

Meine Träume wurden unterbrochen. Ich hörte Stimmen und Schritte. Sie näherten sich der Stelle, wo ich lag. Ich konnte sehen, dass zwei Männer, in einem eifrigen Gespräch begriffen, herbeikamen. Sie bemerkten mich nicht, da ich hinter einem Fragment der verfallenen Brüstung im Schatten lag. Als sie näher kamen, erkannte ich das Patois meines kanadischen Dieners, aber auch das seines Begleiters glaubte ich zu erkennen. Es war ohne allen Zweifel Barney.

Die Wackeren waren seit Kurzem sehr vertraut geworden, und wie ich bemerkt hatte, öfter beisammen. Irgendeine Gefälligkeit hatte den Infanteristen seinem klugen und erfahrenen Gefährten teuer gemacht und dieser ihn unter seinen Schutz und Schirm genommen.

Ich war über die Störung ärgerlich, war aber von Neugier getrieben, still und lauschte.

Barney sprach, als sie sich näherten: »Wahrhaftig, Master Godé, ich würde selbst heute Abend noch ein Tröpfchen holen. Ich habe das Fässchen schon früher bemerkt. Aber der Teufel soll mich in Empfang nehmen, wenn ich gedacht habe, dass es etwas anderes als kaltes Wasser wäre. Heilige Maria, dass der alte deutsche Sünder ein ganzes Fass mitgebracht hat, und alles allein behält! Ihr seid überzeugt, dass es aus dem rechten Stoff ist?«

»Ja, es ist Likör – Aguardiente.«

»Aguardiente, sagt ihr?«

»Oui, c’est vrai, Monsieur Barney, ich habe ihn sehr viel Mal gerochen. Er stinkt trés fort – verdammt stark – verdammt gut.«

»Warum wollt Ihr ihn aber nicht selbst stehlen? Ihr wisst genau, wo ihn der Doktor verwahrt und könnt weit leichter daran kommen als ich.«

»Pourquoi Barney? Weil ich dem Doktor packen helfe, mon ami! Par Dieu, er würde mich in Verdacht nehmen!«

»Ich sehe den Grund davon nicht ein. Er kann Euch auf alle Fälle in Verdacht nehmen, und dann …?«

»O, dann schadet es nichts. Ich werde einen großen Schwur tun. Nein, ich werde dann ein ganz reines Gewissen haben.«

»Beim heiligen Moses, wir müssen jedenfalls den Likör haben, und wenn Ihr ihn nicht holen wollt, so werde ich es tun, das ist ausgemacht, nicht wahr?«

»Oui, trés bien!«

»Nun, so ist jetzt die beste Zeit dazu. Der alte Bursche ist soeben fortgegangen, ich habe ihn selbst gesehen. Dies ist ein ganz nettes Plätzchen zum Trinken. Kommt und zeigt mir, wo er ihn verwahrt, und bei St. Patrick, ich bin Euer Maury um ihn zu holen.«

»Très bien, allons, Monsieur Barney, allons!«

So unverständlich die Unterhaltung auch gewesen sein mochte, so verstand ich doch jedes Wort davon. Der Naturforscher hatte unter seinem Gepäck ein kleines Fässchen Aguardiente, Mezcal-Branntwein mitgebracht, um die neue Spezies der Schlangen- oder Eidechsenarten, auf die er etwa stoßen würde, darin aufzubewahren. Was ich jetzt hörte, war weder mehr noch weniger als ein Komplott, das Fässchen mit seinem Inhalt zu stehlen.

Mein erster Impuls war der, aufzuspringen und sie an ihrer Absicht zu hindern, sowie meinem Reisenden und seinem rothaarigen Gefährten einen heilsamen Tadel zugehen zu lassen. Eine kurze Überlegung überzeugte mich aber, dass sie auf eine andere Weise besser bestraft werden konnten. Ich wollte sie sich selbst bestrafen lassen.

Ich erinnerte mich, dass der Doktor einige Tage, ehe wir das Ojo de vaco erreichten, eine Schlange von der Natterart, zwei bis drei Eidechsen und ein hässliches Tier gefangen hatte, welches in der Jägersprache der gehörnte Frosch genannt wird – die Agama cornuta aus Texas und Mexiko.

