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Schattengrenzen 1: Glasseelen

Einerseits umschreibt der Begriff Schattengrenzen den Bereich zwischen schnöder Realität und dem Unerklärlichen, wobei die Bezeichnung nicht allzu plakativ genommen werden sollte. Was tun wir als unerklärlich ab? In vielen Fällen können wir bereits menschliche Handlungen nicht nachvollziehen, insbesondere wenn sie mit Gewalt oder an Wahnsinn grenzenden einhergehen. Schattengrenzen sind der blanke menschliche Horror, das Schlimmste, zu dem ein Geist fähig sein kann.
Andererseits umschreibt eine Schattengrenze den Grat zwischen dieser Welt und einer unheimlichen Ebene, jenseits des Lebens.
Für die Reihe Schattengrenzen treffen beide Versionen zu: der reale, wie auch der irreale Horror.
Im Zentrum der Handlung stehen Camilla und ihr fünf Jahre jüngerer Cousin Oliver. Beide sind neugierig und fantasievoll. Beiden haftet der Fluch an, das Böse anzuziehen. Sie verfügen über besondere Fähigkeiten, die sie vollkommen unbewusst einsetzen.

Aus einer Denksportaufgabe und die Erinnerung an eine Episode aus ihren Kinderjahren heraus entstand die Idee von Schattengrenzen. In Dokumenten und Veröffentlichungen zur Berliner Geschichte, zum Pergamon Museum und auf der Internetplattform des Berliner Unterwelten e.V., die Gesellschaft zur Erforschung und Dokumentation unterirdischer Bauten fand die Autorin Tanja Meurer den passenden historischen Hintergrund für ihren Debütroman.

Das Buch

Tanja Meurer
Schattengrenzen 1
Glasseelen
Mystery-Thriller
Taschenbuch
at Bookshouse Ltd., Pano Akourdaleia, Zypern
Januar 2013
512 Seiten, 15,99 Euro
ISBN: 9789963722402

Kurzinhalt:
Für die 19-jährige Camilla und ihre Freundin Theresa endet ein Museumsausflug mit einem Schock. Ein Mann stürzt sich vor ihren Füßen zu Tode. Seine Augen lösen sich in Staub auf, aus seiner Hand rollen blutige Augäpfel. Steht der Suizid in Zusammenhang mit einem wahnsinnigen Mörder, der sein Unwesen in Berlin treibt? Bereits mehrere junge Frauen sind ihm zum Opfer gefallen. Die verstümmelten Leichen verbindet ein grausiges Merkmal: herausgeschnittene Augen. Obwohl sich Camilla und Theresa unter der Betreuung einer Psychotherapeutin und der Polizei in Sicherheit wähnen, nimmt der Serienkiller sie ins Visier. Von Panik getrieben gerät Camilla in die Unterwelt der Hauptstadt und stößt auf rätselhafte Menschen. Können der greise Amadeo oder der attraktive Chris sie vor ihrem fanatischen Verfolger retten? Mit dem Namen »Sandmann« gibt Chris ihr einen entscheidenden Hinweis, doch der Killer ist nicht leicht zu überlisten. Um seinen Attacken zu entkommen, muss sich Camilla nicht nur ihrem Peiniger stellen. Sie entdeckt eine übersinnliche Fähigkeit, die vielleicht besser im Verborgenen geblieben wäre …

Die Autorin

Tanja Meurer, geboren 1973, in Wiesbaden, ist gelernte Bauzeichnerin aus dem Hochbau, arbeitet seit 2001 in bauverwandten Berufen und ist seit 2004 bei einem französischen Großkonzern als Dokumentationsassistenz beschäftigt. Nebenberuflich arbeitet sie als Autor und Illustrator für verschiedene Verlage.

Tanja Meurer über sich selbst:

Als Tochter einer Grafikerin und Malerin blieb es nicht aus, dass ich schon sehr früh mit Kunst in Berührung kam, weshalb ich auch seit 1997 nebenberuflich als Illustratorin arbeite.

Seit meiner Kinderzeit schreibe ich auch. Während der Schulzeit habe ich das erste Mal eine Geschichte für den Verkauf in der Schule auf dem PC geschrieben.

1997 erschien die erste Kurzgeschichte in einem Fantasy-Magazin und vier Jahre später weitere.

2007, 2009, 2010, 2011, 2012 und 2013 gewann ich diverse Ausschreibungen, wobei die Kurzgeschichten und -romane bei Kleinverlagen erschienen.

2013 kam mein Debütroman Glasseelen aus der Mystery-Reihe Schattengrenzen heraus.

Besonders liebe ich die Genre Mystery, Steampunk, Horror und Fantasy, die sich in all meinen Büchern wiederfinden.

Mehr über Tanja Meurer findet ihr unter: www.tanja-meurer.de

Leseprobe

Kapitel 1 Staubaugen

Als sein Schädel auf dem Boden aufschlug und ein Rinnsal hellen Blutes um die Spitze ihres Turnschuhs lief, hörte die Welt für einen Moment auf zu atmen. Camilla starrte auf den Mann, der sich vor ihren Füßen zu Tode gestürzt hatte. Sein aufgedunsenes Gesicht verfärbte sich langsam blauviolett. Äderchen traten an Stirn und Schläfen hervor. Über seine halb offenen Lippen quollen Blut und Speichel, seine gebrochenen Glieder standen grotesk ab. Knochen stachen durch den Stoff von Jeans und T-Shirt.

Camilla hätte nie gedacht, dass jemand so wenig blutete, wenn er von einem Dach sprang. Sie betrachtete den Toten aus einer eigenartig fernen Perspektive. Als läge er nicht zerschmettert zu ihren Füßen, sondern als liefe ein Film vor ihr ab. Vielleicht lag es an der Stille, an diesem Fehlen jedweden Lautes.

Die Hände in den Taschen ihrer Jacke vergraben, die Finger um irgendetwas verkrampft, beobachtete sie, wie sein Blut unter ihre Schuhe rann und den Saum ihrer Cordhose durchtränkte. Erst nach einer Weile trat sie einen Schritt zur Seite.

Die Augen des Toten, die in den wolkenlosen Sommerhimmel starrten, fesselten ihre Aufmerksamkeit. In dem intensiven Blau glitzerten Sonnenstrahlen. Etwas rollte aus den Fingern seiner linken Hand. Camilla fuhr zusammen. Eisige Kälte kroch ihre Wirbelsäule herauf und legte sich erstickend um ihr Herz.

Zwei blutige Kugeln, an denen feine, feuchte Nervenstränge hingen, blieben unweit der verdrehten Schulter neben seinem Gesicht liegen. Unter den klebrig roten Schlieren und dem Straßenschmutz stachen hellblaue Iris hervor.

Eine Woge Grauen überflutete Camilla und drohte, ihren Verstand mit sich zu reißen. Sie biss sich auf die Unterlippe und den Piercingring. Der kurze, stechende Schmerz half, die aufkommende Panik zu dämpfen.

Sie schluckte einen Kloß im Hals hinunter, dennoch blieb die Angst. Ihr Magen rebellierte, ihre Knie waren kaum noch in der Lage, sie zu halten.

Kontrolliert atmete sie ein und aus, bis der Boden unter ihren Füßen wieder stillstand. Etwas hatte sich verändert. Der Himmel spiegelte sich nicht mehr in den toten Augen. Sie wurden stumpf und verloren alle Farbe, bis sie wie graubraune Erdklumpen aussahen. Ein Stück bröckelte daraus ab.

Wie paralysiert fixierte Camilla die Steinklumpen in den Höhlen, die zu grauem Sand und Staub zerfielen. Wind kam auf und wehte ihn davon. Von einem Herzschlag auf den anderen erwachte die Welt um sie zu neuem Leben. Menschen schrien und rannten über den Museumsvorplatz. Der Straßenlärm überrollte Camilla mit unsäglicher Gewalt und in einer Geschwindigkeit, als raste die Zeit, um ihren Takt wieder einzuholen.

Camilla presste die Hände gegen die Ohren. Theresas Nägel krallten sich in ihren Arm, durchdrangen den Stoff der Jacke und des T-Shirts darunter, aber der Schmerz war nicht in der Lage, den Bann zu brechen. Ihre Freundin riss sie von dem Toten fort.

Sie stolperte zwei, drei Schritte rückwärts. Ihr Blick folgte den blutigen Abdrücken ihrer Schuhsohlen auf dem Boden; heftete sich erneut an die Leiche. Schaulustige drängten sich vor, suchten aber eilig das Weite, als sich entfernt Martinshörner in den Lärm der Umwelt mischten.

Camilla fokussierte den Mann immer wieder. Träumte sie? Erneut kroch Kälte in ihren Körper. Die leeren Augenhöhlen und die beiden blutigen Kugeln sandten ihr Schauder bis in die Zehenspitzen. Was für ein kranker Albtraum war das? Sie zwang sich, das Gesicht nicht länger anzustarren, doch ihre Aufmerksamkeit kehrte immer wieder zurück, registrierte jedes Detail. Seine Rechte hielt krampfhaft ein altes Fernrohr umklammert. Für einen Moment glaubte sie zu wissen, was es damit auf sich hatte, aber bevor sie den Gedanken ergreifen konnte, entglitt er ihr und hinterließ eine nebulöse Leere, die sie nicht zu füllen in der Lage war.

