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Jacob von Molay, der letzte Templer 6

Franz Theodor Wangenheim
Jacob von Molay, der letzte Templer
Erster Teil
St. Jean d’Angeli
Verlag von Joh. Fr. Hammerich, Altona, 1838

Sechstes Kapitel

Florian, der Waffenschmied von Beziers, vergoss bittere Tränen, während sein Unglücksgefährte, der Prior von Montfaucon, finsteren Groll im Gesicht, auf und nieder schritt.

Der Ritter hatte sich eben wieder entfernt, nachdem er den beiden des Königs Urteil eröffnet hatte. Schon einmal hatten sie Todesangst kennengelernt. Es war grausam, sie derselben zum zweiten Mal aufzusparen.

Schon hatte Florian sich der süßen Hoffnung wieder hingegeben, seine Margot noch einmal wiederzusehen, vielleicht auch Balthasar, um über des Töchterleins zeitliches Glück irgendeine Gewissheit mit in den Tod zu nehmen.

Ja, die Verzögerung der Sterbestunde hatte ihm Möglichkeiten vorgespiegelt, welche sogar die Hoffnung auf des Königs Gnade, die Hoffnung auf Leben erwachen ließen. Und jetzt, so nahe bei Beziers, so nahe seinen Lieben, sollte er den bitteren Tod empfangen, nicht einmal durch Priesters Mund des letzten Trostes eines Christen teilhaftig werden. Florian war in Verzweiflung. Sein Herz wäre gebrochen, wenn sich nicht auch die Träne gegen den Unglücklichen verschworen hätte. Wider seinen Willen drängte sie sich hervor und erleichterte das gramerfüllte Herz.

Er saß tiefgebeugten Hauptes, die krampfhaft gefalteten Hände zwischen die Knie ausgestreckt, sein Bart war von Tränen durchnässt, deren scharfe Bitterkeit seine Augen gerötet hatten.

Zur Seite hin, versteckt unter den buschigen Augenbrauen, beobachtete ihn Matthias lange Zeit, dann blieb er mit unterschlagenen Armen vor ihm stehen und fragte mit einer Stimme, die dem dumpfen Geroll des Donners nicht unähnlich war.

»Warum weinst du, Unglücksbruder? Warum seufzt du? Werden deine Tränen, deine Seufzer, dich vom Tod retten? Vergälle dir doch nicht selbst die letzten Lebensstunden. Genieße noch, was dir geboten wird, und denke, der Tod sei doch nur ein Sprung, ein Sprung von dieser Welt in die andere. Hast ja schon in Paris mit mir die Schinderei angesehen, und weintest nicht. Grämt dich etwa, dass dir nicht vergönnt ist, vor den Augen des versammelten Volkes die beneidenswerte Luftreise anzustellen? Ich muss dich wohl trösten, Florian. Ich sage dir, das Ding ist leicht, du baumelst, zappelst ein wenig und bist drüben.«

»Ach, Matthias!«, heulte Florian, »mich schreckt nicht der Tod, mich schreckt nur das Drüben. Habe stets einen christlichen Wandel geführt, meinte, das Sterdestündlein werde mir unter Gebeten und heiligen Liedern nahen, den Unflat meiner menschlichen Sünden hier auf Erden zurückzulassen, ein seliger Geist vor der Gebenedeiten, dem Menschensohn und allen Heiligen zu erscheinen, in jenen Räumen willkommen sein, wo der Heilige Geist die Himmlischen mit immerwährender Freude erlabt. Und jetzt, Matthias, muss ich hinfahren in meiner Sünden Last, ewige Verdammnis wird dem Unheiligen zuteil.«

»Da hast du recht, Florian, das ist eine trübe Aussicht. Ich habe in meinem Leben noch nicht gezittert, aber wenn ich so an den Belzebub denke, wie er da sitzt in dem gelben und blauen Flammenmeer, mit der Krone von glühendem Gold auf dem gehörnten Haupt, die nervite Faust mit güldenen Krallen, gefüllt mit giftigen Drachen, und Miriaden kleiner Teufel in den sonderbarsten Gestalten, in den ekelhaftesten, stets sich mehrend aus den Flammen sprühend – höre, Florian, da wird auch mir ganz sonderbar zumute.«

»O Pein«, wimmerte jener. »Wohin soll ich fliehen vor dieser grässlichen, dieser ewigen Strafe?«

