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Die Visitenkarte

Paul Rosenhayn
Elf Abenteuer des Joe Jenkins

Die Visitenkarte

Über der alten Hansestadt Hamburg lastete ein regenschwerer Dezemberhimmel, als der Berliner Mittagszug donnernd in die Halle des Hauptbahnhofs einfuhr.

Kofferträger stürmten die Trittbretter. Ein Gewimmel aussteigender, sich begrüßender, rufender und schwatzender Menschen entstand. Dann quoll es wie eine lebendige Flut die Treppe empor, die aus dem Bahnhofstunnel zum Licht des Tages führte. Hier setzten sich Droschken und Autos in Positur, und in wenigen Minuten stoben die Angekommenen in verschiedenen Richtungen auseinander.

Der hochgewachsene, schlanke Herr von breitschultrigem amerikanischem Typus, der langsam die Treppe emporgestiegen war, sah sich einen Augenblick suchend um. Dann ging er mit festen Schritten auf den vornehmen alten Herrn zu, der seit einiger Zeit an einer Seitenwand Posto gefasst hatte.

»Herr Olsen?«, fragte der Amerikaner und streckte dem Wartenden die Hand entgegen.

Das Gesicht des alten Herrn hellte sich auf. »Mein Name ist Olsen«, sagte er höflich. »Und Sie sind Mr. Joe Jenkins?«

»Allerdings«, antwortete der Gefragte lächelnd.

»Wenn es Ihnen recht ist, Mr. Jenkins«, begann Herr Olsen, indem er den Angekommenen auf die andere Straßenseite zog, »so fahren wir vorläufig nicht zu mir nach Hause. Ich möchte stattdessen vorschlagen, dass wir ein Restaurant in der Nähe aufsuchen, um dort ein kleines Mittagessen einzunehmen. Dabei werde ich Ihnen ausführlich die Dinge erzählen, wegen derer ich Sie telegrafisch gebeten habe, zu mir nach Hamburg zu kommen.«

Die beiden Herren schlugen den Weg ein, der über den Glockengießerwall zur Alster führt, und nach einer kurzen Wanderung waren sie vor dem Hotel Atlantic angelangt.

»Kommen Sie mit«, sagte Herr Olsen auffordernd, »hier bei Pforte isst man gut.«

Herr Olsen, der hier bekannt zu sein schien, winkte den Geschäftsführer heran. »Wir möchten ein Separee haben.«

Nachdem der Kellner die Hors d’Oeuvres niedergesetzt und sich mit einer Verbeugung zurückgezogen hatte, blickte sich Olsen forschend in dem kleinen, ganz in Rot gehaltenen Raum um und fragte, indem er sich ein wenig vorbeugte und dem Detektiv ins Gesicht blickte: »Ist es Ihnen recht, wenn ich gleich mit der Sache beginne, die mir, wie Sie sich denken können, sehr am Herzen liegt?«

Der Detektiv hielt eben sein Glas Bordeaux gegen das Licht. Er nahm einen herzhaften Schluck, lehnte sich ein wenig zurück, blickte sein Gegenüber mit einem leichten Lächeln an und sagte nickend: »Ich bitte darum. Erzählen Sie ruhig.«

»Was ich erlebt habe, Mr. Jenkins«, begann der alte Herr, ein wenig zögernd, »und was ich Ihnen jetzt berichten möchte, ist an sich so unbedeutend, dass ich glaube, ein Durchschnittskriminalist würde mich einfach auslachen. Darum habe ich mich gleich an Sie gewandt, Mr. Jenkins. Ich las, dass Sie durch die kriegerischen Ereignisse in Deutschland zurückgehalten werden, und ich gestehe Ihnen offen, ich habe dies als einen Glücksumstand begrüßt. Ich habe gehört, Mr. Jenkins, dass Sie meist erst da beginnen, sich für einen Fall zu interessieren, wo ein anderer aufhört, wo ein anderer ihn als unlösbar beiseiteschiebt.«

Der Detektiv griff nach einem Stückchen gerösteten Brotes und nahm die kleine Kaviarschaufel zur Hand. »Bitte, erzählen Sie«, sagte er.

»Ich bin, wie Sie schon wissen, Mr. Jenkins, Großkaufmann. Seit fünf Jahren führe ich das Konsulat einer südamerikanischen Republik für die Hansestädte. Ich scheue mich nicht, Ihnen zu gestehen, dass ich mich aus kleinen Verhältnissen heraufgearbeitet habe. Ich habe mich viel in der Welt herumgetrieben, Mr. Jenkins, und bin vor einigen Jahren hier in Hamburg gelandet. Hier, in der freien, großzügigen Atmosphäre dieser kosmopolitischen Stadt habe ich mich vom ersten Augenblick an wohlgefühlt, bin hamburgischer Staatsangehöriger geworden und lebe in angenehmen und geordneten Verhältnissen. Ich weiß, manche nennen mich einen Pedanten. Aber, die Wahrheit ist: Meine Pedanterie hat mich erst zu dem gemacht, was ich geworden bin, und ich bin mit meiner Ordnungsliebe und meiner Kleinlichkeit immer gut gefahren. Um nun auf das zu kommen, was mir widerfahren ist: Es ist möglich, ja, es ist wahrscheinlich, dass es manchen anderen nicht besonders beunruhigen würde, ja, vielleicht hätte er diese Vorfälle überhaupt nicht bemerkt. Ich meinerseits gehöre nun einmal zu den Menschen, die an Ereignissen, für die sie sich keine Erklärung geben können, nicht so ohne Weiteres vorübergehen. Selbst, wenn diese Ereignisse vielleicht an sich bedeutungslos sind.«

