Archive
Folgt uns auch auf

Die wunderbaren, aber wahrhaftigen Abenteuer des Kapitäns Corcoran – Teil 3

Alfred Assolant
Die wunderbaren, aber wahrhaftigen Abenteuer des Kapitäns Corcoran
Titel des französischen Originals:
Les aventures merveilleux mais authentiques du Capitaine Corcoran
Paris 1867
Erster Teil
3.
Von einem Tiger, einem Krokodil und dem Kapitän Corcoran

»Vielleicht haben Sie, meine Herren, schon einmal etwas von dem berühmten Robert Surcouf aus Saint-Malo gehört. Sein Vater war der leibliche Neffe des Schwagers meines Urgroßvaters. Der berühmte und kluge Yves Quaterquem, heute Mitglied des Instituts de Paris, der, wie jeder weiß, die Methode entdeckt hat, Luftschiffe fliegen zu lassen, ist mein Cousin. Mein Großonkel Alain Corcoran, Spitzname Rotbart, hatte die Ehre, mit dem verstorbenen Vicomte Francois de Chateaubriand, dem berühmten Autor der Atala, dasselbe College zu besuchen und ihm am 23. Juni 1782 während der Pause zwischen halb fünf und fünf Uhr nachmittags seine geballte Faust aufs Auge zu setzen. Sie sehen, meine Herren, ich stamme aus gutem Hause. Wir Corcorans können die Stirn hoch tragen und geradewegs in die Sonne blicken.

Über mich gibt es wenig zu erzählen. Ich bin mit der Angel in der Hand geboren worden. In dem Alter, in dem andere Kinder mehr schlecht als recht das Alphabet lernen, bin ich schon mit dem Boot meines Vaters hinausgefahren. Und als mein Vater umkam, als er einem in Seenot geratenen Fischkutter zu Hilfe eilen wollte, schiffte ich mich auf dem Schoner Keusche Susanne ein, einem Walfänger aus Saint-Malo, der in der Beringstraße fischte. Nach dreijähriger Kreuzfahrt zwischen Nord- und Südpol wechselte ich von der Keuschen Susanne zur Schönen Emilie, von der Schönen Emilie auf den Stolzen Artaban und vom Stolzen Artaban auf den Sturmsohn, eine Brigg, die mit aller verfügbaren Leinwand ihre neunzehn Knoten in der Stunde macht.«

»Monsieur«, unterbrach ihn der ständige Sekretär der Akademie, »Sie hatten uns die Geschichte von Louison versprochen.«

»Nur Geduld«, erwiderte Corcoran, »hier ist sie.« Aber ein entfernter Trommelwirbel schnitt ihm das Wort ab.

»Was ist denn da nun schon wieder los?«, fuhr der Präsident beunruhigt auf.

»Ich ahne es«, entgegnete Corcoran. »Das wird der verschreckte Portier sein, der die Tür verbarrikadiert hat und bei dem nächstbesten Militärposten um Hilfe gebeten haben wird.«

»Mein Gott«, sagte ein Akademiemitglied, »es wäre besser gewesen, die Tür offenzulassen. Ich jedenfalls werde meine Zeit nicht damit vertun, mir die Geschichte von Louison anzuhören.«

»Achtung!«, rief der Kapitän. »Jetzt wird es ernst. Man läutet zum Angriff.«

Tatsächlich erscholl von dem nächstgelegenen Glockenturm ein aufgeregtes Bimmeln und setzte sich in Windeseile bei allen anderen Türmen der Stadt fort.