Theresa begann zu würgen und der unheimliche Bann brach. Hilflos hielt sie die Schultern ihrer Freundin umfasst, während diese sich übergab. Tränen rannen über Theresas Wangen und zogen feuchte Spuren über ihre bleiche Haut. Ihre außergewöhnlichen, zweifarbigen Augen wirkten entzündet und die schweren Lider verquollen. Sie zitterte am ganzen Leib. Feine Schweißperlen bedeckten ihre Haut und verklebten die kurzen blonden Haare auf ihrer Stirn. An den Lippen hingen noch Tropfen von Erbrochenem.

Theresas Knie knickten ein. Camilla konnte gerade noch zugreifen, bevor sie auf dem Boden aufschlug. Sie stützte ihre zierliche Freundin und führte sie zu einer Bank, ließ sie Platz nehmen und suchte in ihrer Jacke nach Taschentüchern. Das war es, was sie zuvor umklammert hatte. Die Taschentücher und die Geldbörse. Diese Erkenntnis erschien ihr plötzlich absurd in Anbetracht der Situation. Was in ihrem Kopf war so kaputt, dass sie keine Gefühlsregungen feststellte außer der Sorge um Theresa und schwachem Entsetzen? Ihr Verstand arbeitete viel zu genau und ihr Herz raste nicht annähernd so, wie sie es manchmal in ihren Albträumen spürte.

Der Geruch nach Säure und halb verdautem Frühstück stieg ihr in die Nase. Das Erbrochene war zu viel für ihren Magen. Sie versuchte, so wenig wie möglich zu atmen, als sie Theresa die Magensäuretropfen von den Lippen tupfte. Ihr wurde schlecht, doch als sie das Taschentuch ein Stück von sich auf den Boden warf, fing sie sich wieder. Sie ließ sich vor ihrer Freundin in die Hocke sinken und ergriff ihre Hände. Trotz der morgendlichen Julihitze fühlten sie sich an wie die einer Toten. Aus weit aufgerissenen Augen starrte Theresa durch sie hindurch. Der Anblick der blauen und der braunen Iris wirkte leicht verwirrend. Angst hatte sie dunkel gefärbt. Unwillkürlich fragte sich Camilla, was Theresa gesehen hatte? Das Gleiche wie sie?

Langsam kroch ein Hauch des Grauens in ihr Herz. Sie fror entsetzlich. Ihre Hände flatterten. Aber sie empfand nichts, es waren Theresas Gefühle, die sie in sich aufnahm.

Sie fürchtete sich vor dem Augenblick, in dem sie von all den Emotionen überschwemmt würde, die sie bislang erfolgreich verdrängte. Doch im Moment konnte sie nichts weiter tun, als für Theresa da zu sein und alle Stärke aufzubringen, zu der sie in der Lage war. Nur wie lange hielt sie das durch?

Jenseits der Spreegabelung und der Museumsbrücke hielten Krankenwagen und Polizei. Sanitäter mit Bahre und Zinksarg überquerten den Steg und kamen die Stufen herauf, während uniformierte Polizisten Schaulustige zur Seite trieben.

Camillas Gedanken kreisten um den Selbstmörder. Warum war er gesprungen?

Ihr Blick schweifte über den Museumsvorplatz und über das ameisenartige Gewusel von Männern und Frauen in Uniformen. Weitere Fragen erwachten. Von welcher Stelle war er gesprungen? Über dem Haupteingang gab es aus ihrer Perspektive keine Möglichkeit, das Flachdach zu betreten. Möglicherweise irrte sie sich und er hatte den Sprung von ganz oben geschafft. Aber dann hätte er auf dem Vordach des Eingangs aufschlagen müssen, was ihm vermutlich schon im Vorfeld alle Knochen gebrochen hätte. Ihre Fantasie reichte mit Leichtigkeit aus, sich vorzustellen, wie er dann ausgesehen hätte. War er möglicherweise gestoßen worden?

Die morbiden Gedanken faszinierten sie ebenso sehr, wie sie ihr Angst einjagten. Über mangelnde und kranke Fantasie konnte sie sich nicht beklagen. Schließlich war sie in ihrer Kunstklasse als abartig und ein wenig verrückt verschrien, aber es gab eine Grenze zwischen Vorstellung und Wirklichkeit.

Es war keine Einbildung gewesen, wie die Augen des Toten zu Sand zerfallen waren, etwas, das zwar in Filmen und Büchern geschah, auch in den Comics, die sie zeichnete, aber nicht in der Realität. Theresa musste dieses Detail erst recht aufgefallen sein. Sie konnte seltsame Phänomene sehen und deuten.

Seit ihrer Kindergartenzeit schweißte diese Fähigkeit sie eng aneinander. Nur war Theresa immer diejenige, die dem Übernatürlichen offener gegenüberstand als sie. Umso schlimmer hatte sie das Erlebnis getroffen. Theresa sah furchtbar aus.

Ein weiterer Schauder lief ihr über den Rücken, während sich die erste gemeinsame Begegnung mit dem Übersinnlichen in ihre Gedanken schob. Damals waren sie noch kleine Mädchen, besuchten nicht einmal die Grundschule.

Theresas Eltern hatten ein altes Gehöft im Taunus gekauft, um dem Trubel der Frankfurter Innenstadt zu entrinnen. Der erste Besuch bei Theresa hatte sich nachhaltig in ihre Seele gefressen. Theresas Eltern feierten in dem ehemaligen Stall, der zur Galerie umgebaut worden war, während sie sich von ihrer Freundin das Wohngebäude zeigen ließ. Theresa hatte in Worte gefasst, was Camilla dachte: »Es ist, als würde man in ein Grab steigen. Das Haus lebt.« Von der ersten Sekunde an wusste sie, dass Theresa recht hatte.

Für einen Atemzug fühlte sie die kalten, feuchten Wände wie damals, roch den schimmligen Atem des jahrhundertealten Gebäudes, der sich trotz Sanierung gehalten hatte. Camillas Fantasie erschuf Schatten, die länger wurden, sich verzerrten und ihnen auflauerten. Unsichtbare Geschöpfe starrten permanent durch die engen Fenster. Ihre Anspannung stieg mit jedem Augenblick, bis Theresa aus irgendeinem Grund herumwirbelte. In der gleichen Sekunde fiel die erste Tür am anderen Ende des Hauses zu. Der Wind konnte es nicht gewesen sein, schließlich regte sich kein Lüftchen. Einen Herzschlag später schlug die nächste Tür zu.

Etwas kam! Camilla wusste es einfach. Neben Theresa hetzte sie durch den Flur auf die Terrasse zu.

Nur raus! Hinter ihnen folgte ein unsichtbares Geschöpf.

Dumpfe, immer rascher aufeinanderfolgende Schläge begleiteten sie. Dieses Ding kam immer näher. Eine Berührung an ihrem Haar spornte sie an, sich noch mehr anzustrengen. In Windeseile durchquerten sie das Wohnzimmer. Camilla stieß die Staffelei von Theresas Mutter um, beinah wäre sie darüber gestürzt. Ihre Ängste steigerten sich zu nackter Panik. Sie schrie. Sie wollte nicht sterben, um Teil dieses Hauses zu werden.

Der Gedanke verstärkte ihre Anstrengung. Sie erreichte neben Theresa den Weg hinaus. Als die Sommerhitze sie umfing, wusste Camilla, dass sie gerettet waren. Trotz allem blieben sie nicht stehen. Erst als sie quer über den Hof gehetzt waren und die Scheune erreichten, wagten sie es, langsamer zu werden. Ihre Eltern fuhren überrascht auf, als sie hineinstolperten. Weinend warf sich Theresa in die Arme ihrer Mutter. Camilla jedoch hielt inne. Mit dem Gefühl, ihr hätte jemand auf die Schulter getippt, wirbelte sie zu dem Wohnhaus herum. Auf den Fenstern reflektierte Sonnenlicht, als zwinkerte ihr das Gebäude zu.

Das alte Haus war ihre erste Begegnung mit dem Übernatürlichen – und obwohl Theresa und sie sich damals beinah in die Hosen gemacht hatten, wünschte sie, das Erlebte von heute auf der Stelle gegen die Erinnerung zu tauschen.

Als sie älter waren, hatten sie manchmal über ihre Panikattacke gelacht. Über die toten, zerbröckelnden Augen des Mannes würde sie niemals lachen.

Theresa rieb zitternd die Beine unter ihrem Rock gegeneinander. Camilla zog ihre Jacke aus, legte sie um Theresas Schultern und fing einen dankbaren Blick auf. Sie entspannte sich etwas. Theresa kehrte zumindest einen Schritt weit aus ihren Albträumen zurück.

»Der Aufschlag muss heftig gewesen sein, wenn er ihm sogar die Augen rausgerissen hat.«

Ihre Nackenhaare stellten sich auf. Sie wandte den Kopf dem Mann zu, der gesprochen hatte. Er sah recht jung aus und trug weder Uniform noch die typische Weste des Rettungsdienstes.

Einer der Sanitäter runzelte die Stirn. »Bei der Polizei müssen wohl Pietätlosigkeit und seltsamer Humor normal sein, wie?« In seiner Stimme schwang ein abfälliger Ton.

Der Angesprochene zuckte mit den Schultern und überging den Kommentar. »Die Spurensicherung muss noch Bilder machen. Dann könnt ihr ihn mitnehmen.«

Camilla sah Theresa an, die das Gesicht wieder in ihren Händen verborgen hielt. »Geht es?«, fragte sie leise.

