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Felsenherz der Trapper – Teil 12.1

Felsenherz der Trapper
Selbsterlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Band 12
Die beiden Trumms
Erstes Kapitel

Robb und Jobb und Minni und Finni

Die weiten Prärien zu beiden Seiten des Pecos-Flusses, der die Westgrenze der berüchtigten mordamerianischen Hochlandwüste, der Llano Estacado, bildet, sind von zahlreichen ausgetrockneten Flusstälern durchschnittten, die zumeist von Westen oder Osten zum Rio Pecos verlaufen und nur im Frühjahr und Herbst für kurze Zeit wieder zu wirklichen fließenden Gewässern werden.

Einem dieser Täler, deren Ränder zumeist mit Büschen und einzelnen Baumgruppen bedeckt sind und deren Boden aus gelbbraunem harten Lehm in der trockenen Jahreszeit besteht, näherten sich an einem heißen Sommertag zwei Reiter, denen man schon von Weitem die Weftläufer ansah.

Das Paar hätte auf jeden, der mit den Verhältnissen im Wilden Westen nicht vertraut war, einen geradezu lächerlichen Eindruck gemacht.

Beide waren recht klein von Gestalt, trugen arg durch Witterungseinflüsse verfärbte Tuchröcke mit sehr langen Schößen, dazu enge Lederhosen und indianische Mokassins (Schuhe ohne Absätze). Jeder hatte über den in allen Farben schillernden Tuchrock einen breiten Ledergurt geschnallt, der außer Jagdmesser, Tomahawk und Kugelbeutel noch je eine doppelläufige Perkussionspistole (Vorderlader mit Zündhütchen) enthielt.

Ihre Büchsen, ebenfalls doppelläufig, verdienten scheinbar die Bezeichnung »Waffe« längst nicht mehr, waren verrostet und mit Eisendraht und Blechstücken an Lauf und Kolben vielfach geflickt.

Ihre Reittiere, zwei Maulesel von erschreckender Magerkeit, hätte niemand geschenkt genommen, der nicht gerade Kenner war. Der Sachkundige freilich sah sofort an dem leichten Gang und den lebhaften klugen Augen dieser Kreaturen, dass sie für die Besitzer weit größeren Wert als der beste Rassegaul hatten.

Als Kopfbedeckung trugen die beiden Trapper vielfach zerlöcherte, breitrandige Filzhüte, in deren aus Rehleder geschnittenen Bändern je eine kurze Holzpfeife und ein Tabakbeutel untergebracht waren und zwar gerade vorn, sodass diese Zier den verbeulten Filzdeckeln ein noch merkwürdigeres Aussehen verlieh.

Um den Hals hatten sie jeder einen wollenen, grünen Schal geschlungen, dessen Enden ihnen über den Rücken herabhingen. Ihre runden, braunen Gesichter waren nur spärlich behaart. Man konnte diese vereinzelten, weißblonden Haarbüschel kaum Vollbart nennen. Genau so hell und farblos waren ihre kleinen, lustigen Schweinsäuglein. Das, was aber am meisten an ihren Gesichtern auffiel, waren zweifellos die hakenförmigen, mit einzelnen Warzen geschmückten Nasen, die unwillkürlich zum Lachen reizten.

Schweigend ritten sie so im Schritt dem Flusstal zu, hatten ihren Mauleseln die Zügel auf den Hals gelegt und hingen in ihren hohen Bocksätteln wie zwei waschechte Sonntagsreiter.

Plötzlich blieben dann die beiden Tiere ganz von selbst stehen, reckten die Köpfe vor, sogen die Luft ein und stießen sie schnaubend wieder aus.

Dieses Warnungszeichen bewirkte hier Wunder.

Wie ein Blitz waren die Reiter aus den Sätteln, und ebenso schnell hatten die beiden Maulesel sich auf die Hinterhand niedergelassen, deckten so ihre Herren gegen jede Kugel, die etwa aus den Randbüschen des Flusstales abgefeuert wurde.