»Bomben und Kanonen!«, fluchte der Kapitän lachend. »Die Sache wird ernst. Meine arme Louison, ich fürchte, man wird dich belagern wie eine Festung …

Aber um auf meine Geschichte zurückzukommen, meine Herren, es war gegen Ende des Jahres 1853, ich hatte in Saint-Nazaire den Sturmsohn bauen lassen und stand im Begriff, im Hafen von Batavia sieben- oder achthundert Fässer Bordeauxwein zu entladen. Das Geschäft ging gut, ich war zufrieden, zufrieden mit mir, meinem Nächsten, der göttlichen Vorsehung und dem Zustand meiner Geschäfte. Deshalb entschloss ich mich eines Tages zu einer Zerstreuung, die man auf dem Meer nicht allzu oft hat: der Tigerjagd.

Sie wissen sicher, meine Herren, dass der Tiger – übrigens das schönste Tier der Schöpfung, nehmen Sie nur Louison – vom Himmel leider mit einem außergewöhnlichen Appetit gesegnet wurde. Er frisst gern Rind, Flusspferd, Rebhuhn, Hase. Aber am meisten bevorzugt er den Affen wegen dessen Ähnlichkeit mit dem Menschen und natürlich den Menschen, weil der höher steht als ein Affe. Darüber hinaus ist er ein Feinschmecker, er frisst nicht zweimal vom selben Stück. Wenn zum Beispiel Louison zum Frühmahl eine Schulter des Herrn ständigen Sekretärs verspeist hätte, so würde sie mitnichten zum Abendbrot die andere Schulter anrühren. Sie ist leckermäulig wie die Katze eines Erzbischofs.«

Hier zog der ständige Sekretär eine Grimasse.

»Mein Gott, Monsieur«, fuhr Corcoran fort, »ich weiß wohl, dass Louison unrecht hat, dass beide Schultern gleich gut sind. Aber das ist eben ihr Charakter, so was ändert sich nicht mehr.

Nun, ich brach von Batavia aus auf, trug mein Gewehr über der Schulter und hatte riesige Schuhe an den Füßen wie ein Pariser, der in der Ebene von Saint-Denis Hasen jagen will. Mein Schiffseigner, Herr Cornelius van Crittenden, wollte mich von zwei Malaien begleiten lassen, die den Tiger aufspüren und sich statt meiner von ihm fressen lassen sollten, falls er zufällig schneller gewesen wäre als ich. Sie werden sehr wohl verstehen, dass ich, René Corcoran, dessen Urgroßvater der Onkel des Vaters von Robert Surcouf war, bei diesem Vorschlag in lautes Gelächter ausbrach. Entweder man ist aus Saint-Malo, oder man ist es nicht, nicht wahr? Nun, ich bin aus Saint-Malo, und soviel ich weiß, hat man noch nie gehört, dass ein Tiger einen aus Saint-Malo gefressen hätte. Doch das beruht auf Gegenseitigkeit, denn auch in Saint-Malo hat man bei Tisch noch nie einen Tiger vorgesetzt bekommen.

Da ich aber trotzdem Hilfe brauchte, um mein Zelt und meinen Proviant zu transportieren, folgten mir die beiden Malaien mit einem kleinen Karren.

Einige Meilen hinter Batavia stieß ich auf einen Fluss von respektabler Tiefe, der den Affenwald, der etwa so groß wie das Seine-Departement war, allerdings mit mehr fleischfressenden Pflanzen versehen, durchquert. In diesem stockfinsteren Dickicht gab es Löwen, Tiger, Boas constrictor, Panther, Kaimane, kurz, die wildesten Tiere der Schöpfung – ausgenommen den Menschen, denn dieser tötet nie aus Zwang, sondern nur um des Vergnügens willen.

Etwa ab zehn Uhr vormittags wurde die Hitze so unerträglich, dass selbst die Malaien, die ja immerhin an ihr eigenes Klima gewöhnt waren, um ein Einsehen baten und sich im Schatten lagerten. Ich hockte mich, eine Hand am Karabiner, auf unseren Karren, denn ich befürchtete irgendeine Überraschung. Bald war ich eingeschlafen.

Es muss etwa gegen zwei Uhr nachmittags gewesen sein, als ich plötzlich durch ein entsetzliches Geschrei geweckt wurde. Ich kniete mich nieder, entsicherte den Karabiner und erwartete den Feind mit Ungeduld.

