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Das Geheimnis des Medizinbeutels – Teil 5

Das Geheimnis des Medizinbeutels – Teil 5
Eine Erzählung von Fr. Daum
Um 1925 erschienen im Verlag von A. Anton & Co. in Leipzig

Ein gellender Schrei des Assiniboine unterbrach die Rede des Trappers. Der Mandan war im Begriff, seinen Mustang zu besteigen, nachdem er die Leine am Sattelknopf befestigt hatte, deren Schlinge der Gefangene an seinem Hals fühlte. Ben winkte dem Mandan zu, er möge noch warten, und wendete sich wieder dem in Todesängsten schwebenden Assiniboine zu.

»Du hast gesehen, dass dein Leben und deine Seele nur an einem dünnen Faden hängen. Wirst du nun reden?«, fragte der Alte, worauf der Indianer mit hörbarem Zähneknirschen zur Antwort gab: »Tatogana hasst euch alle, aber er ist jetzt in eure Gewalt gegeben und muss gehorchen. Die Assiniboine haben einen weißen Jäger gefangen, der eine große Medizin besitzt, die alle kranken Gewehre heilt.«

Bei diesem Geständnis flammte wilde, unbezähmbare Rachsucht in den dunklen Augen des Wilden auf.

Gelassen erwiderte Ben: »Du sagst die Wahrheit, ich weiß es. Der weiße Gefangene besitzt nicht nur eine starke Medizin, er verfügt auch über einen großen Zauber, der den Assiniboine sehr gefährlich werden kann. Obwohl ihr ihn bewacht, vermag er doch mit uns in Verbindung zu treten. Sieh hier, erkennst du ihn auf diesem sprechenden Papier wieder?«

Der Alte hielt dem Gefangenen die Zeichnung vor die Augen. Lange stierte der Indianer in fassungslosem Staunen auf das gut gezeichnete Porträt des Büchsenmachers.

»Uff – er ist es!«, stieß er endlich hervor und senkte den Blick. Er glaubte an eine geheimnisvolle Macht des treffend ähnlichen Bildes und gab sich verloren.

Mit Befriedigung bemerkte der Prärieläufer die Wirkung des Bildes und fuhr fort: »Du hast dich nun selbst davon überzeugt, dass wir über starke Medizin verfügen. Durch den Mann auf diesem Blatt erfahren wir alles. Er teilte uns mit, dass ihr ihn als Gefangenen und schlecht behandelt. Besonders euer Häuptling Roter Fuchs quält ihn sehr. Dafür wird ihn die gerechte Strafe treffen. Am Tage muss der weiße Mann hart arbeiten und des Nachts wird er sogar in ein Felsenloch gesperrt. Dafür wird der ganze Stamm der Assiniboine büßen, denn die Stunde der Rache für diese Grausamkeit ist gekommen.«

Die drohenden Worte des Alten entlockten dem Munde des Gefangenen ein qualvolles »Uff«.

Der Trapper fuhr fort: »Warum quält ihr den Mann auch so unnütz und werft ihn in ein schmutziges Loch. Die Felsspalte, worin er die Nächte zubringt, liegt in der Nähe des Flusses, nicht wahr?«

Die Worte auf dem Zettel des Gefangenen Nacht für Nacht wirft man mich in eine feuchte Felsspalte ließen Riffle Ben vermuten, dass der Ort in der Nähe des Flusses liegen müsse. Der Assiniboine war nunmehr überzeugt, dass die Männer alles genau wussten, und ging ahnungslos in die Falle.

Er erwiderte: »Der Berg, an dem die Assiniboine lagern, ist durch die Gewalt des Donners gespalten. Dicht am Fluss gibt es einen tiefen Felsenriss. In diesen wird der Gefangene jeden Abend, oder auch wenn Fremde das Lager besuchen, hinabgelassen. Die Wände sind glatt und steil, er kann nicht daran emporklettern, und meine Brüder brauchen ihn nicht besonders zu bewachen, da jetzt immer viele Krieger auf die Jagd reiten, denn es ist die Zeit des Büffels.«

»Die Assiniboine sind feige und grausame Hunde! Sie verdienen dasselbe Schicksal, das sie dem weißen Mann bereitet haben. By Jove! Finden wir auf unserem Weg ein ähnliches Felsenloch, so sollst du den Aufenthalt darin kennenlernen, ohne die Hoffnung, je daraus erlöst zu werden«, rief der Prärieläufer erzürnt aus. Er hatte genug gehört und wusste, welchen Weg sie einzuschlagen hatten, um Karls Vater zu befreien. Mit hasserfülltem Blick sah der Gefesselte den Männern nach, die sich nun wieder am Feuer niederließen.