Man hätte den Reitern diese Gewandtheit kaum zugetraut, mit der sie sich dergestalt in Sicherheit gebracht hatten. Niemand hätte auch bei den Tieren eine so tadellose Dressur vermutet.

»Ich schätze, es sind Rote dort drüben«, sagte der eine nun, der beträchtlich wohlbeleibter als der andere war.

»Dass du dir doch das viele Reden nicht abgewöhnen kannst, Jobb!«, brummte der Dünnere vorwurfsvoll. »Wenn du Finnis und Minnis Kopfrichtung beachtet hattest, würdest du auch wissen, dass die Rotfelle nicht parterre, sondern dort in der Buche stecken!«

Die Maulesel hatten allerdings die Köpfe halb nach rechts hin hoch erhoben, wo dreißig Schritt entfernt eine mächtige Buche über das Gestrüpp hinwegragte, in deren Blätterdach sich bequem ein Dutzend Indsmeu (Indianer) verbergen konnten.

»Hm«, meinte Jobb, der Dicke, nach kurzer Pause, »wenn es mehrere von den Rotfellen wären und wenn sie Schusswaffen hätten, würden sie uns schon von den Pferden geputzt haben. Das ist so klar wie Kloßbrühe!«

Sie benutzten beide die deutsche Sprache, diese wunderlichen Gestalten, und es waren auch Deutsche von Geburt, jetzt freilich schon seit fünfzehn Jahren hier im Wilden Westen beheimatet, wo sie sich einzig und allein noch behaglich fühlten.

»Du bleibst ein Schwätzer, Jobb!«, knurrte der Magere als Antwort, warf sich dann plötzlich in das hohe Präriegras und kroch im Bogen auf den einzelnen Baum zu.

Wie vortrefflich er sich aufs Aufchleichen verstand, ging schon daraus hervor, dass in dem durch den Wind leicht sich bewegende Gras nichts die Richtung erkennen ließ, die er einschlug.

Zehn Minuten vergingen so.

Mit einem Mal dann eine laute Stimme aus dem Gestrüpp am Fuß der alten Buche.

»Saßtaluma, der heulende Wolf, mag schleunigst herabklettern! Der Häuptling der Navaso macht es wie das Stinktier, das ebenfalls auf die Bäume flüchtet.«

Es erfolgte jedoch aus der Baumkrone keine Anwort. Nur eine andere Erwiderung kam: ein Schuss, dem im Gestrüpp ein gellender Aufschrei folgte.

Eine Weile nun wieder Stille.

Dann ein zweiter Schuss, jetzt aus dem Gestrüpp.

Und von oben aus dem grünen Blätterdach kam nun eine einläufige Flinte krachend und rauschend herab und fiel unter der Buche ins Gras.

»Fein, was?«, brüllte nun der Magere aus dem Gestrüpp. »Saßtaluma sieht, dass Robb Trumm noch immer ein bisschen schlauer ist! So, nun mag der heulende Wolf der Flinte folgen. Aber etwas dalli, was so viel wie rasch bedeutet! Ich rede nie ein Wort zuviel. Das nächste Wort spricht mein zweiter Büchsenlauf!« Jetzt hielt es der Navasohäuptling doch für ratsam, dem Befehl zu gehorchen. Er kletterte langsam herab, denn ohne seine Flinte, die Robb Trumm ihm aus der Hand geschossen hatte, war er den beiden Westläufern gegenüber wehrlos.

Saßtaluma stand dann, schlank, mittelgroß, aber kräftig gebaut, vor den Büchsenmündungen der beiden Trumms, die hier im Westen mit zu den berühmtesten Fallenstellern gehörten.

Nun ergriff der Schwätzer Jobb das Wort.

