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Atlantis Teil 10

Am nächsten Morgen saß Uhlenkort in der Halle seines Hotels beim Lunch. Eine kurze, fast überall gleichlautende Notiz in allen Zeitungen: Unfall im Zirkus Briggs.

Er legte die Blätter zur Seite und sah nach der Uhr. Noch immer nichts von Tredrup … Was war da los? Er ließ den Portier holen und fragte ihn.

»Mr. Tredrup ist erst gegen Mitternacht ins Hotel zurückgekommen und wird vermutlich noch auf seinem Zimmer sein.«

Wieder verging eine Zeit, da sah er Tredrup die große Treppe hinabkommen. Schon von Weitem fiel ihm dessen Aussehen auf. War dies verfallene, übernächtigte Gesicht mit den unruhigen, fiebrig glänzenden Augen das des stets heiteren, blühenden Klaus Tredrup?

Mit Besorgnis und Unruhe reichte er ihm die Hand. »Was ist Ihnen, Herr Tredrup? Sind Sie krank?«

»Ich krank? Nein, Herr Uhlenkort. Nicht im Geringsten.«

Ein kurzes, stoßweises Lachen begleitete seine Worte.

»Ich bitte Sie, Herr Tredrup, verstehen Sie meine Teilnahme nicht falsch. Ihr Aussehen straft Sie Lügen. Sie sind krank. Diese Veränderung von gestern auf heute ist nicht anders zu erklären … oder hängt das noch mit dem Unfall in Mineapolis zusammen?«

»Dieselbe Frage …« Tredrup brach kurz ab. Er stürzte eine Tasse Tee hinunter und griff nach den Zeitungen.

»Übrigens …« Er wandte sich Uhlenkort zu. »Wir haben mit unseren Zirkusbesuchen ausgesuchtes Pech! Meinen Sie nicht auch?«

Uhlenkort nickte. Sein Auge ruhte mit Sorge auf den so veränderten, nervösen Zügen Tredrups.

»Immerhin brachten wir es bis zur sechsten Nummer des Programms«, sagte Tredrup. »Vielleicht haben wir das nächstemal mehr Glück.«

»Herr Tredrup, ich bitte Sie! Lassen Sie die Scherze. Sie versuchen vergeblich, mich über die Sorge um Sie hinwegzutäuschen. Ich will nicht indiskret sein. Wenn Sie es für besser halten, zu schweigen, so schweigen Sie. Ich selbst möchte Ihnen kurze Mitteilung über mein Verhalten am gestrigen Abend im Zirkus geben. Sind Sie bereit und imstande, mich anzuhören?«

»Oh, gewiss, Herr Uhlenkort. Mein Interesse ist groß … vielleicht größer als …«

Er rückte seinen Sessel näher an den Uhlenkorts heran.

»So hören Sie mir zu, Herr Tredrup. Es ist eine lange Geschichte, die ich Ihnen erzählen werde, aber ihr Ende wird schließlich in den Zirkus von Kapstadt führen.

War da vor etwa fünfzig Jahren ein Sohn aus dem Hause Harlessen – Sie kennen sicher die Hamburger Firma und vielleicht auch die Familie – nach Amerika ausgewandert. Die Familien Uhlenkort und Harlessen sind von Großvaters Seite her verschwägert. Die Ursachen, weshalb jener Harlessen nach Amerika auswanderte, lagen in pekuniären Differenzen mit seinem Vater. In Differenzen von einer Schwere immerhin, dass – um mich jener Worte zu bedienen – das Tischtuch zwischen beiden zerschnitten wurde.

Jener Harlessen kam nach mancherlei Irrfahrten nach Mittelamerika und kaufte sich in der Nähe des Kanals eine Farm. Seine Frau starb früh. Eine Tochter wuchs ihm auf. Christie Harlessen. Es ist die Schulreiterin, die wir gestern sahen …«

Klaus Tredrup fuhr auf. »Flores de Tejada ist Christie Harlessen?«

Uhlenkort nickte.

