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Das Steppenross – Kapitel 20

Das-SteppenrossEduard Wagner
Das Steppenross
Eine Erzählung aus dem Jahr 1865 zu den Zeiten des amerikanisch-mexikanischen Krieges, nach dem Englischen des Kapitän Mayne Reid

Kapitel 20
Die letzte Jagd

»Rote Krieger der Hietan!«, begann der alte Häuptling. »Meine Kinder und Brüder im Rat! Ich fordere euch auf, eure Entscheidung in dieser Sache zu verschieben! Ich berufe mich nicht darauf, dass ich euer Häuptling bin. Wakono ist mein Sohn, aber ich fordere deswegen keine Gunst für ihr. Nur Gerechtigkeit und Recht verlange ich, wie es dem Niedrigsten unseres Stammes gebührt! Mehr fordere ich nicht für meinen Sohn Wakono! Wakono ist ein tapferer Krieger – wer von euch weiß es nicht? Sein Schild ist mit vielen Siegeszeichen besetzt, die er den Bleichgesichtern abnahm. Seine Gamaschen sind mit Kopfhäuten unserer Feinde geziert, und ihre langen Locken hängen an seinen Fersen! Wer will leugnen, dass mein Sohn Wakono ein tapferer Krieger sei?«

Die Frage des Vaters wurde mit beistimmendem Murmeln beantwortet.

»Auch der spanische Wolf ist ein Krieger, ein tapferer Krieger, das leugne ich nicht. Er hat ein kühnes Herz und einen starken Arm. Den Feinden unseres Stammes nahm er viele Kopfhäute ab. Ich ehre ihn wegen seiner Taten. Wer unter uns tut das nicht?«

Auf diese Frage antwortete ein allgemeines Rufen der Beratenden und der Zuschauer.

Der Ton und der Eindruck dieser Antwort waren so bejahend, dass ich erkennen konnte, der Renegat stehe in hoher Gunst.

Dies bemerkte auch der alte Häuptling und schien ein wenig verdrießlich. Nach einer kurzen Pause fuhr er in ganz anderem Ton fort. Er zeigte die Schattenseiten des Renegaten und zwar in einem Ton, welcher Gereiztheit und Feindschaft ausdrückte.

»Ich ehre den spanischen Wolf, ich ehre ihn wegen seines kühnen Herzens und seines starken Armes; das habe ich schon gesagt. Aber hört mich, Hietan! Hört mich, Kinder und Brüder! Ein jeder Gegenstand hat zwei Seiten: Tag und Nacht, Winter und Sommer, eine grüne Steppe und eine wüste Ebene. Alle diese Dinge haben zwei Arten, und diesen gleicht auch die Zunge des spanischen Wolfes. Sie spricht auf zweierlei Art, die so verschieden voneinander sind, wie Licht und Finsternis. Die Zunge Hissoo Royos ist doppelt und gespalten, gleich der Zunge der Klapperschlange. Man darf ihr nicht glauben.«

Der Häuptling schwieg, und der spanische Wolf durfte antworten. Er machte keinen Versuch, sich gegen den letzten Vorwurf des Häuptlings zu rechtfertigen. Er hielt die Anschuldigung vielleicht für begründet, wusste aber auch, dass ihm dies keinen Tadel in der öffentlichen Meinung zuzog. Er musste ein großer Lügner sein, wenn er die lügenhaften Comanchen übertreffen, oder wenn er ihnen auch nur gleichkommen wollte.

Der Renegat leugnete diese Beschuldigung nicht und schien sich auf sein Recht zu verlassen, indem er antwortete: »Wenn die Zunge Hissoo Royos doppelt ist, dann mag die Versammlung seinen Worten misstrauen und die Zeugen berufen! Es gibt viele Zungen, die bereit sind, die Wahrheit von Hissoo Royos Worten zu bekräftigen!«

»Hört erst Wakono! Lasst Wakono sprechen, wo ist Wakono?«

Diese Forderung sprachen die Mitglieder der Versammlung fast zu gleicher Zeit.

Man vernahm wieder die Stimme des Ausrufers, welche Wakono aufforderte.