»Saßtaluma hat uns vor einem Jahre droben in den Colorado-Bergen die Skalpe rauben wollen«, sagte er gemütlich. »Wir könnten jetzt Gleiches mit Gleichem vergelten. Aber wir sind nun mal friedfertige Leute und wollen alles vergessen sein lassen, wenn der heulende Wolf uns der Wahrheit gemäß erklärt, was er hier allein treibt.«

Des Navajohäuptlings dunkle Angen zeigten etwas wie steigende Unruhe.

»Die beiden Blassgesichter mögen diese Gegend meiden«, erwiderte er rasch. »Die Apachen haben meine Krieger aufgerieben. Der große Bär muss sich mit sechzig Apachen noch hier in der Nähe befinden.«

»Hm, Saßtaluma hat also wohl hier im Jagdgebiet der Apachen Pferde stehlen wollen«, meinte der dicke Jobb darauf. »Kein Wunder, dass die Apachen sich dies nicht gefallen lassen.«

Der heulende Wolf blickte sich jetzt ängstlich um.

»Die Schüsse werden vielleicht gehört worden sein«, sagte er. »Die Ohren der Apachen sind scharf. Gestern Nachmittag vernahm der heulende Wolf dort nach Osten zu viele Schüsse. Felsenherz und sein roter Bruder Chokariga ritten dort im Flusstal mit zwei anderen Blassgesichtern den Apachen nach, die vormittags vorübergekommen waren.«

Jobb schaute den Navajo jetzt misstrauisch an. »Saßtaluma verschweigt uns irgendetwas. Die Navajo haben stets Lügen auf der Zunge«, meinte er. »Wo hat der heulende Wolf sein Pferd?«

»Saßtaluma musste es im Stich lassen. Die Apachen hetzten ihn«, erklärte der Häuptling widerwillig.

Jobb trat plötzlich an ihn heran, riss ihm Tomahawk und Messer aus dem Gürtel und befahl kurz: »Lege die Hände auf den Rücken! Ich werde dich binden!«

Er hatte den Navajo jedoch unterschätzt und eine große Unvorsichtigkeit begangen, denn Saßtaluma packte ihn plötzlich und warf ihn mit einer Körperkraft und Geschicklichkeit, die Jobb Trumm hier offenbar nicht erwartet hatte, gerade auf den anderen kleinen Trapper, der durch den Anprall zu Boden gerissen wurde und so von seiner Büchse keinen Gebrauch machen konnte.

Saßtaluma wollte jetzt mit einem Satz in das Gestrüpp entfliehen.

Da – aus den dichten Büschen erhob sich blitzschnell ein ganz in Leder gekleideter, blondbärtiger Mann, der den Navajo durch einen Fausthieb unter das Kann dem dürren Robb gerade in die Arme schleuderte.

Robb hatte schon sein Messer gezogen, kniete auf der Brust des Roten und drohte: »Der heulende Wolf hat vorläufig ausgeheult! Lieg still, Bursche, oder ich kitzle dir ein bisschen die inneren Organe!«

Der blonde Jäger, der hier so unerwartet des Navasos Flucht verhindert hatte, musste lächeln. Er wusste genau, wen er vor sich hatte, denn er war ja bereits in den Büschen verborgen gewesen, als die beiden Westläufler sich dem Flusstal näherten. Der Beschreibung nach kannte er die Brüder Trumm, die stets nur »die beiden Trumms« hießen, längst.

Jobb, der Dicke, der Redselige, schwenkte gegen den Trapper hin grüßend seinen Hut.

»Master, Ihr gestattet, dass ich Robb erst mal helfe, dem Rotfelligen dort so etwas die Fuß- und Handgelenke zwecks Behinderung der freien Bewegungsfähigkeit zu umschnüren. Dann stehe ich zur längeren Zwiesprache jederzeit zur Verfügung.« Er hatte sich jetzt des Englischen bedient, da er noch nicht ahnte, wer der blondbärtige, stattliche Jäger war.

