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Schauernovellen – Die Schachpartie mit dem Teufel

Ferdinand Kleophas
Schauernovellen Band 1
Verlag Franz Peter, Leipzig 1843

Die Schachpartie mit dem Teufel

Der Herr von Clairmarais war seit der Stunde der Frühmette auf der Jagd. Die Burgfrau, seine Gemahlin, vertrieb sich die Langeweile eines Herbstabends in ihrem Betzimmer, einen gewirkten Schleier zu sticken, ein köstliches Gewebe, das zum Schmuck der wunderbaren Jagd des hochseligen, heiligen Bertin bestimmt war. Ihre Kammerdamen arbeiteten schweigend, sie im Kreis umgebend. Denn ihre Herrin war zu stolz, mit ihren Untergebenen zu schwatzen, und selbst nur ihnen zu erlauben, die Stimme vor ihr zu erheben, wenn man sie nicht fragte.

Seit einer Stunde hatte der Wind aufgehört, die letzten Töne der Feierabendglocke der benachbarten Stadt zum Schloss herüberzutragen, als man plötzlich am Ausfallstor des Schlosses den Ton eines Hornes vernahm. Es war in diesem Ton etwas Fremdartiges und Wildes, was die Burgfrau und ihre Frauen erzittern ließ. Ein Page ging nachzusehen, was da wäre, und kam mit der Meldung zurück, dass ein vornehmer Ritter, der sich Brudemer nenne, um Obdach bitte.

Wenn ein armer Bauer in Lebensgefahr um Erbarmen flehend am Rand des Grabens gestanden hätte, so würde die Herrin nicht daran gedacht haben, ihm die Burg zum Asyl öffnen zu lassen. Ein anderes aber war es mit einem vornehmen Herrn. Sie gab Befehl, dass man ihn ins Schloss lasse und dann zu ihr führe.

Sie schickte sich unterdessen an, ihm der Sitte gemäß mit eigenen Händen den Trank zu bereiten, den man seinen Gästen zum Zeichen des Willkommens reichen musste. Sie hatte noch nicht ganz das Getränk in einen silbernen Becher gegossen, als Brudemer von dem Pagen hereingeführt wurde.

Er näherte sich der Burgfrau mit jener einnehmenden und edlen Höflichkeit, die einem Ritter von hohem Stand eigen ist, und dankte zuerst der Dame höflich für die Gastfreundschaft, die sie ihm erteile.

»Ich habe mich in dieser Gegend verirrt«, sagte er. »Eben erst verwünschte ich noch die Hitze meines Jagdrosses, das mich von meinen Jägern trennend in Sümpfe, Schluchten und das tiefste Dickicht des Waldes trug. Aber seit ich das Glück habe, in der Nähe einer so wunderbar schönen Dame zu atmen, kenne ich keine Ermüdung, keine Gefahren, keine Unruhe mehr.«

Bei der ersten Anrede hatte die Stimme des Fremden etwas Hartes und Unbiegsames, was er jedoch bald durch die honigsüße Grazie seiner Reden vergessen ließ.

Die Gesellschaftsdamen, welche sich nach Sitten und Brauch in die Tiefe des Saales zurückgezogen hatten, sodass sie sahen, was vorging, ohne jedoch zu hören, was man da sprach, machten sich ganz heimlich untereinander auf die reiche Kleidung Brudemers, die Eleganz seines Wesens und Benehmens, die Regelmäßigkeit seiner Gesichtszüge und den wilden Ausdruck seines Feuerblickes aufmerksam. So war es nicht zu verwundern, dass die Burgfrau einen unerklärlichen Reiz in der Gesellschaft ihres Gastes fand, sie, die keine anderen Gefährtinnen hatte, als Vasallen ohne hohe Geburt, deren Gespräche sich auf lange Erzählungen von Schlachten und Turnieren beschränkten, die sie unter dem alten Herrn, ihrem Gemahl, der ein besserer Haudegen als ein liebenswürdiger Ehrenmann war, erlebt hatten.