»Brüder!«, begann der alte Häuptling wieder, »ich wünsche eben deshalb, dass ihr eure Entscheidung verschiebt. Mein Sohn ist nicht anwesend, er ist auf die Fährte zurückgekehrt und noch nicht wieder zurück. Ich kenne nicht seine Absicht. Mein Herz ist in Ungewissheit, aber ohne Furcht. Wakono ist ein tapferer Krieger und kann sich schützen. Er wird nicht lange ausbleiben und bald zurückkehren. Deshalb verlange ich einen Aufschub.«

Diese Forderung wurde mit einem missbilligenden Gemurmel beantwortet. Die Freunde Hissoo Royos waren wahrscheinlich in größerer Anzahl vorhanden als die des jungen Häuptlings.

Der Renegat nahm wieder das Wort: »Dies würde eine Zeitverschwendung sein, ihr Krieger. Es sind zwei Sonnen untergegangen, und die Frage ist noch nicht entschieden. Ich fordere nur Gerechtigkeit. Nach unseren Gesetzen lässt sich das Urteil nicht aufschieben. Die Gefangenen müssen einem gehören. Ich fordere sie als mein Eigentum und bin geneigt, mein Recht durch Zeugen zu beweisen. Wenn Wakono Ansprüche zu machen hätte, so würde er anwesend sein und sie geltend machen. Er hatte keinen Beweis für sein Wort und schämte sich, ohne Beweis vor euch zu treten. Deshalb entfernte er sich vom Lager.«

Diese Worte blieben nicht ohne Eindruck, und ich bemerkte, dass auch der alte Häuptling nicht frei von Argwohn war.

»Wer sagt, dass Wakono im Lager sei?«, fragte er mit lauter Stimme.

Unter den zuschauenden Indianern trat einer hervor, und ich erkannte ihn als den Mann, dem ich begegnete, als er von der Pferdewache kam.

»Wakono ist im Lager«, sagte er, indem er außerhalb des Kreises stehen blieb. »Ich sah den jungen Häuptling und sprach mit ihm.«

»Wo?«

Der Mann zeigte zu dem Orte, wo wir zufällig zusammengetroffen waren.

»Er ging dorthin auf die Bäume zu, und ich habe ihn nicht wieder gesehen«, sagte er.

Durch diese Nachricht wurde das allgemeine Erstaunen vermehrt. Man begriff nicht, warum Wakono sich nicht zeigte, da er doch zugegen war. Hatte er seine Ansprüche aufgegeben, da er sie nicht geltend machte?

Der Vater des Vermissten war ebenso verwundert wie die übrigen. Er versuchte nicht, seines Sohnes Abwesenheit zu erklären, denn er kannte es nicht. Schweigend und in auffallender Bestürzung blieb er stehen.

Mehrere schlugen nun vor, den vermissten Krieger aufzusuchen. Sie trugen darauf an, es sollten Boten in das Lager und in das Gehölz geschickt werden.

Als ich diesen Antrag hörte, fühlte ich mein Blut erstarren und meine Knie zittern. Wurde das Gehölz durchsucht, so hatte ich keine Hoffnung, noch länger versteckt zu bleiben. Wakonos Anzug war auffallend; ich sah keinen Ähnlichen. Es trug niemand einen Mantel von Jaguarfell, Letzterer musste mich verraten. Die Nachahmung musste leicht entdeckt werden, wenn man mich ans Feuer führte, und selbst die Bemalung konnte mich nicht retten. Es wäre bald bekannt geworden, welche Behandlung dem wirklichen Wakono widerfahren war, und man hätte mich vielleicht gemartert, jedenfalls aber ermordet.

Durch einige Worte des Renegaten wurde ich von meiner Angst befreit, als sie ihren Gipfel erreicht hatte.

»Warum wollen wir Wakono suchen?«, fragte er. »Kennt Wakono nicht seinen Namen? Er ist gerufen, mit lauter Stimme gerufen worden. Wakono hat Ohren und kann gewiss hören, wenn er in Lager ist. Wenn ihr wollt, so ruft ihn noch einmal!«

Der Vorschlag erschien verständig und wurde befolgt. Man rief den jungen Häuptling noch einmal bei seinem Namen.

Die Stimme erscholl so laut, dass man sie am äußersten Ende des Lagers und noch viel weiter hätte hören können.