In eifriger Unterhaltung wurde der Fall besprochen, bis Rifle Ben sagte: »Wir wissen ja nun, wohin wir uns zu wenden haben. Vorläufig müssen wir die Ankunft der Piegan abwarten. Erst wenn wir am Berg des Donners angelangt sind und die näheren

Umstände beim Lager der Assiniboine erkundet haben, können wir über die Ausführung eines bestimmten Planes zur Befreiung des Büchsenmachers sprechen. Ich rate euch allen, legt euch aufs Ohr und schlaft, denn später dürfte sich wenig Gelegenheit mehr dazu finden.«

Der Rat des erfahrenen Jägers wurde befolgt, und bald schlief die ganze Gesellschaft mit Ausnahme Bill Scotts, des ältesten Squattersohnes, der auf der Hügelkuppe wachte, und des Gefangenen, der, in finsteres Brüten versunken, am Wagen lag. Um die Mittagszeit weckte Bill die Schläfer und meldete die Annäherung einer Gruppe Berittener, die mehrere Wagen begleiteten. Mister Scott beschloss sofort, die günstige Gelegenheit zu benutzen; denn allein durfte er die Reise durch die einsame Prärie nicht wagen. Die Pferde wurden angeschirrt und vor den Wagen gespannt. Von den erbeuteten Mustangs erhielt der Squatter drei junge, starke Tiere, worüber er sehr erfreut war. Nach einem kurzen, aber äußerst herzlichen Abschied schied die Squatterfamilie von den Zurückbleibenden, um sich den draußen in der Prärie vorüberziehenden Reisenden anzuschließen. Sinnend sah Doktor Allan den kernigen Menschen nach, die hinauszogen, um unter Mühsal und Gefahren aller Art der Wildnis ein Stück Kulturland abzuringen. Pioniere der Zivilisation!

Gegen Abend meldete der oben auf dem Hügel postierte Kanadier Pierre das Nahen einer kleinen Reiterschar, die, von Nordwesten kommend, geradewegs auf das Lager am Hügel zuhielt. Alle atmeten erfreut auf, weil nun die Zeit des tatenlosen Harrens vorüber war. Schon von Weitem erkannten sie in dem Scheckenreiter den Piegan Grauer Wolf. An der Spitze der zwanzig Leute ritt Büffelstirn, ein stattlicher Krieger. Sein hirschledernes Jagdhemd war am unteren Rand ausgezackt, zierlich bestickt und mit allerlei Tierfiguren bemalt. Drei aufrecht stehende Adlerfedern, von kleineren Eulenfedern umgeben, das Zeichen seiner Häuptlingswürde, steckten in seinem Haarschopf. Auch die anderen Piegan waren gut gekleidet. Die Schwarzfuß-Indianer waren bekannt wegen der Herstellung besonders prächtiger Büffelroben und Jagdhemden.

Würdevoll begrüßte Rifle Ben den Häuptling, der sich neben ihm niederließ. Zuerst wurde in zeremonieller Weise die Friedenspfeife geraucht, dann erst besprachen sich die beiden Führer über den bevorstehenden Streifzug. Sie wechselten nur wenige Worte darüber.

Der ungeduldige Doktor Allan, der nichts von der indianisch geführten Unterhaltung verstand, rief. »Nun, lieber Alter, wie sieht es aus? Wollen wir nicht sogleich aufbrechen, um geradewegs zu diesem verwünschten Donnerberg zu reiten?«

»O nein, Mister, so eilig ist das nicht. Erst müssen unsere Gäste, die einen langen Ritt hinter sich haben, rasten und essen. Seht, dort braten sie schon eine saftige Büffellende. Auch ihre Tiere müssen ruhen und fressen, bevor man ihnen eine größere Anstrengung zumuten darf. In zwei bis drei Stunden reiten wir los, aber nicht, um auf geradem Wege den Berg des Donners zu erreichen. Denn es wäre nicht ausgeschlossen, dass wir den Assiniboine begegneten, denen wir in der vergangenen Nacht so böse heimgeleuchtet haben. Sie sind ohne Pferde und führen Verwundete mit sich, was ihren Marsch sehr verzögert. Sie dürfen uns nicht sehen, sonst ist unser Vorhaben unmöglich auszuführen. Ohne eine Portion Geduld lässt sich eine Aufgabe wie die unsere nicht durchführen, Doktor!«, erklärte Rifle Ben gelassen.

»Mir tut nur der Bursche dort leid, der sich gewiss danach sehnt, die Leidenszeit seines Vaters zu verkürzen«, erwiderte Allan.

