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15 Fragen an Verleger …

… Torsten Low


1. Welche Themen sind Schwerpunkte deines Verlages?


Wir beschäftigen uns mit dem großen Bereich der Phantastik für Erwachsene. Das deckt natürlich eine unwahrscheinliche Bandbreite ab. Von klassischer Fantasy über Märchen für Erwachsene, Okkult-Krimis oder Steampunk bis hin zu Grusel, Horror und Splatter ist bei uns alles vertreten. Auch bei der Darreichungsform sind wir da sehr breit aufgestellt. Romane, Kurzgeschichten, Comics, Graphic Novels, Hörbücher, Hörspiele, demnächst auch phantastische Rollenspiele.

Dabei schlägt mein Herz im ganz besonderem Maße für die phantastische Kurzgeschichte.


2. Was bedeutet dir dein Verlag?


Für mich ist der Verlag »erweiterte Familie«, meine Autoren sind die »Familienmitglieder« und ich bin der »Pate« oder so.

Nein, im Ernst: Natürlich würde ich mich freuen, wenn ich irgendwann vom Verlag leben kann. Aber seitdem ich Haus und Kind habe, gehen für mich finanzielle Sicherheit vor persönlicher Selbstverwirklichung. Da bin ich aber auch nicht wirklich traurig darüber. Ich bin in der großartigen Situation, dass ich mein größtes Hobby (Programmieren und meine destruktiven Energien kanalisieren) zum Brotjob (Softwareentwickler und –tester in der Flugzeugbranche) machen und meine große Leidenschaft (das Verlegen) zu meinem Nebengewerbe machen konnte. Wer kann von sich schon behaupten, dass er wirklich zweimal so ein Riesenglück hat?

Deswegen bin ich auch in der großartigen Situation, die Bücher machen zu können, die ich wirklich von Herzen gerne machen möchte. Ich muss mich nicht verbiegen, um die Brötchen auf den Tisch zu bekommen. Ich kann ganz entspannt die von mir geliebten Anthologien machen, ohne auf die Verkaufszahlen schielen zu müssen. Ich kann ganz gelassen ein Herzensprojekt wie »Die Herbstlande« oder den »Karussellkönig« machen, die mit wunderbaren Illustrationen zu einer einzigartigen Geschichte bestechen. Ich kann beim Kannibalen-Schnetzel-Horror so hart sein, wie ich möchte. Unsere Zombies dürfen gesellschaftskritisch sein und unsere Okkult-Krimis sexuell angehaucht. Kurz: Ich kann die Bücher machen, die ich selbst gerne lesen möchte.

Und das Zusammensein mit unseren Autoren ist einfach großartig. Jeder meiner Autoren kann für sich entscheiden, wie stark er sich in die Verlagsfamilie involvieren möchte. Manchen haben wir noch nie gesehen. Mancher holt sich einmal im Jahr seinen Verlags-Sherry an unserem Stand der Leipziger Buchmesse ab. Mancher zieht alle paar Wochenenden mit uns über die Veranstaltungen und geht mit uns am Abend essen. Mancher besucht uns privat, telefoniert mit uns und spricht dabei auch über seine privaten Sorgen – wie man es in einer guten Familie nunmal tut.

Das ist eigentlich der Kern der Sache. Unser Verlag ist unsere Familie – und unsere Autoren gehören zu dieser Familie.


3. Welche Tätigkeiten gehören zum Berufsbild des Verlegers?


Puh, das ist wohl eine Frage, die jeder Verleger anders beantwortet.

Zum Tagesgeschäft gehört das Reagieren auf E-Mails, die Autorenbetreuung, das Versenden von Bestellungen und natürlich den ganzen Verwaltungskram, der mit dem Betreiben eines Verlages zusammenhängt. Dazu noch ein wenig Social Media, damit unser Verlag immer in der Timeline unserer Follower sichtbar bleibt. Mit den Aufgaben bin ich jeden Tag schon mal 1-2 Stunden ganz gut beschäftigt.

Der Rest von Abend wird dann auf die Projekte aufgeteilt: Absprachen mit den Herausgebern, Organisation von Lektorat und Korrektorat, Organisation von Cover und Illustrationen, Buchsatz, Erstellung von Werbematerial, die Organisation von Lesungen für meine Autoren und mich, die Planung der Teilnahme an Cons und Messen (wir sind immerhin 30 Wochenenden im Jahr auf Veranstaltung).

Einmal alle 2 Monate nehme ich mir die Zeit und aktualisiere meine Planungswand. Das ist ein Whiteboard, welches an der Innenseite meiner Bürotür hängt und auf dem die 10 aktuellsten Projekte mit ihren Projektdaten hängen. Und einmal im Jahr kommt dann noch ein richtig großer Brocken – das ist die Honorarabrechnung. Mittlerweile habe ich sie weitgehend automatisiert – schließlich haben wir mittlerweile über 250 Autoren.