Alle lauschten aufmerksam und warteten im tiefsten Stillschweigen. Keine Antwort erfolgte, kein Wakono erschien auf die Aufforderung.

»Nun, ist es nicht, wie ich gesagt habe!«, rief der Renegat triumphierend. »Krieger, ich fordere eure Entscheidung.«

Es erfolgte eine lange Pause. Niemand, weder im Kreis noch unter den Zuschauern sprach ein Wort.

Endlich stand der Älteste der Versammelten auf, zündete die Friedenspfeife wieder an, nahm einen Zug daraus und überreichte sie dem Krieger, der zu seiner linken Hand saß. Hierauf machte sie die Runde, bis sie wieder zu dem alten Krieger, der sie angezündet hatte, zurückkehrte. Dieser legte die Pfeife weg und stellte in leisem Ton die Frage. Man stimmte der Reihe nach und ebenfalls leise ab. Das Urteil wurde laut verkündet.

Es war eine seltsame, fast unerwartete Entscheidung. Wie es schien, hatten sich die Richter durch ein Gefühl der Billigkeit zu einer freundschaftlichen Ausgleichung leiten lassen.

Das Pferd wurde Wakono zugesprochen, das Mädchen als Eigentum des Renegaten erklärt.

Durch die Entscheidung schienen alle zufriedengestellt. Der spanische Wolf zeigte durch ein düsteres Lächeln, dass selbst er zufrieden sei. Er hatte jedenfalls den Sieg im Streit errungen.

Selbst der grauköpfige Häuptling schien zufrieden. Er zog ohne Zweifel das Pferd dem Mädchen vor.

Der Renegat zeigte durch sein Benehmen, dass er erfreut war. Er näherte sich mit freudig strahlender Miene dem Ort, wo die Gefangene saß. Die Beratung war zu Ende, und die Indianer, welche bisher gesessen hatten, standen nach der Verkündung des Urteils auf. Einige gingen an ihre Geschäfte, andere blieben beim großen Feuer sitzen oder mischten sich lachend, streitend und mit lebhaften, fröhlichen Gebärden unter ihre Gefährten.

Es schien, als hätte man die feierliche Beratung und die Gegenstände der Verhandlung vergessen, als dächte man weder an den Kläger noch an den Verklagten, noch an die Veranlassung des Prozesses. Das Pferd war einem Freund Wakonos und das Mädchen dem Renegaten überliefert worden. Hiermit schien die Sache zu Ende.

Keiner bekümmerte sich mehr um den Renegaten und die Gefangene mit dem bleichen Gesicht, nachdem die Beratung zu Ende war.

Meine Gedanken und Blicke beschäftigten sich nur mit ihnen, und ich dachte an nichts anderes.

Der alte Häuptling war in sein Zelt zurückgegangen, und Isolina befand sich allein.

Leider währte dies nur einen Augenblick, sonst wäre ich vorgesprungen. Im nächsten Augenblick stand Hissoo Royo neben ihr. Er redete sie auf Spanisch an, um von den Übrigen nicht verstanden zu werden. Aber ich lauschte auf jedes Wort, und es entging mir keine Silbe.

»Nun, hast du es gehört, Isolina de Vargas?«, fragte er in frohlockendem Ton. »Du verstehst die Sprache, in welcher das Gericht gesprochen hat. Du sollst mein Weib werden, hast du es gehört?«

»Ich habe es gehört«, antwortete sie in gelassenem Ton.

»Und du bist gewiss zufrieden? Wenigstens solltest du es sein. Ich bin weiß wie du und habe dich davor geschützt, das Weib eines roten Indianers zu werden. Nicht wahr, du bist mit dem Urteil zufrieden?«

»Ich bin zufrieden.«

Sie sprach dies in solchem Ton der Ergebung, dass ich überrascht wurde.

