Download-Tipps

Marshal Crown Band 30

Archive
Folgt uns auch auf

Dämonische Reisen in alle Welt – Kapitel III, Teil 3

Johann Konrad Friederich
Dämonische Reisen in alle Welt
Nach einem französischen Manuskript bearbeitet, 1847.

Kapitel III, Teil 3

Man gab Die heimliche Ehe von Cimarosa. Lablache, Viktorias Singlehrer, spielte zum Entzücken und hatte sich des Beifallsklatschens seiner königlichen Schülerinnen zu erfreuen, die mit ihren kleinen Händen und ihrer fast kindischen Stimme das Zeichen zum allgemeinen Applaus gab, den die hinter ihr stehenden Oberstall- und Oberjägermeister, die Grafen von Jersey und Roßlyn auf das Kräftigste mit ihren starkknochigen Händen sowie die Ehrenritter, der Marquis von Osmond, der Graf von Warwick, der Graf von Hardwick und Lord Byron mit ihren niedlichen, zu sonst wenig taugenden Hofpatschen unterstützten.

Die Persiani spielte und sang allerliebst, ebenso die Grisi und Mario, die anderen taugten nicht viel. Was aber Michel mehr als die Oper interessierte, war die hohe englische Aristokratie, sowohl die des Adels als auch die der Finanzen hier so ziemlich vereint zu sehen. Er ließ sich von seinem Freund Asmodi hauptsächlich diejenigen unter ihnen bezeichnen, welche die eingefleischtesten Gegner der Korngesetze waren, die das grenzenlose Elend des armen Volkes etwas mildern sollten.

Er machte ihn mit einem hundert derselben, meistens reiche und große Gutsbesitzer, bekannt, deren mitleidsloser Egoismus sich zum Teil in ihren langen, hageren, etwas stieren, zum Teil in ihren sanft ausdruckslosen dickbackigen Gesichtern deutlich wahrnehmen ließ. Die meisten derselben verschwendeten ungeheure Summen für überflüssige Pferde, wohlgenährte Jagdhunde, die sie zu Hunderten oft mit Leckerbissen fütterten, während so mancher arme Tagelöhner in den Grafschaften, in denen sie ihre Güter hatten, seinen auf verfaultem Stroh halb nackten oder dürftig in Lumpen gehüllten Kindern oft kein Stückchen verschimmeltes Brot, keine verdorbene Kartoffel reichen konnte, um deren nagenden Hunger zu stillen. Andere zahlten Jahrgehalte von zwei-, drei-, viertausend Pfund und mehr an feile Weiber, die sie, freilich ohne es zu ahnen, mehr für andere als für sich unterhielten.

Besonders gehörte es zum guten Ton, eine Bein- und Fußkünstlerin, vulgo Tänzerin zur Mätresse zu haben und diese gehörig mit Diamanten und Brillanten zu schmücken, sodass wenigstens Ohren, Arme und der Busen bei jeder Bewegung die blendendsten Blitze in allen Farben schleuderten und manche dieser Sylphiden die Schatzkammer eines indischen Nabobs geplündert zu haben schien, wie zum Beispiel Miss Plumbett.

Den Michel wurmte dies gewaltig. »Wie«, rief er aus, »während Hunderttausende im Elend und Jammer verschmachten, verhungern und umkommen, verprassen einige Hundert dieser Privilegierten die Schätze Indiens in der schamlosesten Üppigkeit, selbst den Anblick dieses Elends scheuend und ihm ausweichend, aus Furcht, dass es den Genuss ihrer Gelüste mindern könnte! Warum lässt wohl die Vorsehung so etwas zu?«

»Dies wird sich dereinst alles aufklären«, meinte Asmodi. »Einstweilen möchte ich aber diesen englischen Granitherzen doch eine kleine Lektion geben.«

Das Duett Sie müssen sich bequemen … war soeben beendet worden, und die Worte Nur mit Gold kann man lenken einen solchen Mammonsknecht hatte der singende Künstler recht vernehmlich und mit großem Beifall vorgetragen, als sich die Bühne nach dem Abtritt der Sänger auf einmal verfinsterte und die Dekoration, zuerst in Wolken gehüllt, sich allmählich in eine armselige Hütte verwandelte, in welcher auf mehreren faulen Strohlagern sich einige Dutzend noch lebende Menschengerippe befanden, an denen nichts als Haut und Knochen war, und die, von jedem Alter und Geschlecht, in Lumpen gehüllt, zur höchsten Notdurft ihre verschämtesten Blößen bedeckten, wimmerten, heulten, ächzten und krächzten und nach einem Stück Brot schrien.

