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Der Marone – Der Ruf des Solitärs

der-marone-drittes-buchThomas Mayne Reid
Der Marone – Drittes Buch
Kapitel 36

Der Ruf des Solitärs

Von seinem Sitz am Rand des Felsens hätte Chakra, wäre es am Tag gewesen, Willkommenberg ganz genau sehen können. Allein jetzt in der finsteren Nacht, die das ganze Tal einhüllte, selbst die Lage des Hauses nur vermutet werden können, wäre nicht durch die Jalousien des großen Hauses der Schimmer vieler Lichter zu sehen gewesen.

Besonders aus den Seitenfenstern der großen Halle, die Chakra ganz wohl bekannt war, glänzte so helles Licht, dass man glauben musste, es sei dort Gesellschaft und gehe ganz munter her.

»Humm!«, rief der Myalmann aus, als er das viele Licht im großen Haus zu Willkommenberg gewahrte. »Das sieht wahrhaftig gar nicht aus, als wenn dort Trauer wäre. Da können sie von dem Tod noch nichts gehört haben. Vielleicht haben sie den Körper des Custos zur Pflanzung Content gebracht. Ganz gewiss haben sie von der ganzen Sache noch nicht das Geringste erfahren und lassen sich wenig träumen, dass der stolze Herr von dem großen Buff da jetzt schon längst ein kalter Leichnam ist. Nein, das ist kein Trauerhaus! Aber wenig schadet es. Nein, gerade desto besser! Um so leichter können wir das Gold und das Silberzeug nehmen, die silbernen Löffel und Gabeln. Das wird ein Fang werden! Humm!«

»Doch was kümmern mich die Löffel und Gabeln? Nichts, gar nichts! Ich begehre nur eins, und das ist mehr Wert als alles Silber, alles Gold, mehr wert als das ganze Willkommenberg! Das ist die kleine Quasheba! Humm! Ich habe sie so manches Jahr geliebt und liebe sie jetzt noch mehr als je zuvor! Ja, ich liebe sie mit der ganzen Kraft meiner Seele! Habe ich nur einmal das hübsche weiße Mädchen in meinen Armen, dann mache ich mir nichts aus allen silbernen Löffeln und Gabeln! Den ganzen Plunder kann der alte Adam nehmen.«

»Doch nein«, fuhr er nach einigem Schweigen fort, offenbar seine Freigebigkeit bereuend. »Nein, das geht nicht. Ich werde bald die Löffel und Gabeln für meine eigene Haushaltung nötig haben. Ich habe das Gold und Silber für mich selbst nötig, um andere Dinge zu kaufen. Deshalb muss ich meinen Anteil haben so gut wie die anderen.«

»Wo bringe ich meine Frau nur am besten hin?«, sagte der zukünftige Ehemann nach einiger Zeit ernsten Nachdenkens zu sich selbst. »Das Teufelsloch muss ich verlassen, das ist gewiss. Der Ort ist nicht mehr sicher genug für mich, ist zu nahe bei der alten Pflanzung. Muss sie weiter fortschaffen, wo sie nicht so leicht zu finden ist, wenn sie gesucht wird. Doch das wird sich finden, wird sich sicher finden, wenn ich sie nur erst einmal habe!«

In diesem Augenblick wurden die hoffnungsreichen Erwägungen des Koromantis durch einen lauten Ton unterbrochen, der ihn veranlasste, seine Beine auf den Felsen hinaufzuziehen, um sich sofort aufrichten zu können.

Bei der Wiederholung des zuvor gehörten Tons sprang er auf, eilte zur entgegengesetzten Seite des Felsens und stellte sich da, wo der Fußsteig auf die Platte hinaufführte, hin, um zu horchen.

Gleich darauf erschallte derselbe Ton zum dritten Mal.

Im Ganzen hatte dieser Ton für einen an die Töne eines jamaikanischen Waldes Gewöhnten durchaus nichts Fremdartiges, denn es war der gewöhnliche Ruf eines dort ganz gemeinen Vogels, des Solitärs. Nur das war sonderbar, ihn zu dieser nächtlichen Zeit zu hören, denn die sanften Flötentöne des Solitärs werden nur am Tage vernommen. Für Chakra hatte indes der jetzt in der Nacht gehörte Ruf des Solitärs um diese Zeit nichts Verwunderliches, weil er ganz wohl wusste, dass der Ruf nicht wirklich von einem Solitär herrührte, sondern dass er nachgemacht von seinem neuen Verbündeten herkam, dem – Räuberführer Adam!

Chakras sofortige Antwort darauf war ganz verschieden, mehr klagend und nicht so wohltönend. Sie war eine genaue Nachahmung jenes traurigen, während der Nacht an den schilfigen Ufern des Sees im Teufelsloch vernommenen Klagerufs der Rohrdommel. Diese wurde von Chakra durch ein kleines Rohr hervorgebracht, das er an den Mund setzte und worauf er blies.

Jetzt schallte vom Fuß der Schlucht herauf das Durcheinander verschiedener Stimmen, als ob mehrere Männer behutsam miteinander sprachen. Darauf konnte man Fußtritte auf dem Steingeröll und Rascheln in den Büschen hören, die mit jedem Augenblick deutlicher wurden. Bald danach tauchte eine Männergestalt aus der dunklen Kluft hervor, die auf die Felsplatte stieg. Dann folgte eine andere und wieder eine andere, bis zuletzt im Ganzen sechs auf der Felsplatte standen.