Die Schreie kamen von meinen beiden Malaien, die erschreckt herbeigelaufen kamen, um hinter dem Karren Deckung zu suchen.

›Herr! Herr!‹, schrie einer von ihnen, ›es ist der Gebieter, der sich uns nähert. Nehmt Euch in acht!‹

›Welcher Gebieter?‹, fragte ich.

›Der Herr Gebieter Tiger!‹

›Na fein, er erspart mir die Hälfte des Weges. Habt ihr denn schon etwas von diesem schrecklichen Gebieter gesehen?‹

Indem ich das sagte, sprang ich von dem Karren herunter und schritt dem Feind entgegen. Man sah ihn noch nicht, aber man konnte am Erschrecken und der Flucht aller anderen Tiere spüren, dass er näher kam. Die Affen beeilten sich, auf die Bäume zu klettern. Aus sicherer Höhe schnitten sie ihm ihre Grimassen und bewiesen ihren Mut. Die Kühnsten versuchten sogar, ihm einige Kokosnüsse auf den Kopf zu werfen. Ich unterschied nur an der Bewegung der geknickten und raschelnden Blätter die Richtung, aus der er sich näherte. Nach und nach kam diese Bewegung immer mehr auf mich zu, und da der Weg kaum breit genug war, um zwei Karren durchzulassen, befürchtete ich, ihn zu spät zu sehen und nicht genügend Zeit zu haben, um ihn vor die Flinte zu bekommen, denn das Blätterdach verbarg ihn vollends.

Da erkannte ich glücklicherweise, dass er ganz in meiner Nähe sein musste, doch er beachtete mich anscheinend nicht weiter, weil er auf dem Weg zum Fluss war, um seinen Durst zu stillen.

Endlich sah ich ihn, aber nur im Profil. Sein Maul war blutverschmiert, er sah zufrieden aus und watschelte mit weit auseinander gespreizten Beinen wie ein Rentner, der nach einem guten Frühstück auf dem Boulevard des Italiens seine Zigarre spazieren trägt.

Zehn Schritt von mir entfernt schien ihm das trockene Schnappen meines Karabinerhahns einige Unruhe zu verursachen. Er wandte halb den Kopf, nahm mich durch das Gestrüpp, das uns voneinander trennte, wahr, blieb stehen und überlegte.

Ich richtete mein Auge fest auf ihn, aber um ihn mit einem Schuss töten zu können, hätte ich auf die Stirn oder das Herz zielen müssen, und obwohl er sich wie ein Salonlöwe beim Fotografen in Positur gesetzt hatte, verbarg er mir diese Stellen.

Nun, wie dem auch sei, auf jeden Fall ersparte mir die göttliche Vorsehung, dass ich an jenem Tag zu einem bedauernswerten Mörder wurde, denn dieser Tiger – oder vielmehr diese Tigerin – war niemand anders als meine liebe und charmante Freundin Louison, die uns jetzt so aufmerksam zuhört.

Louison hatte soeben gespeist, und das war ein großes Glück für mich – aber auch für sie. Sie dachte nur daran, in Ruhe zu verdauen. Nachdem sie mich einige Sekunden zweideutig angesehen – genau mit demselben Blick, mit dem sie gerade den ständigen Sekretär mustert – hier wechselte der Sekretär den Platz und ließ sich hinter dem Präsidenten nieder –, setzte sie ihren Weg gemächlich fort und wandte sich zum Fluss, der nur einige Schritte von uns entfernt war.

Ich marschierte hinter ihr her, den Karabiner im Anschlag und eine günstige Gelegenheit zum Schuss abwartend.

Aber da geschah die Überraschung. Als ich mich nichts ahnend einem am Flussufer liegenden Baumstamm näherte, sah ich plötzlich, dass dieser Baumstamm Tatzen und eine Hornhaut hatte, die in der Sonne glänzte. Die Augen waren geschlossen, der Rachen stand offen.