»Ergib dich darein, Florian. Das ist nun einmal nicht zu ändern. Ich wüsste freilich ein Mittel, welches uns beiden gleich heilsam wäre. Aber leider habe ich es selbst verscherzt!«

»Und welches wäre das?«

»Was schaust du mich so groß an, Florian? Ich sage dir ja, dass ich das Mittel selbst verscherzt habe. Doch, damit du siehst, wie ich treu bei dir aushalten will bis in den Tod, so will ich dir das Mittel wenigstens sagen. Du kannst das freilich nicht wissen, denn du warst ein ehrsamer Bürgersmann, dein Pfaffe war dein Gott, und während du Klingen schmiedetest, gegen die Ungläubigen zu brauchen, kümmertest du dich wohl wenig um Pfaffenregeln.«

»Da hast du recht, Matthias. Dergleichen hat mich niemals angerührt. Aber sag mir doch, was du meinst!«

»Sieh, Florian, ich war Tempelherr, habe manchem Sarazenen das Lebenslicht ausgeblasen. Du kannst leicht denken, dass ich im Gelobten Land nicht müßig gewesen bin. In dem kriegerischen Treiben dort ereignet sich nicht selten, dass zwei Waffenbrüder, allein und abgeschnitten, gegen die Übermacht ihr Heil versuchen müssen. Ist nun der eine auf den Tod verwundet, so mag er dem anderen beichten, und der soll ihm die Absolution erteilen. So lautet die Regel.«

»Ha, Matthias, mir fliegt neue Hoffnung durch die Seelen.«

»Ich weiß schon, was du sagen wirst. Aber drücke diese Hoffnung nieder, sie wäre doch nur eine getäuschte. Du meintest, Du könntest mir beichten? Armer Florian, du dauerst mich, denn ich darf dich nicht absolvieren – man hat mich ausgestoßen aus der Gemeinschaft mit Christen.«

»Alle guten Geister!«, bekreuzigte sich der Waffenschmied. »Du wärest?«

»Der Bannfluch ist über mich ausgesprochen worden«, drang es hohl aus des Priors Brust herauf. »Man hat mich fälschlich der Ketzerei bezichtigt, und wenn auch unschuldig, so liege ich doch unter dem Bann.«

Während Matthias dieses sprach, hatte sich der Waffenschmied langsam von seinem Sitz erhoben, und unmerklich, gleich wie vor einem giftigen Ungeheuer, sich in den hintersten Winkel des Gefängnisses zurückgezogen.

»Du fliehst vor mir, Florian?«, fragte der Prior mit Schmerz in Blick und Stimme. »Auch du meidest mich? So verlässt mich denn auch der mit mir Verdammte?«

»Bleib fern von mir!«, reckte Florian die Hände gegen ihn aus. »Ich bin nicht verdammt wie du und hoffe zu dem Herrn der Heerscharen, dass er die Reue des Sünders und die schwere Stunde des Sterbens in der Schale der Gerechtigkeit wägen wird. Auf Erlösung von den Höllenqualen, wenn auch nach siebzigtausend Jahren erst, darf der gläubige Christ hoffen, wenn er nicht schon hier auf Erden der christlichen Gemeine unwert befunden worden ist.«

Eine tiefe Pause, schrecklich, wie sie unter solchen Umständen nur sein kann, trat ein. Nur des Priors Zähneknirschen unterbrach die Stille. Seine Augen rollten wild, die Verzweiflung war an ihm.

»Wohlan denn«, rief er so laut, dass Florian erschrocken noch weiter zurückgewichen wäre, wenn er gekonnt hätte. »Ist mir der Himmel auf ewig verschlossen, so will ich ein würdiger Sohn der Hölle sein!«

»Lästere dich nicht in den tiefsten Abgrund.«

»Was kümmert es mich, wohin die Seele fährt. Nicht eigener Wille hat sie dem Feuerpfuhl preisgegeben. Verlockt hat man mich, verraten, betrogen, dass ich an meinem Gott zum Verräter werden musste! Umwindet mich, ihr Nattern, zerfleischt mit höllischem Zahn mein Herz! Herauf, du giftgeschwollener Drache! Hauche mich an, dass mich der Dunst aus deinem Schlund betäube! Bereitet euch vor, ihr Teufel, die in der Hölle selbst als Henker gelten! Empfangt mich, den elendsten der Sterblichen! Ich will euch verfallen sein! Aber dir da droben und allen Heiligen, bis in die Ewigkeit hinein will ich noch flu…«

