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Der Freibeuter – Schneller Glückswechsel

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Dritter Teil
Kapitel 10

Das Jahr neigte sich zum Ende. Vergebens hatte Kapitän Norcroß schon seit Wochen Verhaltungsbefehle vom Baron Görz erwartet. Die mit dem Winter eingetretenen Stürme hatten die Verbindung der Länder teilweise unterbrochen, und diesem Umstand schrieb es Norcroß allein zu, dass er bis jetzt noch keine Antwort erhalten hatte. Er vertrieb sich die Zeit mit kleinen Reisen in das Land, auf welchen ihn Juel begleitete, und machte mit Kauf, Verkauf und Tausch von Schiffen manches vorteilhafte Geschäft. Doch konnte er die trübe Stimmung seiner Seele mit keiner Zerstreuung bewältigen, und mit dieser trat er auch das neue Jahr an.

Nachmittags pflegte Norcroß ein Kaffeehaus zu besuchen, wo er gute und zahlreiche Gesellschaft und die besten Zeitungen fand.

Eines Tages – es war in der zweiten Woche des Januar – hatte er kaum sein Schiff verlassen und war in das Kaffeehaus getreten, als ihm Juel hastig nachtrat und einen schwarzgesiegelten Brief überbrachte, der soeben eingelaufen war. Norcroß brach das Schreiben auf und sah, seiner Gewohnheit nach, zuerst nach der Unterschrift. »Vom schwedischen Botschafter in Paris«, sprach er leise vor sich hin und fing an zu lesen. Aber plötzlich sprang er bleich auf, ließ den Brief fallen und rief mit dem Ton des höchsten Schreckens. »Großer, barmherziger Gott! Unser König ist tot!«

»Wie, der Schwedenkönig? König Karl XII? Der schwedische Löwe?«, riefen die Anwesenden, alle von jähem Schrecken, gleich dem Kapitän, ergriffen, durcheinander.

»Der schwedische Botschafter in Paris meldet es mir, lest selbst! Am 11. Dezember abends um zehn Uhr hat man ihn in den Laufgräben von Frederikshall, welches er eben belagerte, erschossen gefunden.«

»Seltsam!«, sagten die anderen, und der nächste Nachbar nahm den Brief und sprach. »Man hat es in den Zeitungen gelesen, dass der König Karl der norwegischen Stadt hart zugesetzt hat.«

»Hier steht’s eben im nordischen Kurier«, sagte ein anderer, dass der König am 7. Dezember eine starke Schanze von Frederikshall, die Güldenlöwe genannt, mit Sturm genommen und die Laufgräben geöffnet hat.«

»Allzuscharf macht schartig«, ließ sich ein Dritter vernehmen. »Hat man doch Wunder und Zeichen vernommen, wie’s dieser unruhige Kopf noch zuletzt getrieben hat. Das Unmögliche hat er möglich gemacht, um seinen Zweck zu erreichen. Aber du sollst den Herrn nicht versuchen. Wer hat je gehört, dass man auch Reisen zu Lande mit Schiffen macht? Er hat’s getan, um sich Frederikshall, das Tor von Norwegen, zu verschaffen. Von Strömstadt aus hat er drei Meilen weit einen Damm landeinwärts bauen lassen, bis in den Fluß Idefiort, und darüber hat er Galeeren, Schärenboote, Doppelschaluppen, Heer und Kanonen in den Fluß Idefiort transportieren lassen. Auf diesem ist er stromabwärts gesegelt bis in den Swinesund, hat die dänische Flottille dort aufs Haupt geschlagen und die Belagerung der Stadt begonnen. Das war am 18. November.«

»Richtig, Gevatter, Ihr habt’s gut gemerkt«, lobte ein vierter Bürger. »Ihr seid überhaupt ein trefflicher Politikus und in der Geographie wohl bewandert. Was mich betrifft, ich kann die verfluchten nordischen Namen nicht aussprechen. Ein französisches Maul macht allemal wunderliche Grimassen dazu. Jedoch erzählten sie auch, der König Karl habe sich eine Strohhütte noch an die Laufgräben bauen lassen und stets drin gewohnt, um immer hübsch nah zu sein, wenn’s was gäbe.«

