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Die Aufgabe

Die Aufgabe

Jeder von uns bekommt eine Aufgabe mit auf den Weg, wenn er in diese Welt geboren wird. Bei dem einen zeigt sie sich nur undeutlich und dringt erst im Alter aus dem Schatten, der sie bis dato verbirgt. Bei dem anderen kristallisiert sie sich während der Schulzeit oder des Studiums heraus, wenn das Hirngespinst, als Biologe, Mediziner, Anwalt oder Mathematiker sein Geld zu verdienen, zu einer festen Absicht wird.

Mark kannte die Aufgabe, die ihm das Leben aufgebürdet hatte, bereits im Kindergarten. Wir waren vier Jahre alt, als wir Bekanntschaft miteinander machten. Es passierte an einem Spieltisch in der hintersten Ecke und ich erinnere mich daran, als lägen zwischen diesem Damals und dem Jetzt keine zweiundvierzig Jahre, sondern höchstens zweiundvierzig Minuten. Während die anderen Kinder rumtollten, stritten, sich mit lautem Geschrei über den Vorschlag der Erzieherin beschwerten, ein Puzzle zusammenzulegen, oder sich aus Langeweile gegenseitig an den Haaren zogen, saß Mark abseits und starrte auf die Karten, mit denen er auf dem Tisch Reihen gebildet hatte, die quer durcheinanderliefen.

Weder die anderen Kinder noch die Erzieherin schenkten ihm Beachtung. Sie waren kein anderes Verhalten von ihm gewohnt. Doch ich war neu und auf mich löste die Konzentration, mit der er die Karten legte, eine Anziehungskraft aus, die über bloße Neugier hinausging. Vielleicht ahnte ich damals bereits, dass sich hinter dem Kartenlegen mehr verbarg als eine intensive Leidenschaft.

»Warum spielst du nicht mit uns?«, fragte ich Mark, der schon in diesem frühen Alter gezwungen war, eine Brille mit zentimeterdicken Gläsern zu tragen.
Er sah mich an, als hätte ich ihn gefragt, ob es in der Nacht dunkel ist. Dann lächelte er. Es wirkte schwerfällig, aber ehrlich. Später, als Mark und ich zu Freunden wurden, stellte ich fest, dass dieses gezwungene Lächeln so ehrlich war wie der Hütchenspieler, der uns einmal auf einem Jahrmarkt begegnete und mein mühsam zusammengespartes Taschengeld um die Hälfte erleichterte.
Als Mark seinen Blick wieder auf die Karten senkte, nahmen seine Augen einen traurigen und zugleich entschlossenen Ausdruck an. Eine Mischung, die man von einem normalen Kind nicht erwarten würde. Doch Mark war kein normales Kind, was mir seine nächsten Worte schlagartig bewusst machten. »Es muss eingesperrt bleiben!«

Während der Schulzeit versuchte er, seinem Leben den Anstrich von Normalität zu verpassen. Es gelang ihm überraschend gut. Zwar blieb er ein Außenseiter, der im Gegensatz zu mir nur selten zu Geburtstagspartys oder zum Fußballspielen am Nachmittag eingeladen wurde. Doch er war weit davon entfernt, von seinen Mitschülern als der Sonderling betrachtet zu werden, der er in Wirklichkeit war. Er ging als schüchterner Langweiler durch.
Es gab oberflächliche Kontakte zu anderen seines Alters, aber einen wirklichen Freund fand er nur in mir.

Marks Noten waren miserabel, obwohl ich alles darauf wetten würde, dass sein IQ selbst den von Cynthia Beier bei Weitem übertraf, die nun als Professorin an der Universität Heidelberg unterrichtet und mehrere Abhandlungen über die Möglichkeiten, die die Nanophysik der Medizin in Zukunft bieten wird, veröffentlicht hat.
Die schlechten Zensuren erklärten sich dadurch, dass Mark es nur selten fertigbrachte, während des Unterrichts von dem College-Block aufzusehen, der stets verborgen hinter Lehrbüchern vor ihm lag und dessen Seiten er ununterbrochen mit Linien füllte.

Irgendwann gegen Ende des sechsten oder siebten Schuljahrs, als seine Mitarbeit im Unterricht auf ein Minimum gesunken war, tippte ich ihn an und sagte: »Wenn du nicht aufpasst, landest du nach den Sommerferien auf der Hauptschule!«
»Wenn ich nicht aufpasse«, erwiderte er in dem ernsten Ton, den ein Soldat anschlagen würde, während er sich von seinen Kameraden verabschiedete, um zu einem Kamikaze-Unternehmen aufzubrechen, »bricht es über uns und wir sind alle verdammt.« Dann blätterte er das voll gekritzelte Blatt um und zog mit seinem Kugelschreiber den ersten Strich auf dem neuen.