Er hatte sie in dem Fässchen aufbewahrt. Ich hatte gesehen, wie er sie hineinsteckte, und offenbar ahnte weder mein Franzose noch der Ire etwas davon. Ich kam daher zu dem Entschluss, sie einen vollen Becher von dem Stoff trinken zu lassen, ehe ich mich ins Mittel legte.

Ich wusste, dass sie bald mit dem Fässchen zurückkehren würden, und blieb, wo ich war.

Ich brauchte nicht lange auf sie zu warten. Nach wenigen Minuten kamen sie heran, und Barney trug das der Plünderung geweihte Fässchen.

Sie setzten sich ganz in meiner Nähe nieder, suchten das Spundloch, füllten ihre Blechbecher und begannen zu trinken.

Man hätte nirgends ein durstigeres Paar Sterblicher finden können und ein jeder leerte seinen Becher mit dem ersten Zug bis auf den Grund.

»Hat es nicht einen sonderbaren Geschmack?«, sagte Barney, nachdem er das Gefäß von seinen Lippen genommen hatte.

»Ja, das ist wahr.«

»Was meint Ihr, das es ist?«

»Es riecht, wie ein verdammter … ein verdammter …«

»Meint Ihr Fisch?«

»Ja, wie ein verdammter Fisch. Es hat einen sehr bizarren Geruch, fichtre!«

»Der Deutsche hat wahrscheinlich etwas hineingetan, um dem Aguardiente Geschmack zu geben.

Er ist ungemein stark, das macht ihn nicht schlimmer. Aber es würde ein schlechtes Getränk neben einem alten Fässchen aus irischem Branntwein sein. Ach heiliger Moses, das ist der echte Stoff!«

Hier schüttelte der Ire den Kopf, um mit mehr Nachdruck die Bewunderung des irischen Whisky auszudrücken.

»Nun, Monsieur Godé«, fuhr er fort, »Whisky ist jedenfalls Whisky, und wenn wir die Butter nicht haben können, so sehe ich nicht ein, weshalb wir das Brot ausschlagen sollen? Ich möchte daher auch noch um eine Kleinigkeit aus dem Fass bitten.« Und hiermit hielt er ihm sein Blechgefäß zur Füllung hin.

Godé erhob das Fässchen und schüttete einen weiteren Teil seines Inhalts in ihre Becher.

»Mon Dieu, was ist in meinem Becher?«, rief er, nachdem er getrunken hatte.

»Was es ist? Lasst sehen! Meiner Seel’, es ist ein sonderbares Geschöpf.«

»Sacré, es ist ein verdammter texanischer … ein Frosch! Das ist der verdammte Fisch, der so gestunken hat. O bah! … Ah … ah!«

»Ach, heiliger Moses, in meinem ist auch einer. Jesus, es ist eine Skorpioneidechse! Bah! Ah!«

»O bah! … Ah … ah! Mon Dieu!«

»Och … och … och!«

»Sacré!«

»Och … ach … o bah! Ah … ah!

»O verdammt! … Bah!«

»Der alte Doktor hat … ach … ach! … Ach! Heilige Jungfrau!«

»Ha ha! Gift! … Gift!«

Und die beiden Zecher schwankten über die Azotea hin, entleerten ihre Mägen und schrien im äußersten Schrecken, dass Gift in dem Branntwein sein könne.

Ich hatte mich erhoben und lachte laut über den Spaß! Dies sowie die Rufe der Leute brachten eine Menge von Jägern auf das Dach, die, sobald sie bemerkten, was vorgegangen war, einstimmten und die Ruine von ihrer wilden Lustigkeit widerhallen ließen.

Der Doktor war mit den Übrigen herbeigekommen, aber mit dem Vorfall weniger zufrieden. Nach kurzem Suchen fanden sich jedoch die Eidechsen und wurden in das Fass, welches zu seinem Zweck noch immer Branntwein genug enthielt, zurückgeworfen. Es lief von nun an keine Gefahr mehr, selbst von dem durstigsten Jäger der Schar angerührt zu werden.

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