Download-Tipp

Jeremias Flöte

Das Grimoire der Marie Laveau

Prolog

»Die Zeit rückt näher.«
Die das sagte, war eine große, schlanke Gestalt, umgeben von der Dunkelheit der Schatten, deren äußere Form einem Menschen nicht unähnlich war.
»Ja«, bestätigte ihr Pendant, das ihr gegenüber schwebte und in ein strahlendes, silbernes Licht getaucht war. »Aber die Frist, innerhalb der wir beide wählen müssen, ist noch lange nicht abgelaufen.«
»Das ist wahr. Aber die Welt hat sich verändert seit dem letzten Mal. Es wird für euch immer schwieriger zu wählen.«
»Die Welt verändert sich immer dramatisch in den Perioden DAZWISCHEN, doch das war für uns niemals ein Hindernis.«
Die Schattengestalt lachte leise. »Aber wie du besser weißt als wir, gibt es auf der ganzen Welt niemanden mehr, der auch nur annähernd die Qualitäten besitzt, über die eure Auserwählten der Vergangenheit verfügten. Ihr werdet verlieren. Und damit wird unsere Herrschaft beginnen, sobald die Zeit gekommen ist.«
»Vielleicht«, antwortete die Lichtgestalt. »Vielleicht auch nicht. Die Wahl ist noch nicht getroffen und die Entscheidung noch lange nicht gefallen …«