Mr. Jenkins schob seinen Teller zurück und sagte, indem er seine grauen Augen an den Sprecher richtete: »Ich habe die Erfahrung gemacht, Herr Olsen, dass es bedeutungslose Dinge im Leben kaum gibt.«

Der Konsul sah einen Augenblick auf die blütenweiße Tischdecke nieder, fuhr sich mit der Hand über die Stirn und fuhr zögernd fort: »Sie können sich denken, Mr. Jenkins, dass ich in meiner Stellung täglich eine Unmenge Kataloge, Reklamesachen, Geschäftsanpreisungen und Ähnliches erhalte. Jeden Morgen bringt mir die Post eine Anzahl derartiger Drucksachen, die ich als gewissenhafter Mann zwar sämtlich flüchtig durchsehe, denen ich aber naturgemäß bei der Fülle der Einsendungen ein näheres Interesse nicht widmen kann. Unter diesen Reklamedrucksachen, die mir auf diese Weise zugehen, fiel mir die Visitenkarte eines Zahnarztes auf. Sie fiel mir dadurch auf, dass sie nicht ein-, sondern mindestens zehnmal einlief. Immer in Zwischenräumen von wenigen Tagen. Nun, daran mag an und für sich nichts Auffallendes sein. Mancher Geschäftsmann mag das System haben, sich dadurch in das Gedächtnis des Publikums einzunisten, dass er ihm seinen Namen unaufhörlich vor Augen führt. Immerhin: Die Adresskarten kamen so häufig, dass ich schon anfing, mich über sie zu amüsieren. Da ich einen bestimmten Zahnarzt habe, mit dem ich zufrieden bin, so hatte ich keine Veranlassung, mich zu verändern. Und nun kommt das Merkwürdige. Zufällig war neulich eine Freundin meiner Frau zugegen, als wieder eine solche Visitenkarte einlief. Ich öffne das Kuvert, sehe die Karte und schüttle den Kopf. ›Schon wieder eine Karte von Dr. Karras‹, sage ich lachend zu meiner Frau und gebe ihr die Karte hinüber. Bei dieser Gelegenheit wirft unsere Besucherin einen neugierigen Blick auf die Drucksache und sagt im nächsten Moment erstaunt: ›Herr Konsul, schickt Ihnen Dr. Karras selbst diese Karte?‹

›Allerdings‹, erwidere ich lächelnd, ›wer sollte wohl zum Schabernack für einen anderen Reklamekarten verschicken?‹

›Ja aber …, beginnt sie zögernd.

›Also, was ist denn dabei so Erstaunliches?‹

›Nun‹, sagt sie, sichtlich ein wenig verwirrt, ›an dieser Visitenkarte steht die Adresse: Große Bleichen 45.‹

›Nun ja …?‹

Unsere Besucherin blickt noch immer erstaunt auf die Karte, tut einen tiefen Atemzug und sagt: Der Zahnarzt Dr. Karras ist doch schon vor zwei Jahren gestorben!‹

Ich muss Ihnen gestehen, Mr. Jenkins, mich durchrieselte in diesem Augenblick ein eigentümliches Gefühl. Was konnte das zu bedeuten haben? Dann dachte ich an die Möglichkeit eines Irrtums. Auch konnte es schließlich zwei Zahnärzte dieses Namens geben. Ich fuhr am anderen Morgen also persönlich nach den Großen Bleichen und erkundigte mich eingehend. Nein, die Freundin meiner Frau hatte recht gehabt: Dr. Karras war seit zweiundeinviertel Jahren tot, und einen Zweiten dieses Namens gab es in ganz Hamburg nicht!

Als ich diesen Bescheid erhalten hatte und langsam die Große Bleichen hinaufschritt, konnte ich mich einer Empfindung der Angst nicht mehr erwehren. Was hatte das zu bedeuten? Wer konnte auf den Gedanken kommen, mir regelmäßig Visitenkarten eines Toten zu schicken? War das ein Scherz? Auf den ersten Blick mochte es so aussehen. Aber ich hatte das bestimmte Gefühl, dass dies kein Scherz war.