Ihre Freundin schluchzte auf, zwang aber die Tränen zurück und nickte tapfer. Sie ließ die Hände sinken.

Camilla schlang beide Arme um Theresas Oberkörper, während diese den Kopf an ihrem Hals vergrub. Sie zitterte am ganzen Leib. Behutsam wickelte Camilla ihre Kapuzenjacke um Theresa. Das Beben ging ihr durch Mark und Bein. Die Tränen ihrer Freundin benetzten ihr T-Shirt. Sie schmiegte hilflos ihre Wange an Theresas zerzaustes Haar.

»Wo sind die Mädchen, die den Mann haben springen sehen?«

Sie fuhr zusammen. Ihre erste Intention war es, Theresa an der Hand zu packen und mit ihr wegzulaufen. Aber was hätte das gebracht?

Theresas Augen glitzerten dunkel und feucht. »Bitte nicht«, flüsterte sie fast tonlos.

Auch Camilla wollte nicht mit den Polizisten reden, nicht alles noch einmal durchleben. Dennoch hob sie schwach die Hand.

»Hier«, sagte sie, wobei sie hoffte, dass der Straßenlärm und die nahende S-Bahn ihre Stimme verschlucken würden. Aber der Zivilpolizist schien gute Ohren zu besitzen, denn er fasste sie sofort in den Fokus.

Die Art, wie er sie ansah und besonders Theresa fixierte, gefiel Camilla nicht. Sein starrer Blick und die kalten blauen Augen machten sein Gesicht unerträglich, auch wenn er sonst glatt, hübsch und freundlich aussah. Aufmunternd lächelte er. Das Verziehen der Lippen verlieh ihm noch mehr den Ausdruck einer männlichen Barbiepuppe. Langsam kam er näher und blieb in einer für Camilla zu geringen Distanz stehen. Als er sich zu ihr neigte, nahm sie sein herbes Aftershave wahr, das sich mit dem Geruch nach kaltem Zigarettenrauch und schalem Kaffee vermischte. Ihr Körper reagierte mit Übelkeit. Unwillkürlich rutschte sie zurück, so weit es ihr mit Theresa im Arm gelang.

Er schien die Bewegung nicht zu registrieren und neigte sich noch weiter herab. »Ich brauche eure Zeugenaussagen, ihr beiden Hübschen.«

 

Ein Zivilfahrzeug der Polizei brachte sie in die Charité und eine Stationsschwester wies ihnen ein freundliches, helles Zimmer zu. Schnittblumen standen auf dem Fensterbrett und dem Esstisch gegenüber den beiden Betten. Durch die hohen Fenster schien Sonne, erwärmte die Luft und malte Muster von den Blättern der Bäume auf den Boden. In den grün-goldenen Strahlen tanzten Staubkörnchen und legten sich wie eine feine Decke über den intensiv blauen PVC. Es roch nach Reinigungs- und Desinfektionsmitteln, aber auch nach Blumen und Obst, die sich auf einem Sideboard befanden. Der Ort strahlte in dem mittäglichen Sommerlicht einen tröstlichen Frieden aus.

Camilla saß auf der Bettkante und beobachtete das Lichtspiel, das der Wind erzeugte, wenn er draußen durch die Bäume strich. Ihre Überlegungen verloren sich irgendwo zwischen Staub und feinen Sandkörnern, die von Böen davongetragen wurden …

Unwillkürlich schauderte sie. Das Bild der Augen, die sich zersetzten, ließ sie nicht los, verfolgte sie bis in diesen sonnigen, ruhigen Raum. Der Gedanke bereitete ihr körperliches Unbehagen. Wie zur Abwehr zog sie die Beine an und umschlang sie. Es dauerte, bis sie begriff, dass Theresas Blick in ihren Rücken stach. Sie verspürte das widersinnige Gefühl, ertappt worden zu sein. Schnell wandte sie den Kopf, bis sie ihre Freundin sehen konnte, die sich in dem Bett hinter ihrem zusammengerollt und die dünne, weiße Decke bis zu den Augen hochgezogen hatte. Sie sah fast aus wie eine Leiche.

Das Grauen entsprang Camillas eigener Fantasie.

»Was denkst du?«, fragte Theresa sehr leise. Ihre Stimme klang brüchig und zitterte noch immer.

»Ich weiß nicht recht«, antwortete Camilla. Sie wollte Theresa nichts von ihrer Horrorvision erzählen.

»Das ist seltsam«, flüsterte Theresa. »Sonst hast du auf alle Fragen eine Antwort.«

Camilla wünschte sich nichts sehnlicher als eine Möglichkeit, sich aus dem Raum zu stehlen, fort von Theresas unangenehmer Frage. Aber sie konnte nicht fort. Ihre Freundin allein zu lassen wäre unmöglich. Sie waren in fremder Umgebung und hatten nur einander.

Mühsam sammelte sie sich und rappelte sich auf. Ihre Beine waren im Weg. Als sie endlich halbwegs bequem saß, begegnete ihr Theresas Blick mit unverhohlenem Unverständnis.

Camilla griff nach ihrem Kopftuch und zog es sich aus den Haaren. Wenn sie ihre Finger schon nicht mit Stift und Block beschäftigen konnte, musste sie zumindest mit ihrer langen Mähne spielen.

»Hast du die Augen gesehen?« Ihre Stimme klang zu schrill.

Anscheinend registrierte Theresa die Tonlage nicht. Sie schob die Decke etwas hinab, sodass Camilla ihr Gesicht sehen konnte.

»Ja, habe ich. Diese blutigen Pupillen, die er sich aus dem Schädel geschlagen hat …« Sie wand sich und würgte.

Offenbar hatte Theresa nichts von dem Phänomen bemerkt. Wenn sie davon erzählte, würde sie Theresa noch mehr verunsichern oder ihr neue Ängste bereiten. Nachdenklich wickelte Camilla einige Haarsträhnen um ihr Handgelenk.

Theresas auffordernder Blick bedrängte sie. Es fühlte sich unangenehm an.

Was wollte sie? Camillas Wahrheit?

Möglicherweise war es sogar eine gute Idee, darüber zu sprechen. Vielleicht konnte Theresa ihr sagen, was dieses Phänomen bedeutete. Normalerweise fand sie immer eine Antwort auf solche unerklärlichen Vorkommnisse.

Camilla sog die Unterlippe ein und lutschte einige Sekunden lang an ihrem Piercing, bevor sie den Mut fand, Theresa von ihrer Beobachtung zu berichten. Währenddessen fixierte sie ihre Freundin genau, immer bereit, sofort abzubrechen, wenn ein Anzeichen darauf hindeutete, dass sie ihr zu große Angst einjagte.

Theresas Mimik änderte sich nicht, nur ihre ausdrucksstarken, großen Augen sprachen unverwandt, auch wenn Camilla nicht einschätzen konnte, was sie dachte. Bleierne Stille senkte sich über den Raum.

»Was denkst du denn?«, fragte Camilla schließlich angespannt.

Theresa seufzte und zog die Decke wieder höher. »Während du hinabgeschaut hast, habe ich hochgesehen.« Ihre Stimme bebte. Theresas Augen weiteten sich in stummem Grauen. Sie schlug die Hände vor das Gesicht und rollte sich unter der Decke zu einer Kugel zusammen. »In meinem ganzen Leben habe ich nichts Entsetzlicheres gesehen.« Sie keuchte. »Der Mann auf dem Dach! Dieses unglaubliche Monster!«

Camillas Nackenhaar sträubte sich, als wäre es um einige Grad kälter geworden. Die tanzenden Schatten auf dem Boden wirkten plötzlich nicht mehr harmonisch und beruhigend, sondern erinnerten an tausend krabbelnde Käfer.

»Wovon redest du?«

Ihr Herz raste. Das, was Theresa gesehen hatte, musste viel unheimlicher sein, als sie es erahnte.

Ihre Freundin schwieg.

»Du meinst den Selbstmörder?«

Schwach schüttelte Theresa den Kopf.

Kälte rann durch Camillas Adern. Das Bild von dem zerschmetterten Kopf und den Knochen bekam eine neue Bedeutung. Die Vermutung, dass es sich um einen Mord handeln könnte, war ihr bereits im Ansatz durch den Kopf gegangen.

»Was war das für ein Mann?«, fragte Camilla atemlos.

Theresa sah sie aus schreckgeweiteten Augen an und rollte sich auf die ihr abgewandte Seite. »Ich will nicht davon sprechen.«

Warum forderte Theresa sie überhaupt auf, mit ihr zu reden? »Was soll das denn jetzt?« Der scharfe Tonfall tat ihr augenblicklich leid. Sie wusste zu gut, dass sie nicht normal reagierte.

Camilla war fast froh darüber, als eine Frau den Raum betrat. Sie war schlank, beinah hager, mittleren Alters und strahlte Ruhe und Selbstsicherheit aus.

»Melanie Wallraf«, stellte sie sich vor. Sie reichte Camilla die Hand. »Ich bin Psychotherapeutin und Ihre betreuende Ärztin. Wer von Ihnen ist Theresa und wer Camilla?«

Theresa setzte sich auf, doch sie schwieg.

»Ich bin Camilla Hofmann und das ist Theresa Mielke.«

Dr. Wallraf nickte Theresa lächelnd zu. »Herr Grimm, der Polizist, der Ihre Zeugenaussagen noch aufnehmen muss, hat bereits Ihre Eltern informiert.«

Dieses Ekel von der Museumsinsel.