Mit Geschicklichkeit von seiner Überlegenheit Nutzen ziehend, stand Brudemer nicht an, in seine Reden etwas mehr Schmeichelhaftes und Zärtliches zu mischen, als selbst die ritterlichen Sitten der Zeit es erlaubten. Die Burgfrau, sonst so zurückhaltend und stolz, hörte von einer ungekannten Macht besiegt, ohne Zorn, hernach bald mit einer immer wachsenden Teilnahme die süßen Reden des Fremden.

Indem dieser sich dann ungezwungen so setzte, dass er die Herrin den Blicken ihrer Frauen entzog, bemächtigte er sich einer Hand, die ihm nicht entzogen wurde, und führte sie zärtlich an seine Lippen. Dann berührte sein Knie zärtlich das zitternde Knie der Dame.

Es würde schwer sein, die Gefühle der Burgfrau zu beschreiben. Ein verzehrendes höllisches Feuer ergoss sich durch ihre Adern. Es zog ihre Stirn zusammen und beengte ihre Brust. Sie fühlte nichts von jenem süßen Schmachten, von jener unaussprechlichen Trunkenheit, den zarten und grausamen Symptomen der Liebeskrankheit. Es war vielmehr die Angst, der kalte Schweiß eines sterbenden Sünders. Es war die schreckliche Betäubung eines Pilgers, der den tödlichen Blick eines Basilisken auf sich geheftet sieht.

In ihrer Verwirrung ließ die Frau von Clairmarais das Gewebe fallen, an welchem sie stickte. »Ach, wenn man mir das Geschenk einer solchen Schärpe gewährte«, sagte Brudemer, »wenn die Dame, deren schöne Hände sie gefertigt, mich zu ihrem Ritter wählte, wie viel Lanzen wollte ich zu ihren Ehren brechen, im Turnier und in Schlachten.«

Sie hob die Schärpe mit einer zuckenden Bewegung auf und sagte zu ihm: »Hier ist sie.«

Brudemer führte die Schärpe zu seinen Lippen, um ein schreckliches Lächeln zu verbergen, das er nicht unterdrücken konnte. Aber er warf sie plötzlich schaudernd von sich, als ob sie von Feuer gewesen wäre.

Denn der Burgherr hatte sie ja am selben Abend nach der Vesper mit vom Weihwasser noch feuchten Händen betrachtet.

Nachdem der Fremde sich jedoch bald von seiner Bestürzung wieder erholt hatte, näherte er sich der Burgfraunoch mehr und sprach mit leiser Stimme: »Ich bin bis zu Eurem Schloss von einem Greis geführt worden, welcher große Eile hatte, dem Herrn von Clairmarais zu begegnen. Er erwartet ihn an der Hintertür, um ihm ein Geheimnis zu offenbaren, welches Euch betrifft.«

Die Burgfrau erblasste bei diesen Worten.

»Ich habe mich«, fuhr Brudemer fort, »von den Beweggründen unterrichtet, welche ihn treiben, Euren Gemahl mit so großer Eile zu suchen. ›Ich will ihm‹, wiederholte er mir, ›ein Geheimnis offenbaren; ein Geheimnis, das eine große Veränderung in dem Schloss Clairmarais herbeiführen wird. Die Herrin hat mich schimpflich vom Schloss gejagt und mir mit dem tiefsten Kerker gedroht, wenn ich dahin zurückkehrte. Die Undankbare, ich will sie ihrer Titel und Reichtümer, worauf sie so stolz ist, bald entkleiden.‹ Da ich seinen Drohungen keinen Glauben beimessen wollte, erzählte er mir, dass seine Frau Amme der Tochter des Grafen von Erin gewesen sei; dass der Säugling gestorben wäre, ohne dass irgendjemand, er ausgenommen, es gewusst hätte; dass er Euch, Euch seine eigene Tochter in die Wiege der jungen, toten Gräfin gelegt habe und dass ihr erzogen und verheiratet worden wäret als die Tochter des Grafen von Erin. Er hat mir viele und unwiderlegliche Beweise seines Betrugs gegeben.«

»Ist dieses Geheimnis einmal enthüllt, wird der Herr von Clairmarais nicht zögern, eine Vasallin, die Tochter eines unedlen Sklaven, der ihn betrogen hat, zu verstoßen.«

Die Burgfrau rang in Verzweiflung die Hände.