»Ein tragisches Schicksal liegt über dem Mädchen, das ich übrigens gestern Abend zum ersten Mal sah. Von den Landenteignungen am Panamakanal wurde auch ihr Vater betroffen. Und nun beginnt eine Reihe von dunklen Ereignissen, deren Aufklärung mir bis jetzt noch nicht gelungen ist. Als Erstes nenne ich das: Es wurde die durchaus nicht kleine Entschädigungssumme entgegen sonstigen Gepflogenheiten in bar bezahlt.

Am Abend vor der Abreise von der Besitzung kamen Vater und Tochter von einem Abschiedsbesuch zu Pferde zurück. Ich erzähle es Ihnen so, wie es mir von Leuten am Kanal berichtet wurde, als ich vor etwa drei Wochen da unten war.

Jetzt der andere höchst sonderbare Punkt. Der einzige Diener, der noch auf der Farm war, ist verschwunden … Christie bringt die Pferde selbst in den Stall, während ihr Vater in das Haus tritt. Während sie noch mit den Pferden beschäftigt ist, hört sie aus dem Hause einen Schrei. Die Stimme ihres Vaters. Sie läuft in das Haus. In dem dunklen Flur – es war nach Sonnenuntergang – stürzt ein Mann an ihr vorbei. Sie eilt in das Zimmer des Vaters. Findet ihn, aus einer schweren Wunde am Hinterkopf blutend, am Boden liegen. Die gepackten Koffer im Zimmer sind aufgebrochen und durchwühlt, Geld und Wertsachen geraubt. Der Vater stirbt, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Christie verlässt die Farm.

Soweit gingen die Mitteilungen, die mir da unten gemacht wurden. In den Staaten wandte ich mich an das Pinkerton Office. Die Auskunft lautete: Christie Harlessen ist aus Not Zirkusreiterin geworden.

Vor meiner Abreise nach Timbuktu bekam ich die weitere Nachricht, dass sie zurzeit hier sei. Der Zufall war mir günstig. Ich hatte ja ohnehin die Absicht hierherzufahren.«

»Sie nannten es Zufall, Herr Uhlenkort …« Tredrup sagte es wie traumverloren.

»Gewiss, Herr Tredrup, ein Zufall wollte es so … oder wollen Sie das für ein Geschick, für eine höhere Fügung halten?«

Tredrup zuckte kurz mit den Achseln. Sein Blick ging zur Seite.

»Zufall … Fügung … was weiß ich?«

»Aber, Herr Tredrup.« Uhlenkort sagte es lachend. »Ich erkenne Sie nicht wieder. Sie, Herr Klaus Tredrup, belieben über Schicksal und Zufall zu philosophieren. Sie, der Mann der nackten Tatsachen. Sollte Ihnen gestern Abend auch so ein mystischer Zufall passiert sein? Beinahe müsste ich es denken.«

»Wenn Sie das denken, Herr Uhlenkort, so denken Sie nicht falsch.«

Er stützte das abgewandte Gesicht in die Hand. Sein Blick schweifte ruhelos durch den Raum. Uhlenkort stutzte. Dieser sonderbare Ton.

»Verzeihung, Herr Tredrup, wenn ich etwas berührte, was …«

»Nichts zu sagen, Herr Uhlenkort.« Tredrup lehnte sich in seinen Sessel zurück. »Man glaubt allen Wind der Welt um die Nase verspürt zu haben, und dann … Zufall oder Fügung.« Seine Worte gingen in einem Murmeln unter.

»Lassen wir das.« Mit einem kurzen Ruck richtete er sich auf, als wolle er alles abschütteln.

»Der Unfall im Zirkus gestern ist ja, Gott sei Dank, gut verlaufen. Es hatte Sie anscheinend mächtig gepackt. Sie turnten da mit einer beträchtlichen Fixigkeit in die Manege hinunter.«

Uhlenkort lachte.

