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Im fernen Westen – Sioux-Kit 3

Sioux -Kit
Kapitel 3

Drei Tage lang hatte Vater Hogg seine Bedeckung bei sich behalten. Da aber nirgends eine Spur von indianischen Kundschaftern zu sehen war, empfahl er sich dem Schutz Gottes, entließ die Dragoner mit bestem Dank und zog allein weiter. Eine Straße durch die Prärie gab es natürlich nicht, sondern die Reisegesellschaft war seither einer deutlich erkennbaren Fährte gefolgt, die wahrscheinlich von einer Gruppe der erschlagenen oder heimgeschickten Yankton herrührte, wie die Überreste von Lagerfeuern, getöteten Pferden und hinterlassenen Gegenständen verrieten, auf welche man von Zeit zu Zeit stieß. Diese Fährte folgte auch Vater Hogg, als er allein in der Überzeugung war, dass sie wohl der kürzeste Weg zur Reservation der Yankton sei. Seine Frau und Tim saßen auf dem Wagen, Luke ging mit der Peitsche neben dem Gespann her, und Vater Hogg, mit der Doppelflinte unter dem Arm und den treuen Hund Mingo zur Seite, lief immer rekognoszierend etwa tausend Schritte voraus, um den Weg auszumachen und einer etwaigen Gefahr zu begegnen.

So waren sie an den Cedar Creek gekommen, das letzte Flüsschen nördlich von der Yankton-Reservation, und hatten dieses mittels einer Furt passiert, welche Vater Hogg mit Mühe gefunden hatte. Danach ging es die steile jenseitige Uferböschung des tief eingeschnittenen Flüsschens hinauf, und Vater und Mutter und Luke mussten ihre Schultern gegen den Wagen stemmen, um ihn den steilen Hang hinanzubringen, während Tim die Zugtiere mit der Peitsche antrieb. Während sie damit beschäftigt waren, hörten sie den Hund, welcher sich von ihnen entfernt hatte, plötzlich laut anschlagen, und erst heftig bellen, dann aber eigentümlich winseln und beinahe heulen und dann wieder bellen.

Der Missionar erschrak anfangs, denn er fürchtete, Mingo werde feindliche Indianer oder Fremde gesehen haben. Aber er konnte den Wagen nicht verlassen, und es galt vor allem, diesen vollends die Böschung hinaufzubringen. So schoben denn alle drei noch einmal wie verzweifelt und gönnten sich nicht die Zeit, auch nur dem Hund zu pfeifen, bis man oben war, ebenen Boden unter sich hatte und die Tiere sich verschnaufen lassen musste. Nun pfiffen Vater Hogg und Luke nach dem Hunde, dessen seltsames Gebaren ihnen auffiel. Mingo kam endlich herbei, gebärdete sich aber, als ob er seinen Herrn auffordern wollte, mit ihm zu kommen.

»Ich sehe, was der Hund meint, lieber Vater«, sagte Luke, »er hat offenbar irgendetwas gefunden, was ihm auffällt. Bitte, lass mich hingehen und sehen, was es ist.«

»So geh, mein Sohn, nimm aber deine Flinte mit!«, versetzte Vater Hogg, nahm dabei sein eigenes Gewehr vom Wagen und machte es schussfertig.

Sobald Luke Anstalt machte, dem Hund zu folgen, bellte und wedelte Mingo ganz vergnügt, lief auf seiner Fährte zurück und sah sich von Zeit zu Zeit nach seinem jungen Herrn um, den er durch Busch und Dorn einige Hundert Schritte fortführte, bis sie auf die frühere Fährte der Indianer kamen. Hier lag ein verendetes Pferd und neben diesem, mit Stricken aus roher Tierhaut noch am Pferd angebunden, ein Indianerknabe von ungefähr zehn Jahren, anscheinend tot.