Der Alte nickte Karl Martens aufmunternd zu und sagte: »Ich glaube es gern, aber alles zu seiner Zeit. Deine Sache ist in den besten Händen, mein Junge. Das mag dir zum Trost dienen.«

Karl Martens drückte dem rauen, aber biederen Trapper dankbar die Hand und ging zu den Piegan, um die prächtigen kriegerischen Gestalten in ihrem Tun und Treiben zu beobachten.

Nächtliches Dunkel hüllte die weite Ebene ein, als der Ritt zu dem Berg des Donners begann. Doktor Allan bewunderte die außerordentliche Befähigung der Indianer, in dieser weglosen Wildnis bei völliger Dunkelheit die gewünschte Richtung beizuhalten. Nur einige zeitweilig sichtbare Sterne am leicht bewölkten Himmel dienten ihnen als Wegweiser. Groß war sein Staunen, als bei beginnender Morgendämmerung der Trapper sagte: »So, nun haben wir unser vorläufiges Ziel erreicht. In jenem dunklen Wald dort wollen wir lagern. Wäre es ganz hell, so würde man den Gipfel des Donnerberges über dem Wald sehen.«

»Aber das grenzt ja ans Wunderbare, wie Ihr den Weg in dieser nächtlichen Wildnis so sicher gefunden habt!«, rief der Gelehrte.

Lachend erwiderte Ben: »Wüsste wirklich nicht, wie das Wunder aussehen sollte! Wir wollen uns beeilen. Die Sonne darf uns nicht im Freien bescheinen.«

Nach einem scharfen kurzen Ritt erreichten sie den Wald, in dessen verwachsener Wildnis sich die kleine Schar vor den spähenden Augen der Assiniboine verbarg. Einer der Pegankrieger hielt Wache, während alle anderen Teilnehmer des Zuges sich niederlegten, um zu schlafen.

Als Doktor Allan nach Stunden erwachte, sah er sich verwundert um. Er hatte von zu Hause geträumt und sah sich nun plötzlich in die Wirklichkeit eines wilden Waldes, umgeben von ruhenden Indianern, zurückversetzt. Der Anblick der roten Krieger führte dem jungen Mann die bedenkliche Tatsache vor Augen, dass er, der friedliche Gelehrte, sich in ein höchst gefährliches Abenteuer eingelassen hatte. Der Ausgang des Streifzuges erschien ihm keineswegs sicher, wenn er bedachte, dass man es mit einem überlegenem blutdürstigen Gegner zu tun hatte. Mit irgendwelcher Hilfe war nicht zu rechnen. Sie befanden sich viele Meilen weit von befreundeten Menschen entfernt, allein in dem Gebiet ihrer Feinde. Als aber der Blick Allans den von Unruhe und Sorge gepeinigten Karl Martens streifte, da wichen alle Bedenken von ihm, und er erkannte, dass er sich nicht leichtsinnig in ein Abenteuer gestürzt hatte, sondern nur dem Gebot der Pflicht gefolgt war. Er fasste den festen Entschluss, in dem bevorstehenden Kampf seinen Mann zu stehen, damit der Vater des braven Jungen dort aus der Gewalt dieser unmenschlichen Assiniboine befreit würde. Vergebens sah sich der Forscher nach Rifle Ben um. Auch der Häuptling der Piegan fehlte. Als er nach ihnen fragte, erwiderte Baptist, die Führer seien auf Kundschaft aus.

Erst nach Stunden kehrten sie zurück. Auf Befragen erklärte der Trapper, dass ihr Unternehmen wohl schwierig sei, doch hoffe er, dass der Plan, den er mit dem Häuptling ersonnen habe, glücken werde. Ohne nähere Erklärung über die Ausführung zu geben, legte er sich wieder zur Ruhe nieder und riet dem Gelehrtem ein Gleiches zu tun, da sie zur Ausführung ihrer Aufgabe alle Kräfte nötig hätten. Missmutig befolgte Allan den Rat des klugen Alten, obwohl er gern eingehender mit ihm über sein Vorhaben gesprochen hätte.

Ein Kommentar zu Das Geheimnis des Medizinbeutels – Teil 5

  • Frank Lesser sagt:

    Ich suche ein ähnliches Buch, das mir etwa 1950 geschenkt wurde, aber inzwischen leider verloren ging. Der Titel lautete in etwa “Der Gefangene der Assiniboin”. Es handelte von der Suche nach einem Mann, der von den Assiniboin gefangen genommen wurde. Eine Szene (mit Zeichnung illustriert) spielt von der nächtlichen Belagerung eines einzelnen Planwagens (vielleicht auch einer Wagenburg). Kann mir bitte jemand helfen?

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