»Halt ein!«, schrie Florian entsetzt. »Nicht vor meinen Ohren drücke aus das sündige Wort – ich darf’s nicht hören, wenn ich deiner Schuld nicht teilhaft werden will.«

Da ging mit dem Prior eine auffallende Veränderuug vor. Schien es doch dem Florian, als wäre sein Unglücksbruder ein plötzlich von Gott Erleuchteter, denn seine Brust dehnte sich so weit aus, dass er mit beiden Händen sie zurückdrängen musste. Nach oben war sein Blick gerichtet, und aus des Herzens Tiefe stiegen die Worte herauf: »Herr im Himmel, ich danke dir! Flammend leuchtet es auf in meiner finsteren Nacht. Du zeigst mir den Weg zum Heil.«

Und langsam kniete der Prior nieder, neigte tief das Haupt, er berührte mit der Stirn den kalten Stein.

Florian wollte ihn im Gebet nicht stören, wartete daher geduldig und im heiligen Mitempfinden, bis Matthias das Haupt wieder erhob.

»Freue dich, Florian«, sprach er, wie in Verzückung, »freue dich, du gläubige Seele, dass ich den Weg gefunden habe, der uns beiden heilsam ist. Auch du wirst gereinigt vor den Richterstuhl da droben hintreten.«

»Wär’s möglich?«

»Ja, es ist, Florian. Höre, was mir Gott ins Herz gegeben hat. Du bist rein, bist mir in diesem Augenblick wahrhaft ein Priester: Ich werde dir jede Sünde, deren mein Gewissen mich bezichtigt, enthüllen. Ein aufrichtiges Bekenntnis meiner Schuld lege ich in deine Hände. Du kündigst mir des Himmels Vergebung an, und durch dich gereinigt, stehe ich dann ein Priester zwischen dir und deinem Gott.«

So spitzfindig nun auch die Art und Weise war, sich in den Himmel zu stehlen, so konnte der Waffenschmied doch den Beifall nicht versagen.

Es war ja die letzte Möglichkeit, versöhnt aus dieser Welt zu gehen, und Männer von höherem Geist als dieser Waffenschmied huldigen der Form. Ehe die beiden aber zur Beichte schritten, überzeugte Matthias seinen Mitgefangenen, dass er ihn zuvörderst von jenen Dingen unterrichten müsse, welche so großen Einfluss auf sein sündiges Leben gehabt haben. Die beiden setzten sich daher ruhig zusammen nieder. Matthias besann sich eine Weile, etwa wie einer, der aus dem Gewirr von Begebenheiten den Anfang nicht herausfinden kann, bis er endlich und entschlossen anhob: »Höre, Florian, nur die Umtiände, die gemeinschaftliche Sterbestunde, konnten mich zu der Enthüllung des größten Geheimnisses bringen. Du bist so alt geworden. Hast du aber wohl jemals gehört, dass ein Tempelherr auch nur ein einziges Wort über die Geheimnisse seines Ordens laut werden ließ?«

»Nein, Matthias. So wie ich gehört habe, soll es aber Geheimnisse geben in dem Orden, und mit dem Tod wird der bestraft, welcher von diesen Geheimnissen mit einem anderen als mit seinem Bruder spricht.«

»So ist es, Florian. Mich können sie nicht mehr am Leben strafen, denn mehr als eins habe ich nicht, und das nimmt mir der König. Ich hatte mein fünfundzwanzigstes Jahr zurückgelegt, war eben nicht reich, hatte aber von meinem Vater ein Besitztum geerbt, welches mir jährlich hundertundvierzig Livre brachte. Ich konnte daher meinem Stand gemäß recht gut davon leben. Aber ich hatte noch keine Waffentat ausgeführt und wollte doch auch darin meinem Haus Ehre machen. Zu jener Zeit schlugen die Tempelherren unter ihrem Großmeister Guillaume de Sonnac. Auch zu meinem Ohr drang die Mär von ihren Großtaten. Ich beschloss, in den Drden zu treten, meldete mich bei einem der ältesten Ritter, und die Sache ging vor sich. Niemand konnte etwas Nachtheiliges auf mich sagen, und ich legte die vier Gelübde ab. Die kennst du ja, Florian; es kennt sie jeder. Aber nun merke auf. Es war eine Falle, da man mir die Worte eingeprägt hatte, welche ich im Kapitel demjenigen sagen musste, der das Kapitel zusammenberufen hatte. Die Worte lauten also: ›Herr, ich bin gekommen vor Gott, vor Euch und den Brüdern, und bitte und ersuche Euch, um Gottes und unserer lieben Frauen willen, mich in Eure Gesellschaft und die Wohltaten des Ordens aufzunehmen, als einen, der sein Leben lang Knecht und Sklave des Ordens sein will.‹

