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Jacob von Molay, der letzte Templer 9

Franz Theodor Wangenheim
Jacob von Molay, der letzte Templer
Erster Teil
St. Jean d’Angeli
Verlag von Joh. Fr. Hammerich, Altona, 1838

Neuntes Kapitel

Im Geheimen Rat des Königs wurde ein Gegenstand besprochen, den zu denken kein Fürst sich getraute. Nur drei Männer waren bei Philipp im Rat versammelt, keiner von ihnen wagte, unumwunden seine Meinung an den Tag zu geben, sondern von dem König selbst musste jedes Wort ausgehen. Seine drei Geheimen Räte waren der Beichtvater, der Kanzler und Enguerrand von Marigni, Minister des Königs. Kraft seines Amtes als Glaubensinquisitor hatte Wilhelm von Paris diejenigen Punkte vorgetragen, welche der Prior von Montfaucon dem Waffenschmied von Beziers gebeichtet hatte. Was die Form betraf, das war geschehen. Des Beichtvaters Arm reichte selbst bis in den dunkelsten Forst hinein. Der Florentiner, Noffo Dei, hatte sich freiwillig in Paris gestellt. Er und Matthias dienten nur dazu, über die Aussage des Waffenschmiedes Zeugnis abzulegen. Der König war, als Wilhelm von Paris seinen Vortrag beendete, in heftiger Bewegung, denn was auch Matthias seinem Mitgefangenen in der Beichte mitgeteilt hatt3, das war noch verzeihlich gegen die neuen Entdeckungen, welche der Glaubensinquisitor im Verhör der beiden Zeugen gemacht hatte. Man hatte die Lebensweise des Waffenschmieds berücksichtigt. Der Anlass zur Untersuchuug war also unverdächtig, und Wilhelm von Paris behauptete, dass selbst die aus dem Orden gestoßenen Brüder nichts von den Geheimnissen desselben mitgeteilt haben würden, wenn nicht der Zufall oder vielmehr die weise Hand der Vorsehung es so gefügt hätte. Verabredet konnten die beiden Tempelherren unmöglich etwas haben, indem sie ja beide getrennt waren. Ob der Beichtvater des Königs unter vier Augen schon mit demselben irgendetwas von der ganzen Sache gesprochen hatte, das blieb sowohl dem Kanzler als auch dem Minister verborgen. Enguerrand von Marigni war übri­gens ein würdiges Mitglied in diesem Rat, denn sein Bruder, hochgestellt in Frankreichs Klerisei, konnte den Tempelherren nicht hold sein, und der Minister selbst bot seinem König, um jeden seiner Wünsche zu erfüllen, nur gar zu willig die Hand.

War es doch, als ob die Aufregung den König verhinderte, seine Gedanken kundzugeben. Wilhelm von Paris schaute regungslos in das Protokoll, während die beiden anderen in des Königs Mienen spähten. Hier in diesem Augenblick stand Philipp der Schöne auf einem Punkt, der um so schwerer zu bewältigen ist, je kühner sich die Gedankenfolge eines Mannes entwickelt. Es ist der Punkt, der den Gedanken zur Tat umschafft, und Bilder, welche längst vielleicht ergötzend vor des Königs Seele standen. Sie mochten ihn wohl erschrecken, da sie in Wahrheit übergehen sollten.

Ohne von seinem Protokoll aufzublicken, fragte der Beichtvater plötzlich: »Und Ew. Ma- sestät hat gar nichts auf das alles zu erwidern?«

»Weiß ich doch in der Tat nicht«, versetzte der König, »was ich sagen soll. Leider, zum ersten Mal muss ich hier beklagen, dass in meine Hand die höchste Machtvollkommenheit gegeben, und mein Gewissen mich aufmahnt, sie über so arge Ketzer auszustrecken.«

»Mein König«, nahm der Pater das Wort, »Ihr beschönigt mit dem Ausdruck das Verbrechen. Ketzerei ist gegen den Götzendienst nicht in Anschlag zu bringen.«

»Sehr wahr, Pater, sehr wahr – doch was sagt mein Kanzler?«

»Gnädigster Herr, man könnte mich des Vorurteiles zeihen, wenn ich schon jetzt …«

»Das kann ich Euch nicht verdenken«, winkte ihm der König Schweigen. »Ein jeder von Euch prüfe den Gegenstand und teile mir seine aufrichtige Meinung mit, denn es soll kein Makel an unserer Gerechtigkeit haften. Ludwigs Enkel wird die Gewalt, welche sein Ahnherr in die Hände der Könige von Frankreich legte, nicht missbrauchen – aber streng üben wird er sie, ein christlicher König! … Zu etwas anderem«, begann der König nach einer Pause wieder. »Man hat mir hinterbracht, dass die Tempelherren aus weit entfernten Landen nach Perugia ziehen, um bei der Papstwahl zugegen zu sein. Wer weiß, was dieser Orden damit beabsichtigt. Unter den obwaltenden Umständen darf kein Papst auserwählt werden, welcher ihren Absichten gar zu hold sein dürfte. Auch will ich mir das Recht der Könige von Frankreich nicht nehmen lassen, will endlich einmal wieder mit dem Papst in gutem Einvernehmen stehen, wie das immer bei meinen Vorfahren der Fall gewesen war, will nicht nur den Namen haben: der Kirche bester Sohn – nein, ich will es betätigen, indem ich die Kirche selbst von des Unkrauts Wucher säubere. Ich denke, mein Wort wird Gewicht haben. Drum seht Euch um nach einem Mann, nach einem Geistlichen in meinem Reich, an dessen Wandel die Kardinale im Konklave nichts zu tadeln haben. Euch, Pater, übertrage ich dieses Geschäft, denn nicht allein gebührt es Euch, sondern Ihr seid auch besser darin erfahren als Rogaret und Marigni.«