»Wann?« Weder ihre noch Theresas Eltern hatten bislang den Versuch unternommen, auf dem Handy anzurufen.

»Das kann ich Ihnen nicht sagen«, entgegnete Frau Wallraf.

Camilla konnte den Impuls nicht unterdrücken, das Telefon aus der Hosentasche zu ziehen und enttäuscht zur Seite zu legen, als sie das leere Display sah. Sie behielt es in Sichtweite. Sollte sich bis fünfzehn Uhr nichts getan haben, wollte sie sich bei ihrer Familie melden. Obwohl die Bindung nicht die stärkste war, fühlte sie sich hilflos. Die Nähe ihrer Eltern würde guttun.

»Sie kommen nicht aus Berlin, oder?« Die Psychotherapeutin bemühte sich, auch Theresa per Blickkontakt in das Gespräch einzubeziehen, aber das Schweigen verdeutlichte, dass Theresa sich in ihre eigene Welt zurückgezogen hatte.

»Wir wollten Urlaub machen«, sagte Camilla leise. »Zwei Wochen Berlin, um uns vom Abi zu erholen.« Sie biss sich auf die Unterlippe. Nach den Ferien würde ihr Studium beginnen. Das letzte Schuljahr war die Hölle gewesen. Neben der Lernerei für das Abitur arbeitete sie verbissen an ihren beiden Mappen, mit denen sie sich bei verschiedenen Universitäten für Kunst beworben hatte.

Ihr heimlicher Traum, ein Stipendium im Städel in Frankfurt zu bekommen, hatte sich leider nicht erfüllt. Zugegebenermaßen hielt sie sich auch nicht für gut genug, um eine der erwählten 200 Studenten zu werden, die sich die Dozenten unter allen Bewerbern weltweit aussuchten.

War das überhaupt noch wichtig? Camilla rieb sich die Schläfen. Jetzt erhielt der Gedanke einen schalen Beigeschmack. Alles hatte sich verändert. Sogar die Freundschaft zu Theresa schien nicht mehr die Gleiche zu sein. Ein seltsames Gefühl von Unverständnis, das sie zwischen ihnen nicht kannte, hatte sich eingeschlichen. Nicht einmal in der Geborgenheit ihres Zimmers konnten sie sich verstecken. Die Polizei erwartete eine Aussage und würde sie nicht so schnell fortlassen.

Wenn ihre Eltern nicht kamen, würden sie in ihre unpersönliche Jugendherberge zurückkehren und waren diesem Moloch von Stadt schutzlos ausgesetzt. Gegen Berlin wirkte Frankfurt wie ein Dorf.

»Sagen Sie ruhig, was Sie denken.«

Camilla ignorierte die Worte der Ärztin. Sollte sie doch glauben, dass sie verstockt war. Schließlich gab Frau Dr. Wallraf auf und wandte sich zur Tür.

»Kommen Sie beide bitte mit. Herr Grimm erwartet Sie.«

Theresa ging neben ihr über den Flur und hielt den Blick gesenkt. Ihre Hände berührten sich fast. Irgendwann ergriff Camilla die Finger ihrer Freundin und drückte sie. Etwas von ihrer Wärme floss zu Theresa über.

Frau Wallraf führte sie durch ein kleines, ordentliches Sekretariat, in dem eine rundliche Frau unschätzbaren Alters einen mit blauem Stoff bezogenen Ordner füllte. Die Assistentin hielt Doktor Wallraf die Unterschriftenmappe entgegen. »Wichtig!«, merkte sie an.

Im Vorbeigehen nahm die Ärztin die Mappe an sich, ging voran und ließ Camilla und Theresa in ihr Büro treten. Der großzügig eingerichtete, angenehme Raum roch nach altem Leder. Er wirkte ähnlich hell und freundlich wie das Zimmer, in dem sie untergebracht waren, nur weitaus eleganter. Die Atmosphäre erinnerte an Edgar Wallace Filme, allein durch die Tür mit einer genieteten, grünen Lederpolsterung.

In den Besuchersesseln neben einem ausladenden Bürotisch saßen zwei Männer. Grimm hielt die Arme vor der Brust verschränkt und wirkte entspannt. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn und er blinzelte gegen die Sonne. Sein ebenmäßiges, hübsches Gesicht war ihr bereits bei der ersten Begegnung aufgefallen. Er konnte kaum mehr als zehn Jahre älter sein als sie. Camilla betrachtete ihn nachdenklich. Er erinnerte nicht mehr an einen »Ken«, dennoch wirkte er seltsam oberflächlich und künstlich. Doch das dachte sie von vielen Männern, die aussahen, als wären sie Werbemodelle für Unterwäsche oder Kosmetikprodukte. Wenn sie ihn jetzt betrachtete, konnte sie ihren Abscheu von vorhin nicht mehr ganz nachvollziehen.

Aber die Vorsicht wollte sie dennoch nicht fallen lassen. Vielleicht, dachte sie, ist es nicht immer gut, nach dem ersten Eindruck zu urteilen.

Er erhob sich und begrüßte die Ärztin, die ihm ihre Hand sofort wieder entzog. Umso herzlicher widmete sie sich dem älteren Beamten. In ihren Augen glomm sogar ein warmes Lächeln auf.

Grimm reichte auch Theresa die Hand und betrachtete ihre hübsche, wohlgeformte Freundin eine Sekunde zu lang und zu eingehend. Camilla entzog ihm die soeben gewonnenen Sympathiepunkte.

Ähnlich wie zuvor Theresas drückte Grimm auch ihre Hand. Er musterte sie. Plötzlich glaubte sie, seinen bohrenden Blick bis in ihre Gedanken zu spüren, als würde sein Bewusstsein in sie eindringen. Es fühlte sich nicht brutal an, aber dennoch roh und lüstern.

Das unheimliche Bild der Augen des Toten legte sich über seine.

Ihr lief ein Schauder über den Rücken, als seine Pupillen ebenfalls zu Staub zerfielen.

Die Vision verschwand. Camilla presste die Linke auf ihren Magen. Ihre Knie zitterten. Sie musste alle Selbstbeherrschung aufwenden, um nicht loszuheulen.

»Hauptkommissar Weißhaupt«, stellte sich der zweite Zivilbeamte vor. »Andreas Grimm kennen Sie ja bereits.«

Sie löste ihre Finger aus Grimms und versuchte, Weißhaupt einzuschätzen. Seine Größe wirkte beeindruckend. Er schien mittleren Alters zu sein, hatte ein rundes Gesicht und ein liebenswertes Lächeln, das sich in seinen dunklen Augen widerspiegelte. Äußerlich erinnerte er ein wenig an ihren Vater. Oberlippenbart und dunkle, millimeterkurze Haare stimmten ebenso überein wie die breiten Schultern und sein etwas zu runder Bauch. Das, was dem jungen Grimm fehlte, war in dem älteren Weißhaupt zur Genüge vertreten: Menschlichkeit und Wärme.

Und, fügte sie ihren Überlegungen hinzu, eine ganz und gar unmagische Aura.

»Dürfen wir Ihr Büro nutzen?«, fragte der Kommissar an Frau Wallraf gewandt.

Sie nickte. »Aber Sie verstehen sicher, dass ich meine Patientinnen nicht allein lasse.«

Weißhaupt lächelte. »Davon bin ich ausgegangen, Frau Doktor.« Er deutete auf die lederne Sitzgruppe neben der Tür.

Theresa zögerte.

»Alles in Ordnung?«, fragte Camilla leise.

Ihre Freundin nickte und setzte sich dicht neben Camilla, sodass sich ihre Beine berührten. Camilla ergriff Theresas Hand. Der leichte Gegendruck zeigte Dankbarkeit.

Weißhaupt nahm ein Tonbandgerät aus seiner Weste. Er nannte Aktenzeichen und Zeugennamen und legte es auf den Glastisch.

»Ich muss Ihnen Fragen stellen, die nicht angenehm sein werden. Wenn es Ihnen zu viel werden sollte, geben Sie mir bitte ein Zeichen. Wie Sie wissen, geht es um einen mutmaßlichen Selbstmord.«

Wenn Theresa recht hatte – und dessen war sie sich sicher – verbarg sich mehr dahinter.

Ihr fiel auf, dass Grimm sie beobachtete. Seine hellen Augen wirkten glasig, als wäre er nicht bei sich. Ein erdrückendes Bewusstsein füllte den Raum mit seiner bösen Präsenz. Die Härchen an Camillas Armen richteten sich wieder auf. Theresas Griff wurde fester, schmerzhaft. Der Druck rieb die Knochen ihrer Hand gegeneinander. Ihre Nägel bohrten sich scharf in Camillas Haut.

Grimm hatte etwas Lauerndes an sich. Camilla zwang sich zu anderen Gedanken, bevor ihre Fantasie endgültig mit ihr durchging.

»Keine Angst«, sagte Weißhaupt gutmütig, »Sie sind im Urlaub, richtig?«

Theresa nickte.

»Aus Hessen?«

»Frankfurt am Main.« Camilla fuhr ihren Ausschnitt entlang und zupfte am Rand ihres T-Shirts. Grimms Anwesenheit gab ihr das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.

