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Tony Tanner – Agent der Weißen Väter – 8.9

Das Komplott der Eisernen – Teil 9

Die Zeichen, die Steele auf seinem Rückweg vorfand, waren eindeutig. Die Schleifspuren, die zertrampelte Blätterschicht, die Abdrücke von nackten Fersen, die sich schnell auf der Stelle gedreht hatten, das alles deutete auf einen Kampf hin.

Steele hielt den Atem an und lauschte. In seinen Ohren klang das metallische Sirren von unzähligen Insekten, aus dem entfernte schrille Vogelschreie herausstachen. Es war die tückische, zugleich hektische und schläfrige Atmosphäre des Dschungels, in der der Ruf eines Raubtieres oder der Todesschrei eines Opfers nichts als eine kurze Unterbrechung bewirkte, wie ein Stein, der ins Wasser fällt und einige Wellen aufwirft.

Mit einer ruckartigen Bewegung ließ Steele die schweren Munitionskisten zu Boden gleiten. Es war alles sein Fehler, er hatte das Bedürfnis gehabt, für eine Schlacht aufzurüsten und nicht bedacht, dass in dieser Umwelt kleine Giftpfeile aus Blasrohren effektiver sind als schweres Geschütz. Er hätte Little und Dorkas nicht allein lassen dürfen.

 

Ein Blinken riss ihn aus seinen Überlegungen. Als er dem Lichtreflex folgte, fand Steele einen goldverzierten Totenschädel unter einem Busch. Nun wurde die Sache für ihn nur noch rätselhafter.

Steele brauchte sich nicht lange mit möglichen Erklärungen zu plagen, denn es raschelte zwischen den Büschen und Little drängte sich, ein Messer im ausgestreckten Arm durch die Zweige. Er schien von einem wild gewordenen Tapir gejagt zu werden, der sich aber sogleich als Dorkas entpuppte, dessen Vorwärtsbewegung jeglicher Eleganz entbehrte.

»Ist der Schädel noch da«, hörte Steele Dorkas rufen.

Die Frage war an Little gestellt, aber Steele fühlte sich bemüßigt zu antworten: »Vergessen Sie Ihren antiken Schädel, hier liegt noch ein anderer rum!«

Woraufhin Dorkas wie ein abstürzender Jumbojet durch das Blattwerk brach und nach kurzer Untersuchung feststellte, dass der Schädel, den er suchte und der Schädel, den Steele gefunden hatte, derselbe Schädel war.

»Hat er nicht was von einem Hamlet?«, fragte Little und deutete auf Dorkas, der eifrig den Schädel betastete.

»Ich hab mir dieses dänische Weichei immer anders vorgestellt«, antwortete Steele knapp und fügte sogleich die Frage an, was sich hier überhaupt abgespielt hatte. Little gab einen kurzen Bericht und half Steele, die Munitionskisten in das vorhin entdeckte Versteck zu schaffen.

»Diese Kerle waren also hinter dem Schädel her«, sagte Steele, als sie nun dem Weg langsam folgten.

»Alles deutet darauf hin«, antwortete Little.

»Aber er scheint keine übermäßige Bedeutung gehabt zu haben, sonst hätten sie ihn nicht zurückgelassen.«

»Sie sind in Panik geraten und hatten keine Zeit, das verlorene Stück noch einmal zu suchen«, vermutete Little und musste beim Gedanken an den Kriegstanz von Dorkas schmunzeln.

Mit dieser Vermutung war Steele nicht zufrieden. »Wenn diese Schlammwichte wussten, dass wir den Schädel im Gepäck haben, dann müssen sie ihn irgendwie gerochen haben. Ich meine im übertragenen Sinn – gespürt irgendwie. Und wenn das so ist, dann hätten sie ihn auch spüren und finden können, wenn er einem von ihnen bei der Flucht aus der Hand fällt. Das passt alles nicht zusammen.«

»Vielleicht wollten sie ja einfach mal gucken und haben den Schädel dann fortgeworfen«, meldete sich Dorkas zu Wort. Er erntete missbilligende Blicke aus zwei Augenpaaren, zog den Kopf ein und setzte brummelnd Fuß vor Fuß.

»Es könnte tatsächlich so sein«, sagte Little nach einer Weile. »Sie brauchten eine Bestätigung oder so was.«

»Ich verstehe. So etwas wie eine Visa-Karte für den Urwald«, knurrte Steele. Inzwischen war er zu dem Ergebnis gekommen, dass die Schlammmenschen, von denen er gehört hatte, nicht identisch mit den Kerlen sein konnten, die seine Begleiter überfallen hatten. Es konnte sein, dass beide zum selben Stamm gehörten. Dann musste es mehrere Gruppen oder Klassen geben. Denn, auch wenn er alle Übertreibungen in Rechnung stellte, hätten sich die schlammbedeckten Krieger, von denen ihm berichtet worden war, nicht durch den Veitstanz eines dicken Europäers verjagen lassen.