Nun, im Drang der Geschäfte hatte ich den Vorfall beinahe vergessen. Bis gestern Morgen. Gestern Morgen lief abermals eine Visitenkarte des Zahnarztes Dr. Karras bei mir ein. Schon wollte ich die Karte nach meiner alten Gewohnheit in den Papierkorb werfen, als ich mich eines anderen besann. Nein, mit dieser Karte hatte es vielleicht, ja wahrscheinlich, irgendeine besondere Bewandtnis. Ich entschloss mich, sie aufzuheben, und legte sie in die rechte Schublade meines Schreibtisches, die ich sorgfältig abschloss. Und nun komme ich zu einem anderen Ereignis, das vielleicht in irgendeiner Weise mit den Dingen zusammenhängt, die ich eben erzählt habe.

In der Nacht, die diesem Tag folgte, hatte ich einen seltsamen Traum. Mir träumte, ich läge am Ufer des Meeres und hörte das Rauschen des Wassers. Melodisch murmelten und plätscherten die Wellen, und nach und nach nahmen sie einen eigentümlichen, leise singenden Ton an.

Allmählich muss ich aus meinem festen Schlaf in einen leichten Halbschlummer hinübergeglitten sein, und plötzlich war ich wach. Plötzlich merkte ich, dass ich nicht geträumt hatte. Aus meinem Arbeitszimmer kam in der Tat ein leiser, singender Ton, etwa so, als ob eine Maschine lief. Ich hatte auch das undeutliche Gefühl, dass ich diesen Ton kennen musste. Dann ging das Singen in menschliche Laute über, und ich hörte deutlich eine Stimme sprechen – und zwar zu meinem Erstaunen in russischer Sprache. Ich verstehe Russisch, denn ich habe mehrere Jahre in Russland gelebt. Aber die Stimme war doch so leise, dass ich den Sinn der Worte nicht begriff.

Mit beiden Füßen springe ich aus dem Bett, schleiche zur Tür und reiße sie auf. Das Zimmer ist erleuchtet, und mein erster Blick fällt auf mein Grammofon. Es steht mitten im Zimmer und läuft leise surrend ab. Jetzt wusste ich, woher das singende Geräusch gekommen war. Dann blickte ich im Zimmer umher, und im nächsten Augenblick sah ich, dass eben jemand in diesem Zimmer gewesen sein musste. Das Fenster stand sperrweit offen. Ich wusste genau, dass ich es vor dem Schlafengehen wegen der Nachtkühle geschlossen hatte. Ich bemerke hierzu, Mr. Jenkins, ich bewohne eine kleine Villa an der Rothenbaumchaussee, und mein Arbeitszimmer liegt im Hochparterre.

Es war kein Zweifel: Jemand war bei mir eingebrochen. Wo war er geblieben? Ist er in die Wohnung entwichen?

Ich stürze zur Tür. Sie ist verschlossen, der Schlüssel steckt von innen im Schloss. Durch diese Tür konnte der nächtliche Besucher also nicht geflohen sein. Ich ging ans Fenster und blickte in den dunklen Garten hinaus. Es schien mir, als ob ich dort drüben, in der Nähe der Eingangspforte, ein leises Knirschen hörte.

Jetzt durchsuchte ich das Zimmer. Nichts fehlte. Der Geldschrank war unangerührt. Ich zog die Schreibtischschubladen auf. In der rechten hatte ich am Abend zuvor einen kleinen Geldbetrag – sechzehn Mark – bereitgelegt, die mein Zigarrenhändler am anderen Morgen abholen wollte. Das Geld lag unangerührt; da auf einmal, ich weiß selbst nicht wie, fiel mir die Adresskarte ein. Ich hatte sie in dieselbe Schublade geworfen und die sechzehn Mark später auf diese Karte gelegt. Ich hebe das Geld auf. Die Karte war fort.«

Der Detektiv deutete schweigend auf die Tür. Im nächsten Augenblick hörte man die Tritte des näherkommenden Kellners, gleich darauf trat er ein, um den zweiten Gang zu servieren.

»Sie haben«, begann Jenkins, »wie ich höre, in Ihrem Arbeitszimmer ein Grammofon stehen. Ein etwas ungewöhnlicher Platz, ein Grammofon im Arbeitszimmer eines so ernsten Mannes! Hat das eine besondere Bewandtnis?«

»Sie sind im Recht, Mr. Jenkins«, sagte Konsul Olsen mit einem leisen Lächeln, »wenn Sie es auffallend finden, dass in meinem Arbeitszimmer ein Grammofon steht. Ja, ich muss es gestehen: Es ist eine kleine Marotte von mir. Wenn mich bei der Arbeit die Müdigkeit überkommt, so mache ich eine kleine Pause und lasse mir von meinem Grammofon eine altitalienische Arie oder einen flotten Fishwalk vorspielen. Dann fühle ich mich wieder frisch und munter.«

Der Detektiv nickte. »Noch eins, Mr. Olsen. Aus wie viel Personen besteht Ihr Haushalt?«

»Außer mir und meiner Frau«, sagte der Konsul, »sind noch zwei Dienstmädchen und eine Köchin im Hause. Außerdem … außerdem …«