Es war ein Krokodil, das sich wie ein Sommerfrischler auf dem Sand sonnte und dabei vor sich hin dämmerte. Kein Traum schien diesen stillen Schlummer aufzuregen. Es schnarchte friedlich, wie eben ein Krokodil, das nichts auf dem Kerbholz hat, schnarcht.

Dieser tiefe, friedliche Schlaf, diese gottergebene und selbstvergessene Pose, ich weiß nicht, was noch, vielleicht auch die für weibliche Wesen so typische Eingebung des Teufels schien Louison zu reizen. Ich sah, wie sie ihre Lippen bleckte. Sie lächelte wie ein Schülerbübchen, das seinem Schulmeisterlein einen Streich spielen will.

Lang und behutsam steckte sie ihre Pfote – so lang, wie sie war – in den geöffneten Rachen des Krokodils. Sie versuchte doch tatsächlich, sich die Zunge des Schläfers als Dessert einzuverleiben. Louison war eben sehr naschhaft – ein Fehler ihres Geschlechts und ihres Alters.

Aber für ihre Hinterlist wurde sie streng bestraft.

Sie hatte kaum die Zunge des Krokodils berührt, als dessen Rachen zuschnappte. Dafür öffnete es die Augen – große Augen von meergrüner Farbe, die ich noch heute vor mir sehe – und betrachtete Louison mit einem Ausdruck des Staunens, des Zorns und des Schmerzes, der unmöglich zu beschreiben ist.

Louison war in einer misslichen Lage. Die arme Kleine wand sich wie ein Teufel zwischen den spitzen Zähnen des Krokodils. Glücklicherweise hatte sie sich so kräftig in die Zunge des Krokodils gekrallt, dass das Unglückstier nicht wagte, all seine Kraft anzuwenden und ihr die Pfote abzubeißen. Das hätte es sicher getan, wenn sich seine Zunge nicht in den Händen des Feindes befunden hätte.

Bis hierher war der Kampf gleich, und ich wusste nicht, wem ich mehr Glück gönnen sollte, denn schließlich war Louisons Absicht nicht löblich gewesen und ihr Scherz für ihren Gegner ziemlich unangenehm – aber Louison war so schön! Sie bewies soviel Anmut in ihrer Erscheinung, soviel Geschmeidigkeit in ihren Gliedern, soviel Würde in ihren Bewegungen. Sie ähnelte einer jungen Katze, die unter den Augen der Mutter in der Sonne spielt.

Aber zum Teufel! Sie wälzte sich ja schließlich nicht aus Spaß im Sand und stieß Schreie aus, die den Urwald ringsumher erzittern ließen. Die in gebührender Entfernung auf ihren Kokospalmen hockenden Affen beobachteten keckernd diesen schrecklichen Kampf. Die Paviane schnitten Louison Fratzen und äfften – den Daumen an der Nasenspitze und die übrigen Finger abgespreizt – die bekannte Geste der Pariser Gassenjungen nach. Einer von ihnen, der mehr Mut als die anderen zeigte, schwang sich von Ast zu Ast bis etwa sechs oder sieben Fuß über die Erde herab und kraulte ihr, sich mit dem Schwanz an einem Stamm festhaltend, mit den Fingerkuppen die Schnauze. Bei diesem Anblick brachen alle Paviane in lautes Gelächter aus. Aber Louison machte eine so energische und drohende Bewegung, dass der junge Pavian, der sie gereizt hatte, den Schwanz einkniff und sich trollte, glücklich darüber, den mörderischen Zähnen seines Feindes entronnen zu sein.

Währenddessen versuchte das Krokodil die arme Tigerin in den Fluss zu ziehen. Sie verdrehte die Augen zum Himmel, als wolle sie ihn um Erbarmen anflehen oder doch wenigstens zum Zeugen ihres Martyriums machen, und senkte sie – zufällig? – wieder auf mich.