Es war, mit anderen Worten, ein neues Problem aufgetaucht. Das Nächste sollte nicht lange auf sich warten lassen.

 

»Reifenspuren!«, rief Dorkas und staunte die Piste an, die sich quer durch das Tal zog. Inzwischen hatten sie einige Hügel überwunden und befanden sich in einer weiten Senke. Der Boden war hier, in einiger Entfernung vom Fluss, immer noch weich und feucht, hatte aber nicht mehr den Saugeffekt einer Küchenrolle.

Sorgfältig untersuchte Steele die Spuren im Boden.

»Und?«, fragte Little neugierig, »wann ist die Kavallerie hier vorbei gekommen?«

Außer einem Schulterzucken hatte Steele keine Antwort parat.

»In den Westernfilmen sind die Spurenleser besser«, kommentierte Little sarkastisch.

»Die können auch immer an Pferdeäpfeln lecken. Bei Autos ist das schwieriger«, antwortete Steele. Tatsächlich war er überzeugt, dass hier erst vor wenigen Stunden ein Wagen entlanggefahren war. Nach der Breite der Reifenspuren zu schließen, musste es sich um einen schweren Geländewagen oder einen Vierrad getriebenen Pick-up gehandelt haben. Er zog es vor, seine Vermutung für sich zu behalten, um seine Begleiter nicht zu beunruhigen. Denn Autos in diesem Gebiet waren nach Steeles Ansicht sogar noch unerfreulicher als Autos in der Innenstadt. Flinger jedenfalls hatte hier keine Spritztour unternommen.

Genau das war jedoch die spontane Vermutung, die Dorkas äußerte: »Oh je, hoffentlich ist er nicht gerade unterwegs.«

»Wer?«

»Na, Flinger natürlich.«

»Flinger wird den Kopf einziehen, sobald er hier nur ein Motorengeräusch hört«, äußerte Little mit Nachdruck.

»Flinger ist nichts als ein Grabräuber. Ein absoluter Einzelgänger, der höchstens einige Helfer rekrutiert hat, aber wahrscheinlich nicht einmal das. Es gibt in diesem Gebiet größere Grabungen, aber mit denen hat Flinger nichts zu tun«, fügte Steele hinzu. Er hatte inzwischen sein Gepäck so arrangiert, dass er sofort zu seiner Pistole greifen konnte, wenn das notwendig sein sollte. Aber das erschien eher unwahrscheinlich, man musste nur die Ohren richtig offen halten, dann konnte man in aller Ruhe und Ausführlichkeit verschwinden, wenn sich ein Automobil die zerfurchte Piste entlang quälte.

 

Der Pfad, dem sie bisher gefolgt waren, endete hier.

»Wir sollten eine Münze werfen«, meinte Steele, »damit wir einen wirklich guten Grund haben, in die eine oder in die andere Richtung zu gehen.«

»Ich plädiere für eine Pause«, warf Dorkas ein. Dann lief er rot an und fügte hinzu: «Meine Verdauung.«

Damit konnte er auf Verständnis hoffen und so zog er zusammen mit einer Rolle vierlagigen Kulturwertes ab.

»Binden Sie das Seil an den Baum, bevor Sie sich von der Piste in die Büsche schlagen«, befahl Steele. »Zwei Schritte vom Weg weg und man kann sich hier schon verirren.«

Gehorsam wedelte Dorkas mit dem Ende des Seiles, das er baldigst um einen Baumstamm schlingen wollte.

»Und vorsichtig sein – hier sind überall Insekten«, kicherte Little.

Der freundliche Hinweis war Dorkas keine Geste wert.

Steele und Little lehnten sich an einen Baum und warteten. Über ihnen wölbten sich die Äste wie die Säulen einer Halle und filterten das langsam schwindende Sonnenlicht zu einem fahlen Halbdunkel.

 

Die Zeit verging.

»Er wird doch hoffentlich keine Verstopfung haben?«, sorgte sich Little ironisch.

Seitens Steele kam nur ein leises Knurren. Er war ganz offensichtlich nicht an einem Gespräch interessiert.

Sie hatten die Hoffnung schon aufgegeben, als Dorkas aus dem Gebüsch auftauchte und zwischen den Reifenspuren der Piste einen seltsamen Tanz aufführte.

Little verdrehte die Augen. «Gütiger Himmel, nicht schon wieder Ameisen!«

»Stein!«, war Dorkas’ Stimme zu hören.

»Er hatte also doch Verstopfung«, schloss Steele messerscharf.

«Oder er hat einen Nierenstein rausgedrückt«, gab Little seine, medizinisch nicht recht fundierte, Theorie zum Besten.