»Nun?«, ermunterte Joe Jenkins, »außerdem?«

»Vor einigen Wochen«, begann der Konsul zögernd, »habe ich einen alten Jugendfreund bei mir aufgenommen. Er hat früher bessere Tage gesehen, der arme Gregor Dyschnikoff. Dann hat ihn das Leben gezaust und geschüttelt und niedergeworfen. Krankheit, Hunger, Entbehrungen haben ihn alt und elend gemacht. Ich erkannte ihn kaum, als er vor vier Wochen bei mir auftauchte. Ich betrachte es als einen reinen Zufall, Mr. Jenkins, dass das Leben mich emporgetragen hat. Es hätte mir leicht ebenso gehen können wie meinem armen Freund, und ich sehe es als einen Tribut an die Vorsehung an, wenn ich ihn aufgenommen und gespeist habe, meinen alten Weggenossen. Ich beschäftige ihn gelegentlich mit leichteren schriftlichen Arbeiten – mehr, um den kleinen Unterstützungen, die ich ihm zuteilwerden lasse, den Charakter des Almosens zu nehmen … Wenn ich übrigens sagte, ›ich habe ihn aufgenommen‹, so ist das nicht ganz richtig. Er hält sich tagsüber bei mir auf, geht aber abends fort und hat irgendwo in der Stadt sein Zimmer.«

»Halten Sie ihn für vertrauenswürdig?«

»Unbedingt. Ja, ich möchte sagen, trotz unserer verschiedenen sozialen Stellung verbindet mich mit diesem klugen, gütigen Menschen eine aufrichtige und herzliche Freundschaft. Um es gleich zu sagen: Sie ist auch von seiner Seite vorhanden. Erst kürzlich händigte mir Dyschnikoff eine kleine Summe aus, die er sich aus den Zuwendungen zusammengespart hatte, die ich ihm zuteilwerden lasse, mit der Bitte, sie für ihn auf die Bank zu legen.«

Jenkins nickte. »Sie sagen«, begann er, »dass Sie schon früher ähnliche Karten empfangen haben. Haben Sie eine davon bei sich?«

»Ja. Hier ist eine der Karten.« Der Konsul nahm eine quadratische, große, vornehm aussehende Karte aus dickem, weißem Karton aus seinem Portefeuille und übergab sie dem Detektiv, der sie interessiert betrachtete.

Er hob sie gegen das Licht, schüttelte den Kopf und zündete ein Streichholz an, um es langsam an der Karte entlang zu führen, als ob er sie erwärmen wollte, als der Konsul seine Hand auf Jenkins Arm legte.

»Was Sie da tun«, sagte er und schüttelte den Kopf, »ist zwecklos. Sie denken offenbar an eine geheime Botschaft, die in irgendeiner Weise unsichtbar auf dieser Karte stehen könnte.«

»In der Tat«, nickte Jenkins. »An etwas Derartiges dachte ich.«

»Auch ich habe daran gedacht«, sagte Olsen. »Aber ich kann Ihnen gleich von vornherein versichern: Die Karte enthält nichts. Sie werden sofort erfahren, woher ich das weiß. Als ich gestern Mittag von der Börse komme und zum Essen nach Hause fahren will, begegne ich im Gedränge einen Herrn, dessen Gesicht mir bekannt vorkam. Ich sah ihn nur ganz flüchtig, doch fiel mir sein Gesicht auf, weil es einen unverkennbar russischen Typus aufwies. Im Gedränge des Börsengetriebes streift mich der Fremde. Ich fühle ein leises Zerren an meinem Jackett, und im nächsten Augenblick war er verschwunden. Instinktiv greife ich nach meiner Uhr. Dann nach meiner Brieftasche. Beides ist unversehrt vorhanden. Da fühle ich auf einmal, während ich das Portefeuille in die Jacketttasche zurückstecke, etwas Hartes in der äußeren Brusttasche. Ich greife hinein und greife ein Stück Karton. Als ich es mit einiger Mühe herausziehe, ist es …«

»Eine Visitenkarte?«, fragte der Detektiv.

»Eine Visitenkarte. Von Dr. Karras, Zahnarzt. Jetzt, Mr. Jenkins, fühlte ich, wie mir das Herz zu klopfen begann und wie mir das Blut in den Kopf stieg. Jetzt begann ich zu begreifen, dass in diesem Wahnsinn Methode war. Das alles musste einen Zweck haben, eine Bewandtnis … Die Börse liegt am Adolphsplatz. Schräg gegenüber, am Altenwall, unterhält ein Freund von mir ein Laboratorium für analytische Chemie. Ich eile hinauf zu ihm und treffe ihn glücklicherweise zu Hause. Er nahm die Karte an sich und untersuchte sie in meiner Gegenwart. Mein Freund ist einer der tüchtigsten Analytiker unserer Stadt. Ich sah, wie sein Interesse von Minute zu Minute wuchs. Er tat, was ein Chemiker nur tun kann. Er hat die Karte erwärmt, er hat sie kreuz und quer mit chemischen Reagentien liniiert, er hat sie mit Kohlepulver bestreut, endlich hat er ein Stückchen davon verbrannt – nichts. Die Karte reagierte auf keinen der Versuche. Schließlich gab er mir sie wieder zurück. ›Sie enthält keine Mitteilung‹, sagte er. ›Das kann ich beschwören. Wahrscheinlich macht sich jemand mit dir einen Börsenwitz.‹

In tiefen Gedanken kam ich zu Hause an. Das Mittagessen wartete schon auf mich. Ich erzähle meiner Frau kurz das Erlebnis mit der Karte. Meiner Frau und Dyschnikoff, denn er isst meist mit uns am Tisch. Ich fasse in die Tasche, um die Karte hiervorzuziehen und sie zu zeigen. Die Karte ist verschwunden.«

Der Sprechende blickte auf den Detektiv, der stumm vor sich niederblickte.