»Was soll das?«, rief eine Stimme neben der königlichen Loge, »dies ist doch keine Szene aus der heimlichen Ehe, soviel mir bekannt ist.«

»Wahrhaftig nein, Herr Oberhofmarschall, die Szene ist nur zur Unterhaltung Ihrer Majestät und der hohen Herrschaften eingelegt, improvisiert, aber ganz aus dem Leben gegriffen«, rief eine Stimme aus einer anderen Loge dem Frager zu.

Das ganze Publikum war wie versteinert. Unterdessen spielte die eingelegte Szene auf der Bühne fort.

Statt der italienischen Triller, Koloraturen und sonstigen musikalischen Schnörkeleien vernahm man nur ein herz- und ohrenzerreißendes Wimmern, Heulen und Schreien, das, so grell auch die Töne sein mochten, doch eine grässliche Harmonie hervorbrachte. Plötzlich trat ein Mensch mit zerstörtem wildem Blick in die einem Hundeloch ähnliche Hütte, ein grobes halbes Brot in der einen Hand haltend, und damit auf ein Lager, das links in einem Winkel war und sieben solcher halb verhungerten Geschöpfe groß und klein beherbergte, zugehend, denselben die Worte Brot! Brot! zukeuchte. Alle rissen die Augen starr auf, erhoben sich mühsam, mit gierigen Blicken, offenem Mund, ihre schmutzige Beschäftigung verlassend, die darin bestand, sich von einem Teil des sie fressenden Ungeziefers möglichst zu befreien, und umringten den Mann, der Brot! gerufen hatte, während die Gerippe in den anderen Winkeln sehnsüchtig zu der aufgestandenen Gruppe stierten. Der Mann, der das Brot brachte und nun unter die sieben Unglücklichen verteilte, von denen eines die Mutter der Übrigen schien, war der Vater dieser elenden Familie. Das halbe, ganz trockene, grobe Brot war schnell in sieben Stücke gebrochen ober vielmehr zerrissen, denn die Hände des Vaters mussten das Messer ersetzen, und ebenso schnell waren mit dem schrecklichsten Heißhunger die Stücke verschlungen. Aller Blicke sprachen deutlich ein Noch mehr! aus. Die nicht halb Gesättigten schlichen und krochen wieder zu ihrem Lager, sich krümmend und stöhnend wieder an die ge­wohnte eckelhafte Beschäftigung machend.

Zum zweiten Mal öffnete sich die Tür der Hütte, und ein hohläugiges, in farblose Lumpen gehülltes Weib trat schlotternd ein, in ihren Händen ein topfartiges Gefäß haltend, mit dem sie in einen anderen Winkel dieses Stalles wankte und einem anderen halben Dutzend ähnlicher Geschöpfe den Inhalt desselben auf das schmutzige Stroh ausleerte. Es waren Überreste von abgequellten, noch ungeschälten, größtenteils verdorbenen Kartoffeln, über welche die Elenden gleich hungrigen Wölfen herfielen, sie mit Haut und Schale auffraßen, oft nicht einmal sich die Mühe gebend, sich ihrer Hände znu bedienen, um sie aufzufassen, sondern gleich dem lieben Vieh sih mit den Mäulern wegschnappend.

Ein zweites, wo möglich sich in einem noch scheußlicheren und ekelhafteren Zustand befindendes Weib trat nun ein, eine Schüssel unter dem Arm haltend, mit der sie in einen dritten Winkel schlich und dieselbe einer ähnlichen Gruppe vor das Strohlager stellte. Auch hier fielen die elenden Geschöpfe gleich den anderen gierig darüber her und verschlangen die Überreste von im Wasser gesottenen Gemüse, einige Rüben und Grütze durcheinander gerührt, eine Kost, wie man sie in den deutschen Bauerndörfern in der Regel den Schweinen vorstellt. Eines unter diesen Elenden war so glücklich, einen Knochen zu erhaschen, der sich unter dem Gemengsel vorfand und an dem noch einige Fetzen Haut und Knorpel hingen. Aber kaum hatte er den Fang getan, so fielen auch die anderen über ihn her und wollten ihm den Fund entreißen, um den sich die ganze Gruppe nun balgte, bis die Mutter, welche das Essen gebracht hatte, mit Fäusten dreinschlug, den Kindern den Knochen entriss und ihn dem ältesten, elfjährigen Jungen zuteilte, der ihn nun ruhig abnagen durfte, während seine Geschwister mit neidischen Blicken nach ihm schielten.