»Stein! Stein!«, rief Dorkas und watschelte aufgeregt winkend näher.

»So genau wollten wir’s denn doch nicht wissen«, maulte Little.

»Stein! Stein! Stein!«

Jetzt wurde Steele aufmerksam und drückte sich mit einem ungeduldigen Ruck seiner Schulter von dem Baumstamm ab.

»Wir würden Ihre Begeisterung gerne teilen, brauchen dazu aber eine nähere Erklärung«, sagte er ruhig.

»Ich habe einen Stein gefunden«, erklärte Dorkas atemlos. »Es fühlte sich so seltsam an und ich habe danach getastet.«

»Einen Felsstein oder was?«, fuhr Little dazwischen.

Dorkas bekam große Augen angesichts derartiger Begriffsstutzigkeit.

»Keinen Felsen«, sprudelte er heraus. »Einen Stein, einen richtigen Stein. Mit geraden Kanten, sorgfältig behauen …«

»Gehen wir«, entschied Steele knapp.

 

Sie folgten Dorkas, der sie zu dem Busch führte, hinter dem er verschwunden war.

»Hier lang«, drängte er, »nein, Herr Little, bitte nicht so weit nach rechts, das wäre, da ist, … ähh …«

»Ich verstehe«, sagte Little und hielt sich sorgfältig weiter links.

»Hier!« Dorkas deutete nach unten, wo er einen Teil des Urwaldbodens zur Seite gewischt hatte. Unter dem schwärzlichen Mulm war eindeutig eine gerade Kante zu erkennen. Trotz seines schweren Gepäcks ging Steele in die Knie und tastete an dem Stein entlang. Dann holte er sein Messer hervor und begann, die anderen Kanten freizukratzen.

Es stellte sich heraus, dass der Stein keineswegs ein Einzelstück war, sondern im Verbund mit anderen gleichartigen zusammengefügt war.

»Meine Vermutung ist, dass es sich um eine Prozessionsstraße handelt«, erklärte Dorkas.

»Und nun die praktische Schlussfolgerung, bitte«, sagte Steele.

»Nun, nach allem was man weiß, führen solche Straßen immer zum Heiligtum.«

»Also zu den Pyramiden.«

»So sehe ich das.«

»Na schön, dann machen wir ein wenig sauber, um die Richtung festzustellen«, befahl Steele. Für eine Weile waren alle drei damit beschäftigt, Steine freizukratzen.

»Hier ist der Rand«, erklärte Little.

 

Auf der anderen Seite hatte Dorkas ebenfalls den Rand gefunden, während Steele einen langen schmalen Graben quer zu ihrer Grabung gezogen hatte. Damit stand die Richtung fest, die sie zu nehmen hatten. Wie sie dem Weg folgen sollten, war ihnen aber keineswegs klar. Sie mussten sich durch Dickicht, Gebüsch und Vorhänge aus herabhängenden Kletterpflanzen kämpfen. Es schien so, als hätte die menschliche Aktivität den Urwald zu vermehrtem Wachstum gereizt, um diesen Eingriff in seine Unverletztheit zu kompensieren.

Zu allem Übel wurde es nun schnell dunkel. Little kam sich zwischen den Pflanzen wie in einem Gefängnis vor, eingekreist von wuchernder, sinn- und geistloser Lebenskraft, deren Ziel es nur, eine Zelle an die andere zu heften, ein weiteres Blatt zu entfalten, sich ein wenig mehr dem Sonnenlicht zu nähern.

Für Steele war klar, dass sie ein improvisiertes und daher unangenehmes Biwak im Dschungel aufschlagen mussten. Es war zu gefährlich, ein Feuer zu entfachen. Also schaute er sich um, wo es schmale Stämme gab, aus denen er ein improvisiertes Gestell bauen konnte, damit sie wenigstens nicht gezwungen waren, auf dem Erdboden zu schlafen, wo Besuche von Schlangen und Insekten sehr wahrscheinlich waren.

»Ich glaube, ich bin gerade gegen eine Pyramide gelaufen«, rief Dorkas plötzlich. Er hatte sich von den anderen beiden abgesetzt und war einige Schritte vor ihnen hergestolpert. Nun stützte er sich mit den Armen gegen eine Mauer und legte den Kopf in den Nacken, um an dem Bauwerk hochzusehen.

 

Viel zu erkennen war allerdings nicht mehr. Vor dem grauen Himmel erhob sich eine schwarze Masse, abweisend und bedrohlich, als hätte sich dort die kommende Nacht schon zu einer kompakten Materie verdichtet.

Im Licht einer kleinen LED-Lampe suchten sie nach einer Möglichkeit, das Bauwerk für die Übernachtung zu nutzen.