Was für schöne Augen! Welche Erhabenheit und hinschmelzende Ergriffenheit in diesem Blick voller Todesangst. Arme Louison!

Im selben Augenblick hatte das Krokodil Louison halb unter Wasser gezogen. Da entschloss ich mich.

Das kochende Wasser des Flusses zeigte Louisons Anstrengungen, sich zu befreien. Ich wartete eine halbe Minute, den Karabiner im Anschlag, den Finger am Abzug, das Auge auf das Ziel fixiert.

Louison, die, wenn Sie so wollen, ein Tier, aber keine Bestie ist, hatte sich in ihrer Verzweiflung mit der freien Pfote an einen echten Baumstamm geklammert, der am Ufer des Flusses lag.

Dieser Reflex rettete ihr Leben.

Sich mit aller Kraft gegen die Absicht des Krokodils sträubend, gelang es ihr, den Kopf über Wasser zu halten und, sich an den Stamm klammernd, der schlimmsten Gefahr – ertränkt zu werden – zu entgehen.

Mit der Zeit musste auch das Krokodil das Bedürfnis verspüren, Luft zu holen. Und so kam es, halb gutwillig, halb gezwungen, mit Louisons Pfote im Rachen an die Oberfläche. Darauf hatte ich gewartet. In Sekundenschnelle war sein Schicksal entschieden. Es ins Visier nehmen, abdrücken, ins linke Auge treffen und das Gehirn hinwegblasen – das alles war eine Sache von zwei Sekunden. Das unglückliche Tier öffnete den Rachen und wollte stöhnen. Es peitschte den Sand und das Wasser mit seinen vier Tatzen und verschied.

Die Tigerin hatte schon – viel schneller, als ich schießen konnte – ihre zerfetzte Pfote aus dem Rachen ihres Feindes gezogen.

Ihre erste Regung, muss ich sagen, war keine Bekundung des Vertrauens oder der Dankbarkeit. Vielleicht meinte sie, von mir mehr befürchten zu müssen als von dem Krokodil. Sie versuchte zunächst zu fliehen. Doch das arme Tier, nur auf drei Pfoten angewiesen, kam nicht sehr weit. Schon nach zehn Schritten hatte ich sie erreicht.

Ich versichere Ihnen, meine Herren, dass ich schon sehr viel Sympathie für sie empfand. Erstens hatte ich ihr einen unschätzbaren Dienst erwiesen, und wie Sie wohl wissen, gewinnt man seine Freunde viel eher durch die Dienste, die man ihnen erweist, als durch jene, die uns von ihnen erwiesen werden. Und zweitens schien sie mir doch einen guten Charakter zu haben, denn der Scherz, den sie sich mit dem Krokodil geleistet hatte, bewies doch eine natürliche Freude am Spiel. Der Spieltrieb, das wissen Sie ja selbst, meine Herren, ist schließlich charakteristisch für ein gutes Herz und ein ruhiges Gewissen.

Und darüber hinaus war ich allein in einem fremden Land, fünftausend Meilen von Saint-Malo entfernt, ohne Freunde, ohne Eltern, ohne Familie. Mir schien, dass die Gesellschaft eines Freundes, der mir das Leben verdankt, selbst wenn dieser Freund vier Pfoten, furchterregende Krallen und schreckliche Zähne hatte, immer noch besser war als nichts.

Hatte ich unrecht?

Nein, meine Herren. Und in der Folgezeit hat es sich wohl bewiesen.

Als ich mich ihr näherte, entdeckte ich, dass sie kaum auf ihren drei Pfoten stehen konnte und sich deshalb schicksalsergeben auf den Rücken legte, um meinen Angriff zu erwarten. Sie fauchte mich an, bleckte die Zähne, zeigte mir ihre Krallen und schien entschlossen, mich zu verschlingen oder doch zumindest ihr Leben so teuer wie möglich zu verkaufen.