»Aber ist dies auch eine Vorstellung, welche in die italienische Oper gehört und der allerhöchst Ihre Majestät mit dero ganzem Hofstaat und allen Ministern beiwohnen?«, fragte eines der plattesten Gesichter in der königlichen Loge.

»Allerdings, mein Herr, gerade für dieses Publikum ist sie gemacht und am passendsten«, wurde ihm aus Michels Loge geantwortet. »Doch nur einen Augenblick Geduld, sogleich werden erfreulichere Bilder ihre Augen und Ohren ergötzen.«

Die Königin sowie das ganze Publikum waren starr, stumm, und wie versteinert. Einige versuchten es zwar, sich von ihren Sitzen zu erheben, um sich zu entfernen, aber vergeblich. Alle waren bewegungslos und wie an die Stelle, auf der sie standen, angenagelt, gebannt, und vermochten sich nicht zu rühren.

Jetzt verwandelte sich die Bühne wieder, und das Theater stellte einen freundlichen, hellen, sehr geräumigen, hohen und wohlverwahrten, mit bunten Farben lustig bemalten Behälter vor, in welchem teils auf frischem Stroh, teils auf Teppichen und kleinen Matratzen mehr als ein halbes Hundert der schönsten, wohlgenährtesten, zum Teil mit silbernen oder doch samtenen Halsbändern geschmückten Hunde in der wohlbehaglichsten Ruhe lagerten. Es traten ein paar reich und bequem gekleidete Diener ein, welche in reinlichen Gefäßen wohlzubereitete Speisen, teils aus kräftigen Suppen und gesottenem oder geröstetem Fleisch, teils aus gut gebackenem Weizen- oder Roggenbrotbestehend, brachten und setzten die mehr als zum satt werden reichhaltigen Portionen den vierbeinigen Geschöpfen vor, welche eben kein sehr gieriges Verlangen nach diesem splendiden Mahl zu haben schienen, obwohl sie von den gefälligen Dienern geschmeichelt, gestreichelt und geliebkost wurden, und die aus den vorgestellten Schüsseln nur das Leckerste herausschnüffelten und den Rest verächtlich stehen ließen, die Gefäße umwarfen, den Boden mit den Brühen tränkten und sich dann wieder zur gemächlichen Verdauung niederlegten, bis auf einmal ein Hallo und Hörnerklang von außen ertönte, worauf alle lustig aufsprangen, der sich öffnenden Pforte zueilten. Als sie sich durch dieselbe gedrängt hatten, traten andere Diener ein und reinigten das verlassene Gemach auf das Sorgfältigste und Sonderlichste, gehörig frische Luft einlassend, während man von außen das Getöse zur Vorbereitung einer glänzenden Jagd, lustigen Hörnerklang, wilde Hallos, Peitschenknall und Rüdengebell vernahm.

Die Bühne veränderte sich abermals und stellte jetzt das Budoir der Miss Betty Adkinson, einer modernen englischen Lais, vor, die früher unter einem andern Namen Operntänzerin gewesen war, jetzt aber, obwohl noch jung und wenn auch eine etwas gekünstelte Schönhelt, es vorzog, auf ihren goldenen Lorbeeren zu ruhen.

Das Gemach war mit karmoisinrotem genuesischem Thronsamt drapiert, die Draperien mit goldenen Bienen gestickt und die Behänge mit dicken Bouillobfransen von demselben Metall verziert. Acht Riesenspiegel warfen die Pracht des köstlich ausgeschmückten Gemachs, dessen Möbel alle von Palisander mit reich vergoldeten kostbaren Stuckaturarbeiten verziert waren, hundertfältig wieder. Die Schöne lag nachlässig auf einer Ottomane ausgestreckt, ihre vertraute Zofe kniete vor ihr nieder, ihr mehrere geöffnete Schmuckkästchen hinhaltend, während sie aus einer Vermeiltasse Tee schlürfte.