»Irgendwo muss eine Treppe sein«, war sich Dorkas sicher. Sie fanden diese Treppe, nachdem sie sich an zwei Seiten der Pyramide entlang gearbeitet hatten und dadurch einen Eindruck von den gewaltigen Dimensionen gewannen.

Es war zwar schwer, die überwachsenen Stufen hochzusteigen, aber sie riskierten es, fanden einen Absatz und schlugen dort ihr Lager auf. Was im Klartext bedeutete, dass Dorkas und Little das Gepäck abwarfen und dann mehr oder weniger zusammensanken, um im nächstfolgenden Schritt in einen Koma-ähnlichen Schlaf zu fallen, während Steele das Nachtsichtgerät aus seinem Rucksack kramte und noch einmal seine Waffe kontrollierte.

 

Die Nacht war trüb und sternenlos. Das Schnarren der Insekten änderte seine Klangfarbe, andere Geräusche zogen neue Fäden in den Klangteppich. In der Nähe brüllten Affen, unsichtbare Tiere zogen mit deutlichem Krachen unterhalb der Pyramide durch den Wald.

Steele versuchte, jedes dieser Geräusche nach dem Muster gefährlich/harmlos zu filtern, musste jedoch bald aufgeben. Er verteilte das Gepäck als eine Form von Stolperfalle und schlief dann selbst ein, in dem beruhigenden Bewusstsein, dass ein potenzieller Gegner sich schon melden würde, egal ob hier einer wach war oder nicht.

Dorkas erwachte aus süßem Schlummer und genoss für einige Sekunden das Privileg, nicht zu wissen, wo er sich befand. Noch kuschelten sich seine Gedanken in den schwindenden Schlummer und er glaubte sich in seinem Bett in London, umgeben und geborgen von der Banalität eines eingefahrenen und ach so köstlichen Alltags.

Als er die Augen öffnete, schwand die süße Illusion im Angesicht eines Boo Little, der mit sichtbarem Missbehagen einen Kraftriegel kaute. Den Versuch, die Glieder zu recken, unterließ Dorkas, denn ein deutlicher Schmerz in seinen Extremitäten sagte ihm, dass an diesem Morgen ein wenig Schonung und Rücksichtnahme auf den natürlichen Alterungsprozess seines Körpers angebracht waren. Ächzend rollte sich Dorkas auf die Seite und konnte sich mithilfe seines Ellenbogens in eine annähernd sitzende Position stemmen.

»Ihre Schlafposition war wohl auch nicht optimal«, begann Little die Konversation und schaute zugleich angeekelt auf seinen 1000-Kalorien-Riegel, der so schmeckte, als habe man ein Stück Schokolade in einigen Litern Wasser aufgelöst.

»Das auch war etwas verräterisch«, antwortete Dorkas.

»Ich fühle mich, als ob die Dschungeldampfwalze zehnmal über mich gerollt wäre. Ich habe auch einige hübsche Beulen, aber Steele meint, das wären nur Einstiche und keine Eiablagerungen.«

»Ich gratuliere! Wo ist Steele eigentlich?«

Der Kraftriegel fuhr nach oben und deutete damit die Richtung an, in der sich Steele aufgemacht hatte.

»Er wollte sich das Ding mal von oben anschauen«, fügte Little überflüssigerweise hinzu.

Mit zusammengebissenen Zähnen versuchte Dorkas, wieder etwas Blutzirkulation in seine steifen Arme und Beine zu bringen. Sein Steißbein fühlte sich an, als hätte man ihm über Nacht eine Sperrholzplatte implantiert. Auf dem Umweg über mühsames auf allen vieren Hocken und stöhnendes Knien kam er irgendwie in die senkrechte Position. An diesem Morgen bedauerte Dorkas, dass sich seine Vorfahren in grauer Vorzeit für den senkrechten Gang entschieden hatten. Es war eine Fehlentscheidung gewesen. Nachdem er eine Zeit lang wie eine Reklame für Schmerzmittel in verkrümmter Position gestanden hatte, raffte sich Dorkas mannhaft auf und begann, die breite Treppe nach oben zu steigen.

»Was soll das denn jetzt werden?«, fragte Little.

»Ich hatte gehofft, man könnte meine Absicht aus meinen Handlungen erkennen. Ich will auch nach oben. Das kann ich mir doch nicht entgehen lassen!«

»Vergessen Sie es! Steele hat mir Prügel angedroht, wenn ich sie nur einen Meter hochsteigen lasse. Er meint, Sie sollten sich besser erschießen, das wäre effektiver als eine Treppe runterzupurzeln.«

 

Inzwischen hatte Dorkas schon erkannt, dass er nie und nimmer in der Lage sein würde, die zwar breiten, aber äußerst schmalen Stufen zu ersteigen. Sie boten gerade genug Platz, um die Zehen aufsetzen zu können oder sich mit quergestelltem Fuß, zur Seite gelehnt, hochzudrücken. Für einen geübten Kletterer wie Steele boten sie eine Herausforderung. Für einen Menschen wie Dorkas waren sie ein unüberwindliches Hindernis. Dazu kam, dass der Stein von einer dichten Schicht aus Flechten, Algen, Gras, Moos und anderen Pflanzen bedeckt war. Ein dicker Belag, der sich mit der Feuchtigkeit des Morgens vollgesogen hatte und so glatt wie Schmierseife war.