»Das ist eine Lüge«, antwortete der rohe Renegat. »Du betrügst mich, Señorita. Noch gestern sprachst du verachtende Worte, und du verachtest mich auch jetzt noch.«

»Ich habe keine Macht, dich zu verachten, denn ich bin deine Gefangene.«

»Da sprichst du die Wahrheit. Du hast weder die Macht, mich zu verachten, noch mich zurückzuweisen. Es kümmert mich auch nicht, ob du es tust. Vielleicht wirst du mir mit der Zeit freundlicher gesinnt. Ich werde dich nach meiner eigenen Art behandeln.«

Ich hielt den Griff meines Dolches umfasst und stand wie ein Tiger zum Sprung bereit, aber die Umstände waren mir noch immer ungünstig. Am Feuer befanden sich noch mehr als vierzig Indianer. Selbst wenn ich den Schurken überwältigt und die Füße Isolinas befreit hätte, durfte ich nicht hoffen, fliehen zu können.

Ich hätte es aber dennoch gewagt, wenn ich nicht durch die folgenden Worte zurückgehalten worden wäre.

Der Renegat gab seine Absicht zu erkennen, Isolina zu einem entfernten Platz des Lagers zu führen. Dies versprach mir eine bessere Gelegenheit. Ich bezwang mich daher und beschloss zu warten. Ich lauschte auf Isolinas Antwort und beobachtete sorgfältig die Bewegungen beider. Sie zeigte auf ihre Füße und auf die Riemen, welche ihre Knöchel gefesselt hielten.

»Wie kann ich dir folgen?«, fragte sie im Ton des Erstaunens. Dieser Ton klang so verstellt, dass ich daraus schloss, sie hätte einen besonderen Plan.

»Du hast recht«, sagte er, indem er das Messer aus dem Gürtel zog, »ich hatte nicht daran gedacht.«

Er vollendete den Satz nicht, sondern zögerte eine Zeit lang, indem er seinem Opfer in die Augen blickte. Darauf schien er seine Absicht geändert zu haben, denn er steckte das Messer wieder in die Scheide.

»Bei der Heiligen Jungfrau, ich traue dir nicht«, rief er. »Du bist zu leichtfüßig, junge Dame, und könntest versuchen, mir zu entwischen. Es ist so besser. Komm! Erhebe dich! Vorwärts!«

Nach diesen Worten beugte er sich über die Gefangene und umfasste sie mit den Armen. Dann hob er sie empor.

Meine Nerven waren durch die letzte Anstrengung gestählt worden. Ich blieb kaltblütig an meinem Platz stehen, aber nur eine kurze Zeit.

Der Renegat hob die Gefangene auf, die ihm keinen Widerstand leistete. Er trug sie kaum und ließ die zusammengebundenen Füße im Gras nachschleppen. Er ging an dem Zelt vorüber und näherte sich in schräger Richtung dem Gehölz, ohne dass die Wilden, an welchen er vorüberkam, ihm Beachtung schenkten.

Ich hielt mich noch immer unter dem Baum und schlich am Rand hin. Mit leisen und schnellen Schritten näherte ich mich dem Ort, zu welchem sich der Räuber hinwandte.

Ich kam vor ihm an, bückte mich im Schatten der Bäume und hielt mein Messer fest gefasst.

Der Renegat war durch seine Last aufgehalten worden. Er hatte unterwegs haltgemacht und stand sehr wenige Schritte vom Rand des Gehölzes entfernt, sein Opfer in dem Arm haltend.

Ich zögerte einen Augenblick, ob ich hervorbrechen und den Streich ausführen sollte. Es schien die günstigste Gelegenheit dazu.

Eben hatte ich den Entschluss gefasst, als Hissoo Royo seine Last wieder aufnahm und gerade auf den Ort zuschritt, wo ich stand.

Die Entscheidung war also näher, als ich glaubte. Der Mann hatte sich mir um drei Schritte genähert, als ich sah, wie er taumelte, stürzte und die Gefangene mit sich zur Erde riss. Ich würde geglaubt haben, er sei gestrauchelt und zufällig gefallen, aber er stieß zu gleicher Zeit ein furchtbares Geschrei aus.

Auf der Erde entstand ein kurzer Kampf, ich sah Isolina plötzlich emporspringen. Sie hielt eine Klinge in der Hand, die im Mondlicht und im Schein des Feuers blitzte. Einen Augenblick bückte sie sich nieder und trennte schnell die Riemen an den Füßen. Im folgenden Augenblick flog sie mit der größten Eile über die Rasenfläche des Lagers.