Die Szene spielte in den ersten Abendstunden.

»Dies schickte Lord B…«, sagte die kniende Clary zu ihrer Gebieterin.

»Opale, kaum 200 Pfund wert. Der edle Lord hätte besser getan, sie seiner alten Hausehre zu verehren. Er ist toll, wenn er glaubt, dass ich mich mit solchem Bettel schmücke. Lege sie beiseite, du wirst sie ihm bei erster Gelegenheit mit guter Manier wieder zustellen«, sagte Betty mit ärgerlich -verächtlicher Miene zur Zofe.

»Dies hier ist von Lord O…«, fuhr Clary fort, eine Kapsel öffnend.

Betty nahm eine Brosche aus derselben, und dieselbe von allen Seiten betrachtend sprach sie: »Der Solitär ist nicht übel, könnte jedoch etwas größer sein und mehr Feuer haben. Übrigens ist er vom reinsten Wasser und schön geschliffen, so wie die ihn umgebenden Rosetten. Was meinst Du, Clary, was der Bettel wohl wert sein mag?«

»Ich verstehe mich schlecht auf die Schätzung der Diamanten, Milady aber auf jeden Fall sind sie mehr als fünfhundert Pfund wert.«

»Bah! Wo denkst du hin, der Solitär ist unter Brüdern zweitausend Pfund wert, einfältiges Mädchen.«

»Wie gesagt, ich verstehe nicht zu schätzen. Hier noch ein Präsent vom Herzog von E…«

»Von diesem einfältigen Gecken? Lass sehen! Wie, sein Porträt? Es lohnte sich auch der Mühe, dieses Affengesicht malen zu lassen. Aber die Steine, die es umfassen, sind kostbar, herrlich! Ha, wie das funkelt und blitzt! Bei Gott, damit könnte man ja das prächtigste Landgut kaufen. Höre, der Herzog ist doch so albern nicht, er hat wenigstens einen guten Geschmack. Ist das alles?«

»Außer einem Dutzend Billet-doux. Ja.«

»Für heute genug, die Briefchen kannst du mir morgen beim Lever vorlesen.«

Ein schwer mit Gold betresster weiß gepuderter Lakai trat ein.

»Der Viscount F…«

»O, der langweilige filzige Pinsel.«

»Milady befehlen?«

»Er mag eintreten, da ich doch keine bessere Unterhaltung habe. Clary, du bleibst.«

Der Viscount trat durch die geöffneten Flügeltüren, näherte sich der Miss und küsste deren Hand unter tausend Bücklingen, sich zugleich nach ihrem teuren Befinden erkundigend.

»Erlauben Sie, meine Schönste der Schönen, Ihnen meine schuldige und grenzenlose Verehrung in dieser kleinen Blume darzubringen.«

Der Viscount überreichte der Miss ein goldenes emailliertes forget me not, mit einigen Perlen besetzt, auf dessen emaillierten Blättern kleine, Pfeile abdrückende Amoretten gemalt waren. Das Ganze hatte die Größe einer gewöhnlichen Vorstecknadel.

»Allerliebst, Viscount. Mein Gott, wie kommen Sie dazu, mich so kostbar zu beschenken, welche Verschwendung! Dies bin ich gar nicht wert.«

»Doch, doch, meine Beste, Sie sind alle Schätze der Welt wert. Wenn ich sie nur hätte, mit Freuden legte ich sie Ihnen zu Füßen. Einstweilen nehmen Sie mit dieser Kleinigkeit vorlieb, die mich bei Ihnen in geneigtem Andenken erhalten soll. Leider kann ich heute Abend nicht bei Ihnen verweilen, da ich an den Hof unserer kleinen Victoria eilen muss, um meine Aufwartung zu machen, und mich schon etwas verspätet habe. Sie wissen, Miss, unsere gute Königin ist ein kleiner jähzorniger Teufel, wenn er anfängt, mit dem nicht gut spaßen ist. Sie werden mich also für heute entschuldigen, wenn ich …«

»Gehen Sie, gehen Sie, Viscount, ich wäre untröstlich, wenn Sie sich wegen mir die geringste Unannehmlichkeit zuzögen, gehen Sie, Viscount. Clary, leuchte dem Herrn.« (Sie sprach einige Worte leise mit der Kammerfrau.)