Trotzdem fühlte sich Dorkas bemüßigt, wenigstens so zu tun, als ob er tatsächlich die Absicht habe, zur Spitze der Pyramide zu klettern, denn er ärgerte sich über Little und dessen apodiktische Art, als ob sich seine beiden Begleiter heimlich gegen ihn verbündet hätten. Sein Fuß rutschte zur Seite hin ab, fuhr eine Kante entlang und zwang Dorkas zu einer schmerzhaften Grätsche. Er glaubte deutlich das Plink einer überdehnten Sehne zu hören. Dennoch erreichte Dorkas sein diplomatisches Ziel, denn hinter ihm erklang wieder die Stimme von Little. »Hören Sie, wir sind beide zu alt für solche Kindereien. Ich will mich nicht mit Ihnen prügeln, selbst wenn ich es könnte. Aber Steele reißt mir den Kopf ab, wenn er Sie auf der Treppe sieht.«

Dorkas grub seine Hand in weiches Moos, das als grün-schleimige Masse zwischen seinen Fingern hervorquoll.

»Dann müssen Sie mich eben abhalten hochzusteigen«, sagte er patzig.

»Bitte!!!!«

»Na gut, ich will ja nicht, dass Sie Ärger kriegen.«

Zufrieden ließ Dorkas seinen Höhengewinn von zwanzig Zentimetern fahren und begann, in seinem Gepäck nach dicken Socken und Nahrung zu wühlen. Das Gefühl, einen kleinen Sieg errungen zu haben, beflügelte ihn. Das spöttische Grinsen, das um Littles Mund spielte, konnte Dorkas nicht sehen. Auch Little sonnte sich in dem Gefühl, einen kleinen raffinierten Sieg über ein Musterbeispiel europäischen Starrsinns errungen zu haben.

»Iiii, das Zeug schmeckt ja wie …« Dorkas glupschte den brauen Schokoriegel an und suchte nach einer Beschreibung, in der sich moralischer Abscheu mit Güllegestank zu einem treffenden Ausdruck vereinen sollte.

»Aber es füllt den Magen«, tröstete ihn Little. »Den Geschmack muss man mit viel Flüssigkeit runterspülen, dann quillt das Zeug im Magen auf und man hat das Gefühl, sich an einem Fünf-Gänge-Menü überfressen zu haben.«

Die Antwort von Dorkas wurde nie gehört, denn seine Zähne klebten durch den zähen Brei aneinander und er musste mit hervorquellenden Augen würgen und seine Zunge in einer Art einsetzen, die jeden Don Juan ins Grübeln gebracht hätte.

 

Das Frühstück, zumal weit und breit kein Tee zu sehen war, war so trist wie der Morgen. Die Feuchtigkeit der Nacht hatte sich zu grauen Nebelschleiern zusammengezogen, die wie eine Decke direkt über ihren Köpfen hingen. Nur einige Bäume ragten düster und geisterhaft aus dem Grau heraus. Der dichte Dunst sog nicht nur das Licht auf, er schien auch jedes Geräusch zu unterdrücken. Nirgendwo war das Schnarren eines Insektes, der Ruf eines Vogels oder der Schrei eines anderen Tieres zu vernehmen. Es herrschte eine tiefe Stille, die lauernd und bedrohlich wirkte, so als hätte ein unbekanntes, im Nebel verborgenes Wesen mit einer herrischen Geste Ruhe gefordert, um selbst auf die Eindringlinge zu lauschen.

»Steele sagt, dieses Wetter sei normal. In einer Stunde löst sich der Nebel auf und es wird wieder warm«, sagte Steele.

»Warm ist mir jetzt schon«, bekannte Dorkas kläglich. Diese Empfindung war ihm gänzlich unbekannt. Man schwitzte und hatte doch in seinem Inneren das Gefühl, vor Kälte zittern zu müssen. Ob er sich etwa eine Infektion zugezogen hatte? Oder lag es lediglich an dieser Umgebung mit ihrer wenig erheiternden Atmosphäre?

Dorkas fragte sich, wie sich wohl Flinger fühlen musste, wenn er hier wochenlang alleine in Ruinen wühlte.

