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Marshal Crown Band 30

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Der Haselnussstrauch

Der Haselnussstrauch

»Was für eine Geschichte willst du mir denn erzählen?«, fragte Pete neugierig und nahm einen Schluck Lambrusco aus der 2-Liter-Flasche, die er sich vom in der Fußgängerzone erbettelten Geld im Supermarkt gekauft hatte.
»Meine eigene Geschichte«, antwortete Jones.
Jones und Pete waren Obdachlose, die seit einigen Monaten zusammen durch die Großstadt zogen, weil sie einander mochten. Gerade saßen sie unter einer der vielen kleinen Brücken, die über den Fluss führten, und richteten sich dort einen Schlafplatz für die Nacht ein.
»Deine eigene Geschichte also«, sagte Pete. »Wird ja auch Zeit, dass ich erfahre, warum du auf der Straße gelandet bist. Du hast mir das ja noch nie genau erzählt, immer nur Andeutungen gemacht. Also, nimm auch einen Schluck, und dann schieß los!«
Jones nahm die angebotene Flasche in beide Hände, trank einen Schluck und begann dann aus seinem Leben zu erzählen.
»Bevor ich auf der Straße gelandet bin, war ich Doktor der Archäologie und oft im Ausland, um Ausgrabungen vorzunehmen«, begann Jones. »Meine Frau Kate, die sehr viel Geld von ihren Eltern geerbt hatte, meine Arbeit im Ausland finanzierte und mich zuerst immer begleitete, hatte sich auf einer unserer Reisen einen Rückenwirbel gebrochen und saß im Rollstuhl. Fortan blieb sie zu Hause, und ich ging allein auf Forschungsreisen, die sie mir weiterhin finanzierte. Weil sie mich aber nun nicht mehr begleiten konnte und ans Haus gefesselt war – wir hatten ein großes Haus mit Garten in einer guten Gegend – wurde sie immer gehässiger und verbitterter und machte mir, wenn ich zu Hause war, das Leben zur Hölle.«
»Schlimm, wohin so ein Unfall führen kann«, sagte Pete.
»Allerdings!«, fuhr Jones fort. »Hatte ich meine Frau noch lange Zeit sehr geliebt, so wandelten sich meine Gefühle für sie schließlich in Hass um.«
»Und dann hast du sie verlassen«, vermutete Pete.
»Nein!«, sagte Jones. »Ich war doch auf ihr Geld angewiesen. Also plante ich ihren Tod! Eines Tages – nach einem besonders heftigen Streit – warf ich sie mitsamt ihrem Rollstuhl die Treppe hinab. Dabei brach sie sich das Genick und war sofort tot.«
»Und was hast du dann gemacht?«, fragte Pete. »Hat man nicht dich als ihren Mörder verhaftet?«
»Ich war mit einem armen jungen Arzt gut befreundet«, erwiderte Jones. »Dieser bezeugte mir für zweihunderttausend Dollar, die Todesursache sei ein häuslicher Unfall gewesen. So kam ich ohne Strafe davon. Ich ließ Kate auf dem alten Friedhof der Stadt beerdigen und pflanzte einen Haselnussstrauch auf ihr Grab!«
»Aber wieso hast du nicht so weitergelebt wie bisher? Du hast doch sicher ihr Vermögen geerbt, und keiner konnte dich belangen. Du hättest dir also ein schönes Leben machen können!«
»Leider nicht, mein Lieber«, sagte Jones und lächelte böse, »es passierte etwas, was mich völlig aus der Bahn warf, sodass ich auf der Straße landete!«
»Erzähl schon!«, forderte Pete gespannt.
»Also gut«, fuhr Jones fort. »Hör zu! – Ich lebte einige Jahre so weiter wie zuvor. Dann aber lernte ich auf einer meiner Reisen eine junge Frau namens Mara kennen, in die ich mich sofort verliebte, und ohne die ich nun nicht mehr leben wollte. Sie erwiderte meine Gefühle, und so war unser Glück vollkommen, bis …«
»Bis was geschah?«, fragte Pete.
»Eines Tages zeigte ich Mara Kates Grab«, gab Jones zur Antwort. »Ich hatte ihr vorher von Kate erzählt, natürlich ohne zu erwähnen, was ich mit ihr gemacht hatte. Als wir dann gemeinsam vor ihrem Grab standen, trug der Haselnussstrauch darauf gerade reife Früchte. Mara pflückte eine Nuss, knackte ihre Schale und aß sie dann vor meinen Augen auf. Da aber …«
Jones stockte an dieser Stelle, und einige Tränen liefen über sein zerfurchtes Gesicht.
»Weiter, Jones!«, forderte Pete aufgeregt.
»Im selben Moment, als Mara die Nuss aß, wurden ihre Beine und Arme zu Nusszweigen, und sie wurzelte auf Kates Grab im Boden. Im Nu wurde die ganze Mara zu einem Haselnussstrauch, und dieser stand neben dem, den ich selber auf Kates Grab gepflanzt hatte.«
»Und das konntest du nicht ertragen, sodass du auf der Strasse gelandet bist?«
»So in etwa«, antwortete Jones und nahm erneut einen großen Schluck aus Petes Flasche. »Ich begann mit dem Trinken und konnte es bald nicht mehr lassen. Die Auslandsreisen und meine Forschung interessierten mich schon bald nicht mehr, denn ich konnte nur noch daran denken, dass ich meine geliebte Mara für immer verloren hatte. Ich verwahrloste völlig, verlor mein gesamtes Vermögen und landete tatsächlich auf der Straße. Den Rest kennst du schon!«
Die beiden leerten ihre Rotweinflasche und unterhielten sich noch eine gute halbe Stunde über Jones´ Vergangenheit, wobei dieser Pete genau beschreiben musste, wo sich das Grab seiner Ex-Frau befand. Dann legten sie sich schlafen.

Als Pete am nächsten Morgen erwachte, stellte er fest, dass Jones nicht mehr da war. Er suchte ihn in der Folgezeit an allen Plätzen, an denen sie sich schon gemeinsam aufgehalten hatten, doch er konnte ihn nicht finden. Endlich setzte er sich allein in die Fußgängerzone und bettelte.
Am späten Nachmittag, als er bereits eine ganze Flasche Lambrusco getrunken hatte, ging er zum alten Friedhof der Stadt. Vielleicht konnte er Jones am Grab seiner Ex-Frau wiederfinden.
Als er jedoch vor dem Grab stand, wusste er sofort, was geschehen war. Auf diesem wurzelte nämlich neben zwei älteren Haselnusssträuchern, die gerade reife Früchte trugen, nun ein junger dritter!

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