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Gold Band 2 – Kapitel 05.2

Friedrich Gerstäcker
Gold Band 2
Ein kalifornisches Lebensbild aus dem Jahre 1849
Kapitel 5
Die beiden Spieler
Teil 2

Vom Sheriff gefolgt ging indessen Siftly, der seinen Plan so plötzlich geändert sah, wieder hinaus aus dem Zelt und langsam die Straße hinauf, während Hale wenige Minuten später an seiner Seite war.

»Nun?«, sagte der Sheriff und versuchte in dem hereinbrechenden Abend das Gesicht des Fremden zu erkennen, das Hut und Bart aber vollständig beschattete. »Meine frühere Beschreibung passte doch auf ein Haar, und jetzt scheint Ihr Euch auf einmal anders besonnen zu haben. War das nicht jener Smith, den Ihr meintet?«

»Nein«, sagte Siftly ruhig, »es tut mir leid, Euch umsonst bemüht zu haben, und ich wollte, ich hätte mir den Mann vorher selber angesehen. Aber es soll wenigstens für Euch nicht ganz umsonst gewesen sein, und wenn Ihr …«

»Ich danke Euch«, sagte Hale, ziemlich kalt die ausgestreckte Hand des Fremden zurückschiebend, »es ist meine Pflicht, den ehrlichen Mann zu unterstützen und Schurken ausfindig zu machen und zu entlarven. Für Geleistetes habe ich meine bestimmten Sporteln. Kennt Ihr diesen Smith?«

Siftly zögerte einen Augenblick mit der Antwort, endlich sagte er:

»Ja – von den Staaten her. In San Francisco bin ich nur einmal mit ihm zusammengetroffen.«

»Ihr haltet ihn für einen ehrlichen Mann?«

»Man kann keinem Menschen ins Herz sehen«, meinte Siftly trocken, »und hier in Kalifornien möchte ich für meinen eigenen Bruder nicht gut sagen.«

»Euer Name ist …?«

»Siftly.«

»Also gute Nacht, Mr. Siftly«, sagte der Sheriff, indem er stehen blieb, die Straße wieder zurück zu seinem eigenen Zelt zu gehen. »Wenn Ihr Euch den Mann noch einmal genauer betrachtet habt, und Eure jetzige gute Meinung über ihn vielleicht ändern solltet, stehe ich Euch wieder zu Diensten.«

»Gute Nacht, Sir«, sagte der Spieler, den die Worte doch etwas stutzig machten, indem er ebenfalls stehen blieb und ihm nachsah. Aber im nächsten Augenblick schon zuckte er mit einem leichten spöttischen Lächeln die Schultern und schritt dem nächsten Trinkzelt zu, sich dort erst mit Speise und Trank zu stärken.

Elf Uhr war vorüber, als er zum zweiten Mal Kentons Zelt, dieses Mal aber allein betrat. Ohne jedoch mit irgendjemand ein Wort zu wechseln, ohne selbst dem Blick zu begegnen, den Smith, sein früherer Kompagnon, auf ihn heftete, ging er erst mit dem hier auf ihn wartenden Boyles zum Schankstand und ließ sich dann an Smiths Tisch nieder. Hier setzte er kleine unbedeutende Summen bald auf diese, bald auf jene Karte, ohne dem Verlauf des Spiels weitere Aufmerksamkeit zu gönnen.

Es wurde spät – die meisten der Goldwäscher hatten sich schon in ihre Zelte zurückgezogen, nur noch einige der Hartnäckigen saßen zerstreut an den Tischen umher, den vergeblichen Versuch machend, ihr bisher verlorenes Geld wieder zu gewinnen. Endlich gaben es auch diese in Verzweiflung auf. Nur Siftly pointierte noch fort, niedrig wie immer. Erst als die Letzten das Zelt verlassen hatten, stand er ebenfalls von seinem Sitz auf.

Smith hatte indessen, mit einem verstohlenen halb lächelnden Blick auf den alten Kameraden sein Geld zusammengepackt. Ruly war von ihm schon vor etwa einer Stunde zu Bett geschickt worden.

Er trat jetzt ebenfalls vor das Zelt, wo er die dunkle Gestalt des Spielers mit untergeschlagenen Armen ein paar Schritte abseits fand. Er sah sich um. Der Wirt war im Zelt beschäftigt, die verschiedenen Gläser wegzustellen und unter die Tische zu leuchten, ob nicht hier oder da ein Goldstück hinuntergefallen sei – natürlich gute Beute für ihn. Die Straße selber war menschenleer, nur hier und da brannte noch in einem der Zelte Licht.

Smith ging jetzt auf den ihn ruhig Erwartenden zu, streckte ihm die Hand entgegen und sagte: »Guten Abend, Siftly.«

Siftly drehte langsam den Kopf nach ihm um, ohne den Gruß zu erwidern oder die dargebotene Hand zu nehmen und sagte nur: »Kommt mit die Straße hinauf, wo die Zelte enden. Was wir mitsammen zu sprechen haben, braucht niemand weiter zu hören.«

»Ich … habe Gold bei mir«, antwortete zögernd der Spieler.