 

Überhaupt Flinger! Der sollte doch jetzt ganz in ihrer Nähe sein. Vielleicht war er nur einen Steinwurf weit entfernt und man konnte ihn durch laute Rufe auf sich aufmerksam machen. Einen Versuch war es wert.

Bevor Dorkas die Brust blähen und diesen Versuch wagen konnte, hörte er hinter sich ein seltsam zischendes Geräusch und er fuhr herum.

Steele rutschte die Seite der Pyramide herunter. Es sah aus wie eine Mischung aus Varieté-Vorführung und Sturzbomberangriff. Eingehüllt in eine Wolke aus grünen Pflanzenteilen, sauste Steele mit ausgebreiteten Armen in die Tiefe, griff im letzten Augenblick nach den Stufen in seinem Rücken und bremste seine Fahrt, sodass er sanft, wenn auch triefend, auf dem Absatz landete.

»Haben Sie schon mal über einen Auftritt in Las Vegas nachgedacht?«, lautete Littles Kommentar.

»Nur als weißer Tiger«, antwortete Steele und klopfte seine Kleidung ab. Es war ein tapferer, aber vergeblicher Versuch, denn der feuchte Stoff saugte den Schmutz auf, sodass Steele ein sehr individuelles Tarnmuster bekam.

»Und?«, überfiel ihn Dorkas. »Was ist da oben?«

»Nichts. Eine plane Fläche, überwuchert natürlich.«

»Tatsächlich. Und keine Reste eines Gebäudes? Keine Mauerstücke? Da muss doch ein Tempel gestanden haben. Das war immer so.« Dorkas war in Gefahr, die Stimmlage einer zänkischen Ehefrau kurz vor einem Streit zu entwickeln.

»Hier ist es eben anders«, konterte Steele trocken. Er hielt Dorkas seine Hand vor das Gesicht und zählte an den Fingern ab. »Erstens ist dieses Bauwerk völlig unzerstört, wenn man von dem Verfall absieht, der durch die Umgebung und die Pflanzen, die hier wachsen, bewirkt wird. Also würde ein Steintempel, wenn es ihn denn gegeben hätte, noch stehen. Zweitens würde man dort oben Fundamentreste eines solchen Tempels erkennen, selbst wenn man ihn abgerissen hätte. Die Steine da oben sind aber absolut blank poliert, wie die Indianer das geschafft haben, ist mir ein Rätsel. Da müssen Generationen auf den Knien gesessen und gewischt haben. Drittens gibt es einige Vertiefungen, die so etwas wie Pfostenlöcher gewesen sein könnten, sodass viertens dieser Tempel, den Sie so bitter vermissen, aus Holz und Blättern gebaut gewesen sein könnte, womit sein Verschwinden auch erklärt wäre.«

Dorkas schielte auf den schwieligen Finger vor seiner Nase. Blitzartig hatte er sich an die Bilder erinnert, die er beim Berühren des Schädels gesehen hatte. Er konnte sie nicht mehr genau in Erinnerung rufen, aber die Erwähnung einer Laubhütte rief in ihm eine unklare, bedrohliche Empfindung hervor.

»Absolut glatt alles da oben?«, fragte er kläglich.

»Wie gesagt!«

»Vielleicht haben Fußsohlen die Steine abgeschliffen – ganze Generationen von Priestern, die da oben tanzen.«

»Möglich.«

»Und die Fugen zwischen den Steinen?«

»So gut wie nicht vorhanden.«

»Und wie können dort oben Pflanzen wachsen?«

Die Frage war entweder kindisch blöde oder genial. Little verkniff sich eine Antwort. Natürlich kam ihm spontan eine Kausalkette in den Sinn: Wind treibt Staub, Staub setzt sich fest, Wind treibt Samen, Same wurzelt in Staub, Pflanze wächst, noch mehr Staub setzt sich fest. Aber funktionierte das auch auf einer glatten Oberfläche? Einer Oberfläche von derart außergewöhnlicher Glätte, dass dies selbst unter einem Pflanzenpolster auffiel? Würde nicht jeder Tropensturm eine solche Fläche wieder spiegelblank fegen?

»Um ehrlich zu sein, habe ich mir die Frage auch schon gestellt«, bekannte Steele.

»Und zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?«, wollte Little nun wissen.

»Nur ein Verdacht. Wir stehen hier sozusagen in einem Garten.«

»Wie bitte?«

In diesem Fall war Dorkas wesentlich schneller als Little.

»Sie meinen, diese Pflanzen da oben, und vielleicht auch hier, sind künstlich gepflanzt?«

»Ich bin kein Botaniker. Aber da oben liegt ein regelrechter Teppich. Man kann ihn aufheben und sieht darunter die Steine, als wären sie gerade eben bearbeitet worden. Die Wurzeln der Pflanzen bedecken den Untergrund, ohne ihn auf irgendeine Weise zu schädigen. Das ist schon sehr seltsam.«

»Also haben unsere kleinen Freunde im Schlamm-Outfit diese Anlage noch in Betrieb«, folgerte Little kühl, während Dorkas heftig schlucken musste.