Mark verließ nicht oft das Haus. Also kam ich zu ihm, wenn wir uns am Nachmittag trafen. Seine Eltern gehörten zu der Sorte, die meine Mutter gerne als das arbeitsscheue Trinker-Gesindel bezeichnete. Wenn ich kam, schienen sie sich erst kurz zuvor aus den Betten gequält zu haben. In schmutzigen Sachen traten sie mir entgegen und hauchten mir ihren Alkohol-Atem ins Gesicht, während sie mir erklärten, dass ihr unnützer Junge sich wahrscheinlich wieder auf dem Speicher rumtrieb.
Mir waren diese Begegnungen unangenehm. Das mangelnde Interesse für ihren Sohn machte mich betroffen. Sahen sie denn nicht, dass Mark mit Problemen zu kämpfen hatte? Dass er innerlich litt, auch wenn er das hinter einer neutralen Maske vor der Außenwelt zu verbergen versuchte? Dass er etwas Besonderes war?
Für Mark hatte ihr Desinteresse allerdings einen entscheidenden Vorteil. Er konnte die Räume unter dem Dach ganz für sich beanspruchen. Ich weiß nicht, ob seine Eltern je das Reich, das er sich dort geschaffen hatte, betreten hatten. Wenn ja, hätten sie festgestellt, dass es im Vergleich zum Rest des Grundstücks, das man scheinbar dem Zerfall preisgegeben hatte, aufgeräumt und sauber war. Sah Mark eine Spinnwebe, dauerte es keine Minute, bis er einen Lappen zur Hand hatte und sie entfernte. Dasselbe galt für den Mäusekot. Ich weiß bis heute nicht, warum er sich Gedanken über die Ordnung machte. Vielleicht war es schlichtweg so, dass er es schön haben wollte, während er auf dem Boden kniete und einen Dominostein nach dem anderen legte, um auf diese Weise ein Gebilde zu errichten, das an ein verschlungenes Straßensystem erinnerte. Doch natürlich wusste ich zu diesem Zeitpunkt bereits, dass es keine Wege waren, die er baute. Er baute Mauern.
Auf einer alten Kommode, die Mark als einziges Möbelstück nicht vom Dachboden verbannt hatte, stand ein Radio. Während wir Musik hörten und uns über Sport unterhielten oder darüber stritten, welche die bedeutendere Band war (Mark war ein riesiger Stones-Fan, während ich damals mein Herz an die treibende Gitarre von Angus Young verloren hatte), half ich ihm beim Legen der Steine.

Vielleicht mag sich das langweilig anhören. Aber Mark war ein begnadeter Diskussionspartner und außerdem war seine Obsession, was das Errichten von Linien betraf, ansteckend.
Wie weit diese Obsession ging, erfuhr ich an einem Tag Ende September. Mark und ich waren vierzehn und langsam, aber stetig navigierten wir auseinander. Mein Interesse wandte sich Saufgelagen und Mädchen zu, während Mark sich weigerte auch nur einen Schluck aus der Bierflasche anzurühren und Mädchen …
Na ja, ich glaube, eine Gisele Bündchen hätte sich ihre Bluse vor ihm aufknöpfen können, und er hätte sie nicht einmal eines Blickes gewürdigt.

»Wenn es passiert, trage ich die Schuld daran!« Mit diesen Worten begrüßte er mich, als ich die Tür zum Speicher öffnete und eintrat. Er hockte an einem Pfeiler, der das Dach stützte, und um ihn herum breiteten sich unzählige Reihen aus Dominosteinen aus.
Selbst in ihren Zwischenräumen hatte er parallel zueinander laufende Linien mit Kugelschreiber, Buntstiften und Eddings untergebracht. Er war sogar so weit gegangen, die holzverkleideten Wände und die Decke vollzukritzeln. Als ich näher auf ihn zukam, erkannte ich, wie schlecht es um ihn stand. Obwohl es hier unter dem Dach bitterkalt war, lief ihm der Schweiß in Strömen übers Gesicht. Schweißperlen glitzerten in den Barthaaren, die über seiner Oberlippe erst kürzlich zu sprossen begonnen hatten. Sein Kopf war rot, als hätte ihn ein bisher unbekanntes Fieber aus den tropischen Wäldern gepackt und würde ihn nun von innen kochen. Die Mühsamkeit, mit der seine Pupillen sich weiteten oder zusammenzogen, während er seine Augen durch den Raum schweifen ließ, deutete daraufhin, dass er in den letzten Tagen kaum Schlaf gefunden hatte.
»Ich war zu schwach«, fuhr Mark fort und ich wusste nicht, ob er zu mir sprach oder zu sich selbst. »Ich habe zu viel Angst gezeigt.«