Darauf wurde mir erwidert: ›Lieber Bruder, Ihr verlangt eine sehr große Sache, denn Ihr seht nur die äußere Schale unseres Ordens. Es ist nur die äußere Schale, wenn Ihr seht, dass wir schöne Pferde und herrliches Geschirr haben, dass wir gut essen und trinken und stattlich gekleidet sind. Aus diesem schließt Ihr, dass Euch sehr wohl bei uns sein werde. Aber Ihr kennet nicht die strengen Vorschriften, die im Inneren sind. Denn es ist eine harte Sache, dass Ihr, der Ihr Euer eigener Herr seid, Euch zum Knecht eines anderen macht. Schwerlich werdet Ihr künftig tun können, was Ihr selbst wollt. Denn wenn Ihr im Land diesseits des Meeres sein wollt, wird man Euch jenseits schicken. Wenn Ihr in Akra sein wollt, wird man Euch senden ins Gebiet von Tripolis, von Antiochien oder nach Armenien; oder man wird Euch nach Apulien, nach Sizilien oder in die Lombardei, oder nach Frankreich, Burgund, England, oder in andere Länder schicken, wo wir Häuser und Besitzungen haben. Wenn Ihr schlafen wollt, wird man Euch befehlen zu wachen. Wenn Ihr wachen wollt, wird man Euch heißen, zu Bett zu gehen. Wenn Ihr essen wollt, wird man Euch befehlen, etwas anderes zu tun. Sowohl wir als auch Ihr könnten sehr großen Nachteil von dem leiden, was Ihr uns vielleicht verschwiegen habt. Seht aber hier die heiligen Evangelien und das heilige Wort Gottes und antwortet die Wahrheit auf die Fragen, die wir Euch tun werden, denn wenn Ihr lügt, werdet Ihr meineidig, nnd könntet aus dem Orden gestoßen werden, wovor Euch Gott behüte.‹ Sieh, Florian, auf diese Weise fingen sie mich. Ich verschwor mich dem Orden mit Leib und Seele, denn ich ahnte nicht, welche Verbrechen in ihm begangen wurden.«

»Verbrechen, Matthias! Du sagst Verbrechen? So lass doch hören.«

Des Waffenschmieds Neugier war nun einmal angeregt. Es kostete dem Prior von Montfaucon keine Mühe, sie noch höher zu spannen.

Er war aufgestanden, hatte den Waffenschmied mit den Formeln bekannt gemacht, deren dieser, während der Beichte bedurfte, da er doch nun einmal das Priesteramt verwalten sollte. Andächtig entblößte Florian das alte Haupt, faltete die Häude, betete ein pater noster, und der Prior kniete reumütig vor ihm nieder.

Nach dem gewöhnlichen Eingang, die nochmalige Versicherung, reine Wahrheit zu sagen, beichtete Matthias, dass er bei seiner Aufnahme in den Orden bekennen musste, es sei nur ein Gott, der nicht gestorben sei und auch nicht sterbe. Dass Jesus Christus nicht Gott, sondern nur ein Mensch gewesen sei, der seiner Verbrechen halber die Todesstrafe am Kreuz erlitten habe. Um dieses zu bekräftigen, habe man ihn dreimal den Heiland verleugnen lasten, dreimal habe er auf das Kreuz speien und es mit Füßen treten müsen …

Des gläubigen Christen Haar sträubte sich zu Berge, als er diese Unbill vernahm. Er floh von der Stelle, eilte weit hinweg von dem reuigen Sünder. Das Priesteramt wurde ihm doch zu schwer. Matthias aber verfolgte ihn, auf den Knien verfolgte er denjenigen, von welchem er Vergebung des Himmels hoffte, umfasste seine Knie mit der Kraft des Verzweifelnden und schrie die Worte zu ihm hinauf: »Noch mehr habe ich getan! Noch mehr als das!«

Aber der Waffenschmied verschloss seine Ohren mit beiden Händen, er wollte nichts mehr hören. Wie er zur Seite blickte, stand der Kerkermeister neben den beiden.

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