»Hört«, sprach Brudemer mit noch leiserer Stimme, doch so, dass die Frau von Clairmarais nicht ein einziges seiner Worte verlor, »hört, der Greis schläft in seinen Mantel gehüllt an der Schwelle des Schlupftores. Dieser Dolch … Kommt.«

»Mein Vater! …«

»Nein, Ihr habt recht«, erwiderte Brudemer mit höhnischer Kälte. »Wer weiß, man wird vielleicht aus Mitleid Euch unter die Gesellschaftsdamen der neuen Herrin von Clairmarais aufnehmen. Im schlimmsten Fall wird man Euch das schöne Haar rauben, in ein Kloster sperren …«

Die Burgfrau erhob sich hastig, verbot mit einer Handbewegung ihren Frauen, ihr zu folgen, und gab Brudemer den Arm. Beide nahmen den Weg zum Schlupftor.

Nachdem der Herr von Clairmarais den ganzen Tag gejagt hatte, sehnte er sich zurück an den häuslichen Herd, nach der schönen Burgfrau, seiner Gemahlin.

Er hatte so viel Eile, recht bald dahin zu kommen, dass er seinen Jägern um einige Schritte vorausritt. Plötzlich wollte sein Pferd nicht weiter, bäumte sich und gab alle Zeichen eines großen Schreckens. Der alte Herr war gezwungen, abzusteigen. Ah, welche grässliche Überraschung; der Pflegevater seiner Gemahlin lag ausgestreckt, bewegungslos, eine klaffende Wunde in der Brust.

Man drängte sich um ihn, und die tätige, rasche Hilfeleistung war nicht vergeblich. Er öffnete halb die Augen, erhob sich mit Mühe, neigte sich zu dem Ohr des Herrn von Clairmarais und murmelte mit sterbender Stimme einige Worte, die den Burgherrn mit Schauder übergossen. Dann fiel er zurück und starb.

Der alte Herr ging, ohne ein einziges Wort zu sprechen, geradewegs zum Betzimmer seiner Gemahlin. Die Stirn mit einem tödlichen Schweiß bedeckt, saß diese vor einem kleinen Tisch und stellte sich, als spiele sie Schach mit Brudemer, um ihre schreckliche Verwirrung zu verbergen.

Brudemer brach bei dem Anblick des Herrn von Clairmarais in ein schreckliches Gelächter aus, und die Burgfrau teilte diese höllische Heiterkeit. Ihr Leiden musste groß sein, um so zu lachen.

Jetzt zweifelte Herr von Clairmarais nicht mehr an seinem Unglück, denn noch hatte er nicht an die Verbrechen glauben mögen, deren der sterbende Greis die Burgfrau beschuldigt hatte.

»Satan!«, schrie er im Übermaß seines Zornes und seiner Verzweiflung, »Satan, ich überlasse dir die Vatermörderin, die ehebrecherische Gattin und das Schloss, das sie mit ihrer Gegenwart besudelt hat.«

»Ich akzeptiere«, rief Brudemer. Sogleich flackerte eine feurige Krone um seinen Kopf. Er streckte zwei schreckliche, plötzlich mit höllischen Klauen bewaffnete Hände nach den weißen Schultern des verbrecherischen Weibes.

 

***

 

Es war länger als zweihundert Jahre, dass der Herr von Clairmarais in der Abtei St. Bertin im Geruch der Heiligkeit gestorben war, als eines Abends ein Mönch vom Benediktinerorden bei einem Bürger von St. Omer fragte, was das für eine Burg wäre, deren Türme man mitten aus einem Wald hervorragen sähe, der mit unermesslichen Sümpfen umgeben war.

»Unsere liebe Frau und alle Heiligen mögen Euch helfen!«, entgegnete der Bürger, sich fromm bekreuzigend. »Das ist das Schloss Clairmarais, ein verwünschter, vom Teufel besuchter Ort. Jede Nacht wird es von einem plötzlichen Schein erhellt, jede Nacht begeben sich der Teufel und wer weiß wie viele Gespenster in ihren feurigen Wagen dahin. Wenn man den Alten glauben darf, heißt der Teufel, der dieses Schloss bewohnt, Brudemer und zwingt die Unsichtigen, welche in seine Wohnung dringen, Schach zu spielen und ihre Seele einzusetzen gegen den Besitz der Domaine und aller Schätze, die sie in sich fasst. Ihr könnt wohl denken, dass bis jetzt keiner dem Teufel etwas hat abgewinnen können und dass folglich keiner von dort wiedergekehrt ist.«

Der Mönch hörte den Bürger schweigend an, dann ging er, nachdem er einige Augenblicke nachgedacht hatte, mit festem Schritt auf die Teufelsburg los.