Aber wir aus Saint-Malo wissen, wie man die wildesten Bestien zähmt.

Ich näherte mich ihr mit einem friedlichen Ausdruck, legte meinen Karabiner griffbereit in den Sand, beugte mich über die Tigerin und streichelte ihr wie einem Kind sanft den Kopf.

Zunächst betrachtete sie mich misstrauisch, als wolle sie mich prüfen. Aber als sie sah, dass meine Absichten lauter waren, drehte sie sich bäuchlings, leckte sanft meine Hand und streckte mir ihre verletzte Pfote entgegen. Sorgfältig betrachtete ich sie. Der Knochen war heil geblieben. Die Zähne des Krokodils waren auch nicht allzu tief ins Fleisch gedrungen, da sich Louison ja in die Zunge ihres Feindes gekrallt hatte.

Sorgfältig wusch ich die Wunde aus. In meiner Jagdtasche steckte ein Fläschchen mit Alkalilauge, wovon ich ihr einige Tropfen auf die Verletzung träufelte. Dann machte ich der Tigerin ein Zeichen, mir zu folgen.

Sei es aus Dankbarkeit, sei es aus dem Wunsch heraus, mit Sachkenntnis verbunden zu werden, sie ließ sich leiten und folgte mir bis zu dem Karren, auf dem die beiden Malaien, die mich begleiteten, vor Angst zu sterben schienen, als sie ihrer ansichtig wurden. Sie fielen förmlich aus dem Wägelchen, und nichts konnte sie bewegen, ihn wieder zu besteigen.

Am folgenden Tag kehrten wir nach Batavia zurück. Cornelius van Crittenden war ziemlich erstaunt, als er mich mit meiner neuen Freundin anrücken sah, der ich sofort den Namen Louison gegeben hatte und die mir durch die Straßen folgte wie ein junger Hund.

Ich blieb acht Tage in Batavia, danach lichtete ich den Anker und nahm die junge Tigerin mit mir, die bis heute meine treue Gefährtin geblieben ist. Eines Nachts hat sie mir sogar in den Gewässern vor Borneo das Leben gerettet.

Meine Brigg wurde drei Meilen vor der Insel Borneo von einer Flaute überrascht. Gegen Mitternacht, als meine Mannschaft, die nur aus zwölf Männern bestand, und ich schlafen gegangen war, stiegen plötzlich etwa hundert malaiische Piraten an Bord und warfen den Bootsmann, der Wache hatte, ins Meer.

Dieser Mord wurde so rasch und lautlos begangen, dass niemand auch nur den geringsten Laut gehört und dem armen Bootsmann zu Hilfe hätte eilen können.

Die Piraten stiegen vom Deck zu meiner Kajüte herab und versuchten deren Tür aufzubrechen. Aber drinnen schlief Louison zu meinen Füßen. Sie war durch den Lärm wach geworden und begann in ihrer unnachahmlichen Art zu fauchen. In zwei Sekunden war ich auf den Beinen, eine Pistole in jeder Hand, mein Entermesser zwischen den Zähnen.

Im selben Augenblick hatten die Piraten die Tür eingeschlagen und waren in meine Kabine gestürzt.

Den Ersten erledigte ich mit einem Schlag meines Pistolenknaufs, der Zweite fiel durch eine Kugel, den Dritten schleuderte Louison zu Boden und tötete ihn durch einen Biss ins Genick, dem Vierten spaltete ich mit meinem Entermesser den Schädel. Ich rief meine Matrosen zu Hilfe und versuchte mich zur Brücke durchzuschlagen. Während dieses Kampfes hielt sich Louison prächtig. Mit einem Satz riss sie drei Malaien zu Boden, die mir auf den Fersen waren. Mit einem anderen Satz stürzte sie sich mitten in das Handgemenge. Ihre Bewegungen hatten die furchtbare Wirkung eines Blitzschlages.

