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Die Skalpjäger – Ein Tellschuss

Thomas Mayne Reid
Die Skalpjäger

Zweiter Teil
Fünftes Kapitel

Ein Tellschuss

Aller Augen wendeten sich jetzt auf den fremden Indianer. Er hat während der soeben beschriebenen Szene schweigend dagestanden und ruhig zugesehen. Sein Blick schweifte über den Boden und schien einen Gegenstand zu suchen.

Zu seinen Füßen lag eine kleine Winde, welche unter dem Namen des Präriekürbisses bekannt ist. Sie war kugelförmig, von der Größe einer Orange und an Farbe einer solchen nicht unähnlich. Er bückte sich und pflückte sie ab. Er schien sie mit großer Aufmerksamkeit zu besichtigen und balancierte sie auf seiner Hand, als ob er ihr Gewicht berechne.

Was beabsichtigte er hiermit zu tun? Würde er sie in die Höhe werfen und in der Luft seine Kugel hindurch senden – was sonst?

Seine Bewegungen wurden schweigend beobachtet. Beinahe sämtliche Skalpjäger, sechzig bis siebzig an der Zahl, waren in der Nähe, nur Seguin war mit dem Doktor und wenigen anderen in einiger Entfernung mit dem Aufschlagen eines Zeltes beschäftigt. Garey stand, von seinem Triumph einigermaßen erfreut, aber doch nicht ohne Besorgnis, dass er noch besiegt werden könne, auf der Seite. Der alte Rube war an das Feuer zurückgegangen und röstete sich eine zweite Rippe.

Der Kürbis schien den Indianer zufriedenzustellen – zu welchem Zwecke er ihn auch bestimmen mag. Ein langes Knochenstück, der Schenkelknochen des Kriegsadlers, hing an seiner Brust. Es war merkwürdig geschnitzt und mit Löchern versehen, wie ein musikalisches Instrument. Es war tatsächlich auch eines.

Er setzte es an seine Lippen, indem er die Löcher mit seinen Fingern zudeckte. Er ließ drei sonderbare, aber laute scharfe Töne erschallen. Dann senkte er das Instrument wieder und blickte nach Osten in den Wald. Die Augen aller Anwesenden hefteten sich auf dieselbe Gegend. Die Jäger blieben unter dem Einfluss einer rätselhaften Neugier schweigend stehen oder sprachen nur mit leisem Murmeln.

Die drei Töne wurden, wie vom Echo, durch ein gleiches Signal beantwortet. Offenbar hatte der Indianer einen Kameraden im Wald. Dennoch schien aber keiner unter der Schar etwas von ihm oder seinem Kameraden zu wissen .Ja, einer tat es.

Es war Rube.

»Schaut her, Jungs!« rief er, über seine Schulter schielend. »Ich wette diese Rippe gegen ein Stück zähen Büffelfleisches, dass Ihr das hübscheste Mädchen sehen werdet, auf das Ihr je Eure Augen geworfen habt.«

Es erfolgte keine Antwort. Wir sahen der erwarteten Ankunft zu aufmerksam entgegen.

Wir vernahmen ein Rascheln, als ob jemand die Büsche hinwegschiebe – den Tritt eines leichten Fußes, das Abbrechen von Zweigen. Ein heller Gegenstand zeigte sich im Laub. Es kam jemand, durch das Gebüsch – es war eine Frau.

Es war ein indianisches Mädchen in einem eigentümlich malerischen Kostüm.

Sie schritt aus dem Gebüsch und kam dreist auf die Menge zu. Die Augen aller waren mit Blicken des Erstaunens und der Bewunderung auf sie geheftet. Wir durchforschten ihr Gesicht, ihre Gestalt und ihre auffallende Kleidung.

Ihre Gewänder waren denen des Indianers nicht unähnlich und auch in anderer Beziehung herrschte eine Gleichartigkeit zwischen ihnen. Die Tunika war reich besetzt und mit buntgefärbten Stachelschweinborsten gestickt. Sie war um die Mitte des Leibes befestigt und endete mit einem Saum aus Muscheln, die bei jeder Bewegung aneinander schlugen.

Ihre unteren Glieder verhüllten Beinkleider aus Scharlachtuch, welche gleich der Tunika gesäumt waren und bis an die Knöchel reichten, wo sie über die Mokassins gingen. Die Letzteren waren weiß, mit gefärbten Stachelschweinborsten gestickt und schlossen eng an ihren kleinen Fuß.