Weißhaupt lächelte. »Meine Tochter ist gerade im Taunus unterwegs.«

Pflichtschuldig lächelte Camilla. Das Verziehen der Lippen fiel ihr immer schwerer. Grimms Blicke stachen in ihre Brust. Genau wie sich der Druck von Theresas Hand steigerte, verstärkte sich der Gedanke, zu ersticken. Wie durch dichten Nebel hörte sie Weißhaupts Stimme. Die Worte sickerten zäh in ihren Verstand.

»Dann kannten Sie sicher den Mann auch nicht, oder?«

Camilla schüttelte den Kopf. Leise hörte sie Theresa verneinen. Ein unfreiwilliges Stöhnen entrang sich ihrer Kehle.

Frau Wallraf packte Camillas Schulter. »Alles okay, Camilla?”

Plötzlich ließ der strangulierende Druck nach und sie konnte wieder frei atmen. Sie sog gierig nach Luft und fühlte sich, als wäre sie einen Marathon gelaufen. Ihr Herz und die Lungen hatten sich zusammengekrampft und entspannten sich endlich, wenn auch sehr schmerzhaft.

»Also beide nicht.« Weißhaupt straffte sich. »Niemand war so dicht an dem Selbstmörder wie ihr. Er ist euch praktisch vor die Füße gesprungen.«

Theresa saß blass wie eine Tote da und zitterte zunehmend. Vielleicht fühlte sie sich von Grimms Blicken bedrängt, aber wahrscheinlicher war, dass sie alles noch einmal vor sich sah.

Frau Wallrafs Blick verdüsterte sich. Sie sah aus wie ein Panther vor dem Sprung, ihre Mimik drückte höchste Anspannung und Sorge um Theresa aus. Die seltsame Stimmung im Raum entging auch Weißhaupt nicht. Er tauschte einen Blick mit der Ärztin.

»Geht es, Theresa?«, fragte sie und legte ihr sanft die Hände auf die Schultern. Ruhe strahlte von der Ärztin aus. Fast schien sie Theresa gegen die Angriffe abschirmen zu können.

Theresa atmete mehrfach kontrolliert und schloss die Augen. Sie nickte. Ihr Griff um Camillas Finger lockerte sich und hinterließ ein Brennen an den Stellen, in die sie zuvor ihre Nägel gekrallt hatte.

Weißhaupt räusperte sich. »Möchten Sie etwas trinken?«

Camilla hatte eigentlich brennenden Durst, aber sie wollte das alles so schnell wie möglich hinter sich bringen. Auch Theresa schüttelte den Kopf.

»Gut, machen wir weiter.« Weißhaupt senkte die Lider. Er grübelte offensichtlich. Als er erneut sprach, hatte sich seine Tonlage geändert. »Haben Sie gesehen, wie er gesprungen ist?«

Theresa antwortete dieses Mal vor Camilla. »Er war plötzlich in unserem Sichtfeld und schlug auf. Ich habe gesehen, wie sein Kopf auf den Platten zerplatzte und breiter wurde. Seine Augen …«, sie würgte und presste beide Hände gegen die Lippen.

Ihre Worte weckten den Moment erneut. Der dumpfe Aufschlag des Schädels, der unter der Haut zersprang, und die Adern, die in seinen Augen und seinem Gesicht platzten. Seine blasse Haut, die sich erst rot, dann blau verfärbte. Camilla erinnerte sich an Details, die sie am liebsten nie gesehen hätte. Der Aufprall hatte einige Zähne aus seinem Kiefer geschlagen. Sie sah seine Zunge, die er halb durchgebissen hatte, und die verdrehten, mehrfach gebrochenen Gliedmaßen, die durch Haut und Stoff stachen.

Alles Blut wich aus ihrem Kopf. Kälte kroch in ihren Leib, trieb für Sekunden jedes Gefühl aus ihren Gliedern. Zum ersten Mal überfiel sie das entsetzliche Grauen, das Theresa bereits die ganze Zeit ertrug.

Erst Theresas panischer Aufschrei zwang sie zurück in die Wirklichkeit. Sie befand sich nicht mehr auf der Museumsinsel, stand nicht mehr in seinem Blut. Sie saß hier, in Frau Wallrafs Büro, in Sicherheit, sofern es so etwas gab.

Theresa weinte hysterisch.

Erst jetzt wurde Camilla klar, dass sie all ihre Erinnerungen laut ausgesprochen hatte. Sie schloss ihre Freundin in die Arme. Theresa krallte sich fest, sie schien keine Luft zu bekommen, so hilflos, wie sie keuchte.

»Wir brechen ab«, befahl Frau Wallraf mit fester Stimme. »Das ist mehr als genug für die beiden.«

»Ich will heim!« Theresa schnappte nach Luft. »Ich will weg!«

»Warum rufen unsere Eltern nicht an?« Camilla erkannte mit Schrecken die Angst in ihrer eigenen Stimme.

»Ihre Eltern wollten sich umgehend auf den Weg machen«, sagte Grimm aufgesetzt mitfühlend. »Theresas Eltern konnte ich nicht erreichen. Sind sie in Urlaub?«

Camilla biss sich auf die Unterlippe. Der boshafte Unterton machte sie wahnsinnig. Aber er sagte die Wahrheit. Sie hatte in all der Panik vergessen, dass Theresas Eltern nicht zu Hause waren. Zum Glück würde ihre Familie bald da sein. Sie würde ihnen Sicherheit geben und Trost spenden, denn Theresa war für sie wie eine zweite Tochter.

»Bald sind meine Eltern da. Dann wird alles gut«, versuchte sie, Theresa zu beruhigen, obwohl sie zu spüren glaubte, dass nichts gut werden würde. Außerhalb des unüberschaubaren Spiels, das Grimm trieb, lauerte etwas auf sie, unheimlich und gewaltig. Es schien, als wäre all das erst der Anfang.

»Soll ich Ihnen ein Beruhigungsmittel geben?«, fragte die Ärztin leise.

Camilla schüttelte den Kopf.

»Sie sollten sich am besten erst mal hinlegen und versuchen, zur Ruhe zu kommen.«

Aus dem Mund der Ärztin klang der Vorschlag eher wie ein Befehl. Dankbar nahm Camilla zur Kenntnis, dass sich die Beamten schweigend der Autorität der Ärztin beugten.

 

Kapitel 2 Theresa

 

Camilla konnte nicht einschlafen. Sie starrte unverwandt das Handy an, das neben ihr auf dem Kopfkissen lag. In den vergangenen Stunden hatte sie immer wieder versucht, ihre Eltern zu erreichen. Es war wie verhext. Sie nahmen nicht ab. Nicht einmal der Anrufbeantworter lief, obwohl sie nie das Haus verließen, ohne ihn einzuschalten. Auch an das Handy ging niemand. Fast glaubte sie, ihre Versuche liefen ins Leere, und nur, um ihre Idee als Unsinn zu entlarven, rief sie über den Münzfernsprecher in der Halle bei ihrer Familie an. Ohne Erfolg. Schließlich entschied sie, darauf zu vertrauen, was Frau Wallraf gesagt hatte. Wahrscheinlich hatten ihre Eltern alles stehen und liegen gelassen und befanden sich bereits auf dem Weg.

Warum waren sie noch immer nicht hier? Fuhren sie die weite Strecke mit dem Auto? Standen sie im Stau? Wieso flogen sie nicht? Die Unsicherheit änderte sich schleichend zu Panik, die krampfhaft ihr Herz umschloss.

Sie betrachtete Theresa, die endlich Ruhe gefunden hatte und hoffentlich zum ersten Mal an diesem Tag an nichts denken musste.

Wo blieben ihre Eltern nur? Camilla rollte sich auf die Seite und zog die Beine an. Vielleicht saßen sie morgen früh hier, um sie in die Arme zu schließen, wenn sie erwachte. Der Gedanke kam ihr albern vor. Sie war schließlich kein Kind mehr und stand auf eigenen Beinen. Nur jetzt – jetzt wünschte sie sich nichts sehnlicher als ihre Familie. Ihre Sicht verschwamm, Tränen füllten ihre Augen. Sie verfluchte sich halblaut dafür. Ihre Kontaktlinsen rieben unangenehm. Schließlich nahm Camilla sie heraus. Sie blinzelte mehrfach, bis sie sich wieder im Griff zu haben glaubte.

Sie wählte erneut die Nummer ihrer Mutter. Schon nach den ersten Klingeltönen gab sie auf. Sie wusste, dass niemand abheben würde. Wut und Verzweiflung wallten auf. Es war fast Mitternacht und sie waren noch immer nicht hier! Camilla warf dem Display einen zornigen Blick zu, drückte das Handy dann aber behutsam an sich. Mit einem Gefühl von Einsamkeit und Hilflosigkeit versanken ihre Gedanken in neblig dunklen Träumen.

Der hell getünchte Flur war nur matt erleuchtet. Durch die Fenster ihres Zimmers fiel das Mondlicht schwach bis in den Gang und malte Schattenmuster auf den Boden. Die Tische und Stühle wirkten bizarr. Camilla musste sich zusammennehmen, um nicht ihrem ersten Impuls nachzugeben und sich mit Theresa im Zimmer einzuschließen.

Das war eine Nervenklinik! So hell und angenehm sie bei Tag aussah, so unheimlich mutete der alte Bau bei Nacht an.

