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Die Tauscher 16

die-tauscherDr. Uwe Krause
Die Tauscher Teil 16

Sie folgten dem Lastwagen durch Stadtviertel, die immer ländlicher wurden, bis sie eng zusammengepressten Dörfern ähnelten. Schließlich wurde die Bebauung von lockeren Birkenwäldchen und weiten Sandflächen abgelöst.

Dann entdeckte Florian einen Wachtturm. Zuerst dachte er, dass es ein Hochsitz für die Jagd wäre. Aber der Turm war dafür zu hoch und auf dem Dach saß ein Scheinwerfer. Zwischen Stämmen und Büschen flimmerte nun ein Maschendrahtzaun, über den oben Stacheldrahtbündel liefen.

»Wo sind wir?«

»Hasenheimer Heide.«

»Was ist das?«

Fräulein Levinsohn reckte den Hals. Kurz war hinter einem Sandhügel eine verglaste Spitze zu erkennen. In der nächsten Sekunde schob sich wieder ein Busch ins Sichtfeld.

Fräulein Levinsohn überlegte, während sie dem Lastwagen in weitem Abstand folgte. Die Straße war mit Ziegeln belegt, es herrschte kaum Verkehr. Dann schnippte sie mit den Fingern.

»Klar doch, das Raketentestgelände. Früher hat die Artillerie von Potsdam her zur Übung hier hingefeuert. Aber jetzt haben sie ein anderes Gelände und jetzt wird dieses hier für die Raketenerprobung genutzt.«

Einige Baracken wurden hinter dem Zaun sichtbar. Der Lastwagen bremste und bog zwischen zwei Wachttürmen ein. Das Dreirad sauste vorbei, einige Uniformierte, die ein Tor schlossen, wischten durch Florians Blickfeld.

»Was wollen die mit dem C-Stoff? Wollen Sie ihn dort vernichten?«, fragte Fräulein Levinsohn.

»Ich bin eher für die Treibstofftheorie.«

Fräulein Levinsohn bremste und wendete. Dabei schaute sie Florian zweifelnd an. »Das ist doch viel zu gefährlich. Diese Flüssigkeit fliegt einem doch viel zu schnell um die Ohren.«

»So wie uns.«

»Sie meinen also …«

»Ich meine gar nichts«, sagte Florian, »aber es könnte doch sein, dass der C-Stoff zwar hochgiftig und sehr explosiv ist, dass er aber einige Eigenschaften hat, die ihn gebrauchsfähig machen. Und wenn jemand damit umgehen kann und das richtige Triebwerk hat …« Er beendete seinen Satz nicht.

»Ich muss mich beeilen«, sagte Sara Levinsohn nun nach einem weiteren Blick auf die Uhr.

»Sie können mich auf dem Weg absetzen.«

»Hätte ich sowieso getan.«

Danach schwieg Fräulein Levinsohn, was für sie nicht unbedingt typisch war.

Florian beobachtete sie aus den Augenwinkeln. Sie trug wie üblich Handschuhe, aber durch das feine Leder war zu erkennen, wie sich ihre Hände verkrampften. Sie starrte auf die Straße, fuhr aber nicht schneller als sonst, eher langsamer.

In der Innenstadt lenkte sie an den Straßenrand.

»Man sieht sich«, sagte sie knapp.

Florian hatte inzwischen den Dreh raus und kam blitzschnell aus der Kabine. Das Dreirad raste aufheulend davon, ebenso schnell raste Florian über die Straße und sprang in ein Taxi.

»Nun sagen Sie bloß nicht: Folgen Sie diesem Wagen, junger Mann«, sagte der Fahrer. Es war ein älterer fülliger Mann, der mit dem Bauch an das Lenkrad stieß. Im Mundwinkel steckte eine Zigarre, die nach verbrannten Gartenabfällen stank.

»Folgen Sie diesem Dreirad«, sagte Florian.

Der Fahrer ließ sich durch den angebotenen Geldschein aus seiner sonstigen Gemütsruhe bilden und begann eine wilde Slalomfahrt durch die Autoschlangen. Manchmal tauchte das Dreirad weit vorne auf. Aber Florian musste es nicht sehen, denn er hielt den Kopf aus dem Fenster und konnte deutlich das Brüllen des Motors hören.