»Ich glaube gern, dass Sie sich da amüsiert haben. Aber das war doch schließlich zu erklären.«

»Ganz gewiss. Gewiss, Herr Uhlenkort. Es ist nicht zu leugnen, dass Fräulein Harlessen eins der schönsten Mädchen ist, das mir je vor Augen kam. Ich wundere mich, dass Sie nicht längst auf dem Wege sind, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen.«

»Ich warte nur auf die passende Zeit.« Uhlenkort blickte auf die Uhr. »Ich glaube, es jetzt tun zu dürfen.«

»Viel Glück, Herr Uhlenkort. Sie treffen mich hier wieder.«

 

*

 

»Geh, Betty. Es hat geklingelt. Es wird der Doktor sein.«

Die Dienerin kam zurück.

»Nein, Fräulein Harlessen. Ein fremder Herr. Hier ist seine Karte.«

Christie richtete sich ein wenig von dem Ruhebett auf. Sie nahm die Karte und las: Walter Uhlenkort, Hamburg. Langsam ließ sie sich wieder zurückgleiten. Ihre Augen schlossen sich.

Hamburg … Uhlenkort … Harlessen … Die Verbindung der drei Namen … Was lag darin. Sie sann und vergaß, vergaß Zeit und Raum …

»Soll ich den Herrn abweisen, Fräulein Harlessen?«

Die Stimme riss sie aus dem Sinnen.

»Uhlenkort aus Hamburg? Nein … lassen Sie den Herrn gehen!« Sie deckte die Augen mit der Hand. »Nein, Betty, führen Sie den Herrn ins Nebenzimmer.«

Sie stützte den Arm auf das Ruhebett und hob langsam den Oberkörper in die Höhe. Ihre Miene verriet, dass die Bewegung ihr Schmerzen bereitete. Sie schritt dem Nebenraum zu. Im Türrahmen blieb sie stehen und schaute prüfend auf die hohe Mannesgestalt, die sich vor ihr verneigte.

»Herr Uhlenkort? Sie wünschen von mir?«

»Gnädiges Fräulein, Fräulein Harlessen. Ich bitte, die Störung zu verzeihen. Ich nehme an, dass mein Name Ihnen nicht unbekannt ist. Harlessen und Uhlenkort stehen seit Menschenaltern in engen verwandtschaftlichen Beziehungen … Sie wissen …«

»Ich weiß, Herr Uhlenkort. Wollen Sie bitte Platz nehmen. Was führt Sie zu mir?«

Während sie ihm gegenüber Platz nahm, sah er, wie sie mit Mühe einen Schmerz zu verbergen suchte.

»Fräulein Harlessen, ich war gestern Abend zufälligerweise Zeuge Ihres Unfalls. Ich sehe soeben, er scheint doch nicht so glücklich verlaufen zu sein, wie man mir sagte. Sie fühlen sich nicht wohl? Sie haben Schmerzen? Ich bin besorgt.«

Die unverhohlene Teilnahme, die aus seinen Worten sprach, schien den abweisenden Zug ihrer Mienen zu mildern.

»Dank für Ihre Teilnahme, Herr Uhlenkort. Doch das dürfte wohl kaum der Grund sein, weswegen Sie zu mir kommen.«

»Nein … und doch ja, Fräulein Harlessen. Gewiss! Einer fremden … Dame gegenüber …«

»Oh, sagen Sie nur Zirkuskünstlerin.«

Uhlenkort richtete seinen vollen Blick auf sie. »Ich glaube nicht, Fräulein Harlessen, Ihnen den geringsten Grund gegeben zu haben …«

»Gut, Herr Uhlenkort, gut! Also noch einmal: Was führt Sie zu mir? Lassen wir den Sturz beiseite.«

»Ich komme zu Ihnen, Fräulein Harlessen, als Ihr Verwandter … oder wenn Sie wollen, als Beauftragter Ihres Oheims, des europäischen Staatspräsidenten.«

»Ah! Man weiß auch in Hamburg von meiner Existenz? Interessant! Ich vermute, dass das Interesse nicht älter ist als ein halbes Jahr?«