»In dieser Geschichte stimmt etwas nicht, Mr. Jenkins«, fuhr der Konsul mit leiser Stimme fort. »Welcher Mensch bricht ein, um ein Grammofon spielen zu lassen? Und um eine Visitenkarte zu stehlen? Wer kann auf den Gedanken kommen, mir Visitenkarten eines Mannes, der längst tot ist, mit der Post zu schicken und in die Brusttasche zu stecken …? Und welcher Mensch hat ein Interesse daran, sie mir wieder aus der Tasche zu stehlen …? Nein, Mr. Jenkins, das ist kein Börsenscherz. Diesen Dingen liegt etwas Tieferes zugrunde … Ich habe das Gefühl, dass ich in einer persönlichen Gefahr schwebe … Und darum habe ich Ihnen telegrafiert.«

»Nun«, begann der Detektiv, »wenn diese Karte auch keine Mitteilung enthält, so muss ich Sie dennoch bitten, sie mir für einige Zeit zu überlassen. Haben Sie noch mehr von diesen Karten bei sich?«

»Noch vier Stück.«

»Geben Sie sie mir.« Der Konsul öffnete zögernd seine Brieftasche und gab dem Detektiv die quadratischen Kartons, die dieser flüchtig gegen das Licht hielt und dann einsteckte. »Sie wohnen Rothenbaumchaussee, Herr Olsen?«

»Ja, Nummer 345.«

»Ich werde heute Abend zu Ihnen kommen. Inzwischen habe ich einige kleine Besorgungen zu machen. Hat Ihre Villa eine Hintertür?«

»Ja.«

»Um so besser. Wollen Sie mir den Schlüssel geben?«

»Hier ist er.«

»Bleiben Sie heute Abend Ihrem Arbeitszimmer fern und sagen Sie niemandem, dass Sie mich erwarten. Ich denke, ich werde Ihnen telefonieren, kurz bevor ich komme, damit Sie mich an der Hintertür erwarten können.«

»Ich erwarte Sie, Mr. Jenkins.«

Damit trennten sich die beiden Herren, und Olsen ging auf den Autostand an der nächsten Ecke zu, als er plötzlich seinen Namen rufen hörte. Es war Mr. Jenkins, der hinter ihm stand.

»Noch eins, Herr Olsen«, sagte der Detektiv. »Hat gestern Mittag irgendjemand Ihnen gesagt, Ihre Krawatte sei in Unordnung?«

Der Konsul sah den Fragenden erstaunt an, besann sich einen Augenblick und warf dann einen bestürzten Blick auf Jenkins. »In der Tat«, sagte er mit zitternder Stimme. »Jemand hat mir gesagt, meine Krawatte sei in Unordnung.«

»Wer war es?«, fragte Jenkins ruhig.

»Herr Dyschnikoff.«

Im nächsten Augenblick deutete der Detektiv fast unmerklich mit dem Kopf nach rückwärts und sagte leise: »Sehen Sie sich unauffällig um. Seit einiger Zeit verfolgt uns ein Herr. Eben steht er dort an dem Automobil. Kennen Sie ihn?«

Der Konsul wandte sich langsam zur Seite, sah den Bezeichneten mit einem Blick an, in dem höchste Betroffenheit lag, und sagte plötzlich mit einem leisen Beben in der Stimme: »Ja, ich kenne ihn. Es ist der Russe, dem ich mehrere Male an der Börse begegnet bin.«

Eben wollte er eine Bewegung auf den Fremden zu machen, als ihn Jenkins, fast ohne sich von der Stelle zu rühren, am Arm ergriff. »Bleiben Sie ruhig!«

Im gleichen Augenblick sprang der Fremde drüben in das Auto, das in sausender Fahrt zurr Lombardsbrücke zu davonraste …

Der graue Dezembernachmittag war in einen dunklen, feuchten Winterabend übergegangen. Von jenseits der Elbe zogen drohende Nebelschwaden bleiern über die Häuser der Stadt und hüllten die Straßen in undurchdringliches Dunkel. Allmählich entzündeten sich die Laternen und zitterten wie aus weiter Ferne rötlich durch den Nebel. Alle Geräusche des Alltags schienen in den brodelnden Massen unterzugehen, alles Leben in dieser lähmenden Melancholie zu ersticken. Sie drang durch die Mauern der Häuser und legte sich fröstelnd auf Herz und Hirn der Menschen.