Dann verstummte das Geräusch, das Taxi fuhr an dem geparkten Dreirad vorbei. Florian stieg aus und blickte sich um. Keine Spur von Sara Levinsohn. Auf gut Glück wählte er eine Richtung, schaute in eine Querstraße. Da stand sie. Fräulein Levinsohn war weit entfernt, aber sie war unverwechselbar. Der helle Glockenhut, das farbige Kleid, die hochhackigen Schuhe, die Art, wie sie ungeduldig ihre kleine Tasche schlenkerte.

Sie wartete und Florian drückte sich in eine Nische, um nicht erkannt zu werden. Nach kurzer Zeit kam von der anderen Seite ein Wagen, hielt und sie stieg ein. Florian wandte sich ab und mimte einen Mann, der sich im Schutz der Nische eine Zigarette anzündet. Der Wagen glitt lautlos hinter ihm vorbei, ein zweifarbig lackiertes Luxusgefährt, bei dem der Fahrer ohne Dach zwischen langer Motorhaube und langem Passagierraum eingeklemmt war.

Florian drehte sich um. Das war das Profil von Sara Levinsohn. Unverwechselbar. Und der Mann, der sich ihr zuwandte, dieses flächige Gesicht mit den struppigen Brauen, dem Monokel und dem stechenden Blick – diesen Mann kannte Florian inzwischen auch. Es war Alfred Simon Zucker.

Florian schaute dem Wagen hinterher und schlurfte dann zurück zur Hauptstraße. Er geriet in den Strom der Passanten und ließ sich mitziehen.

Den Verdacht hatte er schon gehabt. Aber jetzt, wo dieser Verdacht bestätigt war, hasste er diese Wahrheit. Es war, als wäre ihm ein weiteres Mal der Boden unter den Füßen weggezogen worden. Sara Levinsohn war in den letzten Tagen, seit er auf dem Sofa aufgewacht war und nicht mehr wusste, wer er war und wo er war, seine Lotsin gewesen. Sie hatte ihm geholfen, sich zumindest einigermaßen zurechtzufinden. Nun war er wieder völlig auf sich gestellt.

Florian überkam Übelkeit, er hatte das Bedürfnis, sich an den Rinnstein zu stellen und sich zu übergeben. Aber eine Seele kann man nicht in die Gosse kotzen. Die bleibt und auch wenn sie schwarz oder verwirrt oder verletzt oder traurig ist, bleibt sie immer noch, wie ein saugender Parasit, der sich in die Haut verbissen hat.

Florian lief, bis seine Füße schmerzten und dann lief er noch weiter und genoss diesen Schmerz. Irgendwann hockte er sich auf die niedrige Umrandung eines räudigen Rasens, der ein Denkmal umrahmte und überlegte.

Er musste das Spiel weiterspielen. Sie durfte nicht wissen, dass er sie als Gehilfin Zuckers erkannt hatte. Und er musste ihre Hilfe nutzen, denn es gab immer noch etwas, das er aus der Welt räumen musste. Mochte Zucker ihm auch diese Zecke Sara Levinsohn aufgesetzt haben, Hammerstain würde seinen Fall lösen.

Aber vielleicht war das ja schon die Lösung? Das nette hübsche Fräulein Sara Levinsohn, diese klassische Tochter aus gutem Haus mit der großen Klappe spielte alles, was Hammerstain je getan und gedacht und entdeckt hatte, Zucker zu. Und der nutzte dieses Wissen für seine Geschäfte. Florian war nur ein ausgenutzter Idiot gewesen, der nützliche Trottel vom Dienst. War es das, wonach er suchte – diese bittere Erkenntnis? Der Blick in den Spiegel und das Wissen, das ihm dort ein betrogener, vorgeführter Volltrottel entgegensah? Vielleicht. Aber nur vielleicht. Und weil dieses Vielleicht nicht alles abdeckte, weil da noch ein Bereich offen war, gab es noch Arbeit für Silwester Hammerstain.

Er besorgte sich eine starke Taschenlampe und kehrte auf dem üblichen verschwiegenen Umweg ins Hotel zurück. Dort pflegte er seine strapazierten Füße, legte sich Kleidung zurecht und wartete.

Er schaute aus dem Fenster auf dem Bahnhofsplatz. Hinter ihm öffnete sich leise die Tür, als sollte ein Schläfer nicht aufgeweckt werden.