»Ein andermal, Holdeste der Schönen, werde ich …«

»Schon gut, schon gut, machen Sie, dass Sie sich nicht verspäten.«

Clary hatte unterdessen aus einer Tischlade ein Stück Papier genommen, und zündet es am Licht an. Der Viscount bemerkt es, sah mit der Lorgnette hin und fiel der Zofe schnell in den Arm, denselben mit dem schon brennenden Papier zurückziehend.

»Um Gottes willen, mein Kind, was tun Sie, das ist ja eine Banknote, welche Zerstreuung!«

Er versuchte die Flamme auszublasen, aber Clary hielt den Arm höher, und Betty sprach: »Nicht doch, Herr Viscount, so pflege ich meinen besten Freunden heimleuchten zu lassen. Es ist ja nur ein Licht von hundert Pfund.«

Der Viscount entfernte sich nun mit stieren Augen, rückwärts unter tausend Bücklingen zur Türe hinausstolpernd. Betty und Clary brachen in ein lautes Gelächter aus.

In diesem Augenblick traten die Lords B… und P… ein, der eine Oberst bei der Garde, der andere General der Kavallerie, brachten der Schönen ihre Huldigung dar und erkundigten sich nach der Ursache ihrer gewaltigen Hilarität. Die Dame erzählte ihnen lachend den Scherz, den sie sich mit dem Viscount F… soeben erlaubt habe, der ihr ein herzbrechendes Geschenk mit einer Nadel von etwa anderthalb Guineen an Wert gemacht hatte.

»Wir begegneten ihm auf der Treppe, er war so zerstreut, dass er kaum unseren Gruß erwiderte, und schien gewaltig verblüfft«, sagte der Gardeoberst.

»Diese Geschichte muss ich morgen am Hof unserer kleinen Victoria erzählen, die wird sich köstlich amüsieren.«

Es kamen nun nacheinander noch mehrere Kavaliere vom Hof, Pairs, Lords, Bankiers zu der berühmten Schönen, dieselbe um die Wette mit Artigkeiten überschüttend, und zwar oft auf Kosten der berühmtesten Hofschönheiten und der Königin selbst. Aber das Ärgste bei der Sache war, dass alle täuschend ähnlich gewisse Personen darstellten, die sich samt deren Frauen zum Teil in der königlichen Loge oder doch in der Nähe derselben ihrem alter ego en face befanden, sodass es unmöglich war, sie zu verkennen, und dieser Teil der Zuschauer sich dadurch in die allerpeinlichste Lage versetzt sah, ohne sich auch nur im Geringsten auf irgendeine Art derselben entziehen zu können, während die Augen ihrer Frauen Zorn und Galle zu sprühen schienen.

Doch plötzlich verwandelte sich abermals die Bühne, und das Theater stellte nun einen freien Platz vor, auf dessen Mitte ein Galgen stand, der von zahllosen Menschen umgeben war, und aus allen Fenstern der den Platz umgebenden Häuser reckten die Neugierigen Kopf an Kopf heraus, um das Vergnügen zu haben, einen armen Teufel hängen zu sehen, der einen reichen Lord auf offener Straße eine zwar ungeladene Pistole auf die Brust setzte, weil er ihm eine milde Gabe für seine verhungernde Familie versagt hatte, und nun durch Drohung und Gewalt fünf Pfund von demselben ertrotzte, weshalb er als des Straßenraubes mit gewaffneter Hand schuldig, zum Strick verurteilt worden war.

Als das Schauspiel dieser Hinrichtung, während welcher man viele Taschendiebe ihre Kunststücke machen sah, vollendet war, verwandelte sich das Theater wieder in die Zimmerdekoration der heimlichen Ehe, und die Oper hatte nun ihren ungestörten Fortgang. Der Hof und alles, was ihn umgab, schien jedoch selbst an Lablaches und der Persiani Spiel und Gesang kein Behagen mehr zu finden und entfernte sich samt der Königin. Ihm folgten bald alle übrigen Notabilitäten in den Logen, wenige ausgenommen, unter denen der Bankier Baring und einige andere. Die Oper, die so glänzend begonnen, wurde nun fast vor leerem Haus beendet.

Auch Michel und der Teufel machten sich davon und gaben sich für den andern Morgen ein Rendezvous im Prinzenhotel zu Paris, wohin Asmodi seinen Gefährten noch denselben Abend brachte, und der daselbst übernachtete.