Konsul Olsen stand am Fenster und starrte schweigend in das Nebeldunkel. Er hatte das Gefühl, von aller Welt verlassen zu sein. Von Jenkins war nichts zu sehen und zu hören. Eben dröhnte die elfte Stunde durch das Haus. Lautlos lag die nebelumhüllte Straße zu den Füßen der Villa. Vom fernen Hafen trug der Wind das lang gezogene Heulen einer Sirene herüber. Ihr quälender Ton schnitt ängstlich durch die Stille; er gellte durch die Stadt bis hinaus vor die Tore, bis auf die Felder, Wiesen und Moore und ertrank in der Nacht.

Der Konsul wandte sich seufzend vom Fenster und ging hinüber in sein Schlafzimmer. Er warf noch einen Blick durch die dunklen Vorhänge in den Garten hinunter, dann löschte er das Licht und ging zu Bett.

Lange Zeit wälzte er sich schlaflos hin und her. Immer wieder tauchte das Gesicht des Russen vor ihm auf. Dann fiel er schließlich in einen leichten Schlummer. Einmal glaubte er, leise Schritte im Garten zu hören. Augenblicklich war er ganz wach, sprang aus dem Bett und stürzte ans Fenster; nichts war zu sehen. Erregt legte er sich wieder nieder. Seine überreizten Nerven mochten ihn getäuscht haben. Endlich fiel er von Neuem in einen unruhigen Schlaf.

Es mochte mitten in der Nacht sein, als Konsul Olsen davon erwachte, dass eine menschliche Stimme seinen Namen rief. Er richtete sich im Bett auf. Das Zimmer war stockfinster. Er horchte. Alles war still. Da hörte er zum zweiten Mal seinen Namen aussprechen. Zitternd richtete er sich im Bett auf und tastete vorsichtig nach dem Revolver, der neben ihm im Nachtschränkchen lag. Zwischendurch hörte er wieder sprechen – russische Worte.

In diesem Augenblick dröhnte es von der Diele her: drei Uhr.

Der Konsul griff mit bebender Hand nach dem Revolver und entsicherte ihn. Dann stand er geräuschlos auf, schlich an die Tür und blickte durchs Schlüsselloch. Das Arbeitszimmer war dunkel. Er hob den Revolver in schussbereite Höhe, riss mit einem Ruck die Tür auf und drehte im nächsten Moment das elektrische Licht an.

In der Mitte des Zimmers stand, den Rücken ihm zugewendet, ein Mann.

»Was tun Sie hier?«, sagte der Konsul laut und wollte eben auf den Fremden anlegen.

Dieser drehte sich um und sagte mit höflichem Lächeln: »Guten Abend, Herr Olsen!«

Der Konsul starrte dem Mann ins Gesicht und ließ den Revolver zu Boden fallen. Vor ihm stand Joe Jenkins.

»Sie haben lange auf mich gewartet, nicht wahr, Herr Olsen!«, begann der Detektiv nach einer kurzen Pause. »Nun, ich habe wirklich viel zu tun gehabt in dieser Zeit. Sie werden es gleich sehen! Ich muss Ihnen einige Erklärungen geben. Wollen Sie sich zuvor anziehen?«

»Nicht nötig«, entgegnete der Konsul. »Ich bin, wie Sie sehen, im Pyjama.«

»Zunächst«, begann Mr. Jenkins, »muss ich Ihnen einen kleinen Vorwurf machen, Herr Olsen. Sie haben mir nicht ganz die Wahrheit gesagt. Oder, vielmehr, Sie haben mir nicht alles gesagt, was Sie wussten. Sie haben mir zum Beispiel nicht gesagt, dass Sie ein geborener Russe sind, und dass Ihr richtiger Name Fedor Maljutin ist.

Der Konsul trat einen Schritt auf den Detektiv zu und machte eine Bewegung, als ob er ihn am Arm packen wollte. Dann ließ er die erhobene Hand wieder sinken und starrte dem Sprecher mit dem Ausdruck grenzenlosen Staunens ins Gesicht.

»Ich kann Ihnen noch mehr sagen, Herr Olsen«, fuhr der Detektiv fort. »Sie sind vor etwa zwanzig Jahren als politischer Sträfling nach Sibirien deportiert worden. In den sibirischen Goldbergwerken am Jenissei und an der Tunguska haben Sie mehrere Jahre gearbeitet. Eines Tages fand einer Ihrer Mitsträflinge einen Klumpen Gold, und es gelang ihm, ihn zu verbergen. Dieser Schatz sollte der gesamten Kolonne zur Flucht verhelfen. Bei der ersten günstigen Gelegenheit wollte die ganze Abteilung ausbrechen und Amerika oder China zu erreichen trachten.

Sie aber, Herr Olsen-Maljutin, kannten das Versteck des Goldes. In einer regnerischen Novembernacht übermannte Sie die Gier nach dem gleißenden Schatz. Sie raubten ihn und ergriffen die Flucht. Während Ihre Leidensgenossen weiter in der harten Gefangenschaft schmachteten, doppelt streng bewacht nach Ihrer erfolgreichen Flucht, gingen Sie nach Amerika und fingen dort mit dem Vermögen, das Ihnen in die Hand gefallen war, ein neues Leben an.