Ohne mich zu besinnen, sprang ich aus dem Dickicht hervor und rannte ihr nach. Als ich an dem Renegaten vorüberging, hatte sich derselbe wieder aufgerichtet und schien nur leicht verletzt zu sein. Er war vorzugsweise durch den Schreck an den Ort gebannt. Er stieß Rachedrohungen aus, rief um Hilfe, schrie und fluchte.

Ich wollte ihn nicht töten und hatte auch keine Zeit zu verlieren. Ich war darauf bedacht, die Flüchtende einzuholen und ihr beizustehen.

Das ganze Lager war in Aufregung. Fünfzig Wilde brachen sofort zur Verfolgung auf.

Während der Flucht fielen meine Blicke auf ein Pferd, den Schimmelhengst. Ein Mann führte ihn am Lasso und brachte ihn vom Feuer zu dem Ort, wo sich die Steppenrosse befanden, um ihn im Gras anzubinden.

Das Pferd und der Mann befanden sich gerade vor der Fliehenden. Ich sah, dass Isolina auf dasselbe zueilte, und erriet ihre Absicht.

In wenigen Sekunden hatte sie das Pferd erreicht und den Zügel ergriffen. Der Indianer setzte sich zur Wehr und wollte ihr dasselbe entreißen, aber er wich zurück, als er die blutige Klinge vor seinen Augen blitzen sah.

Das Lasso, das er noch festhielt, wurde augenblicklich durchschnitten. Das heldenmütige Mädchen sprang schnell auf den Rücken des Pferdes und galoppierte davon.

Der Indianer gehörte zu den Pferdewächtern und trug Waffen. Er führte Bogen und Pfeile. Noch ehe das Pferd aus der Schussweite war, hatte er den Bogen gespannt und einen Pfeil abgeschossen. Ich hörte den Pfeil brausen, und es schien mir, als hätte er getroffen, aber das Pferd eilte weiter.

Während ich durch das Lager lief, hatte ich einen der langen Speere herausgerissen. Noch ehe der Indianer einen zweiten Pfeil auf die Sehne legen konnte, warf ich ihn nieder.

Ich lief weiter, indem ich den Schimmel im Auge behielt.

Bald befand ich mich mitten unter den Steppenpferden. Viele von ihnen hatten sich bereits losgerissen und liefen hin und her. Die erschrockenen Wächter wussten nicht, wodurch dieser Lärm veranlasst worden war. Der Schimmel kam mit seiner Reiterin ohne Hindernis durch ihre Reihen.

Ich folgte ihm zu Fuß. Ich hörte das Geschrei der fünfzig Wilden, die hinter mir herkamen. Ich hörte sie »Wakono!« rufen, war aber bald allen voraus. Auch die Pferdewächter riefen »Wakono!«, als ich an ihnen vorüberkam. Als ich vorbei war, sah ich den Schimmel wieder, der bereits einen Vorsprung erreicht hatte. In meiner Freude nahm er die rechte Richtung zum Hügel, wo meine Leute ihn sehen und auffangen mussten.

Ich lief mit der größten Schnelligkeit am Bach entlang, erreichte den Hohlweg und sprang ohne Zeit zu verlieren hinab, um mein Pferd zu holen.

Aber zu meinem Erstaunen war es verschwunden. Statt meines edlen Rosses stand der gefleckte Mustang des Indianers an der Stelle. Ich schaute den ganzen Bach entlang, aber am ganzen Ufer war Moro nicht zu erblicken.

Ich war erstaunt und wütend. Ich konnte mir das Geheimnis nicht erklären. Rube musste hier im Spiel sein, aber welchen Grund hatte er zu dieser Handlung? Ich konnte es mir in meiner aufgeregten Stimmung nicht erklären.

Doch blieb mir keine Zeit zum Überlegen. Ich zog augenblicklich das Tier aus dem Wasser, schwang mich auf seinen Rücken und verließ den Hohlweg.

Kaum hatte ich die Ebene erreicht, als eine große Zahl Reiter aus dem Lager kam. Es waren die Wilden, die sich auf die Verfolgung begeben hatten. Der eine war den Übrigen weit voraus und dicht an meiner Seite, ehe ich mit meinem Pferd entfliehen konnte.

Es war der Renegat Hissoo Royo. Ich erkannte ihn im Mondschein.