»Bist du das, Bruder Adam?«, fragte Chakra, indem er etwas vorwärtsging, um den oben an der Felsplatte zuerst Angelangten zu empfangen.

»Ja, ja! Ich bin es! Bist du Chakra?«

»Ja, ich bin der alte Neger.«

»Nun, da ist es recht, Kamerad. Wir haben dein Signal gleich gesehen und sind auch schnell gekommen, nicht wahr, sehr schnell?«

»Tatsächlich, sehr schnell. Ich erwartete euch erst eine halbe Stunde später.«

»Na, nun wir hier sind, was hast du denn vor? Ich hoffe, es ist etwas Hübsches zu gewinnen, denn wir haben es nötig. Schon seit einem Monat haben wir nichts vor uns bringen können. Am meisten fehlen uns Lebensmittel!«

»Lebensmittel!«, rief der Myalmann mit spöttischem Nachdruck und verächtlich lächelnd aus. »Hier gibt es heute Nacht mehr zu holen als Lebensmittel. Hier könnt ihr reich werden, jeder von euch. Humm!«

»Prächtig, prächtig!«, rief Adam entzückt aus, dem ein ganzer Chor vergnügter Ausrufungen folgte. »Die Neuigkeit höre ich gern. Und ist es etwa das Geschäft, von dem du jüngst gesprochen hast, du alter Buckelfritz?«

»Ja, dasselbe«, erwiderte Chakra ernst und im Geschäftston, »nur mit dem Unterschied, dass ich euch jetzt zu einem größeren Geschäft herbeigerufen habe, anstatt des kleinen, wie ich damals beabsichtigte.«

»Nun, groß oder klein«, erwiderte der andere, »sie sind alle hier und zur Ausführung bereit, also vorwärts!« Hierbei deutete der Redner, der unbedingt der Führer der Bande war, auf seine Gefährten.

Diese waren sämtlich, obwohl in der verschiedensten und sonderbarsten Weise, bewaffnet. Einer trug eine alte vom Rost bereits rot gewordene Muskete, ein anderer eine Vogelflinte von ähnlicher Beschaffenheit, einige führten Pistolen, doch fast alle besaßen lange Messer oder vielmehr Macheten. Schon hieraus hätte man schließen können, dass das Geschäft, zu dem Chakra diese Leute berufen hatte, wohl keineswegs ein friedliches sei.

Allein eine solche Vermutung musste noch bestärkt werden, wenn man den wilden und grausamen Ausdruck sämtlicher Gesichter betrachtete, die alle den verwegenen Mut wie große Entschlossenheit zu den schrecklichen Verbrechen verrieten. Tatsächlich bildeten diese Leute die gefürchtete Bande des schwarzen Räubers Adam, die auf der ganzen Insel als die ruchlosen und grausamen Gurgelabschneider verrufen waren. Obwohl sie nun gewiss zu jeder Übeltat bereit und auf die Ausführung einer solchen sogar erpicht waren, so hielt es Chakra doch für angemessen, um sie für seine Absichten noch willfähriger zu machen, sie mit einigem Rum zu bearbeiten.

»Liebe Freunde«, sagte er deshalb zutraulich zu den bereits auf den Aufbruch harrenden Räubern. »Ihr habt schon viel Anstrengung gehabt und einen langen mühsamen Marsch gemacht. Hier habe ich jetzt ein paar Tropfen, die sehr gut gegen die Nachtkälte sind, und ich denke, wir nehmen alle erst etwas aus der Flasche hier. Nicht wahr?«

Einem so zweckmäßigen Vorschlag stimmten alle ohne Ausnahme mit lebhaftem Beifall zu und jeder der Räuber erquickte sich sofort aus der von Chakra klugerweise mitgebrachten großen Rumflasche und verschaffte sich dadurch noch größeren Mut zu künftigen Heldentaten.

»Nun, alter Buckelfritz«, sagte Adam zu Chakra in der zutraulichen Weise, die eine lange Bekanntschaft sowie ein oftmaliges freundschaftliches Zusammenhandeln bei ähnlichen Angelegenheiten voraussetzte. »Ich denke mir, das Ereignis, von dem du damals gesprochen hast, ist eingetreten?«

»Ja, Adam, es ist wirklich eingetreten.«

»Ist der große Buckra fortgegangen?«

»Ja, er ist fortgegangen und ist auch heimgegangen. Ha, ha, ha!«

»Ach, das ist ein Rätsel, was meinst du mit dem Heimgehen?«

»In die ewige Heimat, meine ich.«

»Ha!«, rief Adam erstaunt aus. »Willst du damit sagen, dass der Custos …«

»Lass den Custos nur jetzt zufrieden, Bruder Adam. Das sollst du später alles erfahren. Jetzt wollen wir uns mit des Custos Silberzeug beschäftigen, und da ist gar keine Zeit mit unnützem Geschwätz zu verlieren. Denn sonst geht der Mond auf und durchscheint alle diese Wolken. Dann aber ist es mit unserer Unternehmung ganz aus. Die muss noch vor dem Aufgehen des Mondes ausgeführt werden.«

»Das ist ganz richtig. Nun, ich bin bereit und die anderen auch!«

»Dann folgt mir allesamt geschwind! Während wir hinabgehen, besprechen wir, wie wir den Angriff machen wollen. Dazu ist dann noch Zeit genug. Nun folgt mir!«

Mit diesem Befehl stieg der Koromantis die Schlucht hinab, gefolgt von Adam und seiner Bande.

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