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Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas 73

Mythen-und-Sagen-der-IndianerKosmogonie der Navajo

Es ist schon ziemlich lange her, als die Navajo, die Pueblo und die Coyoteras noch unter einem großen Berg am Rio San Juan wohnten. Da jener Berg weder oben noch unten eine Öffnung besaß, so herrschte die schwärzeste Finsternis darin, und die Menschen hätten sich sicherlich durch das häufige Gegeneinanderrennen mit der Zeit getötet oder wären verhungert, wenn ihnen nicht der Große Geist dann und wann auf einige Stunden einen schwachen Lichtstrahl gesendet hätte, der jeden Verirrten wieder an seinen bestimmten Platz gebracht und die Hungrigen befähigt hätte, sich einige von den fetten Raubvögeln zu schießen, die ihnen in Unzahl die Köpfe umflatterten.

Außerdem hätte sie auch noch die Langeweile gemordet, wenn ihnen ihr allweiser Schöpfer nicht ein paar alberne Kerle zugesellt hätte, deren Dummheit und Verrücktheit großartig war. Es waren dies merkwürdige spinnenbeinartige Gestalten. Sie hatten viereckige Augen, und die Nasen waren am Rücken herausgewachsen. Sie bliesen ständig auf schlecht tönenden Flöten, die so lang wie ein Blitz und so dick wie ein Lichtstrahl waren, und hüpften dabei immerwährend so närrisch herum, als hätte jeder von ihnen auf jeder Seite einen Catawbarausch.

Nun kam es zufällig eines Tages, dass einer dieser Hanswurste einmal bei einem gewaltigen Sprung mit seiner Flöte gegen die Decke stieß, die so hohl klang, dass die alten Medizinleute meinten, sie könne unmöglich sehr dick sein, und es müsste eine Kleinigkeit sein, sich hindurchzuarbeiten. Gleich wurden die beiden Flöten aneinandergebunden und ein Waschbär herbeigerufen, der daran hinaufklettern und versuchen musste, ein Loch in die Decke zu beißen, was ihm jedoch nicht gelang.

Danach wurde ein riesiger Moskito herbeigeholt, der hatte einen Stachel, der war wenigstens noch dreimal so lang wie die beiden Flöten zusammen und noch dicker als der älteste Eichenbaum. Ihm war es natürlich ein Leichtes, ein Loch in die Decke zu bohren und sich ins Freie hinauszuarbeiten. Dort fand er sich auf einem hohen, von tiefem Wasser umgebenen Berg, auf dem er sich niederließ, um die überirdische Welt mit Muße zu betrachten.

Vor ihm schwammen vier wunderschöne, schneeweiße Schwäne, von denen jeder einen langen Pfeil unter den Flügeln barg. Der Erste davon flog auf den Moskito zu, schoss ihm seinen Pfeil in die Seite und zog ihn dann wieder heraus. Nachdem er ihn genau betrachtet und geprüft hatte, sagte er: »Ah, das ist jemand von meinem Geschlecht.«

Die anderen drei Schwäne taten genau dasselbe, und als sie sich so alle überzeugt hatten, daß der Moskito »von ihrem Geschlecht« sei, gruben sie vier große Kanäle, durch die das Wasser abfloss.

Währenddessen war nun der Moskito durch die Öffnung wieder zurückgekrochen und hatte den unterirdischen Menschen und Tieren die Merkwürdigkeiten und Wunder der oberen Welt beschrieben. Der Waschbär war der Erste, der sich hinausarbeitete. Da er jedoch oben gleich unsinnig und unvorsichtig herumhüpfte, so geriet er tief in den schwarzen Schlamm, der ihm nun seine Beine so dunkel färbte, dass man es an seinen Nachkommen noch heute erkennen kann.

Als ein starker Wind die Erde an den meisten Stellen getrocknet hatte, kamen auch die anderen Menschen und Tiere hervor. Die Navajo waren die Ersten, dann kamen die übrigen Stämme und zuletzt die Blassgesichter. Unter der Erde hatten sie alle eine allgemeinverständliche Sprache geredet, als sie aber oben waren und sich jeder ein eigenes Wohnplätzchen gesucht hatte, bildeten sich gleich so viele Dialekte, dass bald keiner mehr den anderen verstand.

Da sich die Tiere gleich in den Wäldern verliefen, so musste ihre alte Großmutter schnell einige Haustiere schaffen, damit die Menschen etwas zu essen hatten.

Die Erde war noch sehr klein. Es waren weder Himmel noch Sonne, Mond, Sterne oder Milchstraße da, und infolgedessen war es geradeso dunkel wie in der alten Wohnung in der Tiefe des Berges. Um diesem Übelstand abzuhelfen, wurde nun eine große Ratsversammlung abgehalten, wobei ein alter Medizinmann eine sehr gediegene Rede hielt.