»Sklave«, rief er in der Sprache der Comanchen und in furchtbarem Ton, »hast du diesen Plan entworfen, Feigling? Du musst sterben, Wakono. Die weiße Gefangene gehört mir, und du …«

Er vollendete den Satz nicht. Ich führte noch immer den Speer der Comanchen. Es kam mir nun zugute, dass ich ein halbes Jahr bei einem Lancierregiment gedient hatte.

Das Steppenross hielt sich ausgezeichnet und führte mich gerade auf meinen Feind.

Im nächsten Augenblick war der Renegat von seinem Ross und lag, von meinem Speer getroffen, im Gras. Das Pferd galoppierte ohne Reiter über die Ebene.

In diesem Augenblick bemerkte ich, dass sich die Wilden bedeutend genähert hatten. Es waren mehr als zwanzig, und ich musste bald umringt sein.

Da fiel mir ein glücklicher Gedanke ein. Ich hatte bemerkt, dass man mich immer noch für Wakono hielt. Die Pferdewächter riefen Wakono, ebenso die Indianer im Lager, als sie vorübereilten. Die heranreitenden Verfolger riefen Wakono, und der Renegat war gefallen, indem er dieses Wort aussprach. Alles verkündigte mich als Wakono, sowohl das scheckige Pferd als auch der Kopfputz und der Mantel von Jaguarfell.

Ich trieb mein Pferd an und hielt dicht vor den Verfolgern. Indem ich den Arm drohend gegen sie erhob, rief ich mit lauter Stimme: »Ich bin Wakono! Tod dem, der mir folgt!« Ich rief dies in der Sprache der Comanchen, und obgleich ich nicht von der Richtigkeit meiner Worte überzeugt war, hatte ich doch die Befriedigung, zu sehen, dass man mich verstand. Meine verständlichen Gebärden trugen vielleicht dazu bei, die Indianer abzuschrecken.

Meine Verfolger machten keinen Schritt weiter, sondern hielten alle ohne Ausnahme ihre Pferde an.

Ich versäumte weiter keine Zeit mit Unterhandlungen, sondern wandte schnell mein Steppenross und galoppierte so schnell wie möglich davon.

Als ich meinen Weg zum Hügel hin nahm, erblickte ich noch immer den Schimmel. Er war nicht zu weit entfernt von mir, ich hätte aber seinen weißen Körper noch aus größerer Ferne bei hellem Mondschein leuchten sehen können.

Ich hatte geglaubt, er wäre viel weiter gekommen, aber mein Gefecht und meine Anrede an die Verfolger hatten doch nur so kurze Zeit gedauert, dass das Tier meinen Blicken noch nicht entschwinden konnte. Es befand sich noch immer zwischen mir und dem Fuß des Hügels. Wie es schien, jagte es am Ufer des Baches entlang. Ich trieb das Indianerpferd, da mir Sporen und Peitsche fehlten, mit der Spitze meines Messers zur größten Eile an.

Ich behielt den Schimmel immer im Blick. Er eilte auf das Gebüsch zu, welches sich am Fuß des Hügels befand, näherte sich dann der Stelle, wo ich ins Wasser gegangen war und musste bald meinen Augen entschwinden.

Plötzlich sah ich zu meinem Erstaunen, dass er hinter den Büschen nach links abbog und den Weg über die Ebene folgte. Ich hatte geglaubt, dass die Reiterin den Schutz des Gehölzes aufsuchen würde.

Es war aber keine Zeit zu verlieren, um lange über dieses Verfahren nachzusinnen, sondern ich lenkte mein Steppenpferd in schräger Richtung und galoppierte weiter.

Auf diese Weise erlangte ich einen Vorteil, aber dennoch war ich mit dem Indianerpferd unzufrieden, denn seine Schnelligkeit ließ sich mit der meines wackeren Moro nicht vergleichen. Warum konnte ich nicht auf meinem eigenen Pferd sitzen? Wo befand sich Moro und warum war er mir genommen worden?

Der Schimmel eilte am Hügel vorüber und folgte den Weg auf der Ebene weiter. Ich kam ihm nicht näher, sondern die Entfernung zwischen mir und ihm vergrößerte sich im Gegenteil mit jedem Augenblick.