4. Welche drei Bücher/Hörbücher, die du verlegt hast, haben dir bisher am besten gefallen?


Kannst du dir vorstellen, was ein Vater von vier Kindern sagt, wenn man ihn fragt, welches seiner Kinder er am liebsten hat?

Ich möchte mich ungern zwischen diesem oder jenem meiner Buchbabys entscheiden müssen. Mir haben sie alle am besten gefallen – sonst hätte ich sie nicht genommen.

Vielleicht macht es häufig den Eindruck, dass ich die Neuerscheinungen bevorzuge – aber das ist selbstverständlich. Auch der Vater mit den vier Kindern kümmert sich am meisten um das Neugeborene, das viel Aufmerksamkeit und Unterstützung braucht und hofft, dass das ältere Kind schon ein wenig selbstständiger ist.


5. Welches war dein erstes professionell veröffentlichtes Buch?


Unser erstes veröffentlichtes Buch war damals mein Roman Tag, der erste Teil des Vierteilers Dunkel über Daingistan. Das war 2005, mit der Gründung des Verlages.

Professionell? Ich gebe zu, das war es wohl eher nicht. Damals dachte ich, ein Lektorat ist dasselbe, wie die Word-Rechtschreibüberprüfung anzuwerfen. Die Bücher waren auf dem heimischen Laserdrucker ausgedruckt, von Hand gebunden, der Druck auf dem Buchleinen mit Drei-Wetter-Taft fixiert.

An das, was man allgemeinhin »professionell« nennt, kommt erst unsere erste Anthologie Lichtbringer heran. Das war dann 2008.


6. Welches Buch aus deinem Verlag würdest du mir zum Lesen empfehlen und warum?


Mein lieber Wolfgang, ich würde dir Der Blutpriester von Mara Laue empfehlen. Warum?
Weil der Geisterspiegel schon vor Jahren Geschichten von Mara veröffentlicht hat – unter anderem die erste Staffel der Sukkubus-Reihe, die nun mit Der Blutpriester bei uns eine würdige Fortsetzung erfährt.

Oder wolltest du keine personalisierte, sondern eine allgemeine Empfehlung? Eine solche würde ich nicht abgeben. Nicht jedes Buch aus unserem Verlag ist für jeden Leser geeignet. Wer auf einer Veranstaltung bei mir an den Stand kommt, wird direkt nach seinen Buchvorlieben gefragt – und dann versuche ich ihn zu beraten. Und oftmals bin ich darin richtig gut. Deswegen haben wir viele Leser, die wiederkommen.


7. Unter welchen Umständen würdest du den Verlag mit einem anderen Beruf oder Hobby tauschen?


Nun, mein großes Glück ist bislang natürlich, dass ich eben nicht tauschen musste. Ich habe einen guten Brotjob, der mir Sicherheit gibt – und ich habe meinen Verlag, in dem ich meine Berufung leben kann. Also ist grundsätzlich das Aufgeben wegen fehlender Lukrativität kein so großes Problem wie für manchen anderen, der davon leben muss.

Dazu habe ich eine Frau, die diese »Spinnereien« nicht nur erträgt, sondern mitträgt – die mit mir zusammen Veranstaltungen organisiert und an diesen auch mit mir teilnimmt (in den letzten zwölf Jahren hat meine Frau auf einer einzigen Veranstaltung gefehlt), die seit Jahren die Fahnenkorrektur für jedes Projekt macht und die mir im täglichen Leben den Rücken freihält. Letzteres darf man nicht unterschätzen: Ich hätte bei Weitem nicht so viel Projekte stemmen können, wenn meine Frau nicht in der Zwischenzeit den Haushalt am Laufen gehalten hätte.

Und ich habe eine Tochter, die seit ihren zweiten Lebensmonat auf Cons und Messen unterwegs ist, die auf den Veranstaltungen unwahrscheinlich viel Spaß hat und sich freut, meine Autoren und andere Aussteller zu treffen und für die sprechende Bäume, Orks und Zombies ganz normal sind. Die bereits mit ihren 7 Jahren aktiv mitverkaufen will und bei jeder meiner Lesungen dabei sein möchte. Die auch kein Problem hat, Freitag Abend um 19 Uhr ins Auto zu steigen, die nächsten 5 Stunden im Auto zu verbringen und dann hinten in unserem umgebauten Kleintransporter ins Bett zu kriechen.