»Ich verstehe nicht, Fräulein Harlessen.«

»Nun, ein halbes Jahr ist es her, dass ich Schulreiterin bin, Zirkuskünstlerin …«

»Und?«

»Und von da ab wird wohl das Interesse datieren?«

»Ich weiß nicht, ob ich Sie richtig verstehe, Fräulein Harlessen. Sie unterstellen Beweggründe …«

»Oh, Herr Uhlenkort, glauben Sie nicht, dass ich, die Amerikanerin von da unten her, so ganz unvertraut mit den europäischen Sitten und Gewohnheiten bin. Mein Vater war ein Deutscher und blieb es bis zum letzten Augenblick. Er erzählte mir viel von Deutschland und vom alten Hamburg …« Sie wandte das Gesicht und brach ab. »Was wissen Sie von meinem Vater … und …«

»Fräulein Harlessen! Ich sehe mit Bedauern, dass die Unterredung Sie anstrengt. Der gestrige Unfall hat Ihre Nerven stark angegriffen.«

»Oh, meine Nerven sind in bestem Zustand, Herr Uhlenkort. Ein Sturz vom Gaul, es war nicht der Erste … Er wäre schon längst vergessen, wenn …«

Sie hob leicht die Schulter, und ein weher Zug ging um ihren Mund.

»Fräulein Harlessen! Eine andere Frage. Hat der Arzt Sie bereits genauer untersucht?«

»Nein! Ich sagte doch schon, dass ich den Arzt erwartete, als ich Ihre Ankunft vernahm. Doch wozu immer wieder abschweifen. Sie kommen zu mir als Verwandter, wie Sie sagen, oder etwa als Bevollmächtigter des Hauses Harlessen?«

»Jawohl, Fräulein Harlessen! Ein ausdrücklicher Auftrag wurde mir zwar nicht gegeben. Aber ich handle im Sinne der Familie Harlessen …«

»… der es wohl nicht angenehm ist – ich kenne, wie ich bereits sagte, die Ansichten der Alten Welt –, dass eine Nichte des europäischen Staatspräsidenten als Zirkusreiterin ihr Brot verdient.«

Uhlenkort wollte sie unterbrechen, doch sie fuhr fort: »Noch eine Frage, Herr Uhlenkort. Dann mögen Sie ungestört sprechen. Kamen Sie meinethalben nach Kapstadt? Und woher wussten Sie, dass ich hier bin? Ich glaubte, mich unter meinem Künstlernamen, es ist der Name unserer alten Farm, vor den Augen der Welt genügend verborgen zu haben.«

Uhlenkort zögerte. »Ich kam nach Kapstadt, weil mich dringende Geschäfte hierher riefen. Aber ich war kurz vorher benachrichtigt worden, dass Sie hier im Zirkus aufträten.«

»Von wem, bitte?«

»Vom Pinkerton Office!«

Eine leichte Röte huschte über Christies Gesicht.

»Interessant! Und wie kamen Sie dazu?«

»Ich will nicht weit ausholen. Ich könnte Ihnen sonst erzählen von jenen Zeiten, wo …«

»Gut, lassen wir das, Herr Uhlenkort«, unterbrach ihn Christie. »Ich kenne jene Zeiten zur Genüge.«

»Wenn Sie damit, Fräulein Harlessen, die Zeiten meinen, in denen sich jene unliebsamen Vorkommnisse abspielten, die zu einem Bruch Ihres Vaters mit der Familie Harlessen führten, so sind Sie gewiss auf falschem Wege. Ich meine die Jahre, die darauf folgten. Damals, als die Firma Harlessen wieder die alte geworden war. Als man vergeben … vergessen hatte. Als man alle Beziehungen in Bewegung setzte, um nach dem Verbleib Ihres Vaters zu forschen.«

»Ist das wahr? Tat man das?«

»Man tat es, bis man die Aussichtslosigkeit erkannt hatte.«

Der harte Zug um Christies Lippen wurde weicher.