Plötzlich erblickte ich einen Reiter, der am Fuß des Hügels dahinjagte, als wollte er mir den Weg abschneiden. Er ritt in rasender Eile durch das Gebüsch, welches den Fuß des Hügels umgab. Ich hörte, wie die Zweige gegen die Flanken seines Tieres schlugen. Er ritt, wie es schien, mit der größten Eile und suchte zu gleicher Zeit sich vor den Personen, welche auf der Ebene waren, zu verbergen.

Ich erkannte mein Pferd und auf dem Rücken desselben die hagere Gestalt des alten Trappers.

Im nächsten Augenblick trafen wir am Ausgang des Gebüsches zusammen. Ohne ein Wort zu sprechen, sprangen wir beide gleichzeitig vom Pferd, tauschten die Tiere aus und saßen wieder auf. Ich war froh, dass ich endlich wieder meinen Moro unter mir hatte.

»Nun, junger Bursche!«, rief der Trapper, als ich ihn verließ, »galoppieren Sie wie besessen und holen Sie sie ein! Wir werden Ihnen bald folgen! Vorwärts!«

Ich bedurfte dieses Antriebes nicht. Er war kaum mit dem Sprechen fertig, als ich schon mein Pferd antrieb und blitzschnell fortflog.

Ich begriff jetzt erst, dass der Tausch der Pferde eine Kriegslist des schlauen Trappers war.

Hätte ich mein eigenes Pferd in der Nähe des Lagers bestiegen, so würden die Indianer wahrscheinlich Argwohn geschöpft und die Verfolgung fortgesetzt haben. Der scheckige Mustang hatte mir geholfen, meine Rolle mit Glück auszuspielen.

Nun hatte ich ein zuverlässiges Pferd unter mir und konnte die Verfolgung mit erneuerter Kraft fortsetzen. Zum dritten Mal sollten der Rappe und der Schimmel an Schnelligkeit wetteifern, zum dritten Mal sollte ein Kampf zwischen diesen edlen Tieren stattfinden.

Während ich über die Ebene dahineilte, überlegte ich, ob dieser Wettkampf schwer und anhaltend sein, und ob Moro darin unterliegen würde.

Ich ritt ruhig weiter und wagte vor Besorgnis kaum Atem zu holen. Das Steppenross hatte einen weiten Vorsprung, und ich war durch meinen Aufenthalt beinahe eine englische Meile weit zurückgeblieben. Die Ebene war frei. Der Mond schien hell, sodass ich das Ross nicht aus den Augen verlor. Seine schneeweiße Gestalt leitete mich aus der Ferne.

Plötzlich bemerkte ich, dass ich dem Schimmel immer näher kam. Er brauchte nicht seine ganze Schnelligkeit, sondern lief ohne Zweifel langsamer als gewöhnlich.

Wenn die Reiterin hätte ahnen können, wer ihr folgte, oder wenn sie mich nur hätte hören können! Die Entfernung war immer noch zu groß, sie konnte meinen Ruf nicht hören, viel weniger meine Stimme erkennen.

Ich galoppierte also schweigend weiter und näherte mich immer schneller. Ich konnte mich nicht täuschen, ich näherte mich, und der Schimmel lief mit Mühe langsam und schwerfällig. Was hatte dies zu bedeuten? War das Tier von der Anstrengung ermüdet?

Ich näherte mich bis auf dreihundert Schritte. Als ich glaubte, dass mein Ruf gehört werden konnte, rief ich laut den Namen meiner Verlobten. Ich rief meinen eigenen Namen, aber es ließ sich keine Antwort vernehmen, kein ermutigendes Zeichen des Erkennens sehen.

Die Strecke, welche jetzt zwischen uns lag, war günstig zu einem Wettrennen, und ich wollte eben mein Pferd zur größten Schnelligkeit antreiben, als ich zu meinem Erstaunen sah, dass der Schimmel taumelte und stürzte.

Ich ritt mit derselben Schnelligkeit weiter, und in wenigen Minuten hatte ich das auf der Erde liegende Pferd und seine Reiterin erreicht. Ich schwang mich aus dem Sattel und ging auf sie zu. Isolina hatte sich freigemacht und stand aufrecht, mit der rechten Hand das blutige Messer umfassend.

»Indianer, komm nicht heran!«, rief sie in der Sprache der Comanchen und mit einer entschlossenen Gebärde.