Wo waren die Stationsschwestern? Musste nicht immer jemand da sein? Nervös sah sie in beide Richtungen des breiten Ganges. Sie erinnerte sich genau, dass sie an einem Schwesternzimmer vorübergekommen war. Sie warf einen Blick über die Schulter auf die schlafende Theresa und verharrte unschlüssig. Camilla wusste nicht einmal, warum sie aus dem Zimmer wollte, musste aber mit irgendetwas ihre Unruhe besänftigen.

Leise schloss sie die Tür hinter sich. Das Einrasten des Schlosses war nichts als ein leises Klicken, das ihr in der erdrückenden Stille wie ein Pistolenschuss vorkam. Sie blieb für Sekunden reglos stehen und hielt den Atem an, lauschte. Nichts regte sich. Sollten nicht von irgendwoher Stimmen zu hören sein, Geräusche von Bettfedern, Schnarchen? Camilla presste eine Hand gegen die Lippen. Sie wagte kaum, sich zu bewegen. Ihre nackten Füße würden Lärm verursachen und sie verraten. Würden die weißen Wände auf sie herabstürzen oder die Schatten lebendig werden, um sie zu zerreißen?

Ihr Herz raste. Unstet huschte ihr Blick hin und her. Nicht die geringste Kleinigkeit durfte ihr entgehen. Selbst die Pflanzen schienen nun bedrohlich in den Gang hineinzuragen, wurden zu tastenden, dünnen, endlos langen Fingern, die nach ihr griffen, um ihr etwas zu nehmen …

Sie wollten ihre Augen!

Angst schnürte ihr die Kehle zu. Hilflos fühlte sie sich ihrer Fantasie ausgeliefert, die eine Welt aus finstersten Albträumen spann und sie zu verschlucken drohte.

Im Augenwinkel sah sie eine Bewegung.

Ein heiserer Aufschrei entrang sich ihrer Kehle. Sie wollte herumfahren, blieb jedoch wie festgenagelt stehen. Jemand kam auf sie zu. Camilla kniff die Lider zusammen und ballte die Fäuste, darauf gefasst, dass sie um ihr Leben kämpfen musste.

Die Schuhe einer zerbrechlichen Gestalt verursachten leise Geräusche auf dem PVC. Erleichtert atmete Camilla auf.

Kein Monster!

Wenige Meter entfernt stoppten die Schritte. Im Mondlicht erkannte sie das ebenmäßig schöne Gesicht einer Frau. Ihre Makellosigkeit nahm Camilla fast den Atem. Die Fremde war klein, überaus zerbrechlich und strahlte die Grazie einer Königin aus. Seidig schwarzes Haar flutete über ihre Schultern bis zu den Knien hinab. Ihr einfaches graues Kleid wirkte konträr zu der stolzen Ausstrahlung.

Ein sonderbares Gefühl der Zugehörigkeit wischte durch ihren Kopf. Camilla wagte einige Schritte auf die Frau zu.

Die Fremde hielt die Lider gesenkt wie eine Schlafwandlerin, wandte sich um und ging wortlos den Flur entlang zum Treppenhaus. Genauso still folgte Camilla ihr auf nackten Füßen. Sie begegneten keiner Schwester, keinem Arzt oder Pfleger. Aus den Zimmern drang kein Laut.

Ihre stille Führerin stieg die Stufen hinunter. Camilla wagte nicht, auch nur ein Wort zu sagen, um das feine Band zu der Fremden nicht zu zerstören. Weshalb folgte sie ihr? Sie verstand nicht, warum. Erst recht schaffte sie es nicht, das Gefühl des Vertrauens einzuordnen, als wäre die Fremde ihr seit Jahren mit all ihren Geheimnissen wohlbekannt.

Der Gedanke irritierte sie. Camilla blieb stehen. Obwohl die Sicherheit, in der sie sich wähnte, unerschütterlich war, erkannte sie, dass etwas nicht stimmte.

In welchem Stockwerk lagen Theresa und sie? War das nicht die erste Etage gewesen?

Sie sah hinauf. Ihrem Gefühl nach stieg sie bereits seit drei oder vier Geschossen nach unten. Konnte es hier so viele Untergeschosse geben? Was wollte sie überhaupt hier?

Erst jetzt bemerkte sie die Veränderung. Die Wände bestanden nicht mehr aus dem typisch weißen Sichtputz, sondern aus gekalktem Mauerwerk. An manchen Stellen hatten sich Schimmelbeulen gebildet.

Camilla fröstelte. Das konnte nicht real sein. Sie befand sich in einer Klinik, nicht in einem Abbruchhaus.

Etwas berührte ihren Fuß.

Sie stieß einen spitzen Schrei aus und sprang zwei Stufen hinauf. Etwas Vielbeiniges mit Chitinpanzer huschte über die Steinstufen. Kleine Hornfüßchen kratzten in den Schatten über den klammen, kalten Untergrund. Camilla erschrak noch mehr, als ihre Führerin plötzlich vor ihr erschien und sie ansah. Leere, blutige Höhlen blickten ihr entgegen, hinter denen sich irgendetwas in wilder Hektik bewegte.

Ihr Herz setzte aus, bevor es mit unsäglicher Gewalt weiterhämmerte. Dann schrie sie.

 

Der Schrei begleitete sie in die Wirklichkeit. Camilla fuhr aus ihrem Traum auf und fand sich schweißnass in den dahinsiechenden Resten ihres Albtraumes wieder. Sie brauchte Sekunden, um zu realisieren, dass sie in ihrem Krankenhausbett saß.

Die Tür öffnete sich und eine junge Frau trat ein.

»Alles in Ordnung?«

Camilla nickte und fuhr zu Theresa herum. Hatte sie ihre Freundin geweckt? Ihr Unterkiefer klappte hinab. Sie wollte aufspringen, doch ihre Glieder fühlten sich an wie gelähmt.

Da war niemand, den sie aus dem Schlaf hätte reißen können. Theresas Bett war gemacht und leer. Der Schrank stand einen Spalt weit offen.

Von Angst getrieben schwang sie die Beine aus dem Bett und riss die Schranktür auf. Hektisch rückte sie den Bügel, auf dem ihre Hose hing, hin und her.

Theresas Sachen waren fort!

Alles Blut wich aus ihrem Kopf, das letzte bisschen Wärme. Tränen schossen in ihre Augen.

Theresa musste weggelaufen sein. Mit einem erdrückenden Gefühl von Hilflosigkeit kauerte sie sich zusammen.

 

Camilla war froh, als Frau Wallraf endlich in ihr Zimmer trat. Die Ärztin trug Jogginghosen und ein T-Shirt, ein Zeichen, dass sie bereits zu Hause gewesen sein musste. Sie ähnelte in keiner Weise der Frau, die sie kennengelernt hatte, aber ihre eindrucksvolle Präsenz reichte aus, um Camilla wieder etwas Sicherheit zu gewähren.

Frau Wallraf setzte sich und legte ihr den Arm um die Schultern. Camilla schloss die Augen und lehnte den Kopf gegen die Wange der Ärztin. Ihre Haare rochen nach Shampoo und die Haut nach einer leicht parfümierten Hautcreme. Für einen Moment glaubte sie, sich an ihre Mutter zu schmiegen. Dann kehrte die Angst zurück. Theresa war fort und ihre Eltern würden nicht kommen, weil Grimm sie vermutlich nie informiert hatte. Aber warum waren sie unerreichbar? Selbst im Urlaub musste man sie erreichen können, notfalls über die Hotelrezeption. Was hatte dieser seltsame Beamte getan? Was war mit Theresa? Die Sorge um alle, die ihr nahe standen, lastete tonnenschwer auf ihr.

»Warum ist Theresa weggelaufen?« Camilla wischte sich übers Gesicht.

»Die Polizei ist bereits auf dem Weg. Willst du mir erzählen, was seit dem Selbstmord heute früh vorgefallen ist?«, fragte die Ärztin ruhig.

Die Frage konnte nur bedeuten, dass Frau Wallraf auf einen Streit zwischen Theresa und ihr tippte. Vermutlich hatte sie längst Rückschlüsse gezogen, die nicht stimmten. Camilla entzog sich der Umarmung.

»Wir hatten keinen Ärger, wenn Sie das meinen.« Ihre Stimme klang entrüsteter als beabsichtigt.

»Das wollte ich nicht andeuten«, entgegnete Frau Wallraf, die sich nicht aus der Ruhe bringen ließ. »Aber vielleicht hat Theresa Andeutungen gemacht, wohin sie gegangen sein könnte?«

Camilla sah zu Boden. »Entschuldigen Sie«, murmelte sie. Sie stand auf und ging nachdenklich im Raum herum. »Verwandte und Freunde hat sie keine in Berlin. Nur vier Internet-Bekannte. Wir gehören einer Online-Galerie an, die überall Mitglieder hat. Aber wir kennen sie nicht persönlich.«

»Vielleicht hatte Theresa doch Kontakt?«

»Nicht, dass ich wüsste. Wir verstehen uns nicht so gut mit den Berliner Mitgliedern.«

»Warum?«

»Es gab Streit wegen Bildern.« Jetzt war nicht der Zeitpunkt, um das Thema zu vertiefen. Sie setzte sich wieder neben Frau Wallraf. »Wenn es Ihnen weiterhilft, gebe ich Ihnen die Internetseite, meine Login-Daten und die Benutzernamen der vier Zeichner.«

»Das wäre eine mögliche Spur für die Polizei.« Frau Wallraf legte ihren Arm erneut um Camillas Schulter.