Den anderen Morgen stand zur gewöhnlichen Stunde Asmodi vor seinem Schützling, das heute vorzunehmende Tagwerk beratend.

»Zuerst muss die Sache mit Rosa-Maria, die ich diesen Morgen bestechen will, ins Reine, sonst habe ich keine Ruhe. Das Mädchen liegt mir mehr am Herzen, als ich glaubte.«

»Wohlan, bekleide dich, wir wollen im Sacré-Coeur die beiden hübschen Kinder bestechen, dann zu deren Eltern gehen, wo wir den alten Sünder finden und ihm den Kopf zurechtsetzen werden, und dann …?«

»Dann möchte ich Bedlam einen Besuch machen.«

»Wie, dem Londoner Tollhaus?«

»Freilich.«

»Hast du an der übrigen Welt nicht genug?«

»Diese ist nur voll unnatürlicher Narren. Ich möchte auch einmal die natürlichen sehen. Sodann ist heute Abend maskierter, travestierter und Bal paré in der großen Oper zu Paris, damit können wir das Tagewerk beschließen.«

»Gut, von einem Narrenhaus in das andere oder in noch etwas Schlimmeres.«

»Wieso?«

»Durch diese Opernbälle hat Leo Pillet das Opernhaus in ein wahres Prostitutionshaus und in eine Diebshöhle verwandelt. Im Allgemeinen werden diese Bälle nur von drei Klassen Menschen besucht, nämlich den Freudenmädchen und feilen Dirnen, den Dieben und Beutelschneidern, und den Einfaltspinseln, die sich dort von den Dirnen betölpeln und von den Dieben bestehlen lassen.«

»Wir würden zu den Einfaltspinseln gehören.«

»Du wahrscheinlich, wenn ich nicht wäre.«

»Warum gestattet man aber solchem Gesindel den Zutritt?«

»Dies ist wieder einmal eine recht naive Frage: Weil Herr Leo Pillet, der die königliche Akademie der Musik zu einer Akademie der Stümper umgewandelt hat, sich auf jede Weise Geld machen will und muss, um die trotz der großen Subvention bestehenden Ausfälle zu decken.«

»Indessen dächte ich, dass die ziemlich hohen Eintrittspreise doch das ärgste Gesindel von dem Besuch dieser Bälle abhalten sollte.«

»Man sieht, wie wenig du mit den Theaterzuständen bekannt bist. Auf dem Zettel steht allerdings 10 Franc das Billet, indessen kannst du dasselbe bei allen Perückenmachern, in allen Estaminets, Kaffeehäusern und anderen Kneipen für 6 Franc und noch darunter kaufen. Aber das ist noch nicht alles. Du erhältst noch zwei bis drei, ja vier sogenannte Damenbillets mit in den Kauf, die man dir sozusagen noch aufbringt. Daher kommt es denn, dass sich mehrere Damen der Art, wie man sie zu Hunderten auf diesem Ball findet, cotisieren, um ein Herrenbillet zu kaufen, welches sie sodann einem Subjekt von ihrer sauberen Bekanntschaft um drei Trumpel wieder verkaufen oder wohl auch verehren, sodass nun vier bis fünf Personen, von denen eine jede nur wenige Sous ausgibt, den Eintritt zum Ball haben. Außerdem erhalten all die Tagediebe und ähnliche Subjekte, welche sich in sogenannten Charaktermasken – sie mögen auch noch so lumpig und schmutzig sein – anmelden, auch die Herrenbillets um ein Drittel ihres Nennwertes und noch darunter. Du siehst also, auf welche Weise man diese Bälle zu füllen und zu überfüllen versteht, und sodann die Gimpel auf die plumpste Manier intrigiert und ihnen die Taschen leert.