Kanzler und Minister wurden entlassen. Der König blieb mit seinem Pater allein, und nun erst tauschten sie ungestört ihre Gedanken, ihre Absichten gegeneinander aus. Auf den Schein vom Recht kam alles in dieser großen Sache an, darum war sie im Geheimrat zuvörberst vorgetragen worden. Längst hatten Philipp und sein Beichtvater den Mann ausersehen, welcher der Statthalter Christi auf Erden sein sollle. Der Bischof von Bourdeaux, Bertrand von Goth war für beider Zwecke der verdienteste Mann. Und ohne weiteres Zaudern diktierte der König dem Glaubensinquisitor einen Brief an Bertrand von Goth in die Feder, in welchem er ihn aufforderte, sich schleunigst zu der Abtei St. Jean d’Angeli zu verfügen, woselbst der König im Geheimen mit ihm verhandeln wollte. Er empfahl dem Bischof das tiefste Schweigen an, ließ Bemerkungen über den Vorzug der Könige von Frankreich, weil Clodewig schon am Ende des fünften Jahrhunderts mit einem großen Teil der fränkischen Nation, der Erste von den europäischen Königen, zum Christentum übergegangen sei, einfließen, und bemerkte fein, dass er als allerchristlichster König nun auf dem Punkt stehe, der Kirche einen Oberpriester zu geben, wie er es vor Gott und der Welt verantworten könnte.

»Ich konnte mich kaum des Lachens enthalten, mein König«, bemerkte Wilhelm von Paris, indem er das Schreiben zurollte, »als Ihr befahlet, einen Mann zu suchen für St. Peters Stuhl. Der Kanzler wechselte sogar die Farbe, denn mit Päpsten weiß er nicht gut umzugehen …«

»Doch, doch, Pater! Es war mir recht lieb, dass ich den Rogaret damals nach Italien schickte, um mir den Heiligen Vater lebendig oder tot zu bringen. Hätten sich die Bürger von Anagni nicht für den Papst anfgeworfen, so würde Nogaret mithilfe der colonnischen Familie sicherlich meinen Befehl ausgeführt haben.«

»Dem Heiligen Vater wurde aber gar zu arg mitgespielt.«

»Jawohl, Pater. Der Ärger über die Behandlung stürzte ihn ins Grab. Wir werden fernerhin dergleichen Händel nicht mehr erleben. Bertrand von Goth wird mir in jeder Art willfährig sein. Wenn er so ehrgeizig ist, wie Ihr sagt, so haben wir das Spiel gewonnen. Dennoch wandelt es mich so sonberbar an, so ganz eigener Art, wenn ich bis an das Ende des Ganzen hinaus denke.«

»Gnädigster Herr, das ist noch weit im Felde. Schweift nicht zu weit in Gedanken, damit sie Euch nicht verwirren. Jeder Schritt in dieser großen Sache erfordert weise Überlegung, Vorsicht. Es handelt sich hier nicht darum, die Juden zu vertreiben – die edelsten Familien Eures Reiches sind beteiligt. Sie werden rachedürstend, sich erheben. Drum vorgesehen, mein König, vorgesehen!«

»Freilich, freilich, Pater – wenn ich in Eurer Kapuze steckte, würde ich nicht minder furchtsam sein als Ihr; aber ich bin König Philipp, und was Ihr die edelsten Familien meines Reiches nennt – das ist es eben, was mich reizt. Der Streich wird sie demütigen, denke ich.«

»Eines aber darf ich meinem König doch nicht verbergen.«

»Und das wäre, Pater? Nehmt Ihr doch schon eine so bedenkliche Miene an, dass ich etwas Ungeheures vermuten muss.«

»Vergebt, gnädigster Herr! Ich wusste nicht, dass meine Züge so gar gefällige Zwischenträger zwischen meinen Gedanken und Euch wären! Ihr wisst, wie sehr ich Euch ergeben bin, mein höchstes Glück finde ich in Eurem Ruhm. Wie oft aber habe ich schon in meines Königs Herz blicken können, und die zärtlichste Gattenliebe in ihm gefunden. Es ist wahr, die Königin verdient diese Liebe ihres königlichen Eheherrn, und ich fürchte nur, sie werde sich von ihrem weichen weiblichen Herzen verleiten lassen, uns gegenüberzutreten.«