Ein Wampumgürtel schloss die Tunika an ihren Leib und ließ einen vollen Busen und die wellenförmigen Umrisse einer erwachsenen Frau erkennen. Ihr Kopfputz war dem ihres Gefährten ähnlich, aber kleiner und leichter, und ihr Haar hing, wie das seine, lose, bis beinahe auf den Boden hinab. Ihr Hals, Nacken und ein Teil ihres Busens waren nackt und – mit Perlenschnüren von verschiedenen Farben behangen.

Der Ausdruck ihres Gesichts war hoch und edel. Ihr Augen lagen schief, die Lippen kamen in einer doppelten Kurve zusammen und der Nacken war voll und gerundet. Ihre Farbe war indianisch, aber eine purpurne Röte, welche sich durch das Braun auf ihren Wangen hervorringt, gab ihrem Gesicht den malerischen Ausdruck, welchen man an den Quadronen aus Westindien wahrzunehmen pflegt.

Sie war ein Mädchen, wenn auch vollkommen erwachsen und kühn entwickelt; ein Typus der Gesundheit und wilden Schönheit.

Während ihrer Annäherung gaben die Männer unverhohlen ihre Bewunderung zu erkennen. Unter den Jagdhemden klopften Herzen, welche selten von den Reizen der Frauen träumen.

In diesem Augenblick fiel mir das Äußere des jungen Garey auf. Sein Gesicht hatte sich verlängert, das Blut ist aus seinen Wangen zurückgetreten, seine Lippen waren weiß und zusammengepresst, und um seine Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet. Sie drückten Zorn aus, aber es lag außerdem noch eine Bedeutung in ihnen.

War es Eifersucht? – Ja.

Er war hinter einen von seinen Kameraden getreten, als ob er nicht gesehen zu werden wünschte. Die eine Hand spielte unwillkürlich mit dem Griff seines Messers, die andere hatte den Lauf seiner Büchse umfasst, als wolle er ihn zwischen seinen Fingern zerdrücken.

Das Mädchen kam heran, der Indianer übergab ihr den Kürbis und flüsterte einige Worte in einer unbekannten – wenigstens mir unbekannten – Sprache. Sie nahm ihn, ohne eine Antwort zu geben und schritt zu der Stelle, wo Rube gestanden hatte und die ihr von ihrem Gefährten angewiesen worden war.

Sie erreichte den Baum und blieb vor ihm stehen, indem sie sich umdrehte, wie es der Trapper getan hatte.

Es lag etwas Dramatisches, etwas so Theatralisches in dem ganzen Vorgang, dass wir bis jetzt sämtlich in Schweigen die Entwicklung erwartet hatten. Jetzt wussten wir, was es sein sollte und die Männer begannen zu sprechen.

»Er will den Kürbis aus der Hand des Mädchens schießen«, meinte ein Jäger.

»Das wäre kein großer Schuss«, fügte ein anderer hinzu und dies war im Stillen auch die Ansicht der meisten Anwesenden.

»Pah! Es besiegt Garey nicht, wenn er ihn auch trifft!«, rief ein Dritter.

Was war unser Erstaunen, als wir sahen, wie das Mädchen seinen Federreif abwarf, den Kürbis auf den Kopf legte, die Arme über den Busen kreuzte und so ruhig und unbeweglich, als wäre sie aus dem Baum geschnitzt, vor uns dastand.

Es erhob sich ein Murmeln unter der Menge. Der Indianer nahm eben seine Büchse auf, um zu zielen, als ein Mann hervorstürzte, um ihn daran zu hindern – es war Garey.

»Nein, das dürft Ihr nicht!«, rief er, indem er die erhobene Büchse anfasste. »Sie hat mich betrogen, das ist klar – aber ich will das Mädchen, welches mich einst geliebt, oder gesagt hat, dass sie es tue, auf diese Weise nicht in der Falle sehen. Nein, Bill Garey wird nicht dabeistehen und zusehen.«

»Was ist das?«, schrie der Indianer mit Donnerstimme. »Wer wagt es mich zu unterbrechen.«

»Ich wage es«, entgegnete Garey. »Sie ist jetzt Euer, das kann ich mir denken. Ihr mögt sie nehmen, wo Ihr wollt – und dies dazu«, fuhr er fort, indem er den gestickten Pfeifenbeutel abriss und dem Indianer vor die Füße warf. »Aber Ihr dürft sie nicht niederschießen, während ich dabeistehe.«

»Mit welchem Recht unterbrecht Ihr mich – meine Schwester fürchtet sich nicht, und …«

»Eure Schwester!«

»Ja, meine Schwester!«

»Und ist jene Eure Schwester?«, fragte Garey eifrig, indem sich sein Wesen und der Ausdruck seines Gesichts plötzlich veränderten.