So wurde denn der Navajo gebuuden. Er wehrte sich nicht. Gerade das Erscheinen des blonden Hünen ließ ihn einsehen, dass er am klügsten täte, sich in das Unvermeidliche zu fügen.

Robb und Iobb richteten sich jetzt auf und traten an den hochgewachsenen Trapper heran, der regungslos wie eine Statue dastand und sich leicht auf seine lange, doppelläufige Büchse gelehnt hatte.

Diese Büchse, deren Kolben zu beiden Seiten eine goldene Verzierung in Gestalt eines Jaguars trug, war es nun, die plötzlich die Blicke der beiden Trumms auf sich zog.

Sie starrten die Waffe ganz entgeistert an, rissen den Mund vor Staunen weit auf und riefen wie in einem Atem: »Das ist ja des weißen Apachenhäuptlings Juan Büchse!«

Die Blicke, mit denen sie dann den blonden Trapper musterten, hatten jetzt einen argwöhnischen Ausdruck, und Jobb, der dicke Schwätzer, erklärte unvermittelt: »He, Master, die Doppelflinte da sollte ich kennen! Wo habt Ihr sie her?«

»Aus dem Grabhügel des einstigen Besitzers«, erwiderte der Gefragte gelassen.

»So, so!«, meinte der dicke Trumm nachdenklich. »Wo war, oder besser, wo ist denn der Juan von den Apachen bestattet worden?«

»Dort im Süden im sogenannten Regental der Guadalupe-Berge in einer Höhle, die hinter einem Wasserfall liegt.«

»Ach ne!«, platzte Iobb heraus. »Im Regental! Hört, Master, Ihr haltet uns zum Besten. Dort gibt es keine Höhle. Entschuldigt schon. Aber – hm -wer seid Ihr? Wir beide heißen Robb und Jobb Trumm und durchstreifen zumeist als Fallensteller die nördlichereu Prärien und Vorberge des Felsengebirges. Dass wir jetzt so weit südlich unsere Maulesel …«

»Halt selbst das Maul, Esel!«, unterbrach der Magere ihn grob. »Brauchst nicht jedem unsere Angelegenheiten auf die Nase zu binden! Master«, wandte er sich wieder an den Blonden. »Mit dem weißen Häuptling der Apachen hatten wir seiner Zeit so verschiedene Hühnchen zu rupfen. Leider wurde er zu früh von einem anderen Fallensteller erschossen. Kurz und gut. Die Büchse da mit dem goldenen Beschlag gehörte noch vor acht Jahren unserem Freund, dem sogenannten »Sohn des Jaguar, der wie wir ein Deutscher von Geburt und …«

»Wie auch ich!«, warf der blonde Trapper ein. »Ich bin nämlich auch im alten Deutschland zu Hause, und deshalb können wir drei getrost unsere Muttersprache unter uns gebrauchen.«

»Herr je, mir geht ein Licht auf!«, rief Jobb nun. »Ein ganz dickes Licht! Landsmann, Sie sind kein anderer als Felfenherz, unser berühmter Kollege!«

»Das stimmt!, bestätigte lächelnd der Trapper und streckte den Brüdern die Hand hin. »Ich freue mich, meine beiden im Wilden Westen so sehr …«

Er schwieg plötzlich.

Robbs und Jobbs Maulesel hatten gleichzeitig warnend geschnaubt, kamen auf ihre Herren zugaloppiert und blieben dicht neben ihnen stehen.

Robb hatte sich schon gebückt, hatte Saßtaluma aufgehoben und warf ihn vor den Sattel über den Hals seiner Minni, wie er die Mauleselstute getauft hatte. Dann folgte er Felsenherz in die nahen Büsche. Auch Jobb und Finni, des Dicken Reittier, schlossen sich diesem Rückzug in das dichte Gestrüpp an, in dessen Mitte auf einer kleinen Lichtung ein Pferd weidete, ein hochbeiniger, kräftiger Brauner, an dessen Sattelknopf des blonden Trappers zweite Doppelbüchse hing.

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