Fräulein Levinsohn flüsterte einen Gruß, raffte Kleidung zusammen und verschwand im Bad. Florian starrte auf die Tür. Er hatte den dringenden Wunsch, diese Tür einzutreten, der Levinsohn zu sagen Verrat kann man nicht im Schaumbad abwaschen und ihren kleinen Kopf unter Wasser zu drücken, bis keine Blasen mehr kamen.

Stattdessen machte er es sich auf dem Sofa bequem.

Fräulein Levinsohn kam aus dem Bad, in einem weitem schwingenden Kleid und einem nochmals neuen Duft.

»Das war ein interessanter Tag«, stellte sie fest und setzte sich in den Sessel.

»Und er wird sogar noch interessanter.«

Sie ließ die Illustrierte, hinter der sie sich verschanzt hatte, sinken und reckte den Hals. Wie ein neugieriger kleiner Vogel, dachte er.

»Was geschieht?«, fragte sie zögernd.

Ich bringe dich um, du Miststück, dachte er und sagte laut: »Ich schaue mir die Rakete an.«

Die Illustrierte raschelte, als sie in Sara Levinsohns Schoß fiel.

»Wie wollen Sie an die Rakete rankommen? Das ist Sperrgebiet. Mit Wachttürmen, Streifen und allem Schnickschnack.«

»Jemand wird mir Zugang verschaffen.«

»Wer?«, fragte Fräulein Levinsohn mit großen Augen.

»Sie!«

Sara Levinsohn stieß ein falsches Lachen aus, halb aus Überraschung und halb aus Verlegenheit komponiert.

»Ich wüsste nicht wie.«

»Ich schon«, sagte Florian.

Oh ja, sie war gut. Sie legte eine Hand an die Wange und schaute ihn mit schräg gelegtem Kopf an. Ihre Stimme hatte den bekannt sarkastischen Ton, als sie ihn aufforderte: »Dann lassen Sie mich mal wissen, was ich alles kann.«

»Sie werden mich über den Zaun fliegen. Mit demselben Drehflügler, den Sie in der Kaiserhalle geflogen haben.«

Sara Levinsohn wurde nicht rot. Sie wurde zuerst weiß und dann beinahe schwarz. Ihre Hände glitten nach Halt suchend über die Sessellehne und verkrampften sich dann ineinander.

»Ich … ich hatte nicht gedacht, dass es jemand wusste. Auf den Plakaten stand ein ganz anderer Name.«

»Sie sind vielleicht typischer für sich selbst, als Sie glauben«, sagte Florian ironisch, »belassen wir es dabei, dass ich weiß, dass Sie dieses Ding fliegen können und dass Sie wahrscheinlich die einzige sind und dieser Drehflügler ein Einzelexemplar ist. Also: Sie fliegen mich auf das Gelände und zur festgesetzten Zeit holen Sie mich wieder ab. Das ist einfacher, als in einer Halle Akrobatik zu fliegen. Und die Leute in den Wachttürmen, falls die Türme besetzt sind, werden an einen normalen Überflug glauben. Das Gelände selbst ist so riesig, dass die Landung nicht bemerkt werden wird.«

Fräulein Levinsohn schüttelte den Kopf. »Das ist purer Selbstmord. Und wie sollte ich Sie mitnehmen. Einen zweiten Sitz gibt es nicht mehr.«

»Ich kann mich am Fahrwerk festhalten.«

»Das geht nicht!«

»Doch das geht«, sagte Florian hart. Seine Stimme schien für solche Sätze gemacht zu sein. Um so etwas zu sagen, während eine Frau ihn mit großen angstvollen Augen anschaute.

Fräulein Levinsohn sprang auf und ging, die Hände ringend wie auf einer Theaterbühne, durch das Zimmer.

»Woher wissen Sie das alles, Herr Hammerstain?«

»Egal – ich weiß es. Und da wir nicht weitere Zeit verplempern wollen, machen wir uns auf den Weg.«

»Ich könnte Ihnen sagen, dass der Giroplan defekt ist«, versuchte die Levinsohn und machte unter Florians Blick einen Schritt zur Seite, als müsste sie vor einer Explosion fliehen.