Dort trat er ungehindert ein und machte sich in einem reich möblierten Betzimmer wohnlich, in dessen Mitte sich ein kleiner Tisch befand, worauf ein Schachbrett mit allen Figuren stand.

Während der Mönch diese Gegenstände prüfte, welche die einbrechende Dunkelheit nicht mehr deutlich erkennen ließ, verbreitete sich plötzlich ein blendendes Licht im Betzimmer. Im selben Augenblick war der Mönch von einer Menge altmodisch gekleideter Diener, Pagen und Kammerfrauen umringt. Alle erfüllten stillschweigend die Pflichten ihres Dienstes, ohne dass man das Geräusch ihrer Tritte hörte und wunderbar, ohne dass ihre Körper Schatten warfen, wenn sie vor dem Licht vorübergingen.

Kurz darauf trat ein reich gekleideter Herr ein, welcher auf seinem Wams nach Art eines Wappens, einen abgeschilderten Taler trug, mit zwei Gabeln im schwarzen Feld, und der Devise »Brudemer«. Auf seinen Arm stützte sich eine Frau, noch jung zwar, deren schöne Züge aber mit einer Leichenblässe überzogen waren. Dann folgten acht Pagen, gebeugt unter der Last vier schwerer, mit Gold gefüllter Koffer.

Brudemer setzte sich zum Schachbrett und winkte dem Mönch, seinen Platz gegenüber einzunehmen. Der Mönch gehorchte, und beide begannen zu spielen, ohne ein einziges Wort hervorzubringen.

Durch einen klug durchdachten Plan glaubte der Mönch seinen Gegner matt gesetzt zu haben. Als die bleiche Dame, welche hinter Brudemer stehen geblieben war und sich auf den Rücken seines großen Lehnstuhles stützte, sich ihm zuneigte und mit dem Finger auf einen Bauern wies. Jetzt änderte sich das ganze Spiel, und nun war es der Mönch, der sich in Gefahr befand, matt gesetzt zu werden.

Als dieser Zug getan war, erhoben Brudemer und die Dame ein schallendes Gelächter, und alle, welche im Zimmer waren, gruppierten sich um die Spieler und nahmen an dem schrecklichen Ausbruch infernalischer Freude teil, welche menschliche Sprache nicht zu schildern vermag.

Der Mönch fing an, seine Verwegenheit zu bereuen. Eiskalter Schweiß rieselte von seiner Stirn. Er hätte alles in der Welt darum gegeben, wenn er sich zur Stunde in seinem Kloster befunden hätte. Doch verzweifelte er noch nicht an der göttlichen Güte und legte in Gedanken eine Fürbitte bei seinem heiligen Patron ein, denn nur ein Wunder konnte ihn aus dieser gefährlichen Lage retten. Plötzlich gewahrte er durch eine himmlische Eingebung, dass ein neuer Plan ihm noch die Partie gewinnen lassen könnte. Gerade wollte er einen Bauer, der sie ihm sicher machte, schieben, als das Gelächter, welches um ihn her erschallte, sich in ein schreckliches Heulen verwandelte.

Dann hörte und sah er nichts mehr.

Nachdem der Mönch die Nacht betend zugebracht hatte, sah er endlich den Tag mit einer Freude anbrechen, die man sich leicht denken kann.

Er fand an der Stelle, wo die so bleiche Dame in der vergangenen Nacht gestanden hatte, ein Skelett, das mit Lumpen von reichen Frauenkleidern bedeckt war. Nunmehriger Besitzer des Schlosses und der Schätze, die es barg, machte der Mönch aus diesem verrufenen Ort ein Kloster, zu dessen Abt er ernannt wurde. Heutzutage sieht man nur noch geringe Spuren dieses Klosters, das in der Revolutionszeit zerstört worden war.

Das nun ist die Legende von der Schachpartie mit dem Teufel.

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