Luke war anfangs sehr erschrocken und sah sich argwöhnisch um, aber es war alles grabesstill. Scheu trat er näher und sah, dass Mingo dem rothäutigen Knaben Gesicht und Mund beleckte und zwischen hinein eigentümlich winselte. Nun erst bemerkte er, dass dem armen Knaben die Hände auf den Rücken und die Füße zusammengebunden waren und die Stricke so tief eingeschnitten hatten, dass Handgelenke und Knöchel hoch aufgeschwollen waren. Er berührte den Knaben und fand, dass seine Glieder sich beinahe kalt anfühlten. Also war derselbe noch nicht tot. Ängstlich rief er den Vater herbei und befühlte dem fast nackten Indianerknaben die Schläfen und die Brust, ob noch Puls- und Herzschlag zu verspüren seien.

Vater Hogg war im Nu zur Stelle und begriff auf den ersten Blick die ganze Lage.

»Armes Kind«, sagte er, »es ist ein gefangener Sioux, den die Yankton mit sich geschleppt haben. Das Pony, das ihn trug, war wahrscheinlich abgetrieben und konnte nicht weiter, denn es ist ein altes Tier. Da haben ihm diese gefühllosen Leute einen Schuss vor den Kopf gegeben und den unglücklichen Knaben seinem Schicksal überlasten, denn sie gönnten sich auf ihrer eiligen Flucht nicht die Zeit, ihn mitzunehmen … Armer Bursche! Er ist noch nicht tot, aber verschmachtet.«

Kurz darauf zog er sein Messer und durchschnitt die Bänder, womit des Knaben Arme und Beine gefesselt und sein Leib an das tote Pferd gebunden waren. Der junge Körper rollte wie ein Klotz auf den Boden herab. Vater Hogg flößte ihm etwas von dem starken Tee ein, den er in seiner Feldflasche führte, und der Knabe trank gierig. Es war also noch Leben in ihm.

»Komm, Luke! Nimm mein Gewehr! Wir wollen ihn zur Mutter bringen«, sagte er, nahm den Siouxknaben vorsichtig auf den Arm und trug ihn die Böschung hinauf zum Wagen.

Mutter Hogg staunte nicht wenig ob diesem Anblick.

Aber der Missionar sagte: »Bereite ihm ein weiches Lager, liebe Judith, denn der liebe Gott hat uns dieses arme Kind anvertraut, damit wir Samariterdienste an ihm tun. Träufle ihm hier und da etwas von diesem Tee ein, damit er sich etwas erhole. Wir aber wollen eilen, dass wir das Nachtlager erreichen.«

Damit nahm er selbst die Peitsche und trieb das Gespann vorwärts, den Siouxknaben seiner Frau und seinen beiden Söhnen überlassend, die ihn voll Mitgefühl pflegten.

So verfolgte er die Indianerfährte noch einige Stunden weiter, bis er an eine kleine Quelle und an die Überreste eines Lagerfeuers kam, wo die flüchtenden Indianer offenbar vor ihm gerastet hatten. Nachdem er die Tiere ausgespannt und zum Weiden ausgeflockt sowie ein Feuer angemacht hatte, breitete er eine Büffeldecke auf den Boden, legte den Siouxknaben vorsichtig darauf und untersuchte ihn nun erst genauer. Der Knabe war noch bewusstlos und sehr schwach, denn er war offenbar mehrere Tage ohne Speise und Trank geblieben. Er war aber nicht verwundet, sondern für sein Alter kräftig und hatte regelmäßig hübsche Züge. Während nun Mutter Judith das Abendbrot zubereitete und für den rothäutigen Knaben eine kräftige Fleischbrühe kochte, machten Vater Hogg und seine Söhne ihm kalte Umschläge um die angeschwollenen Glieder und pflegten ihn liebevoll. Der Puls des Knaben ging kräftiger, und er schlief, wenn auch unruhig und im höchsten Fieber. Er hatte einen Arm und das linke Bein beim Sturz des Pferdes gebrochen und beide Glieder waren furchtbar geschwollen, sodass die Pfleger die kalten Umschläge noch bis in die Nacht hinein fortsetzten.