»Du hast dein Bestes gegeben«, erwiderte ich und brachte ihn dadurch zum Grinsen. Es war die Sorte Grinsen, die einem durch Mark und Bein fährt und daran erinnert, dass die Welt voller hässlicher, grauenvoller Dinge ist.
»Darauf kommt es nicht an«, sagte er und betrachtete seine Hände, die er auf seinen angezogenen Knien zusammengeknetet hatte. »Das ist kein Fußballspiel. Hier bekommt der Verlierer keine Anerkennung für die Anstrengung, mit der er sich gegen die Niederlage gestemmt hat. Hier geht es nur um das Ergebnis.«
Ich wusste nur halb, wovon er sprach. Aber mehr war auch nicht nötig. Mark litt schreckliche Angst und ich als sein Freund sah meine Aufgabe darin, sie ihm zu nehmen.
»Für mich nicht. Ich weiß zu schätzen, wie sehr du dich angestrengt hast!« Mark schnaubte. Dann griff er neben sich in die Zigarettenschachtel und steckte sich einen Glimmstängel in den Mund. Während er sein Feuerzeug aufschnappen ließ, fiel mir der eigenartige Geruch auf, der auf dem Raum lastete. Es roch nach Fäulnis, nach Holz, das zu lange Wasser ausgesetzt gewesen war, nach Verderben, nach …
»Es spielt keine Rolle, ob du es zu schätzen weißt«, sagte Mark, nachdem er den ersten Zug an der Zigarette genommen hatte. »Siegen oder Verlieren. Und ich werde verlieren.« Er sprach das letzte Wort mit einer Theatralik aus, die ich nicht von ihm kannte. Dann sah er zu mir auf, starrte mich mit Augen an, in denen die Sehnsucht nach Erlösung geschrieben stand, und sagte: »Du riechst es, nicht wahr?«
Ich nickte.
»Betrachte den Boden«, sagte Mark. Ich kam seiner Aufforderung nach und sah die Wellen, die die Dielen bildeten.
»Was … was ist das?«, stammelte ich.
»Das«, sagte Mark und kippte den Inhalt der Zigarettenschachtel neben sich aus, »ist eines der Zeichen dafür, dass ich es nicht mehr lange aufhalten kann.« Er legte zwei Zigaretten nebeneinander, sodass zwischen ihnen ein fingerbreiter Leerraum blieb.
»Es gibt noch weitere?«, fragte ich, während eine penetrante Stimme in meinem Kopf mir einreden wollte, dass Mark nun völlig den Verstand verloren hatte. Aber wenn er tatsächlich verrückt war, teilte ich dieses Schicksal. Denn, als Mark die nächsten Zigaretten an die vorangegangenen reihte, sah ich, wie in dem Pfeiler, an dem er lehnte, ein tiefer Riss auftauchte. Wie aus dem Nichts fraß er sich von der Stelle unter dem Dach bis zum Boden durch.
»Geh jetzt«, sagte Mark. »Es ist besser für dich!«
»Nein«, erwiderte ich, obwohl ich insgeheim froh über diese Aufforderung war. Ich konnte mir keinen Ort vorstellen, an dem ich weniger sein wollte als auf diesem Speicher.
Der Geruch wurde stärker. Wie Giftgas kroch er durch die Nasenlöcher hinauf ins Zentrum meines Schädels. Ich schlug die Arme vor den Bauch. Krämpfe durchzuckten meine Gedärme wie Elektroschocks.
»Verschwinde, du kannst mir nicht helfen!«, hörte ich Mark schreien. Die Panik, die in seiner Stimme lag, gab mir den Rest. »Es kommt. Ich habe versagt!« Ich taumelte zur Tür zurück, wobei ich etliche Dominosteine umwarf, und verschwand.