»Wir beide sind Manns genug, es zu verteidigen, falls es einem Dritten danach gelüsten sollte«, lautete die ruhige Antwort, »die Hälfte davon gehört überdies mir.«

Smiths Augenbrauen zogen sich finster und wie drohend zusammen. Es war aber auch nur ein Moment, denn im nächsten schon sagte er still vor sich hin lachend:

»Ihr scheint unser Geschäft in summarischer Weise abmachen zu wollen. Nun meinetwegen; es ist jedenfalls besser so, als wenn wir den Sheriff dabei bemüht hätten. Wäret Ihr gescheit gewesen, hättet Ihr das gleich von Beginn so angefangen.«

»Kommt«, sagte Siftly ruhig, und wandte sich langsam ab, ohne jedoch seinen Begleiter dabei aus den Augen zu verlieren. Smith dachte aber gar nicht mehr daran, ihm zu entfliehen. Er wusste recht gut, dass das jetzt unmöglich war, und die beiden Männer schritten schweigend zusammen eine kurze Strecke die Straße hinauf, bogen dann durch eine Lücke in den Zelten links ab und betraten gleich darauf die rote Flat, in der sie etwa hundert Schritte einem betretenen Pfad folgten. Erst als sie zu den Stellen kamen, wo der Boden überall aufgewühlt war, und der Weg hier bei Nacht gefährlich wurde, hielt Siftly an, warf seinen Poncho zurück und setzte sich dann auf einen der Erdhügel nieder, während sein Begleiter den ziemlich schweren Sack mit Dollars und Gold auf die Erde legte und daneben stehen blieb.

Noch immer war zwischen den beiden kein Wort weiter gewechselt worden.

Da Siftly auch jetzt noch schwieg, begann Smith endlich: »Ihr werdet mir vielleicht nicht glauben, wenn ich Euch sage, dass ich mich freue, Euch hier zu sehen.«

»Nein«, erwiderte jener trocken.

»Ich dachte es mir«, sprach der Spieler lächelnd, »und doch ist das in der Tat der Fall.«

»Darum habt Ihr Euch wohl so große Mühe gegeben, von mir fortzukommen, he!«

»Es war ein dummer Streich von Haus aus«, sagte Smith vollkommen ruhig, »denn entweder musste ich Kalifornien ganz verlassen oder mich darauf gefasst machen, Euch hier irgendwo einmal zu begegnen. Die Gelegenheit war nur damals zu verlockend, und – hol′s der Teufel – ich konnte noch nie im Leben eine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen lassen.«

»Und doch wolltet Ihr mich heute dem Sheriff verraten und als Brandstifter anzeigen.«

»Gewiss – ehe ich mich selber hätte von dem Haltfest angreifen lassen. Wer hieß Euch auch die Gerichte behelligen – was haben wir beide mit den Gerichten zu tun, sie auch noch mutwillig aufzusuchen?«

»Und weshalb freut Ihr Euch, mich zu sehen, wenn man fragen darf?«

»Weil ich einen Holzkopf von Menschen jetzt zu meinem Croupier habe, mit dem auf der Welt nichts an­ zufangen ist, während ein paar Männer wie wir gerade hier das Außerordentlichste leisten könnten.«

»Und Ihr glaubt wirklich, dass ich nach dem, was zwischen uns beiden vorgefallen ist, wieder Euer Kompagnon werden möchte?«

»Was könntet Ihr Besseres tun?«, sagte Smith. »Ihr wisst recht gut, dass Ihr an meiner Stelle wahrscheinlich ebenso gehandelt hättet. Ich brauche Euch nur an unseren guten würdigen Brown zu erinnern, und deshalb haben wir uns einander gar nichts vorzuwerfen. Den Schaden, den Ihr beinahe gelitten hättet, bin ich jetzt imstande, wieder gut zu machen, und der Sache steht also kein weiteres Hindernis im Wege.«

Siftly schwieg und sah eine Weile still und nachdenkend vor sich nieder, und Smith hütete sich wohl, ihn darin zu stören.

»Und weshalb habt Ihr Kalifornien nicht wirklich verlassen?«, fragte Siftly endlich.