Am anderen Morgen wurde der Siouxknabe, welcher noch immer bewusstlos war, wieder vorsichtig im Wagen gebettet und die Reise fortgesetzt. Man war nun in der Yankton-Reservation, wo jedoch überall Bestürzung, Unordnung und Trauer herrschten, denn viele Krieger waren nicht mehr heimgekehrt und ihre Angehörigen fragten den Missionar ängstlich, ob er nichts von ihnen wisse und ob sie nicht unter den Gefangenen seien. Aber Hogg konnte ihnen keine Auskunft geben, sondern nur zur Ruhe mahnen, weil in den nächsten Tagen eine Abteilung Dragoner kommen würde, um den Stamm zu überwachen. Vater Hogg beschleunigte seine Reise voll ängstlicher Neugier, ob er auch sein Heimwesen noch vorfinden würde. Am zweiten Mittag nach der Aufnahme des Knaben kam er endlich in Sicht seines Heimwesens und dankte Gott im Stillen, dass sein Blockhaus, sein Stall und Schuppen noch standen, wenn auch ausgeplündert bis auf das letzte Wertstück. Denn die Väter und Mütter seiner Schüler hatten alles fortgeschleppt bis auf den letzten Topf und den letzten Nagel, nachdem er weggegangen war.

Mutter Judith und die Knaben weinten beinahe, als sie diese Verwüstung sahen, aber Hogg sagte gelassen: »Murrt nicht, meine Lieben, und flucht den Dieben nicht, denen der Herr vergeben möge, denn sie wissen nicht, was sie getan haben, diese wilden Heiden. Wir müssen nun eben unser Leben von Neuem aufbauen, und der allmächtige Vater im Himmel, der uns seither so wunderbar beschützt hat, wird weiter helfen. Amen.«

Und nun richtete sich der Missionar eben schlicht und recht in seinem Häuschen wieder ein, so gut es eben ging, und war froh, dass er die notdürftigsten Lebensmittel und einen Korb voll Hühner mit einem Hahn mitgebracht hatte, denn seine Nachbarn hatten ihm auch seine Hühner gestohlen und getötet. Nur sein Feld hatten sie nicht zerstört, und der Mais und der Weizen standen schön in den Halmen. Die Bohnen und Erbsen blühten. Die Zwiebeln und andere Küchengewächse gediehen, wie es der Jahreszeit, dem Sommeranfang, entsprach, und verhießen eine baldige Ernte.

Dem Siouxknaben hatte der Missionar in einer Ecke der Stube ein Lager gemacht, wo ihm die sorgfältigste Pflege zu teil wurde. Diese und die Ruhe trugen dazu bei, dass er sich langsam erholte. Die aufgelaufenen Gliedmaßen schwollen ab und Vater Hogg konnte nun den Arm- und den Beinbruch einrichten und schindeln. Der Knabe war wieder zur Besinnung gekommen und beinahe erschrocken, als er sich in dieser Umgehung sah. Aber noch mehr als die tröstlichen Worte der Familie Hogg beruhigten ihn die Freundlichkeiten und die liebreiche Sorgfalt, womit er sich umgeben sah, und die Bemühungen von Luke und Tim, ihn zu unterhalten und ihn wie einen guten Kameraden zu behandeln. Er war noch zu schwach, als dass er viel hätte reden und über sein Schicksal erzählen können. Vater Hogg verbot ihm auch das Reden, denn er betrachtete es als ein Wunder Gottes, dass der Knabe seine schwere Heimsuchung überlebt habe und er wusste, dass es langer Zeit bedürfen werde, bis er sich von den Folgen derselben erholt haben würde. Hogg betrachtete es aber auch als eine Fügung Gottes, dass er dazu ausersehen war, den Knaben zu retten, da er aus ihm vielleicht einen Mann erziehen könne, welcher Christentum und Gesittung unter seinen wilden Stammesbrüdern verbreiten helfe.

Das Herdfeuer in Hoggs Blockhaus rauchte schon längst wieder und verkündete den Leuten im Indianerdorf drüben seine Rückkehr, aber niemand von den Yankton ließ sich sehen, nicht einmal seine früheren Schüler. Schlug etwa den Dieben ihr Gewissen oder schämten sie sich, den Mann bestohlen zu haben, der ihnen so viel Gutes getan hatte? Wir wissen es nicht, obwohl der Indianer wohl wenig Gewissen hat, weil er in seiner Selbstsucht nur an sich denkt. Aber Hogg wollte ihnen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten und hätte ihnen längst einen Besuch in ihren Wigwams gemacht, wenn die rothäutigen Nachbarn ihm nicht auch seinen Kahn von Birkenrinde aus dem Busch gestohlen hätten, wo er ihn vor seinem Weggehen versteckt gehabt hatte. So musste er denn warten, bis er einmal ein paar bekannte Krieger in seiner Nähe auf dem Fluss fischen sah. Er rief ihnen zu und bat sie, ihn über den Fluss zu setzen, was sie ihm nicht abschlagen konnten, und ging dann ins Dorf.