»Isolina! Ich bin es!«

»Henry!«, rief sie, und in nächsten Augenblick standen wir Arm in Arm stumm auf der Ebene. Neben uns stand Moro mit dem stolz gewölbten Hals und biss auf den Stahl, den er zwischen den schäumenden Lippen hielt. Zu unseren Füßen lag das Ross der Steppe. Aus seiner Seite ragte ein gefiederter Schaft hervor, der Stachel steckte im Herzen. Das Blut strömte aus den weit geöffneten Nüstern, aber die Augen waren starr und die schönen Glieder vom Tod gestreckt.

Dunkle Reitergestalten näherten sich, aber wir flohen nicht vor ihnen, denn ich erkannte meine Gefährten. Als wir auf die Ebene zurückblickten, sahen wir keine Verfolger, aber trotzdem hielten wir uns nicht lange auf, denn wir konnten die Indianer bald vermuten. Vielleicht wollten Hissoo Royos Freunde die Spur des Wakono verfolgen. Als wir anhielten, dämmerte der Tag. Wir ruhten erst, als wir die Prärie hinter uns angezündet hatten.

Ein schönes Akazienwäldchen gewährte uns ein Obdach und weicher Rasen als Lager.

Meine ermüdeten Gefährten schliefen bald ein.

Ich fand keinen Schlaf, sondern bewachte den Schlummer meiner Verlobten. Ihre Wangen ruhten auf dem Mantel von Jaguarfell, das dichte Haar war herabgefallen. Meine Augen forschten, und ich sah, dass der Matador sie verschont hatte. Vielleicht war er durch Bestechung vermocht worden, seinen grausamen Zweck aufzugeben. Die zarten Ohren waren unverletzt. Nur eine unbedeutende Schramme, wo der Ohrring mit roher Hand herausgerissen worden war, hatte den Blutstrom veranlasst, den Cyprio gesehen hatte.

Es war die letzte Nacht, welche wir auf der Steppe verlebten. Vor dem nächsten Abend hatten wir den Rio Grande überschritten und erreichten das Lager unserer Armee, wo meine Verlobte unter sicherem Schutz weilen konnte.

Ijurra fand seinen Tod durch die Hand Holingsworths. Ich erfuhr dies, als ich zum Lager zurückkehrte. Die Handlung war eine Tat der Rache, die ich nicht billigen kann und deswegen auch dem Leser nicht in allen Einzelheiten erzählen werde.

Holingsworth hatte seinen Kameraden Weathley bereitgefunden, ihn bei seiner Rache zu unterstützen. Beide hatten mit einer ausgewählten Truppe die Guerilla verfolgt und sich unter Pedros Leitung weit hinaus in das feindliche Gebiet gewagt. Nachdem sie der Guerilla auf Schritt und Tritt bei Tag und Nacht gefolgt waren, hatten sie endlich ihr Lager aufgespürt.

Es fand ein verzweifelter Kampf statt, Mann gegen Mann, bis endlich die Jäger den Sieg errangen. Die meisten der Guerillas wurden getötet, die ganze Bande vernichtet, und Ijurra fiel von Holingsworths Hand. El Zorro erhielt die gerechte Strafe für seine Grausamkeiten von der Hand des texanischen Lieutenants.

Die Expedition der beiden Lieutenants hatte noch zur Folge, dass man im Schlupfwinkel der Guerilleros viele gefangene Amerikaner und Mexikaner und darunter auch Don Ramon de Vargas fand. Der alte Herr wurde natürlicherweise erlöst und kam gerade zur rechten Zeit im amerikanischen Quartier an, um seine schöne Tochter und auch seinen zukünftigen Schwiegersohn kurz vor der Hochzeit zu begrüßen.


Die vollständige Story steht als PDF, EPUB und MOBI zur Verfügung.

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3 Kommentare zu Das Steppenross – Kapitel 20

  • Paule sagt:

    Das letzte Kapitel ist raus und das ebook – ZACK – auch.
    Habe ich das ebook von Friedrich Gerstäckers: Fritz Wildaus Abenteuer zu Wasser und zu Lande verpasst?
    Das letzte Kapitel veröffentlichste du vor über einem halben Jahr.

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