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Der Totenwirt und seine Galgengäste 3

Der-Totenwirt-und-seine-GalgengästeDer Totenwirt und seine Galgengäste
Eine abenteuerliche und höchst wundersame Ritter-, Räuber-, Mörder- und Geistergeschichte aus der grauen Vorzeit, um 1860

Rechtfertigung

In diesem Augenblick trat ein Diener in das Gemach mit der Meldung, dass die Obmänner von sechs gräflichen Dorfschaften dringend um Gehör bitten lassen.

»Was wollen sie?«, fragte der Graf unwillig.

»Ich erkundigte mich schon danach, Herr Graf. Aber die Männer sagten, sie könnten nur Euch anvertrauen, was sie auf dem Herzen haben. Der Herr Junker werde es selbst wissen und gewiss nicht leugnen, obgleich er ihnen verboten habe, es zu sagen.«

Der Graf und die beiden Damen gewahrten eine auffallende Verlegenheit in Hildeberts Miene, und im Gemüt des Grafen tauchte wiederholt ein böser Verdacht auf.

»Lass sie herein!«, befahl er dem Diener, der die Tür öffnete, die sechs Männer eintreten ließ und sich dann entfernte.

Die sechs Angekommenen verbeugten sich tief vor der gräflichen Familie, schienen aber bei dem Anblick des Junkers und seiner ernsten und missbilligenden Miene von großer Bestürzung ergriffen, was dem Grafen nicht entging.

»Was wollt Ihr?«, fragte er.

Anstatt zu antworten, zischelten sie einander in die Ohren und richteten ihre scheuen Blicke auf den Junker.

»Nun, so sprecht, wenn Ihr nicht stumm seid!«

»Gnädigster Herr Graf«, erwiderte der Älteste unter den Männern, »meine Freunde da haben mich ersucht, im Namen von uns allen zu sprechen. Es wäre uns aber lieber, wenn …« Er warf wieder einen Blick der Verlegenheit auf Hildebert.

»Wenn ich nicht anwesend wäre, ich merk’s schon«, unterbrach ihn der Junker, und fügte hinzu: »Erlaubt, Herr Graf, dass ich mich entferne.«

»Nein, bleib und höre, warum diese Männer sich scheuen, in deiner Gegenwart zu sprechen!«, gebot der Graf.

Hildebert verbeugte sich zum Zeichen seines Gehorsams und trat an ein Fenster, mit dem Rücken gegen die Obmänner, um sie nicht durch seinen Anblick einzuschüchtern.

»Gnädigster Herr Graf«, begann der Wortführer, »es ist wahr, dass wir dem Herrn Junker versprochen haben, zu schweigen. Allein unser Gewissen duldet dies nicht länger, und der hochwürdige Herr Pfarrer, den wir um guten Rat gebeten haben, ist auch unserer Meinung, und hat uns aufgetragen, Euch alles zu gestehen. Der Herr Junker werde uns deshalb doch nicht den Kopf abreißen können.«

»So ist’s! Sprecht also, wie es Euch ums Herz ist!«

»Seit langer, langer Zeit ist der Herr Junker allmonatlich durch die sechs Dörfer geritten, die Euch gehören, gnädigster Herr Graf, und hat jedem von uns Geld gegeben zur Verteilung unter die altersschwachen Armen …«

Die beiden Damen atmeten leichter, und Tränen der Rührung perlten in ihren Augen.

»… mit dem Bemerken«, fuhr jener fort, »dass dieses Geld von unserem gnädigsten Herrn Grafen komme, der aber nicht wolle, dass wir zu ihm kommen, um zu danken, eingedenk des Spruches Die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte Hand tue. Also, mit Rat und Willen unseres Herrn Pfarrers sind wir jetzt gekommen, um Euch, gnädigster Herr Graf, im Namen der gebrechlichen Armen für die großmütigen Unterstützungen innigst zu danken, und dem Herrn Junker für die dabei gehabte Mühe und Herzensfreudigkeit.«

Der Stachel der Reue wegen des grundlosen schlimmen Verdachtes hatte sich tief in das Herz des Grafen gebohrt. Er war so erschüttert, dass er sich erst fassen musste, um antworten zu können.

Dann aber erwiderte er: »Die Unterstützungen, welche Euch der Junker brachte, bestanden aus seinem eigenen Geld, das er Euch in meinem Namen spendete, weil ich ihm Gelegenheit gegeben hatte, es zu erwerben. Er gab dadurch einen Beweis seiner Bescheidenheit und seines Zartgefühls. Aus diesem Grund nahm er Euch das Versprechen ab, darüber zu schweigen und Euch bei mir nicht zu bedanken. Eben so viel, wie Ihr von dem Junker erhalten habt, hab’ ich für Eure schwachen Armen aufgespart, um es Euch bei einer festlichen Gelegenheit zu übersenden. Da ihr nun zufällig heute gekommen seid, an dem Tag, wo in meiner Burg das freudige Ereignis der Verlobung meiner geliebten einzigen Tochter mit … mit dem edlen Junker Hildebert von Auffenbach gefeiert wird, so empfangt hiermit mein Erspartes und verteilt es eben so wie die früheren Spenden des Junkers. Hier liegt es auf dem Tisch, schüttet es in die Seitentaschen Eures Wamses!«

Dies geschah in freudiger Überraschung.

Der Wortführer sank zu den Füßen des Grafen, Worte des Dankes stammelnd.

»Steht auf«, fuhr der Graf fort, »und dankt weder mir noch dem Junker, sondern Gott allein, von dem alles Gute kommt! Kehrt nun heim, ihr Männer, und grüßt mir alle Bewohner meiner Dörfer, Wohlhabende und Arme, Gesunde und Kranke, und sagt ihnen, dass ich für sie immer wie ein guter Vater sorgen werde. Gott mit Euch!«

Die Männer entfernten sich mit heißen Dankestränen in den Furchen der gebräunter Wangen.

Kaum schloss sich die Tür hinter ihnen, als der Junker und Hedwig zu den Füßen des Grafen und der Gräfin stürzten, im Übermaß ihres Glückes unfähig, auch nur ein Wort hervorzubringen.

 

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