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Die Hexe von Ulmen

Vom frischen Quell
Sagen, Legenden und Geschichten aus der Eifel
Jung und Alt in neuer Fassung dargeboten von Rektor Jos. Schiffels
Verlag Georg Fischer. Wittlich. 1912
Erstes Bändchen

Die Hexe von Ulmen

In alten Zeiten lebte in Ulmen eine Mutter mit ihrer Tochter Gerta. Sie besaßen nur ein Häuschen mit einem Gärtchen davor sowie eine Wiese, die für ihre Kuh das nötige Futter lieferte. Trotzdem waren sie gut gekleidet und hatten stets bares Geld im Haus, ja Gerta tat sogar vornehm und hochmütig. Selbst angesehene und reiche Burschen warben um Gertas Hand, aber alle wies sie ab. Keiner war ihr gut genug gewesen. Die Leute meinten, Mutter und Tochter seien heimlich der Hexerei ergeben, zumal jene ein scheues, zurückhaltendes Wesen an den Tag legten und ihr Häuschen an manchen Abenden abschlossen.

Einst kam ein Schmiedegeselle in das Dorf, den niemand kannte. Zum Erstaunen aller verlobte sich Gerta mit ihm, was natürlich die von ihr abgewiesenen reichen Burschen ärgerte. Wohl hörte der Schmied das Gerede über seine Braut, aber er legte ihm anfangs keine Bedeutung bei. Allmählich erwachte doch ein leises Misstrauen in ihm, und er wollte der Sache auf den Grund gehen.

Am ersten Maiabend beschloss er, seine Braut zu besuchen, um noch etwas mit ihr zu plaudern. Zu seiner Bewunderung aber fand er die Tür verschlossen, die ihm auch auf sein Klopfen nicht geöffnet wurde. Das kam ihm verdächtig vor. Durch einen Spalt in der Türe drang ein Lichtschimmer. Von Neugierde geplagt, spähte er hinein. Was er da bemerkte, setzte ihn in großes Erstaunen. Mutter und Tochter waren wie zu einem Fest geschmückt. Sie bestrichen sich das Gesicht, setzten sich auf einen Besenstiel und riefen laut: »Hui, über Hecken und Stauden!« Und mit Blitzesschnelle fuhren sie zum Schornstein hinaus zum Versammlungsplatz der Hexen. Das verdross ihn. Er war entschlossen, das Verlöbnis zu lösen und an seiner Braut Rache zu nehmen. Deshalb versuchte er den gleichen Ritt. Er machte es wie die Frauen und kam zuletzt zu den Hexen.

Gerta gab ihm gute Worte und sagte zu ihm: »Entschuldige, dass du mich hier findest. Ich bin heute nur hierher gekommen, um für immer der Hexerei zu entsagen und die Fesseln zu lösen, die mich jetzt an die Hexen banden. Das kann aber nur in dieser Nacht geschehen. Vertraue mir und tue, was ich dir sage.«

Sie verwies ihn in eine Ecke, versprach ihm, bald wiederzukommen, und entfernte sich dann.

Der Schmied fiel in einen tiefen Schlaf, der sehr lange dauerte. Als er erwachte, war von den Hexen nichts mehr zu sehen. Er aber befand sich in einem fremden Land, wo ihn niemand verstand. Erst nach langer, mühevoller Wanderung kam er wieder in seine Heimat zurück. Von Gerta aber wollte er nichts mehr wissen.

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