In zwei Minuten hatte sie sechs der Piraten getötet. Die Nägel ihrer Krallen dringen wie Degenstiche in das Fleisch der Unglücklichen. Obwohl sie aus drei Wunden blutete, schien sie das kaum zu schwächen, eher stürzte sie sich um so kühner in das Kampfgetümmel und deckte mich mit ihrem Körper.

Endlich erschienen meine Matrosen, mit Revolvern und Eisenstangen bewaffnet. Damit war der Ausgang des Kampfes entschieden. Etwa zwei Dutzend der Piraten warfen wir ins Wasser, die anderen sprangen von selbst hinterher, um schwimmend ihre Dschunken zu erreichen. Wir hatten keinen einzigen Mann verloren, abgesehen von dem Bootsmann, der ganz zu Anfang des Überfalls von ihnen erwürgt worden war.

Seit dieser Nacht, in der Louison mir das Leben gerettet hatte, trennten wir uns niemals mehr. Ich bitte Sie deshalb, die Eigenmächtigkeit zu entschuldigen, meine Tigerin mit hierher gebracht zu haben, meine Herren. Ich hatte sie im Vorzimmer gelassen, aber der Saaldiener wird sie gesehen und es mit der Angst gekriegt haben. Er hat die Tür verbarrikadiert und die Sturmglocke geläutet, um Hilfe herbeizuholen.«

»Das alles ändert nichts daran«, sagte der Präsident mit einem bedauernden Unterton in der Stimme, »dass wir durch Ihren Fehler – oder besser durch den Fehler von Mademoiselle Louison und des Portiers – den ganzen Nachmittag in Gesellschaft eines wilden Tieres verbringen mussten und dass unsere Mahlzeit inzwischen kalt geworden ist.«

Hier wurde – was an diesem denkwürdigen Nachmittag ja nun wirklich nichts Ungewöhnliches mehr war – der Präsident der Wissenschaften zu Lyon wiederum durch einen entsetzlichen Lärm unterbrochen. Trommelwirbel war zu vernehmen, und einige Dutzend Köpfe reckten sich zum Fenster hinaus.

»Gott sei Dank!«, schrie der ständige Sekretär. »Die Nationalgarde rückt an! Wir werden befreit!«

Und tatsächlich füllten etwa dreitausend Personen die umliegenden Straßen und den Platz vor der Akademie. Eine Infanteriekompanie stand mit angelegtem Gewehr dem Akademiegebäude gegenüber. Ein Polizeikommissar, mit einer dreifarbigen Schärpe umgürtet, tauchte auf dem Platz auf, gab den Trommlern ein Zeichen zu schweigen und rief mit schriller Stimme: »Im Namen des Gesetzes, ergebt euch!«

»Herr Kommissar«, schrie der Präsident aus einem der Fenster zurück, »es geht nicht darum, dass wir uns ergeben, sondern dass man uns das Tor öffnet!«

Der Kommissar gab alsdann den Arbeitern, die er in weiser Voraussicht mitgenommen hatte, ein Zeichen, das Eingangstor von allen Hindernissen zu räumen, die der Saaldiener der Akademie aufeinandergetürmt hatte, um Louison den Weg zu versperren.

Als sein Befehl ausgeführt war, schrie der Offizier, der die Infanteriekompanie befehligte und der zeigen wollte, dass er auch etwas zu sagen hatte: »Legt das Gewehr – an!«

Und so standen die braven Soldaten, bereit, Louison zu füsilieren, sobald sie sich zeigen würde.

»Meine Herren«, sagte Corcoran zu den Akademiemitgliedern, »Sie können hinausgehen. Wenn Sie in Sicherheit sind, werde auch ich das Gebäude verlassen. Haben Sie keine Angst.«

»Vor allem, Kapitän, keine Unvorsichtigkeiten!«, legte ihm der Präsident ans Herz, indem er ihm die Hand schüttelte und adieu sagte.