»Weil ich mir noch bessere Erfolge von Kalifornien verspreche«, gab Smith mit einem Lächeln von sich. »Es ist für unser einen ein kapitales Land, und wer es nicht benutzt und ausbeutet ein wahrer Tor.«

»Ihr wisst, dass Brown erschossen wurde?«

»Brown? Unser würdiger dicker Brown! Kein Wort.«

»Ein Franzose ertappte ihn auf falschem Spiel und schoss ihm eine Kugel durch den Leib.«

»Nun, verfehlen konnte er ihn nicht«, erwiderte Smith. »Das geschieht dem Tölpel übrigens recht, er war von jeher ungeschickt und täppisch. Desto besser übrigens, so sind wir ihn los, und der Monsieur hat uns beiden jedenfalls einen Gefallen damit erzeigt. Apropos Siftly – ich habe auch eine Neuigkeit für Euch – wenn Ihr nicht am Ende selber mit ihnen angekommen seid. Euer Freund aus San Francisco, der Advokat ist hier …«

»Wer? Hetson?«

»Ich glaube, das ist sein Name – heute angekommen mit seiner Frau. Und wer, glaubt Ihr, ist noch bei ihm?«

»Was weiß ich, und was kümmert mich der Bursche!«

»Manuela mit dem Alten.«

»Die Spanierin – alle Teufel – aber was wollen die in den Minen?«

»Violine spielen will sie nicht, so viel weiß ich«, erwiderte Smith, »denn ich habe schon unter der Hand bei dem Alten anfragen lassen. Sie ist, glaube ich, als eine Art von Gesellschafterin mit Hetsons Frau heraufgekommen. Ist dieser Hetson zu gebrauchen?«

»Ein schwacher Mensch, soviel ich ihn kenne, aber wozu?«

»Wir müssen einen amerikanischen Alkalden hier haben«, sagte Smith, »der uns Spielern die Brücke tritt, denn die vermaledeiten Fremden, denen sich eine Anzahl Amerikaner zuhält, werden mit jedem Tag unverschämter und drohen schon hier und da uns aus der Stadt zu vertreiben. Einmal aber in einer der Minen das Beispiel gegeben, und wir bekommen überall einen schweren Stand. Die Leute werden uns überdies hier schon zu klug.«

»Ich weiß ja gar nicht, ob Hetson hierbleiben will.«

»Seine Sachen sind hier abgeladen, und der Wagen ist schon wieder fort. Vielleicht aber veranlasst ihn das gerade dazu, hier bei uns zu bleiben, wenn man ihm seine Wahl als Alkalde in Aussicht stellte.« »Möglich«, sagte Siftly, »jedenfalls wäre er der Mann, denn ich weiß ein Mittel, ihn zu allem zu bringen, wozu ich ihn haben will.«

»Desto besser, so überlegt Euch die Sache. Ihr findet überdies hier manchen Bekannten, und da mehrere Dinge vorgefallen sind, die die Wahl eines Alkalden notwendig bedingen, so ist es eine Kleinigkeit, die Stimmenmehrheit für ihn zu bekommen. Wenn er die Wahl dann nur annimmt.«

»Dafür will ich schon sorgen«, sagte Siftly.

»Desto besser – und nun gute Nacht, Siftly. Ihr werdet mir Eure Hand jetzt nicht mehr verweigern.«

»Nein – wenn wir fertig miteinander sind.«

»Fertig?«

»Ich meine, wenn wir unsere Geldangelegenheit geordnet haben.«

»Hier im Dunkeln?«

»Das wäre unbequem. Ihr habt aber doch hoffentlich ein Zelt und ein Licht darin. Ich bin überhaupt noch nirgends einquartiert.«

»Ihr traut mir nicht?«

»Nicht über den Weg, und ich denke ich habe einen Grund dazu.«

Smith lachte vor sich hin und schwieg einen Augenblick. Endlich sagte er: »Meinetwegen. Es ist auch am Ende am besten, wir stellen uns gleich einander klar gegenüber. Das eigene Interesse wird uns dann fester zusammenbinden als irgendetwas anderes.«

»Das ist überhaupt das stärkste Bindungsmittel. Zeigt mir, dass Euer Interesse mit dem meinen läuft, und Ihr sollt keinen treueren Freund haben als mich.«

»Aber ich habe in der Zeit mehr verdient, als ich von San Francisco mitgenommen hatte«, sagte Smith. »In dem bewussten Kasten war weniger, als wir erwarteten.«

»Das bleibt sich gleich. Das, was Ihr verdient habt, geschah mit meinem – und weiß der Teufel – gefährlich genug verdienten Geld. Ihr sichert mir die Hälfte zu oder tragt die Folgen.«

»Und wenn ich nicht will?«

»Ihr wollt, Smith, denn Ihr wisst, dass Ihr nicht anders könnt«, sagte Siftly finster.

»Dann kommt«, erwiderte der Spieler, »Ihr könnt die Nacht in meinem Zelt schlafen. Morgen besprechen wir das Weitere.«

»Aber heute teilen wir das Geld.«

»Wenn Ihr es nicht anders wollt, hab′ ich nichts dagegen. Bei Tageslicht wäre es aber bequemer.«

»Ich werde mir die kleine Unbequemlichkeit gefallen lassen. Und nun – geht voran, denn Ihr wisst doch hier besser Bescheid als ich.« Er stand bei diesen Worten auf, und als Smith sein Geld vom Boden wieder aufgenommen hatte, schritten die beiden still und schweigend zusammen in die kleine Zeltstadt zurück.

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