»Wieder dieser ekelhafte Grimm?«

»Ich fürchte, ja.«

»Der Kerl ist verlogen und gefährlich.«

Der Blick der Ärztin verriet keine Gefühlsregung. Sie ließ sich mit ihrer Erwiderung Zeit. Nachdem sie sich auf der Bettkante umgesetzt hatte, sagte sie: »Er ist ein Unsympath, das steht außer Frage. Dennoch ist er Polizist und der Assistent von Herrn Weißhaupt.«

»Wenn Sie mir nicht glauben wollen …« Camillas Stimme bekam einen schrillen Unterton. »Was ist mit meinen Eltern? Angeblich sind sie informiert worden, aber sie sind immer noch nicht hier. Das ist doch nicht normal!« Tränen verschleierten ihre Sicht. Um nicht zu zeigen, dass sie weinte, erhob sie sich und eilte zum Kleiderschrank. Angst erfüllte ihr Herz.

Der Blick der Ärztin stach in ihren Rücken.

»Deine Eltern waren hier. Die Nachtschwester hat diese Information vom Empfang erhalten …«

»Das waren nicht meine Eltern«, sagte Camilla trotzig. Sie spürte, dass das die falsche Reaktion war, konnte aber ihre Worte nicht mehr zurückhalten. »Vielleicht waren Leute hier, aber sicher nicht meine Familie!«

Ihr Vater zeichnete sich durch seine erdrückende Fürsorge aus. Er würde alles tun, um zu seiner Tochter zu kommen.

Sie zog ihre Hosen an und streifte das Krankenhaushemd über die Schultern.

»Was bringt dich zu diesem Schluss?«

»Mein Vater würde sich nicht abweisen lassen«, entgegnete Camilla, während sie ihre Kontaktlinsen einsetzte.

»Sie kamen außerhalb der regulären Besuchszeiten.«

»Warum hat man Sie nicht informiert, dass jemand zu mir will? So wird das doch in Filmen immer gemacht.«

Camilla wusste, dass ihre Worte lächerlich klangen. Was wusste sie schon von den üblichen Prozessen in einer Klinik?

Frau Wallraf sah sie still an. Dann erhob sie sich ebenfalls. »Das ist kein Film, Camilla.«

Die Wortwahl und der belehrende Unterton reizten Camillas Widerspruchsgeist noch mehr. Doch bevor ihr Dinge über die Lippen sprudelten, mit denen sie sich um Kopf und Kragen geredet hätte, biss sie sich lieber auf die Zunge. Die Idee, sich auf die Suche nach ihren Eltern und Theresa zu machen, nahm langsam Gestalt an. Sie würde die nächste Möglichkeit nutzen, um sich fortzustehlen.

Noch immer lag der Blick der Ärztin auf ihr. Für einen Moment wurde der Wunsch, wegzulaufen, übermächtig. Eilig streifte sie T?Shirt und Jacke über. Als sich Camilla umdrehte, wusste sie, dass Frau Wallraf ihr eine Flucht nicht einfach machen würde.

Ein Handy klingelte und im ersten Moment glaubte Camilla, es wäre ihres, doch da hatte die Ärztin bereits ihr Telefon am Ohr.

Das Gespräch dauerte nicht lang.

»Die Beamten sind da.«

Camillas Mut sank, als sie an den unheimlichen Andreas Grimm dachte. Das Erlebnis vor einigen Stunden reichte für ihr ganzes Leben. Mittlerweile war sie überzeugt, dass sein Bewusstsein gezielt in ihre Gedanken eingedrungen war. Er hatte versucht, zu sehen, was sie gesehen hatte. Und er hatte ihr eine Drohung übermittelt – ihr gezeigt, dass er die Macht besaß, sie zu … töten!

Ob Grimm etwas mit Theresas Verschwinden zu tun haben könnte?

»Ich will nicht mit den beiden reden.«

Frau Wallraf trat auf sie zu.

Camilla sah sich zwischen Schrank und Betten gefangen. Wenn sie jetzt nichts unternahm, würde sie erneut diesem widerlichen Beamten begegnen. Was wäre, wenn er dieses Mal Erfolg hatte und sie seinen mentalen Attacken nicht standhielt? Allein bei dem Gedanken spürte sie den unsichtbaren Klammergriff um ihre Kehle.

Ohne länger zu überlegen, machte sie einen Ausfallschritt. Mit einem Satz über ihr Bett hatte sie bereits die Tür im Visier. Der Schwung reichte knapp über die Mitte der weichen Matratze, bevor sie unsanft über die Kante rollte und auf dem PVC aufschlug. Dumpfer Schmerz zog durch ihr Schultergelenk, während sie sich duckte und über den Fußboden zurück spähte.

Frau Wallraf wirbelte um ihre Achse.

Camilla federte auf die Füße und spurtete zur Tür. Dieses Mal nahm sie sich nicht die Zeit, zurückzublicken. Sie drückte die Klinke und glitt in den Flur. Ein Ruck durchfuhr sie, als die Ärztin nach ihrer Kapuze griff. Der Schreck gab Camilla zusätzliche Kraft. Unsanft riss sie sich los.

Auf dem geraden Flur gewann sie schnell an Tempo, sie hörte noch, wie Frau Wallraf ihr etwas hinterherrief. Zimmertüren flogen an ihr vorüber, einige wurden geöffnet. Camilla betete, dass ihr kein Patient in den Weg trat oder das Personal sie aufhielt. Rasend schnell näherte sie sich der Tür des Treppenhauses, ohne dass sie gehindert wurde.

Der Erfolg gab ihr Mut. Umso mehr erschrak sie, als sie Weißhaupt durch die verglasten Scheiben auf dem Podest stehen sah. Der Polizist öffnete die Flurtür und kam ihr entgegen. Camilla konnte nicht mehr abbremsen und prallte in vollem Lauf gegen den massigen Beamten.

Lungen, Gesicht und Schultern taten ihr weh, als sie zurückstolperte. Sie verlor ihre Schuhe, die sie noch in den Händen hielt. Camilla hatte das Gefühl, gegen einen Baum gerannt zu sein. Weißhaupt – dessen war sie sich sicher – hatte sich um keinen Millimeter bewegt. Dennoch griff er zu, bevor sie das Gleichgewicht verlor.

»Na na, es reicht, wenn uns heute eine von Ihnen ausbüxt«, rief er und zog Camilla näher.

Frau Wallraf hatte sie eingeholt und trat ebenfalls heran. »Lassen Sie ihr etwas Zeit, Herr Weißhaupt.«

Überrascht holte Camilla tief Luft. Sie hätte jeden Eid geleistet, dass sie unter Beruhigungsmittel gestellt würde, aber die Ärztin schien daran keinen Gedanken zu verschwenden. Sie legte Camilla eine Hand auf die Schulter.

»Meine Patientin ist nicht auf der Flucht, sondern in Sorge. Frau Hofmann möchte sich an der Suche nach Theresa beteiligen, oder habe ich das falsch gedeutet?«

Camilla nickte und schüttelte zugleich den Kopf. »Klar will ich nach Theresa suchen«, antwortete sie schließlich.

»Und wo?«, fragte Weißhaupt.

Camilla rückte näher an Frau Wallraf heran. Nachdenklich lutschte sie an dem Ring in ihrer Unterlippe.

»Sie kennt in Berlin keinen. Unser Hotel vielleicht?«

»Ich werde eine Streife hinschicken.«

»Pfefferbett Hostel, Prenzlauer Berg.«

Weißhaupt nickte. »Ich weiß.« Er zog ein Handy aus der Hosentasche und tippte eine Nummer.

Camilla spähte an ihm vorbei ins Treppenhaus, entdeckte Grimm jedoch nicht. Sie atmete auf.

»Hallo Matthias«, meldete sich Weißhaupt. »Bernd hier. Schick eine Streife zur Jugendherberge im Industriepark Pfefferberg.«

Weißhaupt erschien ihr noch mehr als zuvor ein netter, kumpelhafter Mann zu sein.

»Nein, keine Schlägerei. Es soll jemand nach einem Mädchen schauen. Theresa Mielke, sie ist achtzehn bis neunzehn. Eine niedliche, kleine Blonde mit ganz kurzen Haaren.«

Camilla legte die Stirn in Falten. Die Beschreibung stimmte zwar, aber die Wortwahl klang ihr zu vertraulich.

»Natürlich sollen die Kollegen dableiben, wenn sie noch nicht angekommen ist«, sagte Weißhaupt scharf und lauschte wieder. »Ja. Später mehr. Ich melde mich, wenn ich Suchhunde brauchen sollte.« Er beendete das Gespräch und wandte sich an Frau Wallraf. »Wir lassen Haus und Gelände durchsuchen. Können Sie bitte alle Stationen davon in Kenntnis setzen?«

»Soll unser Personal helfen?«, fragte sie.

»Besser wäre es, da wir zu vielen Räumen keinen Zutritt bekommen …«

»Was soll ich machen?«, unterbrach Camilla ihn gereizt.

»Am besten wäre es, wenn Sie sich in Ihrem Zimmer zur Verfügung halten.«

Sie presste die Lippen aufeinander und ballte die Fäuste. Dachte er, sie sei ein Kind?