»Possen – Possen – Pater.«

»Ihr sagt das wohl, gnädigster Herr; aber man muss an alles denken. Kenne ich doch schon lange Eure Beharrlichkeit in der Ausführung eines Vorsatzes. Ich glaube einer Welt zum Trotz würde Euer Wille gelten müssen. Jeden noch aber …«

»Lasst die Aber weg, Pater«, unterbrach ihn der König mit Verdruss. »Soll ich etwa wieder erleben, dass mein Volk sich gegen mich empöre? Soll ich in dieser geldarmen Zeit es ruhig ansehen, wie die größten Reichtümer meiner Länder, die unergründliche Tiefe des Tempelherrenschatzes, versiegen gehen? Soll diese vielköpfige Macht wachsen und immer wachsen, dass ich mich am Ende vor ihr noch bücken soll? Nein, Pater, ich bin des Reiches Haupt, meinem Großvater danke ich das Recht des obersten Richtspruches in kirchlichen Angelegenheiten. Die Anklage ist da, Zeugen haben sie bestätigt; Untersuchung wird lehren, wie ich von meiner Macht, meinem Recht Gebrauch machen werde.1«

»Was die Untersuchung anbelangt, Majestät, deren Ergebnis könnte ich Euch schon voraus verkünden.«

»Nun ja, Ihr leitet die Untersuchung, Pater. Das Ergebnis will ich jetzt nicht wissen. Sendet dieses Schreiben jetzt nach Bordeaux ab. Den Waffenschmied von Beziers will ich selber sprechen, nach ihm soll man den Prior von Montfaucon zu mir führen und dann den Florentiner Noffo Dei. Sorgt auch, dass mein Volk mindestens vorbereitet werde. Ich möchte es nicht gern überraschen und kann um so entschiedener zu Werke gehen, je mehr sich die Volksmeinung zu meinen Absichten hinneigt. Dass Ihr für des Waffenschmiedes Schweigen mir Bürgschaft stellt, dessen versehe ich mich von Euch. Der Mann ist uns viel wert, mehr aber noch sein Schweigen bis zur rechten Zeit und Stunde.«

»Längst, mein König, bin ich Eurem Gedanken vorausgeeilt. Fessel bleibt Fessel, sie sei von Eisen oder Gold. Dem Waffenschmied habe ich eine goldene Fessel angelegt. Er hat ein einziges Kind. Ich verwette meine Seligkeit, dass mit seines Töchterleins Schönheit kein Weib an meines Königs glänzenden Hof in Vergleich zu bringen sei.«

»Was, Pater, an meinem Hof und kein Weib so schön als eines Waffenschmiedes Tochter? Bei Gott, da bin ich begierig!«

»Seht, gnädigster Herr, das habe ich mir so ausgerechnet: Wenn das Mädchen in der Königin Dienst tritt, so findet sich der Waffenschmied hochgeehrt, und wir haben eine Geißel für ihn und sein Schweigen.«

»Wie mögt Ihr denken, Pater, dass die Königin …?«

»Das ist alles schon eingeleitet. Wenn auch niederen Standes, so ist die Dirne in ihrem Benehmen keinesweges von den Damen höheren Ranges zu unterscheiden. Ich werde sie der Königin vorstellen lassen …«

»Wann soll das geschehen?«, fiel der König plötzlich ihm ins Wort.

»Wenn Eure Masesiät vielleicht just bei der Königin wären, so dürfte Eure Zufriedenheit nicht überflüssig sein – Ihr versteht mich schon, gnädigster Herr.«

»Verstehe ganz und gar, Pater. Doch nur zufällig muss das geschehen, etwa wenn ich mit der Königin im Garten lustwandle. Der Vorwand wäre ja wohl leicht gefunden, dass man das Mädchen vor uns brächte.«

»Nichts leichter als das. Ew. Majestät teile der Königin mit, dass Ihr dem Vater des Mädchens das Leben geschenkt hättet, sowie nicht gern selbst den Dank entgegennehmen wolltet, und darum das Gerücht ausstreuen lassen, der Königin gebühre der Dank, weil sie Euch vermocht, dem Waffenschmied das Leben zu schenken.«

»Ihr seid erfinderisch, Pater.«

»Macht mein König diese Entdeckung erst jetzt?«, erwiderte Wilhelm von Paris selbstzufrieden, indem er sich anschickte, des Königs Befehle in Ausführung zu bringen. Längst schon hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, und Philipp stand noch in Gedanken tief versunken. Empfindungen aller Art kämpften in seiner Brust um die Herrschaft. Wenige Worte, die er hoch aufgerichtet und entschlossen sprach, gaben Aufschluss über alles, was er dachte. Sie hießen: »Endlich werde ich König sein in meinem Land.«

Show 1 footnote

  1. Ludwig IX. hatte die französische Inquisition eingeführt und so jedem König von Frankreich den furchtbarsten Teil der thekratischen Gewalt in die Hände gegeben. Die Hinrichtungen, welche man genauer unter dem Namen Auto da Fé’s kannte, hießen in Frankreich sermons publies.

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