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Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas 55

Mythen-und-Sagen-der-IndianerDie Sintflut und die Erschaffung der Menschen nach der Ansicht der Sauk und der Fox

Am Anfang der Welt schuf Gott eine Menge lebender Wesen von jeder Gestalt, Farbe und Art. Darunter befanden sich auch weiße Menschen. Aber das waren so verrückte und närrische Gesellen, dass sich Gott ihrer schämte und wünschte, sie lieber nicht geschaffen zu haben. Doch sie waren nun einmal da, und umbringen wollte er sie auch nicht gerne, denn dazu war er zu gutmütig.

Er sann daher auf einen andern Rat und versammelte die klügsten Tiere um sich, die auf der Erde herumliefen, nahm jedem das Herz aus dem Leib und gab sie den ungeratenen Menschen, damit sie vernünftigere Gedanken bekommen sollten. Aber der gute Herrgott täuschte sich auch dieses Mal wieder, denn seine lieben Zweifüßler behielten nicht allein ihre Dummheit und Verrücktheit, sondern sie bekamen auch noch die Grausamkeit und die Blutdürstigkeit der Tiere dazu.

Da blieb denn dem Schöpfer nichts anderes übrig, als in seinen Busen zu greifen und jedem ein Stück von seinem eigenen Herz abzuschneiden. Dies hatte auch die gewünschte Wirkung, denn die Menschen wurden seitdem klüger und vernünftiger als alle anderen Geschöpfe.

Die Erde brachte viele nahrhafte und köstliche Früchte hervor, sodass die vielen Tiere und die Menschen, die sich unglaublich schnell vermehrt hatten, von keinen Nahrungssorgen gequält waren und alle ein recht prächtiges und friedliches Leben hätten führen können, wenn die vielen Dschämweu oder Riesen und die unzähligen Halbgötter oder Manitus, die teilweise auf und unter der Erde wohnten, keine so maliziösen Kerle gewesen wären.

Die unterirdischen Götter hatten nämlich mit den Riesen ein Schutz-und-Trutz-Bündnis abgeschlossen, um Wesukkä, den überirdischen Chiefgott, zu bekriegen. Aber sie fürchteten sich doch zu sehr vor ihm und seinen Untertanen, um die Offensive zu ergreifen, und beschlossen daher in einer geheimen Ratsversammlung, ein großes Fest zu arrangieren, Wesukkä dazu einzuladen und ihn dann, wenn er sich krummgesoffen und lahmgetanzt habe, unbemerkt auf die Seite zu schaffen. Darauf wurden einige Delegierte erwählt, um Wesukkä ihre Aufwartung zu machen und die Einladung zu überbringen.

Doch der jüngere Bruder Wesukkäs hatte sich heimlich in jene Versammlung geschlichen und daher alle Reden und Beschlüsse mit angehört. Als er sich aber wieder fortstehlen wollte, entdeckten sie ihn, fielen über ihn her und erschlugen ihn.

Als dem Chiefgott diese Schmerzensbotschaft überbracht wurde, begann er so laut zu weinen und zu klagen, dass es die über den Wolken wohnenden Götter hörten und ihm versprachen, ihm beizustehen, um die Missetäter zu bestrafen. Als das die Untergötter merkten, dachten sie, es sei sicher das Beste, ihre Haut beizeiten in Sicherheit zu bringen, und schlüpften, so schnell sie konnten, in ihre tiefen Wohnungen unter den Seen. Die Riesen aber blieben oben, um den Kampf aufzunehmen. Aber dieser bekam ihnen nicht besonders, denn sie wurden alle mit Stumpf und Stiel ausgerottet und keiner übriggelassen, um das traurige Schicksal seines Stammes erzählen zu können.

Nun wurde den Untergöttern erst recht angst und bange, und sie flehten Nänämäkeh, den Donnergott, um Hilfe an. Der versprach sie ihnen auch, schickte gleich einen seiner Unterbeamten an Popoänätessih, den Gott der Kälte, und ersuchte ihn freundlichst, ihm die Götter des Frostes, des Hagels, des Schnees, des Eises und des Nordwinds auf kurze Zeit zur Verfügung zu stellen, was dieser auch in der zuvorkommendsten Weise tat.

Die Armee des kalten Schreckens marschierte also aus. Das Wasser der Flüsse und der Seen erstarrte zu Eis, die Erde wurde vor Kälte so hart wie Feuerstein, und alle Pflanzen, Tiere und Menschen kamen mit Ausnahme weniger, die Wesukkä noch schnell zu sich genommen hatte, ums Leben.

Nun wagten sich auch allmählich die Untergötter wieder aus ihren tiefen Wohnungen heraus, und da sie sahen, dass sich jetzt Wesukkä so gut wie allein auf der Erde befand, dünkte es ihnen eine Kleinigkeit, ihn vollständig unschädlich zu machen. Doch alle diesbezüglichen Pläne schlugen fehl, und es schien, als wisse Wesukkä ihre Gedanken im Voraus, denn sie konnten ihm auch rein gar nichts anhaben.

Als sie nun alle ihre Künste und Schlauheiten erschöpft hatten, wandten sie sich abermals an den mächtigen Donnergott und baten ihn inständig, doch eine große Wasserflut auf die Erde kommen zu lassen, damit ihnen Wesukkä nicht mehr länger trotzen könne.

Gleich rief dieser mit seiner furchtbaren Stimme alle Wolken der Welt zusammen, sodass der ganze Himmel rabenschwarz aussah. Der Regen stürzte in wigwamgroßen Tropfen herab und bedeckte bald die ganze Erde bis zum allerhöchsten Berg, auf den Wesukkä geflüchtet war.

Als nun Wesukkä sah, dass auch diese Stelle bald überschwemmt sein würde, nahm er ein großes Stück Luft und baute ein geräumiges Kanu daraus, in dem er und seine Tiere bequem Platz hatten. So rettete er sich vor dem Wassertod. Das Kanu war stark und fest gebaut und trotzte den mächtigsten Wellen.

Als er so einige Tage auf dem Wasser herumgefahren war, band er einen seiner größten Fische los und hieß ihn hinunter in die Tiefe schwimmen, um etwas Erde zu holen. Dies gelang ihm auch. Er brachte ein gehöriges Maul voll, und Wesukkä schuf daraus das trockene Land, das seine roten Kinder noch heute bewohnen.

Quelle:

  • Karl Knortz, Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas, Jena 1871

 

2 Kommentare zu Märchen und Sagen der Indianer Nordamerikas 55

  • Paule sagt:

    Und eine Erklärung für eine Eiszeit ist gleich noch mittendrin.
    Vielen Dank an Amerikas Natives.

    • W. Brandt sagt:

      Es sind die Lebenserfahrungen und Weisheiten der American Natives, die mich immer wieder faszinieren. An diesen sollte sich so mancher Zeitgenosse unserer heutigen Welt orientieren. Überfischung zum Beispiel war für die indianischen Völker ein Fremdwort; sie nahmen sich nur das, was sie zum täglichen Leben brauchten.

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