»Nun ist er bezahlt und hat Ruhe! Er hat die Welt immer in Bewegung erhalten. Was doch nicht so ein Kopf vermag! Wie wird’s nun werden in der Welt! Dem russischen Zaren werden sie auch das Leben einmal so ausgeblasen haben. Der hat sich auch ein bisschen zu mausig gemacht.«

Dieses und Ähnliches räsonierten und kannegießerten die ehrlichen Bürger. Norcroß hörte von all ihrem Geschwätze nichts. In Gedanken versunken, starrte er das unheilverkündende Papier an, sein Herz war von einem ungeheuren Schmerz gebrochen und im Prisma desselben spiegelte sich sein Geist trüb vorahnend die traurigen Bilder seiner Zukunft ab. Und er stand auf und ging. Er fühlte, dass er mit seinem Schmerz allein sein musste. Die gleichgültigen Gesichter seiner Umgebung waren ihm unerträglich, und an dem einsamen Meeresufer wandelnd, weinte er seinem König eine männliche Träne.

»So bist auch du hinweggerafft vom dunklen Verhängnis, das über des Menschen Wegen wie eine düstere Wolke, wie ein lebendes Leichentuch hängt und aus dem dann und wann eine unsichtbare Riesenfaust herausragt und den Sterblichen, wenn er an der Schwelle langersehnter Wünscheerfüllung steht, hinaufreist in ihre schauerliche Finsternis. Eben wolltest du das Ziel umfassen und eine Kugel streckt dich nieder, wie meinen unglücklichen Freund. O wie glücklich preise ich dich nun, dass du ihm vorangegangen bist, der dein einziger aufrichtiger Beschützer war. Was wärst du ohne ihn erst gewesen? Ihr habt den Kranz des Sieges nun errungen und seid weit dem Getümmel entrückt, was hier unten Euch umbrauste, und fort und fort toben wird, stets unterhalten vom Wahnsinn menschlicher Leidenschaften. Wie versöhnend hat doch der Tod den heißen Streit vermittelt! Aber was hilft es dem wunden Herzen? Die Bosheit wird triumphieren. Sie lacht schon jetzt teuflisch in die Faust. Den Schlechten gehört die Welt.«

Also von Wehmut und Zerknirschung wechselweise heimgesucht, ging der tiefergriffene Mann zum Hafen hinab und ließ sich auf sein Schiff übersetzen.

»Kinder!«, rief er, an Bord desselben tretend, »Bursche, unser König ist tot! Eine gottverfluchte Kugel hat ihn niedergestreckt.«

Auf die augenblickliche Betäubung des Schreckens folgte ein dumpfes Klagegeheul über das ganze Schiff, und eine Stunde darauf war das schwedische Wappenbild auf den Flaggen mit schwarzen Floren behängt, und über dem Verdeck lag die Stille der Trauer.

Einige Tage darauf wurde der Tod des Königs in den Zeitungen angezeigt und die widersprechendsten Gerüchte darüber mitgeteilt. Es ging aber aus allem klar hervor, dass Karl nicht von der Kugel eines Feindes gefallen sei. Man hatte ihn mit halbgezogenem Degen, mit den Armen auf den Wall der Laufgräben gestützt und gleichsam schlafend gefunden. Eine kleine Öffnung in der rechten Schläfe, kaum für eine Flintenkugel groß genug, und die Vorladung des Schusses in der Mündung der Wunde bezeugten genugsam, wie nahe ihm der Mörder gewesen war.