»Gut, ich will es glauben. Doch wie war das mit dem Pinkerton Office?«

»Ich kam vor einiger Zeit auf einer geschäftlichen Reise in die Kanalzone. Ein Zufall ließ mich dort den Namen Harlessen hören. Ich erfuhr von dem tragischen Tod Ihres Vaters und von Ihrer Abreise nach Milwaukee. Da mich dringende Geschäfte nach Europa zurückriefen, beauftragte ich das Pinkerton Office, weitere Nachforschungen anzustellen.«

Er richtete seinen Blick auf das junge Mädchen, das zurückgesunken in dem Fauteuil lag. Die Augen halb geschlossen, schien sie über seine Worte nachzudenken.

»Und welchen Zweck verfolgen Sie mit Ihrem Besuch? Nehmen wir an, der Sturz wäre gestern Abend nicht geschehen.«

Uhlenkorts Blick glitt voll Teilnahme über die schlanke junge Gestalt.

»Ich kam hierher, Fräulein Harlessen, um Sie zu bitten, einen Beruf, dessen Gefährlichkeit der gestrige Abend wieder bewiesen hat, aufzugeben und in die alte Heimat zurückzukehren.«

»Heimat? Das Wort hörte ich so oft aus dem Munde meines Vaters … Ich verstand es nie ganz, der Begriff war mir fremd. Ich weiß nur, wie oft ihm die Tränen kamen, wenn das Wort fiel. Meine Heimat … wo ist sie? Wir zogen in den Staaten von Stadt zu Stadt, bis wir am Kanal ansässig wurden. Hamburg ist sicher nicht meine Heimat. Wie soll ich dahin zurückkehren, wo ich doch nie gewesen bin? Meine Heimat ist der Zirkus! Die Zirkuswelt …«

Er machte eine abweisende Bewegung.

»Fräulein Harlessen, ich kann es nicht glauben. Sie sprachen in der Erregung des Augenblicks. Ihr Gesicht, Ihre Augen – alles verrät das Harlessensche Blut. Das lässt sich nicht verleugnen. Es ist unmöglich, Fräulein Harlessen, dass Sie sich auf die Dauer in dieser Umgebung wohlfühlen können. Ich bin erstaunt, dass Sie diesen Beruf ergriffen haben. Wie kamen Sie zu diesem Entschluss?«

»Oh, sehr einfach. Ich kam nach Milwaukee und fand von meinen Verwandten mütterlicherseits niemanden mehr vor. Meine Mittel waren zu Ende. Ich traf einen früheren Cowboy unserer Farm, der Zirkusreiter geworden war, schilderte ihm meine Lage und folgte seinem Rat, Zirkusreiterin zu werden. Wir gingen zum Direktor. Er erlaubte, dass ich ihm vorreiten durfte. Ich gefiel ihm. Das Engagement war perfekt. Sie sehen …«

»Das war ein ebenso schneller wie energischer Entschluss, Fräulein Harlessen. Aber ich glaube, es hätten sich für Sie doch noch andere Möglichkeiten geboten, zum Beispiel …«

Ein leichtes Lächeln huschte über das Gesicht von Christie Harlessen. »Glauben Sie wirklich, Herr Uhlenkort, dass ich mich etwa als Gesellschafterin in einer Milliardärsfamilie oder als Gouvernante von ungezogenen Kindern besser ausnehmen würde?«

Sie lehnte sich halb belustigt, halb entrüstet zurück.