 Die Akademiemitglieder machten, dass sie hinauskamen. Louison betrachtete sie erstaunt und schien willens, sich an ihre Fährten zu heften, aber Corcoran hielt sie zurück.

Als sie beide allein in dem Gebäude zurückgeblieben waren, hieß Corcoran die Tigerin, ihm in den Sitzungssaal zu folgen. Dort beugte er sich über die Fensterbrüstung, um mit dem Kommissar zu sprechen.

»Herr Kommissar«, rief er hinaus, »ich bin bereit, meine Tigerin friedlich hinauszuführen, wenn man mir verspricht, dass ihr kein Haar gekrümmt wird! Wir werden geradewegs zu meinem Dampfschiff gehen, das auf der Rhone ankert, und ich verspreche Ihnen, Louison in meiner Kabine einzuschließen, sodass sie niemand mehr erschrecken wird.«

»Nein! Nie und nimmer! Tod dem Tiger!«, schrie die Menge, die bei dem Gedanken an eine Tigerjagd schier aus dem Häuschen geriet, vor Begeisterung.

»Verschwinden Sie, Monsieur!«, rief der Kommissar.

Corcoran versuchte es noch einmal, aber nichts konnte den pflichteifrigen Beamten umstimmen.

Also ging der Mann aus Saint-Malo zum Schein auf die Forderung des Kommissars ein. Er beugte sich zu Louison hinab und umarmte sie zärtlich. Man hätte meinen können, er flüstere ihr etwas ins Ohr.

»Sind diese Mätzchen bald zu Ende!«, belferte der Offizier.

Corcoran betrachtete ihn mit einem Blick, der nichts Gutes verhieß.

»Ich bin bereit«, sagte er schließlich, »aber ich bitte Sie, schießen Sie nicht, bevor ich durch das Tor gekommen bin. Ich möchte nicht mit ansehen müssen, meinen einzigen Freund vor meinen Augen sterben zu sehen.«

Man fand sein Ersuchen vernünftig, und einige Personen begannen sogar, auf das Schicksal Louisons Wetten abzuschließen. Die Tigerin hatte sich hinter der Saaltür ausgestreckt und beobachtete Corcoran, der die Treppe hinunter schritt. Sie zeigte sich nicht, als würde sie die Gefahr ahnen, die sie bedrohte. Draußen herrschte angespannte Erwartung.

Plötzlich jedoch drehte sich Corcoran, der sich schon hinter dem Infanteriebataillon befand, um und rief dreimal: »Louison! Louison! Louison!«

Bei diesem Ruf erschien Louison am Fenster und sprang mit einem gewaltigen Satz, noch bevor der Offizier den Befehl zum Feuern hätte geben können, über die Köpfe der Soldaten hinweg und schickte sich an, Corcoran mit großen Sätzen zu folgen.

»Schießt! So schießt doch!«, schrie die erschreckte Menge.

Aber der Offizier gab Befehl, die Waffen zu senken. Um den Tiger zu erlegen, hätte man möglicherweise fünfzig Personen töten oder verletzen können. Man gab sich also damit zufrieden, Corcoran und Louison bis zum Hafen zu folgen, wo sich beide auf das Dampfschiff begaben.

Am nächsten Tag erreichte Kapitän Corcoran Marseille und erwartete dort die Instruktionen der Akademie der Wissenschaften zu Lyon. Die Instruktionen, vom ständigen Sekretär selbst zu Papier gebracht, wären es wert gewesen, der Nachwelt erhalten zu bleiben. Ein unglückseliger Zwischenfall verpflichtete jedoch den Kapitän später, sie dem Feuer zu übergeben. Es mag vielleicht die Bemerkung genügen, dass sie dieser überaus gelehrten Akademie, die sie verfasst, und dem berühmten Reisenden, für den sie bestimmt, würdig waren.

Kommentar verfassen