Auf dem Nachhauseweg setzte Regen ein. Ich nahm die Nässe, mit der sich meine Klamotten vollsogen, kaum war. In meinem Kopf drehte sich alles. Lichter flirrten in ihm umher, zeigten Ausschnitte von fremdartigen Fratzen und von Mauern, die Jahrtausende alt und brüchig wirkten. Kurz vor meinem Elternhaus brach ich schließlich zusammen.
Ich sah Mark nicht wieder, was allerdings nichts mit dem Verbot meiner Mutter zu tun hatte, nachdem sie mich im Vorgarten aufgefunden hatte.
Es lag daran, dass er wegzog. Von einem auf den anderen Tag stand das Haus leer, als hätte seine Familie es fluchtartig verlassen müssen. In unserem Dorf machten Gerüchte die Runde. Es war die Rede von finanziellen Problemen. Was in Wirklichkeit dahintersteckte, erfuhr ich nie.
In den folgenden Monaten durchlitt ich immer wieder Albträume, in denen das Wesen, das Mark in den Labyrinthen, die er schuf, hatte gefangen halten wollen, auf dem Speicher erschien und Mark und seine Eltern in eine Welt des Wahnsinns entführte.

Die Jahre zogen ins Land und mein Leben nahm einen normalen Verlauf. Ich schaffte mein Abitur, entschied mich gegen die Banklehre, zu der mir mein Vater riet, und begann stattdessen ein Physikstudium an der Universität. Ich glaube, mein Erlebnis auf dem Dachboden war nicht ganz unschuldig daran. Auch wenn ich mir nicht eingestanden hätte, dass mich die Sache immer noch beschäftigte, so verspürte ich doch das Bedürfnis, die Dinge und ihre Wirkungsweisen zu verstehen. Insgeheim suchte ich nach einer Erklärung für den Riss in dem Balken, den ich nicht als bloße Einbildung abtun konnte.

Auf der Universität lernte ich meine Frau Christin kennen. Wir heirateten noch vor dem Staatsexamen. Ich bekam eine Anstellung als Lehrer, wir bauten ein Haus und schließlich schenkte sie mir zwei Kinder. Ein ganz normales Familienleben eben, das vor zwei Tagen mit dem Klingeln des Telefons ein jähes Ende fand.
»Ja?«, fragte ich in den Hörer.
»Sind Sie Herr Weiland?« Die Stimme auf der anderen Seite der Leitung hörte sich zögernd an. Ich bekam ein ungutes Gefühl.
»Der bin ich«, antwortete ich. Daraufhin folgten ein paar Sekunden Stille, als müsse sich mein Gesprächspartner erst dazu durchringen, die nächsten Worte zu sagen.
»Ich rufe im Namen von Mark Lorenz an.« Die Härchen an meinem Rückgrat stellten sich schlagartig auf. Ich schluckte tief, während mein Herz zu pochen begann, als wolle es einen Infarkt herbeiführen.
»Er würde Sie gerne sehen«, sagte die Stimme.

Wie sich herausstellte, hatte ich mit Prof. Nisbach, dem Leiter der Psychiatrischen Abteilung der Universitätsklinik Erfurt, telefoniert. Als ich zwei Stunden nach unserem kurzen Gespräch dort eintraf, kam er mich an der Empfangstheke abholen. Er war ein hochgewachsener, dürrer Mann mit abnorm großen Fingern, die mich an die Tentakel einer Krake erinnerten.
»Ich bin unendlich froh, Sie zu sehen«, sagte er, während er mich einen Gang entlangführte, auf dem kaum Menschen unterwegs waren.
»Mark hat die ganze Zeit von Ihnen gesprochen.«
»Wie lange ist er schon in Ihrer … Einrichtung?«, fragte ich ihn. Die Neonröhren über unseren Köpfen warfen ein kaltes Licht. Das Weiß der Wände wirkte, als hätte man bewusst einen Gegenpart zu dem Wirrwarr in den Köpfen der Insassen hinter den Türen setzen wollen.
»Seit dreizehn Jahren«, erklärte der Professor, während wir immer tiefer in den Bauch des Gebäudes vordrangen.
»Ist er hier wegen der …«
»Labyrinthe«, unterbrach mich der Professor. »Ja, allerdings.« Ich hatte Linien sagen wollen. Aber Labyrinthe schien in der Tat der bessere Ausdruck zu sein. Eine alte Frau, gestützt auf einen Rollator, kam uns entgegen. Unter der Wolljacke, die sie trug, war sie spindeldürr.
»Hast du Gott gefunden?«, fragte sie mich mit großen Augen, als ich an ihr vorbeidrängeln wollte. »Er hat doch gesagt, dass er dich kontaktieren würde.«

»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Er … er hat mich nicht kontaktiert.«
»Frau Seibert, gehen Sie bitte in den Aufenthaltsraum, ja? Ich muss mit diesem Herrn zu einem Termin.« Professor Nisbach zog mich weiter.
Mark befand sich hinter der letzten Tür des endlos langen Flurs.