Norcroß verschlang die Zeitungsnachrichten über des Königs Tod und die Veränderungen, welche derselbe sogleich in Schweden hervorbrachte. Nach einigen Tagen brachte man ihm, als er auf das Kaffeehaus trat, ein Zeitungsblatt entgegen. Er durchflog es schnell und las zu seinem Schrecken: »Der Baron Schlitz von Görz ist sogleich auf höheren Befehl in Strömstadt gefangen genommen und mit starker Bedeckung nach Stockholm ins Gefängnis gebracht worden. Er war eben auf einer Reise von der Insel Aland nach Frederikshall begriffen, um dem König Nachrichten von der baldigen Abschließung des russisch­-schwedischen Friedens zu überbringen. Derselbe soll dem Vernehmen nach, Rechenschaft über seine bisherigen Schritte ablegen. Auch ist der Graf von der Natte gefänglich eingezogen, und auf des Kommandeurs Gadenhielm und des Kaperkapitäns Norcroß Fahrnis Beschlag gelegt worden. Weil der Letztere vom Reichstag für einen gefährlichen Seeräuber erklärt worden ist, so hat befugter Reichstag einen hohen Preis auf dessen Kopf gesetzt, wer ihn tot oder lebendig einliefert.«

Das Blatt flog auf die Erde. Ein leiser Schauder flog durch des sonst so mutigen Kapitäns Seele. Einige seiner Bekannten traten zu ihm heran, um ihm ihr Beileid zu bezeugen und ihn zu trösten, er aber vermochte nichts auf ihre Zusprache zu antworten und ging davon, um sich zu sammeln. Der Schreck hatte Blei in seine Glieder gegossen und verwehrte ihm die Eile. So kommt auch über den mutigsten Helden eine schwache Stunde. Norcroß hätte nicht gezittert, wenn eine Flotte ihre Feuerschlünde auf seine Fregatte gerichtet hätte, um sie mit Mann und Maus in den Grund zu bohren, aber der Gedanke, dass er, der seinem König so treu gedient hatte, nun für einen Seeräuber gelten solle und dass ein Preis auf seinen Kopf gesetzt sei, machte ihn beben.

Am Meeresufer fand er mühsam seine Fassung wieder. Aber nun kam auch die Wehmut über ihn, und er rief in die Schneegefilde und über das mit Eisdiamanten eingefasste Ufer hin: »O, Norcroß, mit dir geht es abwärts! Deine guten Tage sind vorüber! Was lebst du noch? Der Zweck deines Lebens ist so verloren. Geh, stürze dich in den Kampf, vielleicht öffnet eine mitleidige Kugel deine volle, bedrängte Brust! Ja, ich will sterben!«, sprach er dann männlich gefasster, »aber nicht eher, bis ich meine frech beschmitzte Ihre wieder rein und makellos sehe. Ich habe dem König Karl gedient als ein Ehrenmann, ich will auch als ein solcher untergehen. Die infamen Lügenmäuler will ich stopfen, die es wagen, mich einen Seeräuber zu nennen. Ich habe im ehrlichen Krieg gegen die Feinde meines Königs gefochten, niemals auf meine eigene Hand. Nie habe ich den geringsten Vorteil von meinen Siegen für mich selbst gehabt. Alles ist in den Schatz der Krone geflossen. Schweden hat den Nutzen davon genossen, und dieses Schweden nennt mich zum Dank einen Seeräuber. Nein, nicht Schweden ist es, sondern eine verfluchte Rotte, die auch den König ermordet hat. Aber ich will mitten unter sie treten, im vollen Gefühl meines beleidigten Rechts, wie ein zürnender Gott, ich will sie mit meinen Blicken durchbohren, meine Worte sollen ihnen wie Posaunen in die Ohren klingen. Ihr will meine Ehre retten und dann auf ewig von dem undankbaren Schweden scheiden.«

Mit diesem männlichen Vorsatz, den nur eine schuldfreie Brust im erhebenden Gefühl ihrer Verdienste, ihrer gekränkten und darum um so stolzeren Würde fassen konnte, verfügte er sich auf sein Schiff und teilte seinen Offizieren mit, was er in der Zeitung gelesen hatte, nebst dem Entschluss, unverzüglich nach Schweden abzureisen und sich seinen verleumderischen Feinden kühn zu seiner Verteidigung unter die Augen zu treten.