»Dass aber die Journale einen solchen Unfug nicht rügen?«

»Die Journale? O sancta simplicitas! Die Journale? Ist denn auch ein Einziges, dessen Direktor oder Redakteur en chef nicht bisweilen eine Freiloge von der Gnade des Herrn Leo Pillet zu erbitten hätte? Im Gegenteil, sendest du nicht alle Augenblicke, um dem Publikum und der Welt Sand in die Augen zu streuen, Stellen wie diese:

Was man auch über die Bälle unserer großen Oper sagen mag, es bleiben diese doch immer eines der großartigsten und prachtvollsten Schauspiele dieser Art. Keine Stadt der Welt kann Ähnliches aufweisen (wohl möglich) und auf dem Letzten bemerkten wir wieder Personen aus den höchsten Ständen, wenn auch im tiefsten Inkognito, in Masse im Opernsaal und in den Logen. Man spann ebenso interessante wie pikante Intrigen etc.

und Ähnliche in denselben? Doch jetzt wird es Zeit sein, dass wir uns auf den Weg machen.«

»Ich bin bereit.«

Ein Remisewagen fuhr vor und brachte die beiden Kameraden in das Sacré-Coeur.

In das Sprachzimmer geführt, verlangten die Herren ihre Cousinen zu sprechen. Man willfahrte ihnen mit zuvorkommender Gefälligkeit, und bald traten Rosa-Maria und ihre Schwester in Begleitung einer älteren Schwester in das Zimmer. Beide waren schwarz gekleidet und in eine Art Schleierkappe gehüllt. Dieses Kostüm trug nicht wenig zu der Verschönerung ihrer Reize bei, und Rosa-Maria besonders glich in ihrer Einfachheit einem wahren Engel. Ihr früheres kokettes Wesen schien fast gänzlich verschwunden, und eine liebliche Einfalt an dessen Stelle getreten. Michel war entzückt, konnte sich nicht sattsehen an dem schönen Kind und fragte erst, nachdem er von seinem bewundernden Staunen etwas zurückgekommen war, nach dem Befinden der beiden Mädchen, und wie es ihnen hier gefalle.

»Recht sehr gut«, erwiderten beide zugleich, »schade nur, dass wir diesen Aufenthalt, wo man uns so wohl will und wir die Schwestern schon so lieb gewonnen haben, sobald wieder verlassen sollen.«

»Wieso?«, fragte Michel erstaunt.

»Gestern war meine Mutter hier«, erwiderte Rosa-Maria mit fast kläglicher Stimme und verkündete uns, dass wir in wenig Tagen das Kloster verlassen würden, da sich die Umstände geändert hätten, und dies auch ihr Wille sei.

»Ist es möglich!«, rief Michel aus. Sich jedoch schnell besinnend setzte er hinzu: »Dies muss auf einem Irrtum beruhen. Seid ganz ruhig, Kinder, ich verspreche euch, dass ihr bleiben werdet.«

»Das ist allerliebst«, riefen beide Mädchen aus, in ihre kleinen Hände patschend, »man gibt uns hier einen so angenehmen und unterhaltenden Unterricht und lehrt uns so schöne Dinge, Wissenschaften und Kenntnisse, von denen wir nie eine Ahnung hatten«, setzte Rosa-Maria hinzu.

Michel ließ sich nun von der Kleinen mitteilen, wie sie ihre Tage zubrachte, und sie erzählte ihm mit großer Geschwätzigkeit, wie ihre Stunden zwischen dem Religionsunterricht, feinerer Handarbeit, von der sie hoffe, ihm bald eine Probe geben zu können, und dem Unterricht in der Erdbeschreibung, Geschichte, Musik, Sprachlehre usw. geteilt seien. Ihre ältere Schwester Detavie plauderte nicht minder zur Zufriedenheit des Hinkenden, der ein recht frommes Schafsgesicht angenommen hatte. Die Unterhaltung mochte beinahe eine Stunde gedauert haben, als eine der frommen Schwestern eintrat und den Mädchen verkündete, dass ihre Klavierlehrerin sie erwarte.

So gerne Michel noch länger verweilt hätte und so ungern er sich von dem Mädchen trennte, so blieb ihm doch keine andere Wahl übrig, als der Notwendigkeit nachzugeben. Öfteres und baldiges Wiederkommen versprechend nahm er samt seinem Freund Abschied und fühlte dabei eine große Beklommenheit, ein fast banges Gefühl, das verkündete, dass sein Herz ihm nicht mehr angehöre.

Asmodi hatte es bemerkt und sagte das Kloster verlassend: »Aha, wir haben uns gefangen.«

»Nun zu den Eltern!« war alles, was Michel antwortete.

Diese wohnten jetzt nicht mehr in einem Hinterhaus der Straße Chaillot, sondern hatten eine elegante Wohnung im Faubourg St. Honoré bezogen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.