Das hätte auch alles anders laufen können. Ich kenne genügend Leute, für deren Kinder eine halbe Stunde Fahrt eine Qual ist. Die verschüchtert bei großen Menschenmengen reagieren und für die eine Buchmesse zum Albtraum mutiert. Ich kenne genügend Verleger, deren Lebensgefährten oder Ehepartner keinen Bock auf dieses Tingeln haben, welches unseren Verlag ausmacht. Die auf allen Veranstaltungen alleine auftauchen, die dann natürlich auch immer weniger Veranstaltungen machen und denen dadurch auch diese Kraft und Energie, die man aus Cons und Messen für sich herausziehen kann, entgeht.

Wenn ich diese bombastische Unterstützung meiner Frau und meiner Tochter nicht gehabt hätte, gäbe es den Verlag Torsten Low heute bereits nicht mehr.


8. Welcher Autor oder welche Person haben dich bei der Idee, einen Verlag zu gründen, am meisten beeinflusst?


Dazu muss ich eine kleine Geschichte erzählen:

Ich habe eigentlich schon mein ganzes Leben lang geschrieben. Und früher tatsächlich auch anderes außer Verträge und Rechnungen. Meine erste Geschichte verfasste ich mit 5 Jahren – mit der tatkräftigen Unterstützung meiner Schwester. Seitdem verließ mich das Schreiben nie ganz. Zwischen 2000 und 2006 war ich einer von mehreren hundert Mitspielern bei Deutschlands damals bekanntesten und größten Play-by-E-Mail-Rollenspiel. Über einen Zeitraum von 5 Jahren hinweg schrieb ich mehrere hundert Seiten Kurzgeschichten über das Volk, welches ich in diesem Spiel steuerte. Irgendwann zeigte ich einer Kollegin und guten Freundin diese Geschichten und sie gefielen ihr. Allerdings war es ihr zu umständlich, aus der regelmäßig erscheinenden Online-Zeitung zum Rollenspiel Woche für Woche meine Kurzgeschichten aus der Masse der Texte herauszufischen – sie wollte gerne mal alles bebündelt auf Papier haben. Irgendwann griff ich die Idee auf – und schrieb die Geschichte nieder. Das war der Anfang des Verlages. So gesehen könnte man Martina, eben diese Kollegin in gewissem Maße als Initiator des Verlages sehen.


9. In welchem anderen Genre würdest du dich als Verleger gern ausprobieren?


Ich bin in der Phantastik aktiv – das lebendigste und interessanteste aller Genres überhaupt. Alles, was wir heute als »Literatur« bezeichnen, hat seinen Ursprung in der Phantastik – seien es die Sagen der Römer, sei es Homers Ilias, sei es das Nibelungenlied oder die Beowulf-Saga bis hin zum guten, alten Faust.

Die Phantastik erfindet sich immer wieder neu – vor 40 Jahren hat noch niemand gewusst, was Cyberpunk ist, vor 20 Jahren war Steampunk noch unbekannt.

Es gibt für mich kein besseres Genre.


10. Welches Buch aus deinem Programm könntest du dir am besten als Film vorstellen und wer sollte die Hauptrolle darin spielen?


Ich glaube, die meisten unserer Bücher würden auf der Leinwand einen Großteil ihrer Magie verlieren. Aber wenn es denn sein soll:

Im Zentrum der Spirale mit einem jungen Elijah Wood als Chris – einfach, weil er so unschuldig wirkt und deswegen für die Rolle des kannibalischen Serienmörders wie geschaffen wäre.


11. Nach welchen Kriterien erfolgt die Manuskriptauswahl?


Aktuell haben wir keine offizielle Manuskriptannahme. Unser Romanprogramm steht bereits bis 2020 und ich mag nur ungern Verträge für mehr als 3 Jahre im Voraus unterschreiben.

Aber es kommt natürlich trotzdem immer mal wieder was rein. Und wenn was reinkommt, dann schicke ich es zuerst an meine beiden Testleser. Wenn ich von beiden ein »Daumen runter« bekomme, mache ich mir nicht die Mühe, reinzuschauen – die beiden sind Vielleser, ihr Urteil hat Hand und Fuß. Da geht dann relativ zügig die Ablehnung mit dem Standardtextbaustein raus. Wenn die beiden mir ein »Daumen hoch« schicken, dann versuche ich, es ziemlich schnell reinzuschieben – was aber immer noch ein gutes halbes Jahr dauern kann. Sind die beiden uneins – oder können sich nicht so richtig entscheiden, dann landet es auf dem Stapel der Manuskripte, die ich durchschaue – und das kann wirklich lange dauern. Also durchaus auch mal über ein Jahr.