***

Als Henry Bellamy das Haus im French Quarter in New Orleans betrat, das sein kürzlich verstorbener Onkel George ihm hinterlassen hatte, überkam ihn das Gefühl, in eine längst vergangene Zeit einzutauchen. Das lag nicht nur daran, dass das Haus im alten Kolonialstil erbaut war; dieser Stil setzte sich im Inneren ungebrochen fort. Wuchtige handgeschreinerte Möbel und gewebte Wandbehänge mit afrikanischen Mustern und kreolischen Motiven prägten das Bild.
Henry Bellamy hatte fünf Jahre in diesem Haus gelebt, und er hatte den alten Kasten gehasst. Aber damals war er auch erst vierzehn Jahre alt gewesen, hatte gerade seine Eltern verloren und war in die Obhut seines einzigen noch lebenden Verwandten gegeben worden, den er kaum kannte. Onkel George war ein »seltsamer Knabe«; so jedenfalls hatte Henrys Vater ihn immer bezeichnet. George Bellamy war einerseits ein erfolgreicher Immobilienmakler, der es zu einem bescheidenen Reichtum gebracht hatte. In seiner Freizeit hatte er allerdings sein Leben damit verbracht, alte Bücher zu sammeln und Stunden in seiner Bibliothek zugebracht.
Zwar hatte George sich um seinen verwaisten Neffen gekümmert, so gut es ging, aber als eingefleischtem Junggesellen fehlte ihm jegliche Erfahrung mit Kindern, und Henry hatte immer das Gefühl gehabt, dass er bestenfalls den traurigen zweiten Platz hinter Onkel Georges Büchern einnahm. Das große alte Haus mit seiner altmodischen Einrichtung hatte ihn schier erdrückt, sodass er daraus geflüchtet war, kaum dass er die Schule beendet hatte. Seitdem hatte er das Haus nur sporadisch besucht, wenn er seinem Onkel einen Anstandsbesuch abstattete. Und in den letzten zehn Jahren war ihr Kontakt fast ganz abgebrochen, da Henry als Bauingenieur im Ausland gearbeitet hatte.
Nun war Onkel George in seiner Abwesenheit gestorben und hatte ihm seinen gesamten Besitz hinterlassen. Da Henry in New Orleans keine eigene Wohnung besaß, wollte er vorübergehend hier einziehen, bis er etwas anderes gefunden und den alten Kasten verkauft hatte.
Doch als er jetzt das Haus betrat, stellte er fest, dass seine frühere Abneigung gegen den »Kasten« verschwunden war. Stattdessen fühlte er sich, als käme er nach Hause in ein Heim, das ihn wärmstens willkommen hieß, sodass er spontan mit dem Gedanken spielte, das Haus doch nicht zu verkaufen. Onkel Georges Büchersammlung würde ohnehin an ihm hängen bleiben, denn George hatte in seinem Testament ausdrücklich darum gebeten, dass Henry kein einziges davon verkaufte.
»Diese Bücher waren immer meine Freunde«, hatte der Notar Georges diesbezügliche Worte vorgelesen. »Deshalb würde mich der Gedanke sehr traurig machen zu wissen, dass sie verkauft und in alle Winde verstreut werden. Henry, ich mache es zwar nicht zur Bedingung, dass du meinen Besitz nur bekommst, wenn du die Bücher behältst, aber ich bitte dich inständig darum.«
Da er Onkel George etwas schuldig war für alles, was der alte Mann für ihn nach dem Tod seiner Eltern getan hatte, war Henry entschlossen, seinen letzten Willen aus Pietät zu erfüllen. Und genau genommen konnte er das Haus auch gleich behalten, denn er bezweifelte, dass Georges Bücher auch nur annähernd in ein moderneres Haus passten wie sie hier hineinpassten.
Er drehte sich im Foyer langsam um seine eigene Achse, um die Atmosphäre des Hauses noch einmal intensiv auf sich wirken zu lassen und zuckte erschreckt zusammen. In der Eingangstür, die er beim Eintreten offen gelassen hatte, stand ein Mann. Da Henry gegen die Sonne blickte, die von draußen herein fiel, konnte er dessen Gesicht nicht erkennen. Vielleicht lag es daran, dass der Mann ausgesprochen groß war und einen noch größeren Schatten ins Haus hinein warf, aber Henry empfand unwillkürlich einen Hauch eisiger Kälte, der von dem Fremden auszugehen schien.
»Wer sind Sie? Was wollen Sie hier?«, stieß er schließlich hervor.
Der Fremde trat ein, und Henry konnte ihn jetzt besser erkennen. Er war Afroamerikaner, mindestens zwei Meter groß und ausgesprochen schlank, fast hager. Er trug einen überaus eleganten, dunklen Anzug, der aussah, als wäre er recht teuer gewesen.
»Verzeihen Sie bitte mein Eindringen, Sir«, sagte der Mann, griff in die Tasche seines Jacketts und holte ein silbernes Visitenkartenetui heraus, das er mit einer lässigen Geste aufschnappen ließ, ihm eine Karte entnahm und sie Henry reichte. »Ich bin Jacques LeGrand, Antiquitätenhändler. Sie müssen Mr. Henry Bellamy sein, Georges Neffe – und sein Erbe.«
»Das ist richtig«, bestätigte Henry und nahm die Karte entgegen, was ihn zu seiner Verwunderung einige Überwindung kostete. Irgendetwas an dem Mann war ihm unheimlich. Vielleicht lag es daran, dass er so unvermittelt aufgetaucht war.
»In dem Fall darf ich Ihnen zunächst mein tief empfundenes Mitgefühl für Ihren Verlust aussprechen, Sir.«
»Danke.«
»Außerdem muss ich mich dafür entschuldigen, dass ich Sie jetzt einfach so überfalle, wo Sie offensichtlich gerade erst angekommen sind. Aber sehen Sie, Mr. Bellamy, Ihr Onkel und ich waren seit einigen Jahren Geschäftspartner. Er hat mir hin und wieder ein paar Bücher besorgt, zuletzt unmittelbar vor seinem Tod. Leider starb er, bevor er mir die Bücher übergeben konnte. Da aber mein Kunde, der sie bei mir bestellte, schon sehnsüchtig darauf wartet, wollte ich Sie bitten, sie mir zu geben.«


Die vollständige Story steht als PDF-Download zur Verfügung.

Bisherige Downloads: 1193

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>