Ich muss es Ihnen zugestehen: Sie haben Ihre Tat in mancher Hinsicht zu sühnen versucht. Sie haben hart gearbeitet und tun es noch jetzt. Sie haben viel Gutes getan und sind noch heute ein Mann, der im Stillen unzählige Tränen trocknet. Aber Ihre Mitgefangenen von damals haben Ihnen Rache geschworen. Sie haben Ihnen diesen Streich nicht vergessen. Inzwischen sind drei von ihnen in Freiheit gesetzt worden: Wasileff, dem Sie den Goldklumpen gestohlen haben, Borkowski und Dyschnikoff. Jawohl, Dyschnikoff, der nicht, wie Sie sagten, Ihr Jugendfreund, sondern Ihr Mitgefangener war. Jahrelang haben die drei bei ihrer elenden Arbeit in der sibirischen Einöde nur den einen Gedanken in sich hineingefressen: Rache an Ihnen zu nehmen, Rache für ein Verbrechen, das in den Gehirnen der drei Menschen im Laufe der Zeit wohl gigantische, übermenschliche Dimensionen angenommen hat … Unterbrechen Sie mich nicht, Herr Olsen«, wehrte Jenkins ab, als der Konsul die Hand erhob. »Um es Ihnen gleich zu sagen, es ist Gefahr im Verzug. Gefahr für Sie … Also, die drei sind vor einiger Zeit hier in Hamburg eingetroffen, nachdem sie jahrelang Ihre Spur vergeblich gesucht hatten.

Unter ihnen Dyschnikoff. Dieser, zu dem Sie wohl während Ihrer Strafzeit in einem gewissen Freundschaftsverhältnis gestanden haben, dieser Dyschnikoff wurde zu Ihnen geschickt, sozusagen als Lockvogel. Er hatte zweifellos den Auftrag, Ihre empfindlichste Stelle auszuspüren – denn die Rache sollte furchtbar sein. Vielleicht dachte man, Sie hätten etwa ein Kind, das Ihnen am Herzen läge, oder etwas Ähnliches. Ein einfacher Mord an Ihnen mag diesen Rachedürstenden als eine zu milde Strafe erschienen sein. Nachdem Dyschnikoff nun berichtet hatte, dass Sie kinderlos seien, haben Ihre Verfolger über Sie selbst das Todesurteil ausgesprochen. Dyschnikoff war ausersehen, es zu vollstrecken. Und nun kommt eine psychologische Merkwürdigkeit, die übrigens charakteristisch für das russische Gemüt ist.

Als Dyschnikoff Ihr Haus betrat, war er Ihr glühender Feind. Inzwischen hat er sich – und das spricht mehr als alles andere zu Ihren Gunsten – in Ihren besten Freund verwandelt. Mancher an Ihrer Stelle hätte ihm die Tür gewiesen. Sie haben ihn aufgenommen, ihn gespeist und gepflegt und haben ihm das Herz im Leibe gerührt. Sein Hass gegen Sie hat sich allmählich in eine anbetende Liebe verwandelt, und er, der gekommen war, Sie zu töten, kannte nun keine andere Aufgabe, als Sie vor den Plänen Ihrer Todfeinde zu schützen.

Diese Sinnesänderung kann seinen Spießgesellen nicht lange verborgen geblieben sein. Eines Tages mag er ausgeblieben sein, als man eine wichtige Beratung angesetzt hatte. Die beiden haben gewartet und gewartet. Er ist nicht wiedergekommen. Dann entschlossen sich die beiden, ihm zu drohen. Aber wie? Sie kannten seine Adresse nicht. Er hat sich zwar tagsüber bei Ihnen aufgehalten, aber er hat nicht bei Ihnen gewohnt. Ein Brief an ihn musste Aufsehen erregen. Wie kam dieser russische Sträfling zu Bekanntschaften in Hamburg? Ein einziger Brief an ihn hätte vielleicht Ihren Verdacht erweckt. Und jetzt komme ich zu der rätselhaften Angelegenheit der Visitenkarten des Zahnarztes Dr. Karras. Sehen Sie her.«

Der Detektiv trat einen Schritt zur Seite, und erstaunt erblickte Konsul Olsen das geöffnete Grammofon, auf dessen grüner Schale eine Visitenkarte des Zahnarztes Dr. Karras lag. Jenkins drückte auf den Schalthebel, ein feines Surren erhob sich, und im nächsten Augenblick hörte man eine menschliche Stimme in russischer Sprache sagen: »Gregor Dyschnikoff, wir befehlen dir, an dem Dieb und Verräter Maljutin, genannt Olsen, das Todesurteil zu vollziehen. Die Exekution ist auf den 16. Dezember festgesetzt. Solltest du nicht gehorchen, so trifft dich selbst die Todesstrafe. Wasileff, Borkowski.«

Der Konsul hatte mit zusammengekniffenen Augenbrauen den Worten gelauscht. Schon nach den ersten Silben nahm sein Gesicht eine bläuliche Farbe an, dann griff er mit den Händen in die Luft und fiel im nächsten Augenblick schwer und bleiern in einen Sessel.