Dort fand er überall Niedergeschlagenheit und finsteren Groll. Die Leute grüßten ihn anfangs kaum und wichen ihm aus. Er ging zunächst zu der Hütte des Häuptlings und fand dessen Frauen in Trauer. Der »Große Bogen« war beim Überfall eines Siouxdorfes erschossen und skalpiert worden, und seine Krieger hatten nicht einmal seine Leiche zurückgebracht, um sie mit den ihm als Häuptling gebührenden Ehren auf einem Baum aussetzen zu können. Die Feinde hatten seine Leiche sicher in die Prärie hinausgeworfen, den Geiern, Wölfen und Kojoten zum Fraß. Viele, viele Krieger waren nicht mehr heimgekehrt, und in ihren Hütten herrschte ebenfalls Trauer und Mangel. Die Frauen wollten von ihm erfahren, ob ihre vermissten Männer nicht unter den Gefangenen der Sioux oder der weißen Krieger seien und was für ein Los ihnen bevorstehe. Er konnte ihnen nicht einmal den Trost geben, dass sie gefangen seien. Auch in Scha-co-opons Hütte umgaben ihn die Frauen und Kinder, denen er besonders zugetan war, mit Wehklagen und Angstmienen, denn sie hatten erfahren, dass Scha-co-opon unter den Gefangenen der Weißen sei. Und nun meinten sie, er, der nun durch den Tod seines Vaters der Stammeshäuptling geworden sei, werde von den Weißen am Marterpfahl zu Tode gepeinigt werden, wie es die Rothäute mit ihren Kriegsgefangenen machen.

Vater Hogg konnte diese nun trösten, indem er ihnen begreiflich machte, dass Scha-co-opon seines Lebens sicher sei und nur als Bürge für das Wohlverhalten seiner Stammesbrüder gefangen gehalten werde. Das tröstete sie denn einigermaßen, aber sie jammerten, dass sie ihren Versorger verloren hätten und dem Stamm zur Last fallen würden, der die Waisen und Witwen dürftig genug versorge. Da riet er ihnen, Grundstücke zu roden, Kartoffeln, Bataten und Mais zu pflanzen, wozu es noch Zeit sei, und sich auf diese Art vor Mangel sicherzustellen, wobei er sie unterstützen und ihnen hilfreich zur Hand gehen wolle. Hieraus ging er zu einigen der Ältesten und Angesehensten des Stammes und bat sie, eine Ratsversammlung einzuberufen, damit sie mit ihm beraten mögen, was nun zu tun fei, um den Zorn des Großen Vaters in Washington zu beschwichtigen, damit er ihnen seine Beisteuern nicht entziehe, und dergleichen. Er beklagte sich über die Plünderung seines Hauses und forderte sie auf, ihm bei der Herbeischaffung seiner Habe und besonders seines Kanus behilflich zu sein, damit er sich nicht bei dem Indianeragenten beschweren und dessen Zorn gegen sie hervorrufen müsse. Diese Andeutung schüchterte die Alten auch so ein, dass sie ihm sein Kanu sogleich wieder verschafften und ihr Möglichstes zu tun versprachen, um ihm Gehör bei ihren Brüdern zu verschaffen, ihn zufriedenzustellen und seine Sicherheit zu verbürgen. Und so konnte er noch am selben Abend in seinem eigenen Kanu über den Choteau zurückfahren und fand am anderen Morgen manches von den ihm gestohlenen Gegenständen. Tische, Stühle, Bänke, Kessel, Kochtöpfe, Netze usw., am diesseitigen Ufer hingelegt, als Beweis, welch heilsamen Schreck diese Niederlage und das rasche schneidige Einschreiten des Colonel Short unter den Yankton hervorgerufen hatte.

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