»Möglicherweise sind sie nur so eine Art Hausmeister«, sagte er dann.

»Dann möchte ich allerdings den Hausherrn nur dann kennenlernen, wenn er gute Laune hat.« Mit diesen Worten zog Steele einen Gegenstand aus der Tasche und begann vorsichtig, ihn seiner Hülle aus Taschentuch und Blättern zu entkleiden. Zum Vorschein kam eine hellgraue Klinge, deren ein Ende in einen lederumwickelten Griff überging.

»Eine Feuersteinklinge«, rief Dorkas und empfand zum ersten Mal an diesem Morgen so etwas wie Entdeckerfreude. Tatsächlich zeigte die Klinge die typischen Bearbeitungsspuren des steinzeitlichen Materials.

»Ein schönes Stück«, lobte Dorkas, um dann sogleich mit Schildkröten mäßig vorgestrecktem Kopf mit den Fingerspitzen zu wedeln. »Darf ich mal?«

»Gleich! Es ist tatsächlich ein schönes Stück. Allerdings ist es eine Fälschung.«

Bevor Steele zu einer Erklärung genötigt werden konnte, bückte er sich und schnitt mit dem Messer ein Stück der Steintreppe ab. Verblüfftes Schweigen folgte seiner Demonstration.

»Ja«, kommentierte Steele, »genauso habe ich wahrscheinlich auch aus der Wäsche geschaut. Passen Sie also auf, wenn Sie dieses Teil anfassen. Es lag in einem der Pfostenlöcher unter einer dicken Erdschicht. Ich hätte mir wahrscheinlich die Finger amputiert, wenn ich das Ding falsch zu fassen bekommen hätte.«

 

Die Sonne hatte sich schon durch die Nebelschicht gekämpft, brachte Hitze und einen erstickenden Dunst, als die drei Männer mit der Untersuchung des Messers fertig waren. Schon die Tatsache, dass der Lederstreifen am Griff so aussah, als wäre er erst gestern angefertigt worden, war unerklärlich. Aber die Klinge selbst wirkte Furcht einflößend. Die Schöpfer dieses Werkzeugs – oder dieser Waffe – hatten sich die Mühe gemacht, eine perfekte Kopie einer Feuersteinklinge zu schaffen. Und dieses mit einem Material, das keiner der drei Männer jemals gesehen hatte. Steele war sich nicht einmal sicher, ob es sich um ein Metall oder um ein Karbonmaterial handelte. Mit Gewissheit bedurfte es einer hoch entwickelten Technologie, um diese Klinge herzustellen. Die Tatsache, dass keiner von den drei von einem Material gehört hatte, zeigte, wie hoch entwickelt die Technologie sein musste.

Zudem hatte die Klinge eine Eigenschaft, die sie mit den mythischen Schwertern der Sagenwelt verband. Sie zerteilte jedes Material, ob Stein oder aufgeweichte Schokoriegel mit unglaublicher Leichtigkeit und einer völlig glatten Schnittfläche.

»Das könnte erklären, wie es zu dieser perfekten Steinbearbeitung kommen konnte«, meinte Little.

Dorkas linste auf seinen zerteilten Schokoriegel. »Als ob das Schneiden nicht auf mechanischer Ebene stattfindet, sondern auf atomarer, vielleicht sogar auf subatomarer. Das sieht aus, als hätte hier so eine Art kalter Laserstrahl gewirkt.«

»Wenn wir zum praktischen Teil zurückkommen«, meldete sich Steele zu Wort. »Mit einer solchen Klinge kann ein einigermaßen geschickter Mann jeden Gegner in Rekordzeit zu Aufschnitt verarbeiten. Und wer ein solches Material herstellt, hat mehr drauf als die wandelnde Schlammpackung zu mimen.«

»Schlussfolgerung?« Jetzt war es Little der Steeles Minimalstil imitierte.

»Tee kochen, Flinger suchen, abhauen.«

Sie kochten Tee, aber weder fanden sie Flinger, noch hauten sie ab.