»Gut! Lassen wir das, Fräulein Harlessen, das, was geschehen. Ich wollte Sie bitten, diesen gefahrvollen Beruf aufzugeben und mit mir nach Hamburg zurückzufahren. Die Lösung Ihres Vertrages würde ich übernehmen.«

»Und was soll ich in Hamburg?«

»In Hamburg würden Sie von Ihren Verwandten mit offenen Herzen empfangen werden.«

»Und was weiter … was dann?«

»Sie würden als Tochter des Hauses Harlessen leben, alle Vorzüge genießen, die damit verbunden sind.«

»Die arme Verwandte! Das Aschenbrödel aus dem Märchen? Nicht mein Geschmack! Ich ziehe es vor, auf eigenen Füßen zu stehen.«

»Ah«, versetzte Uhlenkort mit einiger Schärfe. »Sie wollen lieber weiter durch die Welt ziehen?«

»Warum nicht? Nehmen Sie an, Herr Uhlenkort, Sie haben ein American Girl vom reinsten Wasser vor sich.«

Uhlenkorts Miene verdüsterte sich. »Ich dachte, ich hätte eine Tochter des Hauses Harlessen aus Hamburg vor mir. Wenn ich mich da täuschte … ich bitte um Verzeihung …« Er erhob sich. »Noch etwas! Fräulein Harlessen, ich glaube, Sie dahin verstanden zu haben, dass das Gefühl der materiellen Unabhängigkeit Ihre Entschlüsse leitet.«

Christie zuckte die Achseln.

»Bei Ihrer Weigerung sind Sie da von einer falschen Annahme ausgegangen. Sie würden keineswegs das Aschenbrödel aus dem Märchen sein.«

»Sondern?« Christie richtete sich fragend auf.

»Ihr Vater hat nie aufgehört, Angehöriger der Familie Harlessen zu sein, das heißt in diesem Fall, Teilhaber der Firma Harlessen.«

»Ah, ich verstehe, Herr Uhlenkort! Aber …«

Uhlenkort trat näher auf sie zu.

»Allerdings, Fräulein Harlessen, es ist, wie ich Ihnen sagte. Zu einem gewissen Teil, dessen Höhe ich nicht genau angeben kann, sind Sie Erbin oder Teilhaberin der Firma.«

Einen Augenblick schaute Christie prüfend auf die hohe ernste Männergestalt, die da vor ihr stand, in das offene, klare Gesicht, aus dem reine Teilnahme sprach. Sie schien unsicher zu werden. Dann, mit plötzlichem Entschluss, reckte sie sich auf. Ihre Hand streckte sie ihm entgegen.

»Ich danke Ihnen, Herr Uhlenkort, für Ihre Teilnahme und Ihr Interesse. Auch wenn ein derartiger Anspruch meinerseits vielleicht rechtlich begründet wäre … Ich kenne meines Vaters Schuld … Ich weiß, was daraus für die Firma Harlessen entstand … und ich weiß, dass ich keinen Anspruch habe. Ich verzichte.«

»Fräulein Harlessen, wissen Sie auch, worauf Sie verzichten?«

»Wie hoch die Summe ist, ist einerlei. Mag sie hoch oder niedrig sein. Nochmals meinen Dank, Herr Uhlenkort.«

Uhlenkort ergriff die dargebotene Hand und beugte sich darüber. Seine Augen hingen an dem blassen, jungen, schönen Antlitz.

»Eine Harlessen sind Sie doch, Fräulein Christie. Ich gehe, aber ich gehe in der Hoffnung, dass Sie eines Tages anders denken werden.«

»Sie hoffen, dass der Harlessensche Dickkopf – ich verstehe wohl, Ihre Gedanken zu lesen – eines Tages sich bessern könnte.«

Uhlenkort lachte. »Meine Hoffnung wird größer, wenn ich Sie höre.«

»Oh, ich warne Sie! Hoffen Sie nicht zuviel. Es wird vielleicht noch mancher Tropfen Wasser die Elbe hinunterfließen.«

Wieder beugte sich Uhlenkort über die Hand und drückte einen langen Kuss auf die schmalen Finger.

»Wir werden uns wiedersehen!«

Uhlenkort war gegangen. Gedankenverloren schaute Christie Harlessen ins Weite. Dann stützte sie den Arm auf und wollte sich erheben. Mit einem Wehlaut sank sie zurück. Ihre Hand griff zum Herzen. Was war das?

Der Arzt, den die Zofe in den Raum führte, fand sie in tiefer Ohnmacht.

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