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Die Gespenster – Zweiter Teil – Vierte Erzählung

Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Zweiter Teil

Vierte Erzählung

Das Gespenst mit glühenden Augen, welches durch den Schornstein in das Schlafzimmer eines Fräuleins eindringen wollte

Bis zum Jahre 1779 wohnte auf dem herrschaftlichen Gut zu Stechow bei Rathenow ein gewisses Fräulein von Hake, eine Nichte des damaligen Gutsbesitzers. Sie hatte zu Herford die Stelle einer sogenannten Hof und Staatsdame bekleidet, wegen schwächlicher Gesundheitsumstände aber den Abschied genommen, um dia wenigen Jahre, die sie zu leben noch erwarten konnte, in stiller Ruhe hinzubringen. Sie vereinigte die achtungswürdigsten Eigenschaften beides, des Verstandes und des Herzens, in sich. Ihr Umgang gewährte dem Prediger des Ortes, Herrn Hülsen, die lehrreichste und angenehmste Unterhaltung. Fern von Vorurteilen und vom Aberglauben war sie auch in dieser Hinsicht ein Muster ihres Geschlechts und ihres Standes. Aber zu den schönsten Zügen im Bild ihres Charakters lieferten vorzüglich ihre religiöse Gewissenhaftigkeit und die strengste Wahrheitsliebe den Stoff. Nichts übertrifft daher die Glaubwürdigkeit des folgenden, durch sie selbst bekannt gewordenen Ereignisses:

Fräulein von Hake bewohnte zu Stechow das obere Stockwerk des adligen Hauses, in welchem niemand schlief als sie und ihre Kammerjungfer. Jedoch konnte, wenn die Umstände es erforderten, aus einiger Entfernung von ihrem Zimmer der Wirtschafter leicht herbeigerufen werden und ihr die nötigen Hilfsleistungen verschaffen. Ihre Kränklichkeit war von der Art, dass sie fast beständig Mangel an Schlaf litt und durch das geringste Geräusch geweckt werden konnte. Kein Wunder daher, dass ste einst in einer finsteren Frühlingsnacht des Jahres 1778 durch ein starkes spukhaftes Poltern in der Schornsteinröhre ihres Zimmers nicht nur im leisen Schlaf gestört, sondern auch heftig erschreckt wurde. Das Geräusch hatte Ähnlichkeit mit demjenigen, welches zu entstehen pflegt, wenn beim Fegen eines Schornsteins der Ruß stark abgekratzt wird. Nachdem es wenige Augenblicke aufgehört hat, beginnt es mit verstärkter Gewalt und in veränderten Tönen von Neuem. Nun ist es auf dem Vorsaal, nahe bei der Stubentür. Es scheint dem Fräulein, als ob ein kleiner Knabe mit beiden Füßen zugleich in kurzen Sätzen zu springen versuche. Auch die Kammerjungfer erwacht von dem fortgesetzten Geräusch des springenden Nachtgeistes. Man horcht, denkt nach, was das Natürliches sein könne, flüstert sich Vermutung zu, ohne jemals auf die richtige zu kommen. Das Poltern hält nicht nur an, sondern verstärkt sich auch noch. Das Fräulein befiehlt ihrer Jungfer, nähere Untersuchung über dieses Geräusch anzustellen.

Aber diese ist keine solche Närrin, dass sie sich so ohne Umstände dem Polterer hätte preisgeben und zur Stube hinausgehen sollen. Ohne langes Nachdenken sah sie sogleich ein, dass da an keinen natürlichen Hergang der Sache mehr zu denken sei, denn was anderes als ein spukender Unhold hätte durch den Schornstein zu ihr und zum Fräulein kommen sollen. Nichts ist daher begreiflicher, als dass sie zögerte, die Befehle ihrer Gebieterin zu erfüllen. Unzufrieden mit der Furchtsamen, rafft das Fräulein selbst alle Kräfte zusammen, öffnet die Stubentür,und ruft den schlafenden Wirtschafter zur Hilfe. Aber hilf Himmel! Da steht denn auch der kleine Springer mit feurig funkelnden Augen und macht eine Bewegung, welche mit einem Klatschen verbunden ist, als ob jemand die Hände zusammenschlägt. Es war, als ob er in die Stube hineinschlüpfen wollte, aber das erschrockene Fräulein schlug ihm die Tür vor der Nase zu. Endlich kam der Herbeigerufene und brachte Licht. Man schritt zur näheren Untersuchung und entdeckte eine große Eule, die durch den Schornstein gefallen war, und auf dem Vorsaal herumhüpfte, wahrscheinlich um ein Schlupfloch zur Wiedererlangung ihrer Freiheit zu suchen. Gesetzt, das Fräulein hätte weniger entschlossen, furchtsam und abergläubig wie das Jüngferchen sich unter das Bett verkrochen anstatt eine Untersuchung der Sache zu veranlassen, oder gesetzt auch nur, die verirrte Nachteule wäre so glücklich gewesen, vor der Ankunft des Wirtschafters einen Ausweg zu finden und etwa durch einen aufstehenden Fensterflügel zu entwischen, würden nicht alle, die ihre Einbildungskraft so gerne durch den Glauben an Geistererscheinungen empören, die unruhigste, angstvollste Nacht gehabt haben? Und wer hätte es dann wagen dürfen, die daraus entstandenen, höchst wundersamen und schaudervollen Spukgeschichten solcher Damen natürlich erklären und etwa einer verirrten Nachteule zuschreiben zu wollen?

Die Eule wurde danach auf einen Kornboden gebracht und stiftete bis an ihren Tod, der erst im Winter erfolgte, den Nutzen, dass sie diee Mäuse wegfing.

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