»Damit werde ich Theresa sicher nicht finden«, zischte sie. »Ich will mich beteiligen und ich …« Sie verstummte. Theresa hatte garantiert ihr Handy mit. Warum war sie nicht schon eher auf die Idee gekommen? »Versuchen wir einfach, Theresa auf ihrem Handy anzurufen.«

Zufrieden lächelte Weißhaupt. »Geben Sie mir ihre Nummer, denn dann kann ich sie anhand des Handysignals suchen lassen, sollte sich Ihre Freundin nicht melden.«

In den Augen der Ärztin glomm ein optimistisches Leuchten.

»Hoffentlich hat das Erfolg«, sagte Camilla und schlug den Weg zu ihrem Zimmer ein.

 

Theresa hatte anscheinend ihr Handy ausgeschaltet. Nach wiederholten erfolglosen Versuchen steckte Camilla enttäuscht ihr Telefon in die Jackentasche und stand auf. Weißhaupt saß in Frau Wallrafs Büro am Rechner und tippte Theresas Nummer ein.

Nach einigen Sekunden lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme im Nacken. Unzufrieden legte er die Stirn in Falten und knirschte leise mit den Zähnen.

»Ich bekomme kein Signal.« Sein Blick begegnete Camillas. »Ich fürchte, das muss ich meinen Kollegen überlassen, die das regelmäßig machen.«

Die Worte verstärkten das flaue Gefühl in ihrem Magen. »Was, wenn ihr etwas passiert ist?«

Frau Wallraf betrat das Zimmer, in einer Hand ein Tablett mit drei Tassen und einer Thermoskanne. »Kein Erfolg, wie?«, mutmaßte sie. Die Enttäuschung stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Weißhaupt nickte und strich sich mit Daumen und Zeigefinger über den Bart. Er griff über den Tisch zum Telefon. Als er den Hörer abgenommen hatte, hob er den Blick zu der Ärztin. »Ich darf doch?«

»Sicher«, entgegnete sie nur. Sie stellte die Getränke in der Sitzecke auf dem Tisch ab.

Während Weißhaupt mit seinen Kollegen telefonierte, setzte sich Frau Wallraf gegenüber Camilla nieder.

»Gehen wir beide zum Empfang und fragen, ob der Nachtportier Theresa gesehen hat?«

Camilla lächelte matt. »Sie geben sich unheimlich viel Mühe. Vielen Dank.« Sie schluckte verlegen. »Entschuldigung wegen vorhin.«

Das aufrichtige und freundschaftliche Lächeln der Ärztin tat gut. »Ihr beide seid in einer furchtbaren Lage. Ich verstehe dich sehr gut. Du bist einsam und kennst außer Weißhaupt und mir niemanden.«

Diese Feststellung aus dem Mund eines anderen Menschen schmerzte körperlich. Camilla stöhnte leise.

»Du hast von euren Internet-Bekannten gesprochen. Jetzt wäre vielleicht der passende Zeitpunkt, Herrn Weißhaupt zu informieren, solang er seine Kollegen am Apparat hat.«

»Haben Sie Blatt und Stift für mich?«, fragte Camilla.

Die Ärztin erhob sich, nahm Papier aus ihrem Drucker und zog einen Kugelschreiber aus dem Tischcontainer. »Hier.«

Camilla notierte die Internetadresse und einige japanische Namen, ihren Login und das Passwort. Sie stand auf und legte es Weißhaupt vor, der den Blick bis zu diesem Moment starr auf den Monitor gerichtet hielt, sie nun aber fragend ansah. Stumm hielt ihm Camilla die Notizen hin und tippte auf die Internetadresse der Online-Galerie.

»Warte mal, Matthias«, wandte er sich an seinen Gesprächspartner. »Was ist damit?«, fragte er Camilla, während er die Sprechmuschel mit der Hand bedeckte.

»Das ist eine Internet-Galerie, bei der Theresa und ich Zeichner sind. Einige Mitglieder sind aus Berlin. Vielleicht hat sich Theresa dorthin geflüchtet.« Den leisen Zweifel konnte Camilla kaum aus ihrer Stimme streichen.

Weißhaupt klopfte ihr lächelnd auf den Arm und widmete sich wieder seinem Gesprächspartner. Nachdenklich deutete er auf einen der Benutzernamen. Er sah wieder zu Camilla. »Japanisch?« Seine Stimme klang abwertend. »Das ist ein Manga-Anime-Verein, oder? Meine Tochter ist auch bei so etwas.«

»Nicht ganz«, korrigierte Camilla. »Die Galerie nennt sich Deviant Art. Da sind alle Stile vertreten. Einige zeichnen in der Richtung, aber nicht alle.«

»Du wirkst nicht sehr überzeugt, dass Theresa bei einem von ihnen ist.«

»Wir hatten vor einiger Zeit Streit mit den Mädchen hier.«

»Einen Versuch ist es dennoch wert.« Der Hauptkommissar lächelte. Es sollte wohl beruhigend wirken, erzielte aber eher das Gegenteil.

»Matthias, die kleine Hofmann hat gerade einen Hinweis gegeben. Versuch mal, die Namen und Adressen folgender Personen herauszubekommen …« Er unterbrach sich, schob den Zettel zurecht und diktierte, was Camilla notiert hatte.

Sie wandte sich an die Ärztin. »Ich glaube, jetzt können wir uns unten umhören, oder?«

 

Der Nachtportier saß nicht an seinem Platz, sondern stand am Fenster und beobachtete die Polizisten, die mit Suchscheinwerfern das Gelände taghell erleuchteten.

»Sehr intelligent«, murmelte Frau Wallraf. »Wenn jemand nicht gefunden werden will, wird er kaum bei diesem Trubel aus seinem Versteck kommen. Aber unsere Patienten sind wenigstens alle wach und behindern unsere und die Polizeiarbeit nach Leibeskräften.«

Unfreiwillig musste Camilla grinsen. Die Situation war mehr als skurril. Wenn sie ausgerissen wäre, würde sie sich auch nicht aus ihrem Unterschlupf wagen.

»Hallo«, rief Frau Wallraf.

Der Portier, ein älterer, drahtiger Mann mit freundlichen Gesichtszügen, zuckte zusammen und drehte sich um.

»Guten Morgen, Frau Wallraf.«

Camilla wurde bewusst, dass es nach Mitternacht war und sie kaum geschlafen hatte. Ihre Nerven lagen blank und sie würde vermutlich so lang keine Ruhe finden, bis Theresa wieder da war.

Er kam näher, umgeben von einer Wolke kalten Rauches.

Die Ärztin hustete trocken und Camilla gewann den Eindruck, als atmete Frau Wallraf nun absichtlich flacher. »Haben Sie ein junges Mädchen gesehen? Sie ist achtzehn …« Ihre Stimme klang gepresst.

»Neunzehn«, verbesserte Camilla automatisch.

Der Portier schüttelte den Kopf. »Bis auf den kleinen Rotschopf hier nicht.«

Als er Camilla über die Haare streichen wollte, zuckte sie zurück. Der Geruch nach Zigaretten erstickte sie fast. »Gibt es noch andere Ein- und Ausgänge?«, fragte sie.

»Sicher, für das Personal, die Hausapotheke, Anlieferungen und die Tiefgarage«, antwortete Frau Wallraf.

Gerade wollte Camilla sie drängen, alle Ausgänge abzusuchen, als sie Grimm erfasste, der die Treppen mit wenigen langen Schritten nahm und die Tür des Haupteingangs aufstieß.

Camilla rannte los, so schnell ihre Füße sie trugen.

 

Hinter ihr näherten sich rasch schwere Schritte, während sie durch den Eingangsbereich in Richtung Treppenhaus hastete. Sie hörte Frau Wallrafs Stimme und Wortfetzen, wagte aber nicht, sich umzudrehen. Der Gedanke, dass Grimm dichter an sie herankam, versetzte sie in Panik. Sie spürte, wie sich alle Vernunft in ihrem Kopf abschaltete. In ihrer Fantasie manifestierte sich das Bild eines Monstrums, das ihr Seele und Leben entreißen wollte und ihr blutiges Fleisch fraß. Diese Vorstellung steigerte sich in eine neue Form des Entsetzens. Zum ersten Mal verspürte sie Todesangst. Sie war sich sicher, dass sie sterben würde, wenn sie ihren Verfolger nicht abschütteln konnte, und verdoppelte ihre Anstrengungen.

Die breiten Säulen in der Halle rasten an ihr vorüber. Einigen kam Camilla so nah, dass ihr Arm den Putz streifte. Ohne zu wissen, wohin sie gelangte, rannte sie durch eine Doppeltür in einen langen Flur. Die Bodenfliesen verschwammen zu verwirrenden Mustern. Sie hörte noch immer die schnellen Schritte. Grimm gab nicht auf, aber er kam auch nicht näher. Camilla spürte, dass sie dieses Tempo nicht lange durchhalten konnte. Ihre Lungen brannten bei jedem Atemzug wie Feuer und ihr Herz raste so hart und schnell, als wollte es in ihrer Brust zerspringen. Dennoch konnte sie nicht anders, als zu laufen. Eine unheimliche Macht zwang sie, sich bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit zu beanspruchen.

Während sie durch den zweiten Rundbogendurchgang in einen anderen Flur hetzte, spürte sie einen stechenden Schmerz in der Seite, der sie zusammenfahren ließ. Das konnte sie jetzt als Letztes gebrauchen!

Veröffentlichung der Leseprobe mit freundlicher Genehmigung der Autorin


Quellen:

Copyright © 2013 by Wolfgang Brandt

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