»Sie ist es. Ich habe gesagt, dass sie es ist.«

»Und seid Ihr El Sol?«

»Ja.«

»Ich bitte Euch um Verzeihung, aber …«

»Ich verzeihe Euch. Lasst mich!«

»O, Sir, tut es nicht! Nein, nein, sie ist Eure Schwester, und ich weiß, dass Ihr das Recht habt, aber es ist nicht notwendig. Ich habe von Eurem Schießen gehört, ich gebe zu, dass Ihr mich besiegen könnt. Um Gottes willen, wagt es nicht – wenn Ihr Euch etwas aus ihr macht, tut es nicht.«

»Es hat keine Gefahr, ich werde es Euch zeigen.«

»Nein, nein, wenn Ihr denn müsst, so lasst mich es tun, ich will den Kürbis tragen. O, lasst mich es tun!«, murmelte der Jäger flehend.

»Hallo Bill, was hat das Spektakel zu bedeuten?«, rief Rube, indem er herankam. »Zum Henker, Mann, wir wollen den Schuss sehen. Ich habe schon davon gehört. Sei nicht furchtsam, du Narr! Er wird es tun, wie der Wind – er wird es.«

Und als der alte Trapper dies sagte, erfasste er seinen Kameraden am Arm und zog ihn von dem Indianer weg.

Das Mädchen war während dieser Szene ruhig stehen geblieben, ohne, wie es schien, den Grund der Unterbrechung zu kennen. Gareys Rücken war ihr zugewendet und die Entfernung sowie eine zweijährige Trennung verhinderte sie ohne Zweifel, ihn zu erkennen.

Ehe Garey sich wieder umwenden konnte, um den Indianer am Schießen zu hindern, lag die Büchse bereits an dessen Schulter. Sein Finger lag am Drücker und sein Auge blickte durch das Visier. Es war zu spät, um sich einzumischen. Jeder Versuch, dies zu tun, konnte das gefürchtete Resultat herbeiführen. Der Jäger sah dies, als er sich umwandte, blieb stehen und wagte kaum Atem zu holen.

Es war für uns alle ein Augenblick entsetzlicher Spannung – ein Augenblick tiefer Bewegung, der Stille des Grabes ähnlich – keiner schien einen Atemzug zu tun, aller Augen waren auf den gelben Gegenstand geheftet, welcher wie erwähnt, nicht größer war, wie eine Orange. O Gott, wird der Schuss denn nie kommen?

Er kam. Der Blitz, der Krach, der Feuerstrom, das wilde Hurra, das Vorwärtsstürzen – alles war gleichzeitig. Wir sahen die zerschossene Frucht hinwegfliegen – das Mädchen stand immer noch fest – sie war unversehrt.

Ich lief mit den Übrigen hin. Der Rauch blendete mich auf einen Augenblick, ich hörte die schrillen Töne der Pfeife des Indianers, ich blickte vorwärts. Das Mädchen war verschwunden.

Als wir an den Punkt, wo sie gestanden hatte, kamen, hörten wir ein Rascheln im Gebüsch, einen sich entfernenden Schritt. Wir wussten, dass sie es war, aber wir wurden von einem Instinkt der Delikatesse und dem Bewusstsein, dass es dem Wunsch ihres Bruders entgegen sein würde verhindert, ihr zu folgen.

Wir fanden die Trümmer des Kürbisses auf dem Boden verstreut. Wir fanden die Spuren des Bleis auf ihnen. Die Kugel selbst war in die Rinde des Baums gedrungen. Einer von den Jägern begann, sie mit der Spitze seines Bowiemessers herauszuholen.

Als wir uns abwendeten, um zurückzukehren, sahen wir, dass der Indianer hinweggeschritten war und nun ungezwungen und vertraulich mit Seguin plauderte. Bei unserer Rückkehr auf den Lagerplatz bemerkte ich, wie Garey sich bückte und einen schimmernden Gegenstand aufhob. Es war das Liebespfand, welches er wieder an seine gewohnte Stelle, an seinen Hals hing. Nach seinem Blick und der Art, wie er es behandelte, war es unverkennbar, dass er dieses Erinnerungszeichen jetzt mit größerer Achtung als je zuvor betrachtete.

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