»Das ist eine unserer Isolationszellen«, sagte Nisbach, als wir davor zum Stehen kamen. »Wir mussten ihn hier unterbringen, weil …« Weiter kam er nicht. Er hatte einen Blick durch das Guckloch geworfen und erstarrte wegen dem, was er sah. Alle Farbe wich aus seinem Gesicht und sein Körper sackte in sich zusammen, sodass er nicht mehr größer war als ich.
»Was …?«
Er wühlte hektisch in der Tasche seines Kittels und brachte schließlich einen Schlüsselbund zum Vorschein.
»Schwester! Schwester!«, brüllte er, während er versuchte, einen viereckigen Schlüssel in das Schloss zu stecken. Die ersten Versuche verliefen glücklos. Seine Hände zitterten zu stark.
»Was ist passiert?« Eine breit gebaute Frau in weißer Kleidung und mit lockigem roten Haar war aus einem der Nachbarzimmer auf den Flur getreten.
»Herr Lorenz, Mark, er …« Der Schlüssel glitt ins Schloss. Ohne weiter auf die Frage der Schwester einzugehen, stürmte der Professor in den Raum.
Ich folgte ihm und es verschlug mir den Atem bei dem, was sich mir dort bot. Mark lag auf einem Bett, die Füße und die rechte Hand waren mit Ledermanschetten ans Gestell gefesselt. Die linke Hand hatte er befreien können.
Mit ihr hatte er sich die Haut vom Hals gezogen. Dort, wo eigentlich sein Adamsapfel hätte sitzen müssen, klaffte eine dunkelrote Wunde.
Ich hörte einen spitzen Schrei. Die Schwester mit dem roten Haar stolperte an mir vorbei. Die Hände vor den Mund gepresst, blieb sie einen Meter vor meinem einstmaligen Freund stehen, dessen Körper so blass war wie die Bettdecke an den Stellen, die nicht mit Blut besudelt waren.
Ihre Augen schienen jeden Moment aus ihrem Gesicht flutschen zu wollen. »Professor, Professor …«, stotterte sie. Doch Professor Nisbach hatte es ebenfalls die Sprache verschlagen. Er stand neben mir und wippte mit dem Kopf von einer Seite auf die andere, unfähig, den Blick von dem blutigen Schauspiel zu wenden.
Meine Augen wanderten zur Wand, an der Mark die letzten Linien seines Lebens und eine Botschaft hinterlassen hatte.
»Es ist aus dem Labyrinth entkommen«, fügte ich die Buchstaben zusammen, die er zwischen den zittrigen Linien platziert hatte.
Ich sah wieder zu seinem Gesicht. Augen und Mund waren auf dem Höhepunkt seines Entsetzens eingefroren. Ich verstand, was passiert war. Man hatte Mark ans Bett gefesselt, da man seine Obsession anders nicht hatte bändigen können. Es musste die Hölle für ihn gewesen sein, machtlos verfolgen zu müssen, wie dieses Ding, dieses Es, in die Freiheit gelangte, weil er nicht mehr in der Lage war, weitere Labyrinthe zu erschaffen, die es gefangen hielten. Schließlich hatte Mark doch eine Möglichkeit gefunden. Eine, die zum Scheitern verurteilt gewesen war, da sie ihn gleichzeitig verbluten ließ. Aber wenigstens hatte er nichts unversucht gelassen.

Die letzte Nacht schlief ich kaum. Das Bild meines gestorbenen Jugendfreundes wollte mir nicht aus dem Sinn. In den frühen Morgenstunden quälte ich mich schließlich aus dem Bett. Ich ließ Christin allein zurück und schlich mich in den Flur. Ich wollte mir in der Küche eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank holen. Vielleicht würde mir der Alkohol in den Schlaf helfen.
Doch auf halbem Weg dorthin ließ mich ein Stöhnen aufhorchen. Es kam aus dem Zimmer meines jüngsten Sohnes. Unter dem Türschlitz sah ich Licht brennen.
»Jan?«, rief ich leise. Doch Jan antwortete nicht. Ich trat näher an die Tür. Die Hand auf dem Griff hielt ich inne. Eine Vorahnung hatte mich gepackt.
»Jan?«, rief ich erneut, diesmal lauter. Wieder keine Antwort.
Trotz meiner Angst riss ich die Tür auf, stürmte ins Zimmer und … und da saß er auf dem Boden, hatte seinen Legokasten ausgeschüttet und legte mit den Steinen Linien.

(tm)

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