Unter anderem sagte er: »Hört, meine Brüder, wir sind jetzt geradeso übel dran wie früher, da wir in der großen Höhle wohnten. Es ist hier geradeso dunkel wie unten. wir stoßen uns hier geradeso leicht die Augen aus wie unten, zerquetschen uns die Nasen oder stoßen sie uns schief und treten uns die Zehen geradeso leicht ab wie früher. Das Einzige, was uns retten kann, ist, dass wir eine Sonne für den Tag und einen Mond mit vielen Sternen für die Nacht bauen, damit wir zu jeder Zeit ordentlich sehen können und imstande sind, uns mit ausreichenden Lebensmitteln zu versorgen.«

Diese große Idee wurde allgemein unterstützt, und gleich wurden die nötigen Vorkehrungen getroffen, sie zu verwirklichen. Ein großes Haus wurde gebaut, allerlei medizinene Stoffe wurden hineingeschleppt, und die alten Navajo machten sich daran, eine Sonne zu bauen, während die anderen Stämme an einem Mond, dem Himmel, den Sternen und der Milchstraße beschäftigt waren.

Als die Sonne fertig war, mussten sie die beiden spindeldürren Narren auf ihre Achseln nehmen und am Himmel befestigen. Es war eigentlich eine unverzeihliche Nachlässigkeit von den Medizinmännern, jene Schafsköpfe mit einem so wichtigen Amt zu betrauen – was sie übrigens auch recht bald bereuen sollten. Sie waren nämlich bei ihrer Arbeit so unachtsam, dass sie die Sonne zu nahe an die Erde setzten, wodurch diese sicherlich in wenigen Stunden verbrannt wäre, wenn nicht gleich alle Leute große Rauchwolken aus ihren Pfeifen dagegengeblasen hätten. Noch viermal musste die Sonne weitergerückt werden, damit die wachsende Erde nicht in Gefahr kam, vollständig ruiniert zu werden.

Der Himmel war inzwischen auch schon vollendet, und die Medizinmänner waren eben daran, ihn mit allerlei schönen Sternbildern auszuschmücken, als plötzlich ein alter Präriewolf dahergelaufen kam, den noch übrigen Sternevorrat in wilder Unordnung an den Himmel warf und dabei die Leute mit spöttischen Reden beleidigte, weil sie mit den lumpigen Himmelslichtern soviel Zeit vergeudet hatten.

Als so Sonne und Mond im Gang waren und am Himmel wie auf der Erde Ordnung herrschte, machten einige alte Medizinmänner zwei große Wasserkrüge. Der eine davon war außen wunderschön bemalt, enthielt aber nur schmutziges Wasser, während der andere rau und plump aussah, aber mit einer Herde Vieh gefüllt war. Die Öffnungen waren bedeckt, sodass niemand sehen konnte, was die Krüge enthielten. Darauf wurden die Navajo und die Pueblo herbeigerufen, und jedem dieser Stämme wurde die Wahl eines dieser Krüge freigestellt.

Die Navajo griffen natürlich hastig nach dem schön verzierten und überließen den anderen den Pueblo, worauf einer der Medizinmänner sagte: »So wird es ewig bei euch zwei Nationen sein: Ihr Navajo werdet nie eine bleibende Stätte finden, weil euch der äußere Glanz zu sehr blendet. Aber ihr Pueblo werdet die nützlichen Dinge stets im Überfluss haben.«

Und so kam es denn auch. Wenn der Navajo noch heute irgendein glänzendes Ding sieht, so scheut er kein Opfer, bis er es besitzt. Der Pueblo aber wird sich nie durch das Äußere bestechen lassen.

Um diese Zeit stand unter den Navajo ein Mann auf, der war ein außergewöhnlich guter Spieler und von unbeschreiblichem Glück begünstigt. Er bereiste alle Dörfer und Niederlassungen und gewann alle Kleinode und Kostbarkeiten der Navajo und zuletzt auch noch alle Leute des ganzen Stammes.

Als er diese alle beisammen hatte, fasste ihn ein kräftiger Jäger am Kopf, legte ihn auf seinen Bogen und schoss ihn hinauf in den Himmel. Aber nach kurzer Abwesenheit kam er wieder zurück und brachte viele Feuerwaffen und eine Menge blutgieriger Spanier mit sich. Dann verließ er seinen Stamm und reiste nach Mexiko, wo er alten Medizinmännern nach noch leben soll.

Die mitgebrachten Spanier gründeten am Rio Grande feste Niederlassungen.

Da die Indianer außer Fleisch, Wurzeln und Kräutern kein anderes Nahrungsmittel besaßen, so kam eines Tages ein riesiger Truthahn vom Morgenstern zu ihnen geflogen und brachte ihnen Welschkorn (Mais) mit, das sie anpflanzten und sich recht gut schmecken ließen. Damit es auch stets gut gedeihe, mussten die Medizinmänner beim Pflanzen aus ihren Pfeifen große Rauchwolken in den Himmel blasen, was dann dieser stets mit einem segensreichen Regen belohnte.

Quelle:

  • Karl Knortz, Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas, Jena 1871

3 Kommentare zu Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas 73

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