»Ist er nicht«, sagte Florian, »sonst wären Sie damit sofort gekommen.«

Das Taxi brachte sie zu einem Flugfeld im weiteren Innenstadtbereich. Die Scheinwerfer am Hangar beleuchteten den Rasen und die drei Luftschiffhallen, die wie schlafende Dinosaurier auf der anderen Platzseite lagen. Gleich dahinter leuchteten die Fensterreihen der Wohnhäuser. Fräulein Levinsohn verschwand im Bürogebäude und tauchte umgekleidet wieder auf. Sie trug Stiefel, eine beigefarbene Reithose und eine engsitzende Lederjacke. Auf dem Kopf saß eine Lederhaube mit Schutzbrille.

Sie klimperte mit einem Schlüssel, öffnete den Hangar und stieß ächzend das Rolltor auf einer Seite auf. Dann tastete sie nach dem Lichtkasten. Mit einem Klacken blendeten die Lampen auf, erleuchteten die große Halle und die Flugzeuge, die darin standen.

»Meine stehen dort«, sagte Fräulein Levinsohn und deutete auf einen Doppeldecker, ein schnittiges zweimotoriges Rennflugzeug und den Drehflügler.

»Und wo ist Ihr Besen?«, spottete Hammerstain.

Die Levinsohn grunzte nur verachtungsvoll.

»Ich wusste nicht, dass Sie auch Rennen fliegen«, gestand Florian.

»Tue ich auch nicht mehr. Die Maschinen sind zu teuer im Unterhalt. Selbst wenn ich meinen Lohn pünktlich bekommen würde. Die habe ich aus purer Sentimentalität noch nicht verkauft.«

»Sentimentalität«, knurrte Hammerstain, »fast könnte man Sie für eine Frau halten.«

Es kostete Kraft und die Anstrengung zweier Personen, den Drehflügler aus dem Hangar zu schieben.

»Gibt es sonst keine Hilfe?«, erkundigte sich der schwitzende Florian.

»Nein, um diese Zeit sind nicht mal mehr die Mechaniker hier.«

Fräulein Levinsohn umrundete den Drehflügler, zupfte an den Abspanndrähten, bewegte den Propeller und die Steuerflächen. Florian betrachtete das Fluggerät. Es sah aus wie der Alptraum eines irre gewordenen Ingenieurs, eine unlogische Ansammlung von Stangen und lackierter Leinwand, auf absurd lange Federbeine gestellt. Gebaut, um als technische Neuschöpfung eines hässlichen Insektes baldigst als rauchendes Wrack für eine Schlagzeile zu sorgen. Was hatte ihn nur auf die Idee gebracht …

Fräulein Levinsohn runzelte die Stirn.

»Ein Flug wird noch möglich sein, aber bevor ich Sie wieder abhole, werde ich schrauben müssen. Das gesamte Steuergestänge hat viel zu viel Spiel und die Drähte müssen nachgespannt werden«.

Dann deutete sie auf das Fahrwerk.

»Halten Sie sich an der Trittstufe fest und setzen Sie sich auf das Rad, sobald wir in der Luft sind. Bei der Landung heben Sie gefälligst Ihren Allerwertesten hoch, das Fahrwerk hat ein Teleskopbein, es schwingt durch und bricht Ihnen die Hüfte, wenn Sie nicht aufpassen. Und noch eines – binden Sie sich die Krawatte ab, der Kulturstrick wird durch den Fahrtwind sowieso weggerissen.«

Hammerstain schüttelte den Kopf und grinste boshaft. »Was ein echter Herr ist, der bleibt seinem Stil stets treu. Außerdem ist das ein doppelter Krawattenknoten, da geht eher mein Kopf verschütt, als dass der Binder sich löst.«

»Warum gefällt mir diese Vorstellung nur so sehr? Wir werden sehen, wer recht behält«, konterte Fräulein Levinsohn biestig.

Damit kletterte sie auf den Pilotensitz und ließ Schalter klacken.

Florian nahm seine Position ein. Im Licht der Scheinwerfer konnte er deutlich erkennen, dass zwei Stellen innen am Fahrwerk überstrichen waren. Das Metall war an diesen Stellen uneben, als hätte man etwas abgebaut und die Rohre schlampig glatt geschliffen.

»Fertig? Ich lasse an!«, kam die Stimme von Fräulein Levinsohn.

Und dann: »Sie haben noch eine Sekunde, um die Sache abzublasen.«

»Ich bereue während des Fluges. Finden Sie den Kurs?«

»Blöde Frage.« Damit ließ Fräulein Levinsohn den Motor an und ihre Empörung schien sich auf die Zylinder und Kolben zu übertragen. Die ganze Maschine vibrierte, Florian wurde beinahe von dem Propellerwind weggeweht, als Fräulein Levinsohn probeweise die Propellereinstellung umkehrte. Eine zweite Maschine sprang an und über ihm begannen die waagerechten Rotoren zu arbeiten.