»Erkennen Sie die Stimme?«, fragte Jenkins.

Der Konsul erhob schwer und mühsam den Kopf, blickte den Detektiv mit einem furchtsamen Blick an und sagte leise: »Ja. Es ist Wasileff. Der Mann, dem ich den Goldklumpen genommen habe. Aber … um Gottes willen, Mr. Jenkins … was bedeutet das alles?«

»Haben Sie noch nicht begriffen?«, fragte Jenkins.

Der Konsul schüttelte den Kopf und sah ängstlich und verstört auf das Grammofon.

»Nun«, begann der Detektiv, »was Ihr Freund, der Chemiker, Ihnen gesagt hat, stimmt schon: Die Karte ist nicht beschrieben. Aber trotzdem enthält sie, wie alle übrigen Karten, eine Botschaft. Sie ist bespielt nach Art einer Grammofonplatte. Ihren Feinden mögen durch Zufall ein paar alte Visitenkarten des Zahnarztes Dr. Karras in die Hände gefallen sein, deren weiches, dickes Papier sie für die Verwendung in der Art einer Grammofonplatte besonders geeignet machen dürfte. Vermutlich haben sich die Herren ein Beispiel an den englischen Banknoten genommen, die bekanntlich zum Zweck der Kontrolle mit geheimen Zeichen bedeckt sind, die, auf ein Grammofon gelegt, laut und deutlich in menschlicher Sprache ihre Echtheit bekunden …

Diese Karte ist älteren Datums. Die anderen, die Sie mir übergeben haben, enthalten Drohungen gegen Dyschnikoff, die an Deutlichkeit und an Furchtbarkeit nichts zu wünschen übrig lassen. Schade, dass wir die Karten der letzten Tage nicht besitzen. Schade, dass sie Herr Dyschnikoff hat …

Ja, Herr Olsen, Sie haben wohl schon erraten, wer die eingelaufenen Karten stets so schnell wie möglich an sich gebracht hat – diese Karten, die, unter dem harmlosen Gesicht einer Empfehlungskarte, Tod und Schrecken in Ihr Haus getragen haben – an Sie adressiert, für Dyschnikoff bestimmt. Dyschnikoff war es, der nachts bei Ihnen eingebrochen hat, in Todesangst, zitternd für Ihr Leben, wenn er wusste, dass eine neue Karte eingelaufen war, die eine neue Todesbotschaft enthalten mochte, die er vereiteln musste. Er brach ein, ließ die Karte auf dem Grammofon ihren Inhalt hersagen und verschwand wieder … Dyschnikoff war es, der Ihnen die Karte aus der Brusttasche genommen hat … Erinnern Sie sich: Ich fragte, ob Ihnen jemand gesagt habe, Ihre Krawatte sei in Unordnung? Die bequemste Art, jemandem mit  der einen Hand behilflich zu sein und ihm gleichzeitig mit der anderen die Taschen zu durchsuchen. Dyschnikoff mochte gleich bei Ihrem Eintreten Ihnen angesehen haben, dass etwas Ungewöhnliches passiert war – er, der wohl stündlich in Angst und Sorge heimlich Ihre Gesichtszüge studieren mochte … Warum er Ihnen nicht einfach von den Plänen seiner Mitverschwörer gesagt hat? Nun, ich denke, aus zwei Gründen: erstens, um sich selbst nicht …«

In diesem Augenblick durchgellte ein furchtbarer Schrei die Stille. Der Detektiv fuhr auf. »Also doch zu spät!«, rief er, griff im Nu nach seinem Revolver und sprang mit einem einzigen Satz durch das Fenster in den nächtlichen Garten.

Ein paar Sekunden blieb der Konsul wie betäubt stehen. Im Haus wurde es lebendig. Stimmen erschallten, Fußtritte scharrten. Als Olsen im Garten erschien, fand er Jenkins über einen Körper gebeugt, der leblos auf dem Kies des Gartens lag. Der Detektiv leuchtete mit einer Taschenlaterne dem Toten ins Gesicht. Der Konsul trat näher. »Dyschnikoff!«, sagte er tonlos.

»Ja«, sprach Jenkins leise. »Er ist für Sie gestorben, Herr Olsen! Hätte er nicht diese ganze Nacht vor Ihrem Hause treue Wacht gehalten – der Mordstahl hätte vielleicht Sie getroffen!«

Aus dem Dunkel der Gebüsche löste sich eine Gruppe von Männern. »Dort werden die Mörder abgeführt«, sagte Jenkins, indem er sich zu Olsen herumwandte.

»Meine Leute haben gut aufgepasst. Danken Sie Gott, Herr Olsen, dass er Sie vor ihnen behütet hat, vor den armen Burschen, auf deren Unglück Sie Ihr Lebensglück gebaut haben!«

Ein Kommentar zu Die Visitenkarte

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