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Der schwarze Mann

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Der schwarze Mann

Der dunkle Schleier der Nacht lag schon über unserem Haus, als meine Mutter in angsterfüllter Sorge meinen Bruder losschickte, um den Doktor zu holen. Mein Zustand war besorgniserregend; ich war todkrank. Draußen tobte ein Schneesturm, der meinen Bruder allerdings nicht hindern konnte, seiner brüderlichen Fürsorge nachzugehen. Er war immer gut zu mir gewesen und sorgte sich ebenso um seine Schwester, wie meine Mutter. Sie verabreichte mir in den Tagen zuvor, an denen es mir nicht wesentlich besser ging, einige Hausmittelchen, um mein Befinden zu verbessern. Diese Mittelchen und die Zeit halfen jedoch nicht besonders, mich gesünder zu machen. Mir schien hingegen, dass mein Zustand sich noch verschlechterte. Ich war froh, dass der Doktor jetzt kam, um mich zu untersuchen. Sicherlich würde er mir zu schneller Genesung verhelfen.

Ich hasste es, den ganzen Tag im Bett zu liegen. Ein junges Mädchen wie ich hat den Drang sich zu bewegen, umherzutollen, nicht Tag ein, Tag aus, rücklings die Decke anzustarren, die immer näher zu kommen schien. Freudig wartete ich auf den Tag, an dem ich aufstehen dürfe und in der Natur umherspazieren könne. Ich erfreute mich nämlich stets an Flora und Fauna des nahegelegenen Waldes, dem ich bei Gelegenheit stets einen Besuch abstattete.

Während wir auf den Doktor warteten, ging meine Mutter im Zimmer auf und ab. Sie hatte ein ungeduldiges Gemüt, dass sie jedoch so besorgt war, wurde mir erst zu jenem Zeitpunkt klar. Ihre Blicke wanderten von der Wanduhr zum Fenster und wieder zurück. Sie kam sich hilflos vor, das war ihr anzumerken.

 

Die Zeit verging und mein Bruder war noch nicht zurückgekehrt. Meine Mutter verfiel in immer größer werdende Hektik. Auch ich befürchtete, meinem Bruder könnte etwas zugestoßen sein. Womöglich lag er draußen in der Kälte und erfror. Jede Minute, die weiter so verfloss, spannte meine Geduld auf die Folter.

Als ich die Stimme meines Bruders draußen vor der Tür hörte, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ein Gefühl der Erlösung machte sich in meinem Herzen breit. Ähnlich fühlte sich meine Mutter. Abel schritt ein, mit ihm der Doktor. Als Erstes dankte meine Mutter ihm für sein spätes Kommen. Sie erachtete das nicht als selbstverständlich und teilte ihm ihren tiefsten Dank mit.

Nachdem der Doktor seinen Mantel abgelegt und sich kurz aufgewärmt hatte, kam er auf mein Bett zu. Seine ernste Miene teilte mir unterschwellig mit, dass ich mich in viel schlechterer Verfassung befand, als ich mich eigentlich vermutete. Nach einer kurzen, aber sicheren Untersuchung teilte er meiner Mutter die Lage mit. Ich hatte mir eine Lungenentzündung eingefangen, und zwar auf beiden Lungenflügeln, dies war das Schlimme an der Sache. Zudem fieberte ich stark. Er gab mir einige Medikamente, die ich einnehmen sollte. Ich wusste zwar kaum etwas über jegliche medizinische Maßnahmen, jedoch erkannte ich sofort, dass dies ziemlich starke Medikamente sein mussten. Der Doktor betonte ausdrücklich, dass ich mich in einem lebensgefährlichen Zustand befände. Zum Glück hatte man ihn gerufen, sonst wäre es eventuell zu spät gewesen. Die Tränen flossen meiner Mutter über die Wangen, als der Doktor erwähnte, dass ich über den Berg sein würde, wenn ich die Nacht überstünde.

Ich konnte nicht mehr alles wahrnehmen, was weiter um mich herum geschah. Auf einen Schlag fühlte ich, wie grauenhaft es mir eigentlich ging. Ich kann mich nur noch an Bruchstücke dieses Abends erinnern, zum Beispiel kann ich mich noch erinnern, wie der Doktor sich verabschiedete und mir gute Besserung wünschte, oder wie meine Mutter mir einen Gutenachtkuss gab, der Großteil der späteren Stunden jedoch, befindet sich nicht mehr in meinem Gedächtnis.

Mit dem Gedanken auf Messers Schneide zu stehen, fiel ich in einen tiefen Schlaf. Aber an das, was dann passierte, erinnerte ich mich noch haargenau.

 

Ich lag in meinem Bett und hatte die Augen auf. Das Mondlicht fiel durch das Fenster in mein Zimmer und hüllte es so in eine gespenstige Atmosphäre. Ich hörte ein Röcheln, von dem ich nicht genau wusste, woher es kam. Gänsehaut machte sich über meinem ganzen Körper breit. Aus einer dunklen Ecke trat eine Gestalt hervor, die sich langsam, aber konsequent, auf mich zu bewegte. Ich schwitzte am ganzen Leib. Der Mann aus der dunklen Ecke des Zimmers hatte einen langen schwarzen Mantel an, der bis zum Boden reichte. Zudem trug er einen schwarzen Hut, der sein Gesicht verdeckte und ihn so noch unheimlicher erscheinen ließ. Ich stand in diesem Moment Todesängste aus. Ich war gelähmt und als stiller Beobachter sah ich mich selbst, regungslos dem schwarzen Mann gegenüber. Und ich sah ihn seine Hände nach mir ausstrecken, die, langsam nach mir trachtend, das Schwarz noch mehr auszustrahlen schienen, als alles andere an ihm. Ich spürte seinen Atem bereits auf meiner Haut und die eisige Kälte, die von ihm ausging, umspielte bereits meinen Körper. Meine hitzigen Augen sahen seine Hand meine Schulter berühren. Ich stieß mit aller Kraft, die noch in meinem Körper vorhanden war, einen Schrei aus, worauf Abel und meine Mutter in mein Zimmer stürmten und mich weckten. Der schwarze Mann war fort. Nichts in dem Raum erinnerte an seine einstige Anwesenheit. Meine Familie versuchte mir zu erklären, ich hätte nur einen Albtraum gehabt. Sie meinten, ich wäre krank und fantasiere. Ich wusste allerdings, dass dem nicht so war.

Am nächsten Tag war ich schon fast wieder die Alte. Mein Fieber sank und es kostete meine Mutter große Anstrengung, mich im Bett zu halten. Ich war voller Tatendrang und quietschfidel, wie ein Vogel, der endlich wieder fliegen konnte.

Ich war auf dem Weg der Besserung und schon bald wieder völlig gesund, doch bin ich mir sicher, dass, wenn ich nicht meine letzte Kraft dafür aufgebracht hätte, nach Abel und Mutter zu rufen, ich nicht mehr unter den Lebenden weilen würde.

Copyright © 2010 by Michael Cole

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