Florian hatte das Gefühl, selbst mitten in einer Maschine zu sitzen, mit tobendem Lärm, Vibrationen, heißer Abluft, heulenden Kühllüftern und brennenden Abgasen, die als kurze Flammen aus den Auspuffrohren leckten.

Ohne Vorwarnung hob der Drehflügler ab. Florian erlebte einen Moment der Panik, weil sein Sitz verschwand und er zu stürzen meinte. Dann erkannte er, dass sich nur das jetzt unbelastete Fahrwerk verlängert hatte. Vorsichtig ließ er sich nach unten, fand das Rad, setzte sich und sicherte sich selbst mit gekreuzten Beinen.

Fräulein Levinsohn ließ das Fluggerät schräg nach hinten steigen, drehte dann und stieg höher, während sie Kurs auf ihr Ziel nahm. Das Flugfeld blieb als grau-grüne Fläche, von den Scheinwerfern grell aus dem Dunkel gestanzt, unter ihnen zurück.

Florian wendete den Kopf. Ein tödlicher Schreck durchfuhr ihn, als sich der Reifen unter ihm drehte. Er krallte sich an die Trittstufe, umarmte das Federbein des Fahrwerks und fand eine weniger bequeme, aber dafür festere Position für die Beine. Durch das Knattern des Auspuffs und das Motorengedröhn klang das Fauchen des Windes. Der Drehflügler stieg ständig in einem steilen Winkel.

Florian riskierte noch einmal den Versuch, den Kopf zu wenden. Das Flugfeld war verschwunden, sie flogen hoch über der Stadt. Seitlich waren die hell angestrahlten Hochhäuser der Innenstadt, ein Scheinwerferfinger tastete durch die Nacht und erfasste den silbernen Rumpf eines Luftschiffs. Aus dessen Führerkabine begann ein Morselicht hektisch Zeichen zu geben, die von der Landefläche auf dem Hochhausdach erwidert wurden. Das Luftschiff hielt und wendete auf der Stelle, die Lichter um den Ankerplatz wurden angeschaltet.

Mehr konnte Florian nicht sehen, weil Fräulein Levinsohn ihr Fluggerät in eine enge, steile Kurve riss. Sekunden später brummte direkt über ihnen ein Flugzeug vorbei, mehrere Reihen erleuchteter runder Fenster, hinter denen Florian Reisende erkannte, die im Pyjama ihr Bett zurechtklopften und im obersten Deck Männer an einer Bar. Das Flugzeug wischte vorbei, hinterließ in der frischen Luft einen Geruch von Öl und schlecht verbranntem Diesel und rüttelte den Drehflügler durch seine Turbulenzen wie mit einer Riesenfaust.

Die Stadt lag jetzt tief unter ihnen, eine hell leuchtende Insel inmitten der weiter hinten anbrandenden Dunkelheit. Florian schaute auf die roten und weißen Lichtschlangen, die über die Straßen eilten, hektisch beschleunigten, abrupt abbremsten, sich kreuzten, sich teilten und neu formierten wie weißglühende Lavaströme. Er betrachtete angstvoll und zugleich fasziniert das Flackern und Blinken tausender Lichtreklamen, das beleuchtete Stakkato der Schriftbänder, die an den Hochhäusern neueste Nachrichten ausposaunten, die beleuchteten Züge, die unter den zahllosen roten und grünen Signalen über Gleisanlagen hasteten, die sich wie schwarze Adern durch das Lichtermeer wanden. Er sah die bunten Spiegelungen der Ausflugsdampfer im Fluss, die Flammen der Industriewerke und das düstere Glimmen und Leuchten, wenn ein Hochofen angestochen wurde.

Es sah zugleich großartig und furchterregend aus. Der Gedanke, dass er selbst noch eben dort unten in diesem irre gewordenen Labyrinth aus beleuchteten Straßen, flackernden Neonreklamen und blinkenden Ampeln gewesen war, schien ihm unglaublich. Das war der endlose Lärm der Stadt, neu komponiert aus Licht und Farbe. Dort konnte man nicht leben. Das war nur ein Fiebertraum.

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