Wenn ich die Manuskripte dann selbst lese, schaue ich vor allem, ob es mir persönlich gefällt und ob es zu unserer Zielgruppe und unserer Ausrichtung passt. Mit meiner eigenen Meinung zu dem Skript habe ich dann insgesamt drei Einschätzungen – das hilft bei der Entscheidungsfindung. Seitdem ich das so handhabe, haben wir eigentlich keinen Flop mehr herausgebracht.


12. Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei dir aus?


Ich stehe meist gegen 5:30 auf. Gegen 6:00 sitze ich bereits am Computer, lese Emails und verpacke Bücher. Punkt 7 Uhr stiefele ich mit meiner Tochter los und bringe sie zum Schulbus, danach steige ich ins Auto und fahre in den Brotjob. Den übe ich zwischen 8:30 und 17:00 aus, fahre dann heim, kümmere mich noch ein wenig um meine Frau und meine Tochter. Gegen 20 Uhr sitze ich dann meistens vor dem PC und mache mich an die Projektarbeit. Das läuft mal bis 22 Uhr, mal bis 23 Uhr und manchmal auch bis Mitternacht. Zum Runterkommen brauche ich dann noch ein bis drei Folgen einer Comedyserie von DVD und danach falle ich auch schon ins Bett


13. Welchen guten Rat hast du für junge Autoren/ Hobbyautoren?


Dürfen es auch zwei sein?

1.) Macht eure Hausaufgaben

Wenn ihr einen Verlag anschreibt, dann informiert euch vorher. Informiert euch, ob er überhaupt was annimmt. Informiert euch, ob er das Genre sucht, was ihr bietet. Informiert euch, ob er die Zielgruppe erreicht, die euer Roman ansprechen soll.

Gut drei viertel aller Manuskripte, die mir geschickt werden, kommen nicht bei unseren Testlesern an, weil ich sie vorneweg ausfiltere. Weil wir als Phantastikverlag keine Krimis verlegen. Oder Liebesromane. Oder historische Romane. Und nein, ich mache da keine Ausnahme und gebe euch da auch keine Chance. Ich werde nicht für einen Roman, der überhaupt nicht zum Rest unseres Programmes passt, meine Energie und mein Kapital zersplittern.

Ein gutes Beispiel ist vielleicht noch der Heye Verlag. Beim Heye Verlag gehen jedes Jahr aufs neue mehrere Hundert Manuskripte ein. Und jedes Jahr landen alle diese Manuskripte in der Tonne. Der Heye Verlag hat in den letzten Jahrzehnten keinen einzigen Roman herausgebracht – das ist ein reiner Kalenderverlag. Trotzdem schicken Hunderte Autoren Jahr für Jahr ihre Manuskripte hin – und regen sich dann in Foren über die »bescheuerten Betonköppe aus den bescheuerten Verlagen« auf, die so frech sind, nicht zu antworten.

Macht eure Hausaufgaben. Ihr erleichtert es euch – und den Verlagen.

2.) Lasst euch Zeit.

Ich weiß nicht, woher der Wunsch herkommt, alles immer gleich und sofort veröffentlichen zu wollen.

Ja – ok, habe ich bei meinem Roman auch so gemacht. Ich kann von mir behaupten, wirklich jeden Fehler selbst gemacht und jedes Fettnäpfchen selbst mitgenommen zu haben.

Aber gönnt euch Zeit. Was machen ein, zwei, drei Monate mehr? Lasst das Skript in der Zeit ruhen, beschäftigt euch mit etwas komplett anderem. Und wenn ihr es nach Monaten hervorholt und ihr seid immer noch begeistert davon, dann sucht euch Testleser. Kritische Menschen – nicht Verwandte, nicht Freunde, denn die sind nicht kritisch genug –, die euren Text auf Herz und Nieren prüfen, ihn notfalls auseinandernehmen und in der Luft zerreißen.

Und erst dann, wenn diese kritischen Testleser nichts mehr zum Zerreißen finden, dann solltet ihr an eine Veröffentlichung denken.


14. Woran arbeitest du derzeit?


Bei uns sind die Seelenfänger zum Dreieich-Con Mitte November erschienen. Derzeit arbeite ich an dunkler Phantastik bulgarischer Autoren – das ist mal was komplett anderes. Und ich bin an den »phantastischen Sportlern« dran, die zur Leipziger Buchmesse 2018 das Licht der Buchwelt erblicken werden.


15. Was wünschst du dir für deinen Verlag?


Ich wünsche mir viele, viele Veranstaltungen mit unseren Autoren, viele gemeinsame Essen mit unseren Autoren und viel Spaß mit unseren Autoren.


Weitere Informationen gibt es unter:

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