»Nach Schweden wollt Ihr zurück, Kapitän?« rief Juel erschrocken. »Ach, dort hattet Ihr nur einen Beschützer, und der ist nicht mehr! Kein anderer eurer Freunde wird Euch dort mehr kennen und Eure Feinde werden Eure Meister werden und Euch verderben.«

»Nicht doch, Juel. Die Bosheit verstummt vor dem reinen Blick der Unschuld. Wenn ein ehrlicher Mann unter den Schwarm Schurken tritt, die eben ein Komplott gegen ihn schmiedeten, so senken sie erschrocken die Waffen. Im Auge der Unschuld liegt gar eine heilige, unbezwingliche Kraft.«

»Ach, Kapitän, sie wirkt nur einen Augenblick, solange die Betäubung der Schlechten dauert, erzeugt von dem Blitzstrahl, der aus dem Auge der Unschuld zuckt. Wenn sie sich wieder zu sammeln Zeit haben, ist die Unschuld verloren.«

»Ich werde vor die Königin Ulrike treten. Ich werde mich rechtfertigen und dann Dienste beim russischen Zaren suchen. Aber mit befleckter Ehre kann ich nicht vor Peter treten. Willst du, dass ich wie ein feiger Bösewicht fliehe?«

»Ihr werdet nicht mit dem Leben davonkommen. Ihr habt unzählige Feinde.«

»Ihr erinnere mich, eine alte Geschichte gelesen zu haben. Ein tapferer Seekapitän, Namens Eracotus, wurde auch für einen Seeräuber erklärt. Der römische Kaiser setzte einen Preis von 25 000Kronen auf seinen Kopf. Aber unverzüglich stellte sich dieser kluge und unerschrockene Mann in eigner Person vor des Kaisers Angesicht und rechtfertigte seine Handlungen. Der großmütige Kaiser hielt sein Versprechen und ließ dem Kapitän die auf dessen Kopf gesetzte Summe auszahlen, und beehrte ihn noch überdies mit seinem Schutz und seiner Gnade. Wohlan denn, ich will mir den auf meinen Kopf gesetzten Preis auch selbst verdienen!«

»Jener hatte es mit einem einzigen Mann, Ihr habt es mit einem zahlreichen Adel zu tun, dessen Stolz und Gewalttätigkeit lange von unserem seligen König niedergehalten wurde, der aber nun auch um so blutgieriger die Opfer aussucht, die er seiner lechzenden Rache zu schlachten gedenkt.«

»Und wenn es mich auch das Leben kosten sollte, Juel, ich gehe doch. Wie? Ich sollte meine Frau und mein Kind im Stich lassen? Schon hat man den Armen grausam mein Hab und Gut genommen, sie werden in Mangel und Elend sein. Soll ich, ihr einziger Freund, sie auch verlassen? Nein, Juel, nein! Ich weiß, du meinst es gut mit mir, aber ich kann nicht anders! Ich höre den Hilferuf meiner trostlosen Frau, höre das verzweifelte Wimmern meines Kindes. Soll ich die brave Frau zur Witwe, soll ich den lieben Knaben zur Waise machen. Ich muss nach Stockholm!«

Juel legte sein Haupt an des geliebten Herrn Brust und weinte.

Am anderen Morgen wurden die Anker gelichtet, und trotz der sturmvollen Jahreszeit trat Kapitän Norcroß die Rückreise nach Schweden an. Die Fahrt war beschwerlich und langsam. Überall, wo das Schiff anlegte, wurde dem Kapitän von allen wackeren Leuten abgeraten, nach Schweden zu gehen, ebenso wie ihn in Calais alle seine Bekannten abzuhalten versucht hatten. Er aber ließ sich nicht irremachen und blieb fest. Die Elemente selbst schienen ihm alle nur möglichen Hindernisse in den Weg zu legen, und fast wäre er an den Küsten Jütlands zum zweiten Mal gescheitert, aber er blieb seinem Vorsatz unerschütterlich treu und lief in den Hafen von Marstrand ein.

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