 

Statt dessen untersuchten sie das Gelände, machten einen Plan, übernachteten und fuhren am nächsten Tag mit dieser Tätigkeit fort. Es bestand kein Zweifel mehr daran, dass sie sich in einem Kultzentrum befanden. Es bestand aus mehreren Pyramiden unterschiedlicher Größe, einigen zweistöckigen, lang gezogenen Gebäuden und weiten Plätzen, die zwischen den Bauwerken lagen. Zwar sprudelte Dorkas eine Theorie nach der anderen hervor, und musste sogar zugeben, dass einige eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich hatten, aber dennoch blieb ihnen der Zweck dieser Stätte verschlossen. Während Dorkas zu Hochform auflief und Little mitriss, wurde Steele von Stunde zu Stunde nervöser. Seine Begleiter hatten jede Vorsicht aufgegeben, Dorkas brach wie ein Tapir durch das Gelände und unterhielt sich über weite Entfernungen mit Little. Wenn Flinger hier irgendwo war, dann hätte er sich schon gemeldet. Es sei denn, er hatte ein derart schlechtes Gewissen, dass er sich bedeckt hielt und dann konnten sie ihn suchen bis in alle Ewigkeit.

Es war Little, der schließlich Flingers Lager aufspürte. Ein leichter Schlafsack, eine Kiste mit Nahrungsmitteln, Werkzeug, eine Tasche mit persönlichen Sachen.

Steele hielt eine Medikamentenpackung in die Höhe. »Würde Flinger ohne seine Medizin verschwinden?«

»Geben Sie mir fünf Minuten und ich erzähle Ihnen die passende Story«, sagte Little.

»Gut, denkbar ist alles. Aber operieren wir mal mit Wahrscheinlichkeiten. Würde er also?«

Little untersuchte die Packung. Es war das Medikament, dessen Transport die US-Botschaft organisiert hatte. Es handelte sich um ein Rheumamittel, das über einen langen Zeitraum eingenommen werden musste.

»Nun, wahrscheinlich würde er eher seine Unterwäsche zurücklassen als diese Tabletten.«

»So sehe ich das auch.«

 

Der aufgeregte Ruf von Dorkas unterbrach sie. Sie eilten um die Ecke einer der kleineren Pyramiden und sahen zu ihrem Erschrecken einen halben Dorkas. Die untere Hälfte steckte in einer Spalte.

»Ich dachte mir, dass Flinger wohl in der Nähe seiner Grabungen lagern würde, erklärte Dorkas. «Und da habe ich gesucht und diese Spalte gefunden. Die ist eindeutig erst vor Kurzem geöffnet worden. Ziemlich brutal, würde ich sagen. Kommen Sie, und bringen Sie die Lampen mit. Es ist unglaublich.«

Es war in der Tat unglaublich. Die Pyramide schien lediglich die Spitze eines unterirdischen Komplexes zu sein, der sich bis in unbekannte Tiefen hinzog. Im Lichtkegel der Lampen waren im Hintergrund breite Rampen erkennbar, die abwärts führten. Der Raum oder vielmehr die Halle, in der sie sich befanden, erweckte den Anschein eines Labyrinthes. Bis auf den freien Durchgang zu den Rampen war er mit etwa doppelt mannshohen Mauern gefüllt, die ohne erkennbares System einen Irrgarten schmaler Gänge, Gassen und Sackgassen bildeten. Zum Teil waren die Durchlässe so eng, dass sich ein Mann wie Dorkas dort nicht durchschieben konnte. Trotzdem war jeder Zentimeter dieser Mauern bemalt.

»Erstaunliche Anatomiekenntnisse«, bemerkte Little, den Nacken zur Betrachtung in den Nacken gelegt.

»Kein Wunder, sie haben ja alles aufgeschlitzt und rausgeholt«, antwortete Steele. »So lernt man den Menschen kennen.«

»Sie haben die Kinder aus dem Mutterleib …«, flüsterte Dorkas. »Das ist abartiger als jedes buddhistische Höllenbild.«

»Zumindest haben diese Leute mit ihren kriegerischen Großtaten nicht hinter dem Berg gehalten«, sagte Steele. »Manche Bilder sind so, dass man sie nicht anschauen kann.«

»Es kam wohl auf die Abbildung an, nicht darauf, dass sich jemand die Sachen anschaut«, erklärte Dorkas. Dann wurde er aufgeregt. Sein Finger deutete auf eine Abbildung am Ende einer Wand, die den Rampen zugewandt war.

»Da, diese insektenartige Figur. Und hier … hier, da werden anscheinend Pflanzen als Drogen verteilt. Scheint eine besondere Auszeichnung für die Kämpfer der ersten Linie zu sein oder so. Aber was ist das? Hier ist ein Anführer, der Befehle gibt. Aber, sehen Sie, er spricht nicht. Da ist kein Zeichen für Sprache wie bei den anderen Bildern, sondern so eine Art Blitzsymbol. Sehen Sie, Sprache, die Tätigkeit des Sprechens, das ist diese Zunge vor dem Mund. Soll das etwa eine Antenne …«

Murmelnd verschwand Dorkas um die Ecke.

Nur Sekunden später rief Steele nach ihm. Mit zwei Sätzen war er an der Mauerecke.

Aber Dorkas war verschwunden.

Fortsetzung folgt …


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